Erfahrungsbericht von suppengirl
Zimmer mit Aussicht
Pro:
Darsteller, Story, witziger Einblick in das englische Bürgertum der Jahrhundertwende
Kontra:
nüscht
Empfehlung:
Nein
"Zimmer mit Aussicht" aus dem Jahre 1986 stammt vom erfolgreichen Produzenten-Regisseur-Duo Ismail Merchant und James Ivory, die sich auf die Verfilmung von Romanen aus der Feder des Engländers E.M. Forster spezialisiert zu haben scheinen. Neben "A Room With A View" verwirklichten sie nämlich unter anderem auch "Maurice" (der beste Roman Forsters, über den euer Suppengirl sicher auch einmal schreiben wird) und "Howard´s End". Regisseur James Ivory beweist wie so oft sein besonders Geschick für "Kostümfilme", wie alle Streifen so schön genannt werden, die zeitlich vor der Mitte des 20.Jahrhunderts (oder so...) angesiedelt sind. Dabei wird besonderer Wert darauf gelegt, dass E.M. Forsters seinerzeit (er lebte um die Jahrhundertwende) etwas gewagte Themenwahl und unverholene Gesellschaftskritik adäquat umgesetzt wird - gar nicht so einfach, da die Themen heute nicht mehr so revolutionär scheinen und die ihnen innewohnende Dramatik sich dem Zuschauer nicht auf den ersten Blick erschließen wird. Anders als bei "Maurice" (Homosexualität) oder "Howard´s End" (unstandesgemäße Liebe zu einem verheirateten Mann), setzen sowohl Forster als auch Ivory bei "A Room With A View" weniger auf Dramatik als viel mehr auf Ironie und frischen unbekümmerten Witz. Und das ist es wohl, was mich diese Forster-Verfilmung als die gelungenste ansehen lässt.
Story
*****
Die junge Engländerin Lucy Honeychurch - eine Tochter aus gutem Hause - fährt um die Jahrhundertwende zusammen mit ihrer altjüngferlichen Tante Charlotte nach Florenz. Es soll eine für diese Zeit und Schicht typische Bildungsreise sein, doch für Lucy ist es von Anfang an auch ein Abenteuer, schließlich verlässt sie zum ersten Mal für längere Zeit das behütete Zuhause. Genervt von ihrer Aufpasserin und Tante, die darauf bedacht ist alle "unstandesgemäßen" Einflüsse von ihr fern zu halten, fühlt sie sich von Anfang an zum jungen George Emerson hingezogen, der sich ebenfalls auf Bildungsreise befindet und in der gleichen Pension wohnt wie die beiden Damen und der ebenso wie sein Vater einen erfrischend unkonventionellen und untypisch aufrichtigen Lebensstil an den Tag legt. Auch George, der in Lucy wohl eine Art Seelenverwandte erahnt, kann sich ihrer Ausstrahlung nicht entziehen. Bei einem Picknick, an dem alle Pensionsgäste teilnehmen, "eskaliert" die Situation schließlich: George nähert sich Lucy, die gerade verträumt auf einer Wiese steht, und küsst die überraschte, aber nicht abgeneigte Frau. Beide meinen sich unbeobachtet, doch ausgerechnet Lucys Tante Charlotte hat die beiden gesehen. Um die Unschuld ihrer ihr anvertrauten Nichte fürchtend, veranlasst sie die sofortige Abreise. Lucy kann nichts dagegen tun und so kehren die beiden nach England zurück, in der Gewissheit nie wieder etwas von George und seinem Vater zu sehen oder zu hören.
Zurück in der Heimat, beginnt Lucy wieder das langweilige und widerspruchslose Leben zu führen, das man von einem Mädchen ihrer Position erwartet. Schließlich verlobt sie sich mit Cecil Vyse, einem versnobbten und unerträglich langweiligen Freund der Familie, den Lucy zwar schätzt, dem sie aber sicher keine Liebe entgegen bringt. Ihr zukünftiges Leben scheint in seine Bahnen gelenkt, ein Entrinnen ist kaum noch möglich. Doch Lucy scheint sich damit abzufinden und noch nicht einmal besonders unglücklich darüber zu sein.
Doch alles soll sich ändern, als neue Mieter ein nicht weit entferntes Haus beziehen: Zufall oder Schicksal, Mr Emerson und seinen Sohn hat es in diese Gegend verschlagen. Und Lucy hat erneut vor Augen, wie anders, wie abwechslungsreich das Leben doch sein könnte, wenn man sich nicht immer und überall Konventionen und Traditionen beugt. Sie ist hin und her gerissen, denn im miefigen England - umgeben von ihrer Familie und "Freunden" fällt es ihr nicht so leicht gegen das zu handeln, was von ihr erwartet wird, als im weit entfernten und um so viel freizügigeren Florenz. Schließlich ist es ausgerechnet ihre Tante Charlotte, die die Entscheidung forciert...
Umsetzung
*********
Wunderbar ausgestattet lässt dieser Film ständig Gegensätze aufeinanderprallen: Florenz gegen England, George gegen Cecil, Mr Emerson gegen Tante Charlotte usw., in einem Wort (oder ein paar mehr ;o)): Abenteuer und Überraschungen gegen Konvention und die Langeweile eines vorherbestimmten Lebens. Dem Zuschauer heute ist von Anbeginn klar, welches die jeweils bessere Alternative ist, trotzdem schafft es Regiesseur Ivory seinem Publikum den inneren Kampf der Protagonisten zu vermitteln. Ganz dezent stellt er dar, wie schwierig es für Lucy ist, sich innerhalb ihrer festen Lebensumwelt gegen diese zu entscheiden. Und das obwohl es da durchaus Menschen gibt, die von ihr nicht die Selbstaufopferung erwarten, die sie sich selbst auferlegt hat. Denn eines gibt es, was Lucy noch mehr im Wege ist als Konventionen: Ihr Stolz.
Darsteller
********
Helena Bonham-Carter hat sich ebenfalls auf Kostümfilme spezialisiert. Tatsächlich fällt mir auf Anhieb nur ein Filmtitel ein, bei dem sie nicht wallende Kleider und lange Locke trägt, nämlich "Geliebte Aphrodite" von Woody Allen. Aber auch wenn man meinen könnte, dass "Howard´s End", "Hamlet", "Mary Shelley´s Frankenstein" oder "The wings of the dove" sie zu sehr in eine Rollenschublade zwängen, so muss man nur über die Kostüme hinweg sehen, um zu erkennen, dass sie trotz allem immer vollkommen verschiedene Charaktere darstellt. Und in "A Room With A View" spielt sie mehr als überzeugend, das junge neugierige Mädchen, das in Florenz zum ersten Mal erfährt, was es wirklich heißen kann zu leben und darum kämpft, diese Erkenntnis in ihren Alltag hinüber zu retten.
Julian Sands ist in der Rolle des George Emerson zu sehen. Auch er überzeugt durchwegs als etwas exzentrischer, aber zum Teil sehr introvertierter junger Mann. Leider hat Julian Sands seither kein sehr glückliches Händchen mehr bei seiner Rollenauswahl bewiesen, Auswüchse wie "Boxing Helena" sind nicht wirklich zu den Sternstunden der Filmgeschichte zu zählen. Schade eigentlich, denn der Mann hat(te) Potenzial.
Daniel Day-Lewis beweist in "A Room With A View" einmal mehr seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Der Frauenheld in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", der behinderte Schriftsteller in "Mein linker Fuß" oder eben der versnobbte und verkrampfte bessere Herr, der Verlobte Cecil von Lucy in "A Room With A View", Day-Lewis lässt einen nicht nur aufgrund von Äußerlichkeiten oft daran zweifeln, ob es sich hier wirklich um den gleichen Schauspieler handelt. Ohne Zweifel einer der begnadesten und besessensten Schauspieler der letzten zwanzig Jahre.
Abgerundet wird die hervorragende Besetzungsliste von "A Room With A View" durch die beiden "Altstars" Dame Maggie Smith (Tante Charlotte) und Denholm Elliot (Mr Emerson).
Maggie Smith erscheint dermaßen verknöchert, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie in jungen Jahren auch einmal die schöne Geliebte gespielt hat. Dabei bringt sie durchaus auch zum Ausdruck, dass Charlotte selbst nur das Opfer äußerer Umstände ist, dass sie nur deshalb so geworden ist wie sie ist, weil sie immer das getan hat, was von ihr erwartet wurde.
Denholm Elliot zeigt einen etwas tölpelhaft erscheinenden Mr Emerson, der mit seiner direkten Art kein Fettnäpfchen auslässt, jedoch gerade deshalb besonders liebenswert erscheint. Und der trotz seiner Unbeholfenheit in manchen Dingen mehr Überblick über alles bewahrt als jeder andere am Geschehen Beteiligte.
Fazit
****
"Zimmer mit Aussicht" habe ich zum ersten Mal gesehen als ich 13 war. Üblicherweise gefallen mir Filme, die ich damals mochte, heute nicht mehr sonderlich. Bei diesem jedoch ist es etwas anderes: Seiner Atmosphäre kann ich mich heute noch nicht entziehen, seine unerzwungene Romantik lässt jeden Zyniker wieder an die Macht der Liebe glauben (wie pathetisch das jetzt klingt, sorry!). Und nicht zuletzt zeigt er uns, welches Glück wir heute haben, da wir uns frei und ohne Standesdünkel dafür entscheiden können, mit wem wir unsere Zukunft verbringen wollen. Zumindest bei den meisten von uns sollte es so sein.
Story
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Die junge Engländerin Lucy Honeychurch - eine Tochter aus gutem Hause - fährt um die Jahrhundertwende zusammen mit ihrer altjüngferlichen Tante Charlotte nach Florenz. Es soll eine für diese Zeit und Schicht typische Bildungsreise sein, doch für Lucy ist es von Anfang an auch ein Abenteuer, schließlich verlässt sie zum ersten Mal für längere Zeit das behütete Zuhause. Genervt von ihrer Aufpasserin und Tante, die darauf bedacht ist alle "unstandesgemäßen" Einflüsse von ihr fern zu halten, fühlt sie sich von Anfang an zum jungen George Emerson hingezogen, der sich ebenfalls auf Bildungsreise befindet und in der gleichen Pension wohnt wie die beiden Damen und der ebenso wie sein Vater einen erfrischend unkonventionellen und untypisch aufrichtigen Lebensstil an den Tag legt. Auch George, der in Lucy wohl eine Art Seelenverwandte erahnt, kann sich ihrer Ausstrahlung nicht entziehen. Bei einem Picknick, an dem alle Pensionsgäste teilnehmen, "eskaliert" die Situation schließlich: George nähert sich Lucy, die gerade verträumt auf einer Wiese steht, und küsst die überraschte, aber nicht abgeneigte Frau. Beide meinen sich unbeobachtet, doch ausgerechnet Lucys Tante Charlotte hat die beiden gesehen. Um die Unschuld ihrer ihr anvertrauten Nichte fürchtend, veranlasst sie die sofortige Abreise. Lucy kann nichts dagegen tun und so kehren die beiden nach England zurück, in der Gewissheit nie wieder etwas von George und seinem Vater zu sehen oder zu hören.
Zurück in der Heimat, beginnt Lucy wieder das langweilige und widerspruchslose Leben zu führen, das man von einem Mädchen ihrer Position erwartet. Schließlich verlobt sie sich mit Cecil Vyse, einem versnobbten und unerträglich langweiligen Freund der Familie, den Lucy zwar schätzt, dem sie aber sicher keine Liebe entgegen bringt. Ihr zukünftiges Leben scheint in seine Bahnen gelenkt, ein Entrinnen ist kaum noch möglich. Doch Lucy scheint sich damit abzufinden und noch nicht einmal besonders unglücklich darüber zu sein.
Doch alles soll sich ändern, als neue Mieter ein nicht weit entferntes Haus beziehen: Zufall oder Schicksal, Mr Emerson und seinen Sohn hat es in diese Gegend verschlagen. Und Lucy hat erneut vor Augen, wie anders, wie abwechslungsreich das Leben doch sein könnte, wenn man sich nicht immer und überall Konventionen und Traditionen beugt. Sie ist hin und her gerissen, denn im miefigen England - umgeben von ihrer Familie und "Freunden" fällt es ihr nicht so leicht gegen das zu handeln, was von ihr erwartet wird, als im weit entfernten und um so viel freizügigeren Florenz. Schließlich ist es ausgerechnet ihre Tante Charlotte, die die Entscheidung forciert...
Umsetzung
*********
Wunderbar ausgestattet lässt dieser Film ständig Gegensätze aufeinanderprallen: Florenz gegen England, George gegen Cecil, Mr Emerson gegen Tante Charlotte usw., in einem Wort (oder ein paar mehr ;o)): Abenteuer und Überraschungen gegen Konvention und die Langeweile eines vorherbestimmten Lebens. Dem Zuschauer heute ist von Anbeginn klar, welches die jeweils bessere Alternative ist, trotzdem schafft es Regiesseur Ivory seinem Publikum den inneren Kampf der Protagonisten zu vermitteln. Ganz dezent stellt er dar, wie schwierig es für Lucy ist, sich innerhalb ihrer festen Lebensumwelt gegen diese zu entscheiden. Und das obwohl es da durchaus Menschen gibt, die von ihr nicht die Selbstaufopferung erwarten, die sie sich selbst auferlegt hat. Denn eines gibt es, was Lucy noch mehr im Wege ist als Konventionen: Ihr Stolz.
Darsteller
********
Helena Bonham-Carter hat sich ebenfalls auf Kostümfilme spezialisiert. Tatsächlich fällt mir auf Anhieb nur ein Filmtitel ein, bei dem sie nicht wallende Kleider und lange Locke trägt, nämlich "Geliebte Aphrodite" von Woody Allen. Aber auch wenn man meinen könnte, dass "Howard´s End", "Hamlet", "Mary Shelley´s Frankenstein" oder "The wings of the dove" sie zu sehr in eine Rollenschublade zwängen, so muss man nur über die Kostüme hinweg sehen, um zu erkennen, dass sie trotz allem immer vollkommen verschiedene Charaktere darstellt. Und in "A Room With A View" spielt sie mehr als überzeugend, das junge neugierige Mädchen, das in Florenz zum ersten Mal erfährt, was es wirklich heißen kann zu leben und darum kämpft, diese Erkenntnis in ihren Alltag hinüber zu retten.
Julian Sands ist in der Rolle des George Emerson zu sehen. Auch er überzeugt durchwegs als etwas exzentrischer, aber zum Teil sehr introvertierter junger Mann. Leider hat Julian Sands seither kein sehr glückliches Händchen mehr bei seiner Rollenauswahl bewiesen, Auswüchse wie "Boxing Helena" sind nicht wirklich zu den Sternstunden der Filmgeschichte zu zählen. Schade eigentlich, denn der Mann hat(te) