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Erfahrungsbericht von P.Nibel

End of Day [Elternabend]

Pro:

siehe Text

Kontra:

siehe Text

Empfehlung:

Nein

Grauenvolle Erinnerungen werden in mir wach als ich eines Abends an einem unfreundlichen Schulgebäude vorbeifahre. Es ist 20.00 Uhr, die Dämmerung bricht an, es ist kühl.

Und obgleich es schon so spät ist - der gesamte Schulhof ist mit Autos zugeparkt, viele Fenster der Schule sind hell erleuchtet. Nein, kein Feuer. Keine Party. Elternabend!

Ich schiebe die wirren Gedanken, die ziellos durch meinen Kopf flitzen, beiseite und konzentriere mich auf den Verkehr. Ich drehe das Radio lauter und versuche mich zu entspannen. Da. Wieder huscht ein Gedankenblitz vor meinen Augen umher. Und wieder einer. Es bringt wohl nichts, ich werde mich diesen Erinnerungen stellen müssen:

Winter 1988. Die ganze Stadt ist mit einer frostigen Schneeschicht überzogen, Fenster sind mit Eisblumen verziert. Jeder Schritt ein Geräuscherlebnis. Krrrk. Krrrr. Frrrk. Der gelbe Schaal kratzt an meinem Kinn. Die Finger frieren. Ich habe meine Handschuhe verloren.

Mein Kopf ist voller Überlegungen. Das Herz schwer wie Stein. Heute ist es wieder so weit. Ich habe lange versucht, nicht daran zu denken aber heute ist wieder dieser böse Tag.

Elternabend ist heute angesagt.

Ich kann mich ablenken wie ich will. Stark, heute raucht jeder. Ich auch. Dampfwolken flüchten bei jedem Atemzug aus meinem Mund. Schwups, da sind sie wieder, die Gedanken an den Elternabend. Und wieder ist es mit der Ablenkung vorbei.

Zu Hause angekommen werfe ich nicht wie gewohnt meine Schuhe vor die Tür, sondern platziere sie präzise nebeneinander, so das sie niemanden stören. So leise wie möglich schließe ich die Wohnungstür auf und schwebe durch die Wohnung. Die Küchentür steht offen. Meine Mutter klappert mit Geschirr. Ich stecke den Kopf in die Küche. "Hallo Mutti! Bin schon da." Ein kurzer liebevoller Wortwechsel. Ich schleiche in mein Zimmer und harre der Dinge die da kommen mögen. Fakerschutz P.Nibel.

Die Zeit verfliegt. 17.00 Uhr. 18.15 Uhr. Vater tritt ein und staunt. "Machst Du Hausaufgaben?" Ich blicke verwirrt drein. "Ne, Hausaufgaben habe ich heute nicht. Ich lerne noch ein bisschen." Mein Vater nickt und dreht sich zur Tür. Bevor er die Tür hinter sich schließt fällt ihm noch etwas ein: "Ach, heute ist Elternabend. In einer halben Stunde fahren wir los. Willst Du mich lieber vor etwas warnen?" Deutliches Kopfschütteln.

19.00 Uhr. Meine Eltern sind seit ein paar Minuten aus dem Haus. Nervös habe ich aus dem Fenster beobachtet, wie Mutter und Vater über den knirschenden Schnee zum Auto gegangen sind. Alles scheint normal. Gut.

Auf einmal scheint die Zeit still zu stehen. Die Minuten fließen dahin wie zäher Brei. Aufgeregt male ich mir aus, wie meine Eltern gerade gespannt den Worten der verlogenen Lehrer lauschen. Nichts von dem stimmt. Glaubt denen nicht.

20.15 Uhr. Sicherheitshalber habe ich mir den Schlafanzug übergeworfen und bin bereit. Sofort ins Bett zu springen und mich schlafend zu stellen. Das wird sich entscheiden, wenn ich aus dem Fenster blicke und die Gesichter meiner Eltern sehe.

20.45 Uhr. Mensch, das dauert heute aber lange. Mein Herz pocht. Mein Gefühl sagt mir, dass bedeutet Ärger. Ich höre Wagentüren zuschlagen, renne ans Fenster, sehe meine Eltern. verdammt, ich kann die Gesichter meiner Eltern nicht erkennen. Es ist zu dunkel. Ich springe ins Bett. Drücke die Augen zu und lausche. (c) 05.09.01 P.Nibel.

Ich kann hören, wie sich meine Eltern im Flur unterhalten. Eine ruhige Unterhaltung. Keine Aufregung. Nichts dergleichen. Jemand öffnet die Tür. Gekonnt beobachte ich durch messerscharfe Augenschlitze, wie meine Mutter ins Zimmer kommt. Ihr Gesicht hat einen ruhigen Ausdruck. In der Tür steht Vater. Er lächelt, als ob er wüsste, dass ich nicht schlafe.

Liebevoll streicht mir meine Mutter über den Kopf und küsst mich auf die Stirn. "Gute Nacht!" Ich brabbele leise und wickel mich noch mehr in die Bettdecke ein. Einen Oscar. Einen Oscar hätte ich bestimmt verdient. Leise schließt sich wieder die Zimmertür und ich liege mit offenen Augen in der Dunkelheit.

20 Bewertungen, 3 Kommentare

  • Volker111

    06.06.2002, 20:38 Uhr von Volker111
    Bewertung: sehr hilfreich

    schön erzählt

  • Stoewi

    11.03.2002, 16:24 Uhr von Stoewi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ist das jetzt 6 Monate her? Gruß, Stoewi

  • MichaelW97614

    11.03.2002, 16:16 Uhr von MichaelW97614
    Bewertung: sehr hilfreich

    super gut geschrieben!!