Erfahrungsbericht von Anachronistin
Reisebericht
Pro:
Regen
Kontra:
Regen
Empfehlung:
Nein
Ein Reisebericht, eine Geschichte, die meine ist, viel Wahres, auch Gedachtes
Nach einer recht unbeschwerten Zugfahrt in Richtung Oberlausitz landete ich auf dem Bahnhof des Örtchens H., in welchem meine Mutter seit einigen Jahren lebt, zurückgekehrt in ihre Heimat, in das Haus ihrer Geburt, in welchem ihre Eltern, meine Großeltern lebten.
Ich selbst bin in Berlin geboren. Doch wann immer ich diesen Ort aufsuchte, das Haus betrat, welches abseits vom Dorf gelegen ist, eingebettet in Felder, nahe am Wald, empfand ich ein beruhigendes Ankommen.
Die Last des Alltags fiel von mir ab wie eine zu eng gewordene Haut, ich war ganz einfach ICH, mit allem, was mich ausmacht, was ich an mir mag und auch jenen Dingen, die ich unausstehlich an und in mir erlebe.
Ich saß mit meiner Mutter in der großen und doch gemütlichen Bauernküche, wir unterhielten uns und tranken Schlehenwein (ein köstliches Gesöff, für meinen Geschmack zwar etwas zu süß, aber in allem doch ein lustiges Getränk). Hin und wieder griff ich nach meinen Zigaretten, um mich damit in den Stall zurück zu ziehen, der bei diesen alten Häusern direkt an den Wohnraum anschließt, und rauchte selten bewusst. Ja, selbst das Rauchen ist dort etwas Besonderes, weil man dort nicht, wie sonst, mit aufgeregtem Geifern nach der Zigarette greift, als könnte man ohne diese tatsächlich nicht existieren, sondern ganz in Ruhe und mit Genuss.
Der Stall wird inzwischen als Abstellraum genutzt (sehr verführerisch, da viel Platz vorhanden ist...). Ich schließe einen Moment die Augen, und schon erscheinen mir die Bilder meiner Kindheit. Mein Großvater hob allabendlich die Altersschwachen unter den Hühnern auf die Stangen, welche, leise vor sich hin gackernd, diese Prozedur bereits erwartet hatten. Der Geruch des Strohs steigt mir angenehm in die Nase. – Ich öffne die Augen, und bemerke, dass ich lächle.
Ich kehre zurück in die Küche. Der alte Kater, derzeit einziger gezähmter tierischer Bewohner des Hauses, schaut mich müde an. Mir fällt sofort Bernstein ein, jener Kater, mit dem ich in H. meine Kindheit verbracht habe. Er, mit den gelben Augen, dem ernsten Blick, der mit zunehmenden Jahren weiser wurde. Er, der sprechen konnte...
Wie eine Wahnsinnige schaufle ich etwa eine Stunde die lange Einfahrt zum Hof frei, welche der Schneepflug ausgelassen hat. Laut vor mich hin schnaufend entdecke ich plötzlich, peinlich berührt, einen Skifahrer, der mich zweifelnd aus der Nähe beäugt. Doch er fährt kommentarlos weiter, ohne mich noch einmal anzusehen, wofür ich ihm dankbar bin. – Meine Mutter lacht, als ich wieder ins Haus komme. Ich sehe aus wie ein Schwein, der Schweiß läuft mir in Strömen übers Gesicht. Es hat gut getan, sich auf diese Art und Weise etwas abzureagieren.
In der folgenden Nacht schrecke ich aufgewühlt aus dem Schlaf, denn ich träume, das einer derjenigen Menschen, denen ich die größte Bedeutung in meinem Leben beimesse, in einer Ecke des Zimmers steht, mich schweigend und mit Tränen in den Augen ansieht, und mich ohne jede Heimlichkeit beobachtet. Ich bin aufgeregt, versuche, obwohl ich mir langsam der Illusion bewusst werde, obwohl ich weiß, dass ich träumte, einen Blick von ihm zu erheischen. Natürlich gelingt es nicht. Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen, ebenso schnell, wie er vor einem Jahr aus der Realität entschwand, sodass ich noch heute manchmal zweifeln möchte, ob es ihn gegeben hat, ob es ihn heute noch gibt. Es ist ein Leichtes, dies nachzuprüfen, dennoch gibt es häufig diese Momente, in denen ich unsicher bin. - Und selbst wenn ich ihm gegenwärtig begegne, scheint er nicht mehr der Selbe zu sein. Vielleicht möchte ich es auch aus einer gewissen Eitelkeit heraus nicht wahr haben, dass er der Selbe sein könnte oder dass er im Gegenteil nie der war, den ich sah, sehen wollte...
