Die Taube (Taschenbuch) / Patrick Süskind Testbericht
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Auf yopi.de gelistet seit 06/2004
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Erfahrungsbericht von Onyx
Ein Leben gerät aus den Fugen
Pro:
Ausgezeichneter Schreibstil, das Buch zieht einen trotz der Kürze in seinen Bann
Kontra:
Keine leichte Kost
Empfehlung:
Ja
Inhalt:
“Die Taube” beschreibt einen Ausschnitt im Leben des Jonathan Noel. Noel lebt in einem winzigen Zimmer, geht einer eintönigen Arbeit als Wachmann nach und beschränkt den Kontakt zu seinen Mitmenschen auf das Nötigste. Freunde hat er keine. Doch Jonathan Noel gibt sich damit zufrieden. Den immer gleich ablaufenden Alltag nimmt er als beruhigend wahr. Nichts wäre schlimmer für ihn, als wenn dieser geregelte Ablauf gestört würde. Eines Tages jedoch tritt genau dieser Fall ein: Als er morgens sein Zimmer verlassen will, hockt davor eine Taube. Er empfindet diesen Vorfall als ganz schrecklich, Panik überkommt ihn beim Anblick dieses Tieres. Zu allem Überfluss hat es bereits den ganzen Gang verdreckt. Noel sieht keine andere Möglichkeit, als schnell seine Sachen zu packen und sich damit an der Taube vorbeizuschleichen. Undenkbar, noch einmal in dieses Haus zurückzukehren, solange sich die Taube darin aufhält. Sein Leben wird auf einmal durch dieses Ereignis in den Grundfesten erschüttert. Nichts scheint mehr wie zuvor. Er nimmt sich ein Hotelzimmer und geht dann zur Arbeit. Doch auch dieser Arbeitstag nimmt einen abweichenden Verlauf. Ein schrecklicher Tag für Noel, der sich in einer furchtbaren Nacht im Hotelzimmer fortsetzt...
Leseprobe:
„Fast hätte er den Fuß schon über die Schwelle gesetzt gehabt, er hatte den Fuß schon gehoben, den linken, sein Bein war schon im Schritt begriffen – als er sie sah. Sie saß vor seiner Tür, keine zwanzig Zentimeter vor der Schwelle entfernt, im blassen Widerschein des Morgenlichts, das durch das Fenster kam. Sie hockte mit roten, kralligen Füßen auf den ochsenblutroten Fliesen des Ganges, in bleigrauem, glatten Gefieder: die Taube.
Sie hatte den Kopf zur Seite gelegt und glotzte Jonathan mit ihrem linken Auge an. Dieses Auge, eine kleine, kreisrunde Scheibe, braun mit schwarzem Mittelpunkt, war fürchterlich anzusehen. Es saß wie ein aufgenähter Knopf am Kopfgefieder, wimpernlos, brauenlos, ganz nackt, ganz schamlos nach außen gewendet und ungeheuer offen; zugleich aber war da etwas zurückhaltend Verschlagenes in dem Auge; und zugleich wieder schien es weder offen noch verschlagen, sondern einfach leblos zu sein wie die Linse einer Kamera, die alles äußere Licht verschluckt und nichts von ihrem Inneren zurückstrahlen lässt.“
Der Autor:
Geboren wurde Patrick Süskind 1949 am Starnberger See.
Die Taube ist sein erster Roman. Bekannt geworden ist der Autor vor allem aufgrund seines Welterfolges „Das Parfum“. Von ihm stammt auch das Theaterstück „Der Kontrabass“. Außerdem wirkte er an einigen Drehbüchern, unter anderem zu dem Kinofilm „Rossini - oder die Frage wer mit wem schlief“ mit.
Meine Meinung:
Süskinds Schreibstil finde ich hervorragend. Geschliffene Satzkonstruktionen und lebendige, breite Wortwahl kennzeichnen diesen Roman. Die Hauptperson wird in ihren Gedanken und Handlungen genau beschrieben, so dass es mir nicht schwerfiel, mich in sie hineinzuversetzen.
Die Handlung ist etwas deprimierend. Wer leichte Kost erwartet, wird enttäuscht sein. Auch an Spannung im klassischem Sinn hat „Die Taube“ wenig zu bieten. Aber das hat Süskind vermutlich mit dieser Geschichte auch gar nicht bezweckt. Vielmehr wirkt sie beklemmend, lässt einen schaudern aufgrund der Abgründe, in die sich Noel gedanklich hinab begibt. Die Geschichte lebt von der Schilderung seiner tiefen Ängsten und Zweifel - man gewinnt einen Einblick in dessen unruhiges Seelenleben und ahnt, dass dies alles schon lange in Noel geschlummert hat und die Taube nur der Auslöser dafür war. Es passiert zwar nichts wirklich Spektakuläres, aber aus der Sicht Noels reicht die banale Begegnung mit einer Taube, um sein Innerstes tief aufzuwühlen und sein Leben in Frage zu stellen. Dies wird so glaubhaft geschildert, dass man förmlich in Noels Gedankenwelt hineingezogen wird und trotz geringer Ereignisdichte immer weiter lesen möchte.
