Über Themen mit G Testbericht

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Erfahrungsbericht von Scrootch

Gechattet, verliebt, verarscht ...

Pro:

Schneller Kontakt zu anderen Leuten

Kontra:

Es ist nicht das wahre Leben!

Empfehlung:

Nein

Heute möchte ich mal wieder einen Bericht über ein Thema schreiben, das mir persönlich auf der Seele brennt und von dem ich auch schon getroffen war. Durch die Erlebnisse der letzten Tage ist einiges wieder in mir hochgekommen, das ich schon für längst bewältigt hielt, das mich aber dennoch wieder ins grübeln brachte und mir heute eine schlaflose Nacht bereitet.

Das Thema Chatten und Gefühle. Da eine Hauptrolle das Chatten spielt hätte ich es in die Kategorie „Alles mit C ...“ stellen können, aber ich entschloss mich es in die Kategorie „Alles mit G ...“ gestellt. Genauso gut könnte ich es in die Kategorie V wie Verarsche oder Vertrauensmissbrach, S wie schlechte Scherze, L wie Lügen oder I wie „Ich hab Dich hereingelegt“ stellen können. Wie man daran sieht wird es kein positiver Bericht werden, sondern vielmehr das Gegenteil. Genauso ist ersichtlich, dass ein emotionaler Bericht werden wird. Hierbei gefällt mir der Begriff „Bericht“ schon überhaupt nicht, nennen wir es also Beitrag.

In den letzten beiden Tagen habe ich miterleben müssen, wie eine sehr liebe Freundin von mir - nennen wir sie einmal Karin - unter einer Chatliebschaft gelitten hat. Über ein Jahr lang hatte sie mit einem anderen Chatter regelmäßig – teilweise viele Stunden am Tag mittels IRC-Chat Gespräche, darunter auch sehr intensive Gespräche, geführt. Im Laufe der Monate verliebte sie sich bis über beide Ohren in ihren Gegenüber – nennen wir ihn einfach Alex -, obwohl sie weder seine Stimme noch sein Antlitz kannte und er nach seiner Lebensgeschichte das totale Gegenteil zu ihr war. Immer wieder versuchte sie „ihren“ Alex dazu zu überreden, dass sie sich treffen, da er auch ihr gegenüber Gefühle offenbarte. Dies lehnte er aber ständig ab, ebenso ein Telefongespräch. Einzig sprach sie einmal mit seiner Schwester „Sandra“.
Eines Tages verkündete Alex völlig überraschend, dass er nach England gehen würde und dass er sie nicht lieben würde und überhaupt habe er sie die ganze Zeit „verarscht“. Das gab meiner Freundin einen ersten emotionalen Schock, an dem sie einige Zeit zu knabbern hatte. Sie trafen sich zwar ein paar Mal im Chat, doch wurde sie von Alex ignoriert oder an „guten“ Tagen beleidigt. Nun tauchte gewisser Alex vor zwei Wochen wieder auf und gestand Karin, dass er sie lieben würde und sie treffen wolle. Am Tag meiner Ankunft bei Ihr – wir wollten Weihnachten gemeinsam feiern – meldete sich Alex wieder bei ihr per SMS und bat sie in den Chat, er habe eine Überraschung. Die Überraschung war, dass er behauptete ein Ticket gekauft zu haben und er am nächsten morgen um 7 Uhr bei ich ankommen würde. Darauf meinte Karin, dass er gerne kommen könne, aber er müsse, dass sie einen guten Freund zu Besuch habe – mich. Er meinte lapidar, sie solle mich heim schicken, schließlich wolle er mit ihr und ihren Kindern alleine sein, um sie kennenzulernen. Karin entgegnete ihm, dass das nicht so einfach gehe, schließlich würde ich mehrere hundert Kilometer weg wohnen, was ihn aber nicht beeindruckte sondern eifersüchtig werden ließ. In diesem Zustand machte er Karin im Chat nieder und sagte sie sei für künftig nicht mehr existent.
Dies nahm Karin natürlich sehr mit, zumal sie sich endlich mal ein friedliches und zufriedenes Weihnachten wünscht. Im Laufe des gestrigen Samstag stellte sich dann auch noch heraus, dass Sandra zwar auch in Wirklichkeit Sandra hieß, aber bei weitem nicht die Schwester von Alex war. Und so bröckelt seine Lebensgeschichte, wie er sie Karin schilderte in sich zusammen – wieder eine Verarsche? Das ist die Frage die wir uns das ganze Wochenende stellen.

Diese Geschichte ließ dann in mir eine ähnliche Geschichte wieder hochkommen, die mir selbst passiert war. Auch ich chattete monatelang mit einem sehr lieben weiblichen Wesen – soll sie ruhig Vera heißen- intensiv und verliebte mich in die Art und den Inhalt des von ihr Geschriebenen. Auch ich konnte nicht mit ihr telefonieren, aber ich hatte wenigsten ein Bild von ihr. Der Kontakt außerhalb Chats lief über eine andere Chatterin – Silke - , die quasi den Boten spielte. Irgendwo verstand ich Ihre Angst, da sie noch gegen ihren Exfreund in einem Prozess aussagen musste und anschließend in eine Therapie ging, in der sie keinen Kontakt zur Außenwelt haben durfte mit Ausnahme einer Kontaktperson – eben jener Silke. Doch immer wieder „gelang“ es Vera über einen anderen Patienten, der einen Computer und ein Telefon haben durfte, online zu gehen und in den gemeinsamen Chat zu kommen. Auch ich musste nach einem halben Jahr feststellen, dass man mir etwas vorgegaukelt hatte und Vera stellte sich als Silke heraus.