Meine Gedanken schlagen Bahnen ein, die mich erstaunen. Gleichzeitig jedoch bemerke ich, dass dieser Reisebericht immer mehr zu meiner Geschichte wird.
Ich freue mich, nach langer Zeit mal wieder so unbekümmert drauf los schreiben zu können, ohne abzuwägen, wer was wann wie lesen wird.
Mit diesen Zeilen langsam endend möchte ich all jene grüßen, die sich Träume bewahren, die ein Stück Kind geblieben sind, ohne dabei von Naivität oder gar Infantilität überfrachtet werden, kurzum jene, die noch am Leben sind, und selbiges zu genießen verstehen!
Gehabt Euch wohl und gönnt Euch in diesen mehr oder minder stillen Wintertagen auch mal etwas Zeit zum Vertrödeln, denn dies scheint mir ein großer Luxus zu sein. Wenigstens kurzzeitig planlos zu leben, nichts organisieren zu müssen... Ich unterstelle Euch, dass ihr wisst, was ich meine.
Bleibt, wie Ihr seid und verändert Euch...
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-12 17:21:37 mit dem Titel Regen und was es sonst noch gibt
Regen und was es sonst noch gibt
Sie hat gar nicht gewusst, was wohl ein guter Morgen ist. Regelmäßig erwachte sie in den frühen Morgenstunden. Es dämmerte noch, und weithin war nichts zu hören als strömender Regen. Manchmal war es so stürmisch, dass der Regen von außen gegen ihr Fenster peitschte. Sie lag dann in ihrem Bett, war hellwach. Eigentlich hätte sie aufstehen können, so munter war sie. Doch ihr Körper gebot ihr, liegen zu bleiben. Sie starrte in die Dunkelheit draußen, und wurde der unzähligen Tropfen an der Fensterscheibe gewahr. Doch ansonsten schien da nichts zu sein. Vielleicht noch der Widerschein einer Laterne.
Sie hörte sich selbst atmen. Ihr Gesicht blieb reglos. Ihr ganzer Körper verharrte in der selben Stellung, in der sie erwacht war. Zu anstrengend erschienen ihr die möglichen Bewegungen.
Sie wartete, ohne sich selbst beantworten zu können, worauf. Es sollte einfach irgendetwas geschehen. Die Dunkelheit sollte verschwinden, und der Regen auch. – Scheinbar regnete es damals ständig. – Sie wartete auf den Grund, der sie zum Aufstehen bringen würde.
Sie versuchte sich einzureden, dass alles anders sein würde, wenn nur endlich die Sonne früher aufginge. Ja, wenn es wenigstens schon hell wäre, dann würde sie gewiss aufstehen. Alles wäre dann viel einfacher.
Die graue, verregnete Zeit hatte sich verabschiedet, und wurde langsam von der Sommerzeit abgelöst. Wie immer wurde sie im Morgengrauen wach, bald wurde es hell. Sie starrte nun auf die vorbeiziehenden Wolken, erinnerte sich daran, wie sie vor langer Zeit interessante Muster und Figuren wahrgenommen hatte, wenn sie Wolken betrachtet hatte. Jetzt sah sie nichts. Es kostete sie so viel Anstrengung, einfach nur die Augen geöffnet zu lassen. Sie schlief wieder ein.
Wieder erwachend bemerkte sie nun den sommerlich blauen Himmel. Er war wolkenlos. Ihr fiel ein, dass sie geglaubt hatte, dass dieser Himmel und diese Helligkeit ihr das Aufstehen erleichtern würden. Sie horchte in sich hinein und spürte wieder nichts als diese lähmende Schwere.
Sie hat viel sprechen müssen.
Sie hat vieles neu durchdenken müssen.
Sie hat sich zu vielem zwingen müssen, sogar dazu, Schönes (wieder-)zuerkennen.
Sie hat gelernt, zwischen schwarz und weiß auch andere Farben zu sehen.
Sie kann jetzt durch regennasse Straßen laufen und sich für die durstigen Pflanzen freuen.
Sie sieht nun allerhand Gesichter, Häuser, Türme, Tiere, wenn sie Wolken beobachtet.
Sie erkennt nun wieder Wege.
Es war ein langer, langer Weg. Er hat sich gelohnt. Und er ist noch nicht beendet.
Ich habe viel sprechen müssen.
Ich habe vieles neu durchdenken müssen.
Ich habe mich zu vielem zwingen müssen, sogar dazu, Schönes (wieder-)zuerkennen.