Fazit: Meisterhaft!
Verlag Diogenes
99 Seiten
6,90 €
“Die Taube” beschreibt einen Ausschnitt im Leben des Jonathan Noel. Noel lebt in einem winzigen Zimmer, geht einer eintönigen Arbeit als Wachmann nach und beschränkt den Kontakt zu seinen Mitmenschen auf das Nötigste. Freunde hat er keine. Doch Jonathan Noel gibt sich damit zufrieden. Den immer gleich ablaufenden Alltag nimmt er als beruhigend wahr. Nichts wäre schlimmer für ihn, als wenn dieser geregelte Ablauf gestört würde. Eines Tages jedoch tritt genau dieser Fall ein: Als er morgens sein Zimmer verlassen will, hockt davor eine Taube. Er empfindet diesen Vorfall als ganz schrecklich, Panik überkommt ihn beim Anblick dieses Tieres. Zu allem Überfluss hat es bereits den ganzen Gang verdreckt. Noel sieht keine andere Möglichkeit, als schnell seine Sachen zu packen und sich damit an der Taube vorbeizuschleichen. Undenkbar, noch einmal in dieses Haus zurückzukehren, solange sich die Taube darin aufhält. Sein Leben wird auf einmal durch dieses Ereignis in den Grundfesten erschüttert. Nichts scheint mehr wie zuvor. Er nimmt sich ein Hotelzimmer und geht dann zur Arbeit. Doch auch dieser Arbeitstag nimmt einen abweichenden Verlauf. Ein schrecklicher Tag für Noel, der sich in einer furchtbaren Nacht im Hotelzimmer fortsetzt...
Leseprobe:
„Fast hätte er den Fuß schon über die Schwelle gesetzt gehabt, er hatte den Fuß schon gehoben, den linken, sein Bein war schon im Schritt begriffen – als er sie sah. Sie saß vor seiner Tür, keine zwanzig Zentimeter vor der Schwelle entfernt, im blassen Widerschein des Morgenlichts, das durch das Fenster kam. Sie hockte mit roten, kralligen Füßen auf den ochsenblutroten Fliesen des Ganges, in bleigrauem, glatten Gefieder: die Taube.
Sie hatte den Kopf zur Seite gelegt und glotzte Jonathan mit ihrem linken Auge an. Dieses Auge, eine kleine, kreisrunde Scheibe, braun mit schwarzem Mittelpunkt, war fürchterlich anzusehen. Es saß wie ein aufgenähter Knopf am Kopfgefieder, wimpernlos, brauenlos, ganz nackt, ganz schamlos nach außen gewendet und ungeheuer offen; zugleich aber war da etwas zurückhaltend Verschlagenes in dem Auge; und zugleich wieder schien es weder offen noch verschlagen, sondern einfach leblos zu sein wie die Linse einer Kamera, die alles äußere Licht verschluckt und nichts von ihrem Inneren zurückstrahlen lässt.“
Der Autor:
Geboren wurde Patrick Süskind 1949 am Starnberger See.
Die Taube ist sein erster Roman. Bekannt geworden ist der Autor vor allem aufgrund seines Welterfolges „Das Parfum“. Von ihm stammt auch das Theaterstück „Der Kontrabass“. Außerdem wirkte er an einigen Drehbüchern, unter anderem zu dem Kinofilm „Rossini - oder die Frage wer mit wem schlief“ mit.
Meine Meinung:
Süskinds Schreibstil finde ich hervorragend. Geschliffene Satzkonstruktionen und lebendige, breite Wortwahl kennzeichnen diesen Roman. Die Hauptperson wird in ihren Gedanken und Handlungen genau beschrieben, so dass es mir nicht schwerfiel, mich in sie hineinzuversetzen.
Die Handlung ist etwas deprimierend. Wer leichte Kost erwartet, wird enttäuscht sein. Auch an Spannung im klassischem Sinn hat „Die Taube“ wenig zu bieten. Aber das hat Süskind vermutlich mit dieser Geschichte auch gar nicht bezweckt. Vielmehr wirkt sie beklemmend, lässt einen schaudern aufgrund der Abgründe, in die sich Noel gedanklich hinab begibt. Die Geschichte lebt von der Schilderung seiner tiefen Ängsten und Zweifel - man gewinnt einen Einblick in dessen unruhiges Seelenleben und ahnt, dass dies alles schon lange in Noel geschlummert hat und die Taube nur der Auslöser dafür war. Es passiert zwar nichts wirklich Spektakuläres, aber aus der Sicht Noels reicht die banale Begegnung mit einer Taube, um sein Innerstes tief aufzuwühlen und sein Leben in Frage zu stellen. Dies wird so glaubhaft geschildert, dass man förmlich in Noels Gedankenwelt hineingezogen wird und trotz geringer Ereignisdichte immer weiter lesen möchte.
Fazit: Meisterhaft!
Verlag Diogenes
99 Seiten
6,90 €
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