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Erfahrungsbericht von Nietzsche

Abgesang auf die Menschheit

Pro:

muß jeder selbst entscheiden

Kontra:

muß jeder selbst entscheiden

Empfehlung:

Nein

- Gott, der Mensch, das Bewußtsein und Friedrich Nietzsche -

Mit vor Stolz geschwollener Brust stand Gott da und sah, daß er den Menschen nach seinem Ebenbild und somit gut gemacht hatte. Und der Mensch? Er glaubte selbst lange Zeit, daß Gott sein bestes gegeben hatte, damals, als er Adam, den ersten, bedauernswerten dieser Spezies, auf den Erdball schubste.

Doch heute? Haben wir berechtigten Grund uns „Krone“ der Schöpfung zu schimpfen? Zugegeben, kein anderes Tier hat es bisher geschafft Maschinen zu bauen. Schon gar nicht solche, die es ihm ermöglichen in 10.000 m Höhe bei X km/h eine warme Mahlzeit einzunehmen. Aber macht uns das zur „besten“ aller Schöpfungen - sozusagen zum Ferrari im Tierreich?!
Was unterscheidet den Menschen vom „ordinären“ Tier? Nun, nach allem, was wir bis heute wissen, natürlich unser Bewußtsein und die damit verbundene Selbsterkenntnis. Mit: „Ich denke, also bin ich!“, auf den Punkt gebracht. Haben wir dadurch gewonnen?

Naja, die Kindheit eines Menschen verläuft im Idealfall wirklich gut: er (der Mensch) wird umsorgt, gepflegt, beschäftigt und ein wenig erzogen. Das kleine Menschlein versteht zwar noch nicht alles, was im Leben passiert, doch es fängt an, die Theorie zu entwickeln, daß es alles verstehen wird, wenn es erst einmal älter geworden ist. Besonders in der ersten großen Krisenzeit des Lebens, der Pubertät, rettet sich der Mensch mit dem Gedanken, daß alles, je älter man wird, einfacher und verständlicher wird. Und dann? Dann wird der Mensch älter und älter und begreift immer mehr, daß die Kindheit die einzig wahre, schöne und einfache Zeit war und das Leben statt einfacher nur komplizierter und unverständlicher wird. Niemand wünscht sich diese Erkenntnis, doch irgendwann drängt sie sich auf. Spätestens dann, wenn man endgültig einsehen muß, daß die gute Fee mit ihren drei Wünschen niemals erscheinen wird, obwohl man sich doch eine so gute List für sie ausgedacht hatte, die es einem ermöglicht hätte, über unendlich viele Wünsche zu verfügen! Tja, da scheint das Bewußtsein zum ersten Mal einen echten Vorteil zu bieten, nämlich den, Feen zu überlisten (und welches Tier könnte das schon), und es stellt sich als absolut überflüssig raus. „Ich denke, also bin ich (unzufrieden)!“.

Immerhin haben wir es durch unsere Intelligenz und unser Bewußtsein geschafft, Waffen zu bauen, die es uns ermöglichen, unsere gesamte Spezies auf einmal vom Erdball zu pusten! Gratulation, Mensch!
Aber, ach ja, da war ja auch noch die einzigartige Sprache, die wir ausgetüftelt haben! Eine Sprache, die es uns oftmals nicht ermöglicht, ohne Mißverständnisse zu kommunizieren! Wie viele Kriege mögen aufgrund ihrer mangelnden Eindeutigkeit ausgelöst worden sein? Wie viele Beziehungen beendet worden sein? Selbst Ameisen haben eine zuverlässigere Sprache, die zwar allein auf „primitiven“ chemischen Stoffen basiert, was jedoch den Vorteil bringt, daß Mißverständnisse nicht zustande kommen! Diese kleinen Krabbler verstehen sich mit ihrer Sprache, im Gegensatz zum „Supermensch“, wesentlich eindeutiger, ohne lange Erklärungen und Erläuterungen. Selbst Lügen sind ihnen nicht möglich! Armer, Mensch!

Aber mal weiter. Unser Bewußtsein ermöglicht ja noch viele andere Sachen: z.B. sind wir als einziges Tier darauf gekommen, daß unsere Existenz absolut sinnlos ist. Vor allem angesichts der Tatsache, daß die Erde in ein paar Milliarden Jahren von der sich zum roten Riesen aufblähenden Sonne geschluckt wird und dieser Planet nur noch eine Staubwolke bilden wird, die einsam durchs Universum treibt. „Ich denke, also bin ich (ohne Sinn)!“.

Mit dieser Tatsache vor Augen scheint es sowieso schon schwer weiterzumachen, aber das war durchaus noch nicht alles!
Der Mensch erfand sich Werte! Vielleicht brauchte er sie, um die Unsinnigkeit in gut und böse einzuteilen, vielleicht war es ein zwingender Prozeß, vielleicht hatte er auch nur Langeweile. Auf jeden Fall schaffte er es etwas zu erschaffen, was es eigentlich nicht gibt: eben gut und böse! Doch durch die Erschaffung dieser Werte, erschuf er, quasi als Nebenprodukt, noch Trauer und Depression, Schuldgefühl und Angst. Somit war der Mensch das einzige Wesen, daß sich in der Enge von gut und böse aufhielt, sich ständig unsicher fragend, ob das, was es tat, auch gut sei und richtig und das später, wenn es falsch gehandelt hatte in Schuld und Verzweiflung lebte! „Ich denke, also bin ich (, also leide ich)!“. Bravo, Mensch! Bravo, Selbsterkenntnis!

