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Erfahrungsbericht von vader

Gut nich?????

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Als \"Schindlers Liste\" 1993/94 in den deutschen Kinos ein Massenpublikum anzog, wimmelte es von vollmundigen Erklärungen aller möglichen Menschen, Parteien und Organisationen, daß \"so etwas\" nie wieder passieren dürfe.

Fast zeitgleich organisierte die rwandische, Hutu-dominierte Regierung einen Völkermord an den Tutsi und oppositionellen Hutu. Zwischen 500,000 und 1,200,000 Menschen starben. Trotz der offensichtlichen Parallelen - oder gerade deswegen? - zur jüngeren deutschen Vergangenheit fand dieser Genozid in der Weltöffentlichkeit kaum Beachtung.


DER AUTOR

Christian P. Scherrer hat im Auftrag des UNO-Hochkommissars für Menschenrechte als Special Investigator den Völkermord in Rwanda untersucht, mit Überlebenden gesprochen und vor Ort Spuren gesichert.


DAS BUCH

\"Ethnisierung und Völkermord in Zentralafrika\" schildert die Hintergründe, den Verlauf und die Folgen des Völkermordes. Detailliert wird auf die Entwicklung in den Nachbarländern Kongo, Burundi und Tanzania eingegangen, die Rolle der Weltgemeinschaft beleuchtet und Vorschläge für künftige politische Maßnahmen gemacht.


RWANDA

(auch: Ruanda) ist ein hügeliges, dichtbesiedeltes Land in Zentralafrika. Von der Bevölkerungszahl her war es mit der Schweiz vergleichbar, bei etwa halb so großer Fläche. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das hochentwickelte Königreich Teil von Deutsch-Ostafrika, wurde es nach dem I. Weltkrieg belgische Kolonie und in den 1960ern unabhängig.

Die Bevölkerungsgruppen der HUTU und TUTSI sind keine Stämme, sondern ursprünglich verschiedene gesellschaftliche Gruppen: Die Hutu waren zumeist Ackerbauern, die Tutsi (in der Regel: reichere) Viehzüchter. Beide Gruppen teilten und teilen eine gemeinsame Sprache, Kultur und Religion (zumeist römisch-katholisch), sie leben in den selben Siedlungsräumen und haben enge verwandschaftliche Bindungen - etwa die Hälfte der Rwander sind \"Mischlinge\" mit je einem Hutu- und einem Tutsi-Elternteil.

Vor der Kolonialzeit war die Zuordnung nicht fixiert, und es gab keine kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen. Die weißen Kolonialherren änderten das: Man privilegierte die Tutsi, nutze sie als einheimische Büttel für die Beherrschung der Hutu-Mehrheit und bevorzugte sie auf provozierende Weise. Insbesondere die (meist katholischen) Missionare erzogen die Tutsi zur \"Herrenrasse\"; man sah in ihnen Verwandte der angeblich rassisch höherwertigen Äthiopier.

Die belgischen Kolonialherren setzten diese Politik der Herrschaft mittels Tutsi-Bütteln zunächst fort, schwenkten dann aber um und setzten besonders nach dem 2. Weltkrieg Angehörige der Hutu-Mehrheit in die verantwortlichen Stellen ein.

Nach dem Ende der Kolonialzeit nutzten die Herrschaftseliten Rwandas die Tutsi als Sündenböcke: Um ihre Herrschaft und ihre Privilegien zu sichern, wurden rassistische Ressentiments geschürt. Das führte schon früh zu Massakern. Trotzdem sahen sich weder die Kirchen noch die Geber der Entwicklungshilfe (von denen die Regierung zum Schluß völlig abhängig war) genötigt einzuschreiten. Unter den Augen zahlloser ausländischer NGOs und begleitet von immer dringenderen Hilfeappellen der Opposition bereitete die von radikalen Hutu dominierte Regierung den Völkermord an den Tutsi vor.

Zwischen April und Juli 1994 wurden dann mindestens eine halbe Million Tutsi und Hutu-Oppositionelle systematisch ermordet. Die meisten Menschen wurden unter Anleitung von Militär und Miliz durch ihre eigenen Nachbarn erschlagen - mehrere hunderttausend Menschen wurden so direkt zu Mördern. Teils geschah das unter Zwang, erschreckend aber das Ausmaß der Menschen, die ihre eigenen Verwandten bereitwillig verrieten und zum Teil selbst ermordeten.

Der Völkermord wurde nicht durch die UNO gestoppt, deren Truppen abgezogen wurden, sondern durch eine von Exil-Rwandern getragene Rebellenarmee. Die Regierung und mit ihr ein großer Teil der Hutu-Bevölkerung setzte sich geordnet ins Ausland ab, mit der Hilfe internationaler Katastrophenhelfer rechnend. Die dann auch kam.

Auch wenn das Morden vorläufig gestoppt und eine gemäßigte neue Regierung in Rwanda eingesetzt wurde: Noch sind viele Organisatoren dieses Genozids auf freiem Fuß. Die politische Lage in Zentralafrika ist nach wie vor nicht stabil.


SOLLTE

man sich jetzt noch das Buch kaufen, wo der Rezensent doch schon die ganze Geschichte erzählt hat?