Ich habe gelernt, zwischen schwarz und weiß auch andere Farben zu sehen.
Ich habe noch so viel vor!
Berlin, 12.08.2002
Nach einer recht unbeschwerten Zugfahrt in Richtung Oberlausitz landete ich auf dem Bahnhof des Örtchens H., in welchem meine Mutter seit einigen Jahren lebt, zurückgekehrt in ihre Heimat, in das Haus ihrer Geburt, in welchem ihre Eltern, meine Großeltern lebten.
Ich selbst bin in Berlin geboren. Doch wann immer ich diesen Ort aufsuchte, das Haus betrat, welches abseits vom Dorf gelegen ist, eingebettet in Felder, nahe am Wald, empfand ich ein beruhigendes Ankommen.
Die Last des Alltags fiel von mir ab wie eine zu eng gewordene Haut, ich war ganz einfach ICH, mit allem, was mich ausmacht, was ich an mir mag und auch jenen Dingen, die ich unausstehlich an und in mir erlebe.
Ich saß mit meiner Mutter in der großen und doch gemütlichen Bauernküche, wir unterhielten uns und tranken Schlehenwein (ein köstliches Gesöff, für meinen Geschmack zwar etwas zu süß, aber in allem doch ein lustiges Getränk). Hin und wieder griff ich nach meinen Zigaretten, um mich damit in den Stall zurück zu ziehen, der bei diesen alten Häusern direkt an den Wohnraum anschließt, und rauchte selten bewusst. Ja, selbst das Rauchen ist dort etwas Besonderes, weil man dort nicht, wie sonst, mit aufgeregtem Geifern nach der Zigarette greift, als könnte man ohne diese tatsächlich nicht existieren, sondern ganz in Ruhe und mit Genuss.
Der Stall wird inzwischen als Abstellraum genutzt (sehr verführerisch, da viel Platz vorhanden ist...). Ich schließe einen Moment die Augen, und schon erscheinen mir die Bilder meiner Kindheit. Mein Großvater hob allabendlich die Altersschwachen unter den Hühnern auf die Stangen, welche, leise vor sich hin gackernd, diese Prozedur bereits erwartet hatten. Der Geruch des Strohs steigt mir angenehm in die Nase. – Ich öffne die Augen, und bemerke, dass ich lächle.
Ich kehre zurück in die Küche. Der alte Kater, derzeit einziger gezähmter tierischer Bewohner des Hauses, schaut mich müde an. Mir fällt sofort Bernstein ein, jener Kater, mit dem ich in H. meine Kindheit verbracht habe. Er, mit den gelben Augen, dem ernsten Blick, der mit zunehmenden Jahren weiser wurde. Er, der sprechen konnte...
Wie eine Wahnsinnige schaufle ich etwa eine Stunde die lange Einfahrt zum Hof frei, welche der Schneepflug ausgelassen hat. Laut vor mich hin schnaufend entdecke ich plötzlich, peinlich berührt, einen Skifahrer, der mich zweifelnd aus der Nähe beäugt. Doch er fährt kommentarlos weiter, ohne mich noch einmal anzusehen, wofür ich ihm dankbar bin. – Meine Mutter lacht, als ich wieder ins Haus komme. Ich sehe aus wie ein Schwein, der Schweiß läuft mir in Strömen übers Gesicht. Es hat gut getan, sich auf diese Art und Weise etwas abzureagieren.
In der folgenden Nacht schrecke ich aufgewühlt aus dem Schlaf, denn ich träume, das einer derjenigen Menschen, denen ich die größte Bedeutung in meinem Leben beimesse, in einer Ecke des Zimmers steht, mich schweigend und mit Tränen in den Augen ansieht, und mich ohne jede Heimlichkeit beobachtet. Ich bin aufgeregt, versuche, obwohl ich mir langsam der Illusion bewusst werde, obwohl ich weiß, dass ich träumte, einen Blick von ihm zu erheischen. Natürlich gelingt es nicht. Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen, ebenso schnell, wie er vor einem Jahr aus der Realität entschwand, sodass ich noch heute manchmal zweifeln möchte, ob es ihn gegeben hat, ob es ihn heute noch gibt. Es ist ein Leichtes, dies nachzuprüfen, dennoch gibt es häufig diese Momente, in denen ich unsicher bin. - Und selbst wenn ich ihm gegenwärtig begegne, scheint er nicht mehr der Selbe zu sein. Vielleicht möchte ich es auch aus einer gewissen Eitelkeit heraus nicht wahr haben, dass er der Selbe sein könnte oder dass er im Gegenteil nie der war, den ich sah, sehen wollte...