Zugegeben, ein Leben miteinander wäre ohne Werte nicht möglich, doch vielleicht ist es dennoch die größte Desillusionierung für einen Menschen, wenn er begreifen muß, daß es kein richtig und kein falsch gibt, kein gut und böse! Das Leben zeigt uns dies schon allein dadurch, daß alles, selbst wenn wir subjektiv ALLES richtig machen, trotzdem schiefgehen und scheitern kann. Wir bekommen keine Garantie, für nichts! Keine Sicherheit!
Und so sitzen wir da, in Depression und Trauer versunken und grübeln, was wir machen können, damit wir trotz allem noch Spaß am Leben haben. Sollten wir vielleicht versuchen unser „Kharma“ derart zu belasten, daß wir im nächsten Leben das „Glück“ haben z.B. als Katze wiedergeboren zu werden? Aber selbst wenn dies theoretisch möglich wäre, was nützte das scheinbare Glück, als Katze sein Dasein zu fristen, wenn man sich dessen nicht bewußt ist? Die Katze weiß einfach nicht, wie gut sie es hat! Nur der Werteerfinder Mensch mit seinem Bewußtsein kann dies einschätzen. Was würde also Glück nützen, wenn es nicht bewußt wahrgenommen werden kann ( wenn es dies also noch nicht mal gibt, denn empfindet eine Katze Glück?)? Was wäre uns dann lieber? Würden wir, vergleichbar mit Keanu Reeves in die „Matrix“, die rote Pille schlucken, die uns zwar in eine unangenehmere aber reale (bewußte) und „freie“ (mit der Möglichkeit selbst und bewußt zu handeln) Welt befördert, in der wir von der anderen Realität wissen und diese bewußt mit unserer abwägen können oder lieber doch die blaue Pille, die uns in eine Welt bringt, die zwar objektiv schöner, einfacher und angenehmer erscheint, von der wir das subjektiv jedoch gar nicht einschätzen können, weil wir uns der Existenz der anderen Realität nicht bewußt sind und somit auch kein Glück über unsere jetzige Situation empfinden können?! „Ich denke (wie es sei nicht zu denken), also bin ich (hier)!“.

Eigendlich sollte dieser Artikel konsequenter Weise im Vorschlag zum kollektiven Selbstmord enden, doch dann las ich mal wieder meinen Lieblingsphilosophen Nietzsche, der unerwarteter Weise meinen Geist diesbezüglich beruhigte.
Vielleicht sollten wir aufhören zu glauben, daß wir etwas richtig oder falsch machen können, bzw. daß alles, was passiert auf Schicksal beruht. Sowas wie ein Schicksal gibt es nicht, daß die Ereignisse von außen lenkt. Lieber sollten wir im Sinne Nietzsches anfangen weder an „Unglück“, noch an „Schuld“ zu glauben und statt dessen mit uns selbst und anderen fertig werden, so sind wir stark genug anzunehmen, daß uns alles zum Besten gereichen muß!1 Also: alles hinnehmen, wie es passiert, aber ohne anzunehmen, es hätte einen tieferen Sinn, daß es so passiere oder es gäbe ein Schicksal, daß dies lenke. Nein, es passiert, WEIL es passiert! Das ist zugegeben zirkulär, aber mehr Sinn gibt es nunmal nicht im Leben. „Ich denke, also bin ich (, also denke ich...)!“.

Nietzsche sagt auch, daß seine Humanität nicht darin bestehe, mitzufühlen, wie der Mensch ist, sondern es auszuhalten, daß er ihn mitfühlt.2 So sollten wir vielleicht dazu übergehen, nicht darauf zu schauen, welche Nachteile uns unser Bewußtsein schafft und die Qualen zu spüren, die dadurch ausgelöst werden, sondern es hinzunehmen, daß wir sind, wie wir sind (mit Bewußtseins-Chip im Kopf), uns damit abfinden und lernen, uns im Sinne Nietzsches selbst zu überwinden! „Ich denke, also bin ich (, also gut)!“.

Können wir uns denn nun „Krone“ der Schöpfung nennen, da wir es in unserer Einzigartigkeit geschafft haben, uns das Leben unnötig schwer zu machen?! Nein, denn Gott ist schon lange tot! Dank unseres Verstandes schafften wir es sogar ihn, nachdem wir ihn erschufen, auch wieder abzuschaffen. Doch ohne Gott gibt es auch keine Schöpfung und somit auch keine „Krone“ dieser, sondern lediglich nur ein weiteres Tier, das aus einer Evolution hervorging, die es sich aus Ironie erlaubte diesem Tiere Verstand zu schenken, wodurch der Mensch nunmehr die „Ironie“ der Schöpfung bildet!

1)Friedrich Nietzsche: Ecce Homo. In: Nietzsche Werke, dritter Band. Walter de Gruyter & Co: Berlin 1969. S. 265
2)Ebenda: S. 274

Ich hoffe, daß den Lesern mein vor Ironie zwinkerndes Auge nicht entgangen ist! ; )

Desweiteren finde ich es unangebracht Bewertung auszusprechen aber leider sind diese Angaben Pflicht...

17 Bewertungen, 1 Kommentar

  • RIPwolf

    27.05.2002, 13:06 Uhr von RIPwolf
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr interessant, gruß RIPwolf