Einmal, weil ich viele wichtige Details und Fakten weggelassen habe.
Zweitens, weil der Autor -zig Hinweise auf weiterführende Literatur gibt.
Drittens, weil die Darstellung des Autors umfassend, kenntnisreich, engagiert und klug ist und sich nicht in Platitüden und allzubilligen rassistischen Pseudo-\"Erklärungen\" verliert.
Viertens, weil der Autor schonungslos das Versagen von NGOs und internationaler Gemeinschaft anprangert und Handlungsalternativen zu bloß gut gemeinten Aktionen aufzeigt.
Fünftens, weil es nahezu die einzige brauchbare Übersicht zu diesem Thema in Deutschland ist.

Der Autor wiederholt sich zum Teil, schreibt nicht gerade einfach und liefert auch keine Karten - trotzdem: Wer es mit dem \"Wir dürfen nicht wieder wegschauen!\" ernst meint, auch wenn es um Afrikaner und nicht um Juden geht, sollte dieses Buch lesen.



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ERGÄNZUNGEN


RWANDA HEUTE - Eine Skizze

Aus der Rebellenarmee ist inzwischen eine relativ stabile neue Regierung des Landes geworden.

Ein Internationaler Gerichtshof wurde in Arusha/Tansania eingerichtet, analog zum Den Haager Gerichtshof fürs ehemalige Jugoslawien. Ihm gelangen mit der Anklage und Verurteilung vieler wichtiger Lenker des Völkermordes, darunter des ehemaligen Präsidenten Rwandas Paul Kagames, spektakuläre Erfolge - hiesigen Zeitungen war es meist nicht mal eine Notiz wert. (Homepage des Gerichts: www.ictr.org)

Die alten Machthabern und ihre Schergen, die von den Flüchtlingslagern in Kongo-Kinshasa (aka Zaire) aus operierten, gerieten mit den rwandischen Regierungstruppen mehrfach aneinander. Eine Folge davon war die teilweise Besetzung des östlichen Kongostaates, wo die rwandischen Truppen bald zu einer Bürgerkriegspartei unter vielen wurden.

Im Land selbst beginnen jetzt, in diesen Junitagen, acht Jahre nach den Morden, Prozesse in traditionellen \"Dorfgerichten\". 115,000 (!)mutmaßliche Mordbeteiligte sitzen in rwandischen Gefängnissen, seit Beginn der Prozesse im Dezember 1996 waren nur 6500 Fälle von der regulären Justiz bearbeitet worden. Die restlichen Angeklagten werden nun größtenteils von ihren Nachbarn verurteilt werden, von etwa 250,000 Laienrichtern. Man wird nicht umhinkommen, die Bestrafung auf die Hauptschuldigen zu konzentrieren - Ziel der Prozesse ist es auch mehr, den Völkermord aufzuarbeiten, und ihn nicht unverarbeitet unter der Oberfläche zu halten, wo er die Quelle neuer Morde werden kann. Die Verhältnisse klären, der Verdrängung entgegenwirken, nach der Klärung wieder so etwas wie Frieden im Lande einkehren zu lassen - mit den Dorfgerichten verbinden sich viele Hoffnungen, wie auch schon Scherrer betonte. (Quelle: http://www.boston.com/dailyglobe2/160/nation/Rwanda_to_start_trials_in_village_courts+.shtml)

Die 115,000 Gefangenen stellen für das arme Land eine enorme Belastung dar - auch das ist ein Grund dafür, daß die Prozesse so dringend notwendig sind. Mehrere tausend Kinder leben auf der Straße, viele andere sind verwaist - jeder 10. Haushalt im Land wird von einem Minderjährigen geführt.


WEITERE SCHRIFTEN

C. P. Scherrer hat sein Buch auch in einer überarbeiteten und erweiterten englischen Augabe herausgebracht:


C. P. Scherrer, Genocide and Crisis in Central Africa : Conflict Roots, Mass Violence, and Regional War, Praeger Pub Text 2001, 440 S., ISBN 0275972240 - das Buch ist mit ca. € 80 nicht billig.


Scherrer selbst hat sich an ein anderes Werk angelehnt, das nur auf Englisch erhältlich ist:

\"Rwanda - Death, Despair and Defiance\", African Rights (ed.), London, Revised Edition 1995, ISBN 1 899477 03 9 (ca. € 50, ca. 1200 Seiten).

Anders als Scherrers Buch bringt es nicht nur eine politische Analyse und Bewertung, sondern in weit größerem Maße Augenzeugenberichte. Der Autor war 1994 selbst vor Ort, hat Menschen interviewt, ihre Berichte aufgenommen, von Tätern wie von Überlebenden, nennt Namen, Orte, Fakten, Details - das Buch ist ein einzigartiges Dokument.

Es ist schonungslos detailliert und unverfälscht - definitiv kein Buch für Kinder oder die meisten Jugendlichen, und definitiv nichts für Menschen mit schwachen Nerven.



Statt eines Fazits:

Heute meldet die \"Welt\", daß im bürgerkriegsgeplagten Nachbarstaat Kongo die Friedensverhandlungen zwischen den kongolesischen und rwandischen Bürgerkriegsparteien vorerst gescheitert sind. Es droht die Fortsetzung der zentralafrikanischen Kriege, in denen seit 1994 mehrere Millionen von Menschen starben und weitere Millionen zu Flüchtlingen wurden.

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