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Erfahrungsbericht von mg1970

Über das Sammeln historischer Audio-Kassetten

Pro:

Optik/Design, zeitweise höherwertige Bauweise als heute

Kontra:

klanglich nicht mehr zeitgemäß, alle alten Kassetten haben technische Mängel, Aussetzer (Klang, Transport)

Empfehlung:

Ja

In diesem Bericht geht es um ein aussterbendes Produkt, welches seit einem Jahr auch schon nicht mehr in meinem Besitz ist: die Audiokassette. Dieses Medium war ca. 30 Jahre lang Standard für eigene Musik- und Sprachaufnahmen, fast jeder hatte in den 80er und 90er Jahren mindestens einen Kassettenrecorder im Haushalt.
Zu einem Sammlerobjekt wurde die Kassette aber erst in den letzten paar Jahren, nachdem sie zum einen vom CD-Rohling, der Minidisc und MP3 abgelöst wurde, und zum anderen weil die besonders frühen Leerkassetten-Modelle immer knapper werden.

Ich selbst habe optisch ansprechende Markenkassetten seinerzeit gern benutzt, irgendwie habe ich sie auch „gesammelt“, aber mehr als Mittel zum Zweck. Der „Hardcore-Sammler“ sieht dagegen ganz anders aus, er sammelt Kassetten gleich in hohen Stückzahlen und möchte gern von jeder exotischen und raren Ausführung mindestens ein Exemplar in möglichst gutem Zustand besitzen. Nur eins macht er nicht immer damit: hören, was darauf aufgenommen ist. Dass es doch einige Sammler solcher Audiokassetten gibt, das habe ich festgestellt, als ich in den letzten drei Jahren meine Kassettensammlung (gelöscht natürlich) nach und nach bei eBay abgestoßen habe.

Viele jüngere Ciao-Leser, die eine moderne Kompaktanlage mit Kassettenteil besitzen, mögen auch noch einige Kassetten haben, die aber in den seltensten Fällen tauglich als Sammlerobjekt sind. Ein Sammlerstück ist in der Regel älter als 15 Jahre, Ausnahmen sind nur bestimmte Sonderausführungen wie z.B. Reineisenband im schweren Gehäuse. Die in den letzten Jahren erhältlichen „Standardkassetten“ haben ein so langweiliges Design wie auch die CD-Rohlinge. Früher war das anders, es wurde noch Wert auf Design des „Labels“ der Kassette gelegt, und vor allem in der ersten Hälfte der 80er Jahre war das Material der Kassetten auch noch deutlich wertiger.

Ich möchte jetzt mal ein paar beliebte Kassettentypen vorstellen, natürlich auch mit meinen persönlichen (Langzeit-) Erfahrungen.


VOR MEINER ZEIT: ENDE 60ER, ANFANG 70ER JAHRE

1963 wurde die Kompaktkassette von Philips auf den Markt gebracht. Zuerst als Medium für Diktiergeräte oder sonstige einfache Sprachaufnahmen gedacht, schaffte sie erst um 1970 den Durchbruch im HiFi-Bereich. Es war nun möglich, qualitativ hochwertige Musikaufnahmen auf einem kleinen Tonband im kompakten Gehäuse zu speichern (vgl. Tonbandgerät mit großen, offenen Spulen als Vorgänger der Kassette). Auch wenn der Klang nicht ganz die Qualitäten einer teuren Bandmaschine erreichte, so setzte sich die Kassette wegen ihres handlichen Formats und mobilen Einsatzbereiches durch.
Um 1970 dominierten in Deutschland zwei Hersteller: BASF und AGFA. Beide Standardkassetten, die BASF LH hifi und AGFA Low Noise „Magnetonband“ (mit einem „t“) hatten ein hellgraues Gehäuse. Eigentlich waren das nur „graue Mäuse“, aber heute sind sie begehrte Sammlerobjekte mit Kultstatus, denn all zu viele davon existieren nicht mehr.
Als ich noch sehr klein war, waren diese grauen Kassetten schon in meiner Verwandtschaft im Einsatz, abgespielt auf (nach meinem Geschmack) ebenfalls recht hässlichen Toplader-Kassettenrecordern, meist an ein großes Steuergerät angeschlossen (also schon Stereo). In unserem Haushalt gab es bis dahin noch keinen Kassettenrecorder.
Etwa 15 Jahre später kam die graue AGFA-Kassette zurück in meine Erinnerung, da eine Mitschülerin ein solches Exemplar auf einem Schulausflug dem Busfahrer gab. The Cure mit dem Best Of-Album „Standing On A Beach“. Ich war mehr als erstaunt, dass eine Kassette, die älter war als ich, noch funktionierte! Schließlich war ich „Weltmeister“ im Verschleißen von Kassetten aus meiner Anfangszeit, anscheinend hatten meine ersten Kassettenrecorder einen Zerhacker eingebaut!
Schließlich kaufte ich kurz vor Ende meines Kassettenhobbys (ca. 2000) schon mal gebrauchte Bänder aus der damaligen Zeit, welche ich für weniger wichtige Aufnahmen einsetzte. Das war schließlich sehr billig (ein Audio-Rohling kostete da noch 3 bis 5 Euro umgerechnet, einen Karton mit alten Leer-Tapes bekam man für ’ne Mark bei eBay). So kam ich in den Besitz einiger AGFA und BASF der ersten Generation. So ein „Magnetonband“ bespielte ich auch mal („A Love Supreme“ und „Eternity“ von Robbie Williams und anderes aktuelles Material), aber es kamen kaum noch Töne heraus, und mitten in meinem Lieblingslied ("Crawling" von Linkin Park) riss mal das Band. Die BASF klangen besser, wenn auch um Längen von HiFi entfernt.


DIE 70ER JAHRE

In der ersten Hälfte der 70er Jahre kam Farbe ins Spiel: BASF waren die ersten, die den sog. „Color Code“ einführten. Das Standardband hieß weiterhin „LH hifi“, aber die 60er-Länge hatte ein rotes Gehäuse, 90er waren grün und 120er blau. Chromdioxidbänder, damals noch eher für gehobene Ansprüche, gab es auch schon, die waren sowohl von BASF als auch AGFA lange Jahre im schwarzen Gehäuse mit silbergrauem Label.
1976 hatte ich meinen ersten Kassettenrecorder und fing mit AGFA an. „Low Noise“ hieß die erste farbige Generation. Anders als bei BASF war die Farbe für jede Bandlänge gleich, allerdings konnte man zwischen drei Farben wählen. Beispielsweise orange für aktuelle Hits, lila für Klassik und gelb für Jazz. Dieses System ist einigen Jüngeren vielleicht auch bekannt, denn in den 90ern war das nicht viel anders bei bestimmten Computerdisketten.
Unter anderem nahm ich im Januar 1977 zwei Sampler auf eine orangefarbene AGFA auf. Diese habe ich sehr gern gehört, aber leider löschte ich sie Anfang der 80er (habe die Sampler aber mittlerweile wieder, von den Original-LPs in feinster Qualität auf CD gebrannt). Ich benutzte dann die orangefarbene Kassette für erste Mix-Versuche (2 Quellgeräte zusammen geschaltet, 1 Aufnahmegerät). Ende der 80er hatte ich mal aktuelle Hits vom Radio darauf aufgenommen, und schließlich war das Fischer-Z-Album „Red Skies Over Paradise“ die letzten ca. 12 Jahre auf dieser schon historischen Kassette!
An dieser Erzählung merkt man, dass mir zu bestimmten Leerkassetten regelrechte Geschichten einfallen – und das war nicht nur bei diesem einen Exemplar so!

Bei AGFA wurde in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Farbe und Design überarbeitet – und das Kind bekam einen anderen Namen. Die „Super Color“ und den Nachfolger „Ferro Color“ gab es in Gelb, Rot und Blau. In der Chromklasse gab es die „Stereo Chrom“, sowie die „Super Ferro Dynamic“ in der gehobenen Normalklasse (mit dieser erzielte ich bessere Ergebnisse als mit der „Stereo Chrom“). Die BASF-Normalkassette (LH) hatte in allen Längen ein orangefarbenes Label, die gehobene Version (LH super) ein rotes. Die silbergrauen „BASF chromdioxid“ waren meiner Meinung nach die besten, die BASF jeweils gefertigt haben. Die Nachfolger in den 80ern und 90ern verursachten leider ein starkes mechanisches Zirpen auf mehreren Abspielgeräten, wodurch das Band leierte und ständig stehen blieb. Die Chromkassetten aus den 70ern waren robuster, hatten einen klaren Klang, und bei mir gab es nur relativ wenig Ausschuss.


ENDE 70ER, ANFANG 80ER JAHRE

Nun war der absolute Höhepunkt erreicht. Als es um AGFA schon etwas ruhiger wurde, gab es immer noch die bereits erwähnten „BASF chromdioxid“, aber sie bekamen Konkurrenz von den Japanern! Die legendäre „TDK SA“ setzte sich bei uns durch, damals mit weißem Label und in einer besseren Verarbeitung als heute. Mein Favorit war allerdings die „Maxell UDXL II“ bzw. die baugleiche „Hitachi EX“. Die Dinger sind bis heute unverwüstlich, und in Kombination mit einem gleich alten Kassettendeck braucht man heute beinahe keinen CD-Brenner und auch keine Minidisc. So einen guten Klang habe ich von einer Kassette noch nie gehört, und selbst nach 20 Jahren lässt sich kein Unterschied zum Original feststellen. Das funktioniert natürlich nur mit einem hochwertigen Kassettendeck der späten 70er oder frühen 80er Jahre. Ich benutzte das Yamaha K-560 aus dem Jahr 1980/81. Einen guten Ruf diesbezüglich hat auch z.B. die 800er-Reihe von Dual oder die 5000er-Reihe von Marantz. Ich selbst habe aber nur Erfahrungen mit Yamaha gemacht.
Allerdings klangen dagegen schon Aufnahmen mit dem nur drei Jahre jüngeren Yamaha K-320 wie das Rauschen eines Sandsturms! Aber stabil liefen die Kassetten natürlich auch auf allen anderen Recordern, lediglich konnte man mit einem alten High-End-Deck das Maximum an Klang herausholen.


MITTE UND ENDE DER 80ER JAHRE

BASF hatte noch eine gute Marktposition, leider waren die Kassetten bei mir aber sehr kurzlebig. Spätestens in den 90ern hatten alle (z.B. CR-S II, LH-E I, Chrome Extra II) dieses mechanische Zirpen. Zufriedener war ich mit dem Nachfolger der eben erwähnten Maxell-Kassette, der XL II. Und hierbei war die mit dem komplett goldenen Label mein Favorit! Ebenfalls unverwüstlich (die spätere XL II ab 1988 war schon billiger konstruiert). Es gab auch noch die XL II-S, welche ab 1986 in einem schweren, hitzebeständigen Gehäuse ausgeliefert wurde. Und dabei machte manch schwächerer Kassettenspieler (Walkman, Portable, auch Yamaha K-320) regelrecht schlapp. Deswegen bekam die XL II den Vorzug bei mir.
Aber auch TDK mit ihrer SA und SA-X waren sehr beliebt. Zuerst im überwiegend schwarzen Gehäuse, später dann mit goldfarbenem Label, und am Ende der 80er schließlich mit besonders großem Sichtfenster. Die TDK war bei mir auch eine unproblematische Kassette (zumindest bis Ende der 80er), jedoch fand ich die Maxell noch solider. SONY war ein weiterer recht erfolgreicher Kassettenhersteller in den 80er Jahren.
Dann gab es auch noch „That’s“, eine Edelmarke, Kennzeichen: dreieckiges Sichtfenster. Sehr gutes Bandmaterial, auch nahezu unverwüstlich, aber schnell war dieser Hersteller aus den Regalen verschwunden.


MEINE ERFAHRUNGEN MIT GEBRAUCHT-KASSETTEN

Für mich galt immer, je älter, desto schöner von der Optik. Und bei mir hatte das Auge doch wesentlich mehr, wenn die Musik von einer „BASF super ferro LH“ kam anstatt von einer neuen, „langweiligen“ EMTEC (Nachfolger von BASF), vorausgesetzt natürlich ein älteres Kassettendeck noch mit sichtbarem Kassettenfach.
Aber meine Erfahrung ist, je schöner (also älter) die Kassette, desto mehr auf der Strecke bleibt der Hörgenuss. Ausnahmen mögen vielleicht die Maxell und TDK der frühen 80er sein, die können durchaus heute noch verwendbar sein (bei entsprechender Pflege).
Mit den 70er-Jahre-Kassetten machte ich aber überwiegend schlechte Erfahrungen. Aufgefallen ist mir schon, dass in den ersten 5 Jahren die wenigsten überlebt hatten (ich hatte so eine alte Telefunkengurke damals, das sagt alles), und so eine Kassette im Hochsommer im Auto zu lassen, ist meist das Ende der Kassette. Die Gehäuse (speziell AGFA) neigen doch sehr zur Verformung, was den Bandtransport teilweise unmöglich macht. Ein altes sehr hochwertiges Tapedeck (speziell denke ich an Revox, ich habe nämlich mit diesem mal eine alte „AGFA Super Color“ nach Jahren gehört) ist vielleicht noch am ehesten in der Lage, diese mechanischen Probleme auszugleichen.
Ich jedenfalls hatte zuletzt Tapedecks der Oberklasse aus den 90ern von Yamaha, Akai und Denon, und diese alten Kassetten hatten allesamt die Angewohnheit, Bandsalat zu verursachen. Sehr häufig rissen dabei die Bänder auch.
Sollten Mechanik und Band dieser alten Kassetten noch intakt sein, so bleibt aber in der Regel der Klang auf der Strecke, wenn man das Band neu bespielt. Alle von mir getesteten Exemplare neigten nach 25 Jahren zu einem sehr rauen Klangbild. Auch wenn sie vorher noch nie oder nur einmal bespielt wurden. Automatische und manuelle Einmesshilfen haben bei mir den Dienst verweigert. Vor allem die mehrfach schon bespielten Kassetten wiesen kontinuierlich Dropouts auf. Die besten Ergebnisse bei Neubespielung erzielte ich ebenfalls mit dem Yamaha K-560, damals waren die Kassetten ca. 15 Jahre alt.

Und so komme ich auch schon zu der Erfahrung, dass der Kauf unbenutzter 70er-Jahre-Bänder (Restposten, Lagerfunde) nicht der richtige Weg ist, wenn man Musik pur genießen möchte. Das Material ist auch durch die lange Lagerung schlechter geworden, das Band kann zum „Kleben“ neigen, Andruckfilze können sich lösen, so dass man sie im Kassettenschacht des Recorders wieder findet. Ich persönlich würde davon abraten.

Lediglich der Kauf unbenutzter Maxell-Tapes aus den 80ern könnte sich noch lohnen, da dieser Typ über fast 25 Jahre hinweg nahezu keine Ermüdungserscheinungen bei mir zeigte. Aber besser und billiger sind immer noch CD-Rohlinge!

Sammler sind nämlich bereit, horrende Summen für unbenutzte historische Kassetten zu zahlen. Mehr als den Neupreis lassen sie sich das schon schnell kosten, aber ich habe auch schon besonders seltene Kassetten für 10 bis 20 Euro pro Stück weggehen sehen. Während man bespielte alte Kassetten auch heute meist noch zu Tiefstpreisen bekommt. Aber was will man schon damit, denn schließlich sind sie nicht mehr HiFi-tauglich.

Man muss mit einer erhöhten Störanfälligkeit rechnen, wenn man „veraltete“ Kassetten einsetzt. Man kann sie auch noch so gut gepflegt haben. Gleiches gilt für die Kassettendecks. Wenn man als Sammler auch noch ernsthaft Musik von diesen Kassetten hören will, sollte man schon ein darauf abgestimmtes gebrauchtes Kassettendeck ersteigern, sofern nicht vorhanden. Und die sind inzwischen auch teuer geworden. Man muss auch davon ausgehen, dass Verschleißteile wie Tonköpfe, Andruckrollen und Antriebsriemen nach mehr als 20 Jahren nicht mehr frisch sind.


FAZIT

Die Kassetten der 70er und 80er Jahre waren optisch zwar ganz schön anzusehen, aber sie heute noch zu sammeln, wäre nicht mein Ding. Vom bloßen Anschauen habe ich überhaupt nichts, und gescheit Musik hören kann man damit auch nur noch sehr bedingt. Meine Kassetten habe ich kurz vor dem endgültigen Verfall weggegeben, und ich hätte dringend in andere Hardware investieren müssen (wer mich kennt, weiß wie kritisch ich in Sachen Tonqualität bin).
Ich halte dieses „Hobby“ in der heutigen Zeit nicht mehr für lohnenswert, und Nostalgiker sind mit einem Spulen-Tonbandgerät besser bedient, wenn Auge und Ohr gleichzeitig etwas davon haben soll (ist allerdings noch viel teurer und weniger verbreitet).

Und wisst Ihr, was ich gleich machen werde? Eine gebrannte CD anhören, DAS ist für mich gute Klangqualität und stabiler Gleichlauf!

Erstveröffentlichung von mir unter gleichem Benutzernamen auch bei ciao.de in 05/2004

21 Bewertungen, 2 Kommentare

  • April

    31.07.2005, 02:24 Uhr von April
    Bewertung: sehr hilfreich

    Da fällt mir mein uralter GRUNDIG Kassettenrekorder ein, der unverwüstlich war und in welchem ich so manche Kassette abgespielt und aufgenommen habe! Spitzenbericht! LG April

  • anonym

    04.08.2004, 23:58 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Audiocassetten, das waren noch Zeiten. Ich keine Einzige mehr.