Zu dieser Zeit musste ich sehr um die Fassung kämpfen, da ich nicht verstehen konnte, was einen Menschen dazu treibt, derart mit den Gefühlen eines anderen zu spielen und in einem der empfindlichsten Punkte sehr tief zu verletzten. Hier schließe ich ausdrücklich auch jene Personen mit ein, die eine entsprechende Geschichte mitspielen oder nur decken oder aber die dem „Spielball“ nicht einen, zumindest kleinen, Wink mit dem Zaunpfahl geben, dass hier etwas nicht stimmt. Denn man selbst wird etwas betriebsblind und übersieht kleine Ungereimtheiten sehr schnell oder man denkt einfach, das wird schon irgendwie seine Richtigkeit haben. Ich habe im Nachhinein auch einige Punkte festgestellt, wo ich hätte sagen müssen, „Scrootch, hier stimmt etwas nicht“. Aber wenn einige, die man eventuell sogar persönlich kennt, bei diesen Geschichten mitspielen – auch außerhalb des Chats. Ich dachte eigentlich, dass ich die ganze Geschichte von damals verarbeitet, verdaut und ausgeschieden hätte, doch Karins Erlebnisse und vor allem ihr derzeitiger emotionaler Zustand, lassen auch mich wieder grübeln und zwar doppelt. Zum einen mache ich mir Gedanken, wie es in ihr aussieht und ich ihr helfen und zum anderen muss ich wieder darüber nachdenken, was ich wohl in diesem Moment wieder empfinden würde. Und immer wieder frage ich mich, was geht in diesen Menschen vor, dass sie sich andere zum Spielball aussuchen, um sie zu verletzen. Besonders tragisch wird die Geschichte nämlich dann, wenn so „unbedeutende“ Feiertage wie Weihnachten und der Jahreswechsel involviert sind. Der Betroffene fühlt sich hier noch viel beschissener als es mitten im Sommer der Fall wäre. Oder wer träumt schon von schlechten Ereignissen zu Weihnachten und Silvester? Eigentlich doch nur Sado- und Masochisten, eine andere Klientel ist mir nicht eingefallen. Welche Befriedigung bietet es einem, so mit anderen Menschen zu spielen? Ich hab keine Ahnung, ich kann mir nur denken, dass es eine Ersatzbefriedigung ist für etwas, das man im realen Leben nicht erhält oder erhalten kann. Ich gebe zu in meinem Fall, hat es sich hinterher herausgestellt, dass Silke sich einem anderen Namen eine Bestätigung holte, die sie von ihrem Mann nicht erhielt und sie irgendwie keinen Ausweg aus der Geschichte mehr fand, bis sie sich entschloss, mir die Wahrheit zu sagen.

Aber im Fall von Karin und Alex fehlen mir hier wirklich die Worte und ich kann keinen Grund finden, warum derart verletzend mit jemand umgeht, dass man ihm nicht nur ein paar Tage die Laune verdirbt, sondern Wohl auf ein paar Jahre hin. Wer kennt das nicht, dass man Weihnachten verflucht, weil im eigenen Umfeld etwas Unangenehmes passiert ist. Doch muss man einem anderem deshalb diese Zeiten versauen? Wenn ich mir vorstelle, was Karin schon alles mitgemacht hat und dies mit schöner Regelmäßigkeit zum Jahresende hin, kann ich mir vorstellen, dass sie das noch einige Zeit verfolgen wird. Unmittelbare Auswirkung ist bei ihr schon, dass sie nur noch mit Leuten chattet, die sie kennt, und im Chat nicht mehr so offen ist und Unbekannten fast schon abweisend gegenüber steht. Wenn ich mal davon absehe, dass sie das Chatten schon ganz bleiben lassen wollte.

Sicher hat jeder, der schon einmal gechattet hat, im Chat auch geflunkert, aber ist das ein Grund, ein verletzendes Lügengebilde aufzubauen und den anderen damit zu verletzen? Ich gebe zu, dass auch ich schon mal im Chat etwas beschönigend geredet oder besser geschrieben habe, doch käme ich nie auf die Idee in diesem Bereich mit den Gefühlen eines anderen zu spielen.

„Gefühle im Chat? Sind die denn bescheuert? Kann man denn so behämmert sein?“ – das mag nun der eine oder andere denken. Doch aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass diejenigen, denen so etwas noch nicht passiert ist mit den Gefühlen, das wohl schwerlich nachempfinden.

Meine Bitte zum Schluss an alle, die mit dem Gedanken schwanger gehen, ein solches Spielchen zu treiben – LASST ES SEIN!!! Ihr könnt die Auswirkungen nicht abschätzen. Denn die können die in den oben genannten Fällen Auswirkungen noch weit übersteigen.
Den folgenden Absatz bat mich Karin noch hinzuzufügen:
Natürlich läuft es nicht immer, wie in unseren beiden Fällen. Sicherlich gibt es auch eine Vielzahl von positiven Beziehungen in Chats. Ich selbst habe in meinem „Stammchat“ erlebt, dass eine Ehe (nicht nur eine Chat-Ehe) und 4 reale Chat-Babys zustande kamen. Die Beziehungen laufen, nach meiner Einschätzung, auch ganz normal. Nicht zuletzt waren auch im Fernsehen immer wieder entsprechende Stories zu sehen, wie das Internet Liebe über Kontinente stiftete. Doch leider wird eben auch viel Schmu getrieben.

© Scrootch

P.S.: Die Empfehlung bezieht sich auf das Spielen mit Gefühlen!

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