Meine Gedanken schlagen Bahnen ein, die mich erstaunen. Gleichzeitig jedoch bemerke ich, dass dieser Reisebericht immer mehr zu meiner Geschichte wird.
Ich freue mich, nach langer Zeit mal wieder so unbekümmert drauf los schreiben zu können, ohne abzuwägen, wer was wann wie lesen wird.
Mit diesen Zeilen langsam endend möchte ich all jene grüßen, die sich Träume bewahren, die ein Stück Kind geblieben sind, ohne dabei von Naivität oder gar Infantilität überfrachtet werden, kurzum jene, die noch am Leben sind, und selbiges zu genießen verstehen!
Gehabt Euch wohl und gönnt Euch in diesen mehr oder minder stillen Wintertagen auch mal etwas Zeit zum Vertrödeln, denn dies scheint mir ein großer Luxus zu sein. Wenigstens kurzzeitig planlos zu leben, nichts organisieren zu müssen... Ich unterstelle Euch, dass ihr wisst, was ich meine.
Bleibt, wie Ihr seid und verändert Euch...
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-12 17:21:37 mit dem Titel Regen und was es sonst noch gibt
Regen und was es sonst noch gibt
Sie hat gar nicht gewusst, was wohl ein guter Morgen ist. Regelmäßig erwachte sie in den frühen Morgenstunden. Es dämmerte noch, und weithin war nichts zu hören als strömender Regen. Manchmal war es so stürmisch, dass der Regen von außen gegen ihr Fenster peitschte. Sie lag dann in ihrem Bett, war hellwach. Eigentlich hätte sie aufstehen können, so munter war sie. Doch ihr Körper gebot ihr, liegen zu bleiben. Sie starrte in die Dunkelheit draußen, und wurde der unzähligen Tropfen an der Fensterscheibe gewahr. Doch ansonsten schien da nichts zu sein. Vielleicht noch der Widerschein einer Laterne.
Sie hörte sich selbst atmen. Ihr Gesicht blieb reglos. Ihr ganzer Körper verharrte in der selben Stellung, in der sie erwacht war. Zu anstrengend erschienen ihr die möglichen Bewegungen.
Sie wartete, ohne sich selbst beantworten zu können, worauf. Es sollte einfach irgendetwas geschehen. Die Dunkelheit sollte verschwinden, und der Regen auch. – Scheinbar regnete es damals ständig. – Sie wartete auf den Grund, der sie zum Aufstehen bringen würde.
Sie versuchte sich einzureden, dass alles anders sein würde, wenn nur endlich die Sonne früher aufginge. Ja, wenn es wenigstens schon hell wäre, dann würde sie gewiss aufstehen. Alles wäre dann viel einfacher.
Die graue, verregnete Zeit hatte sich verabschiedet, und wurde langsam von der Sommerzeit abgelöst. Wie immer wurde sie im Morgengrauen wach, bald wurde es hell. Sie starrte nun auf die vorbeiziehenden Wolken, erinnerte sich daran, wie sie vor langer Zeit interessante Muster und Figuren wahrgenommen hatte, wenn sie Wolken betrachtet hatte. Jetzt sah sie nichts. Es kostete sie so viel Anstrengung, einfach nur die Augen geöffnet zu lassen. Sie schlief wieder ein.
Wieder erwachend bemerkte sie nun den sommerlich blauen Himmel. Er war wolkenlos. Ihr fiel ein, dass sie geglaubt hatte, dass dieser Himmel und diese Helligkeit ihr das Aufstehen erleichtern würden. Sie horchte in sich hinein und spürte wieder nichts als diese lähmende Schwere.
Sie hat viel sprechen müssen.
Sie hat vieles neu durchdenken müssen.
Sie hat sich zu vielem zwingen müssen, sogar dazu, Schönes (wieder-)zuerkennen.
Sie hat gelernt, zwischen schwarz und weiß auch andere Farben zu sehen.
Sie kann jetzt durch regennasse Straßen laufen und sich für die durstigen Pflanzen freuen.
Sie sieht nun allerhand Gesichter, Häuser, Türme, Tiere, wenn sie Wolken beobachtet.
Sie erkennt nun wieder Wege.
Es war ein langer, langer Weg. Er hat sich gelohnt. Und er ist noch nicht beendet.
Ich habe viel sprechen müssen.
Ich habe vieles neu durchdenken müssen.
Ich habe mich zu vielem zwingen müssen, sogar dazu, Schönes (wieder-)zuerkennen.
Ich habe gelernt, zwischen schwarz und weiß auch andere Farben zu sehen.
Ich habe noch so viel vor!
Berlin, 12.08.2002



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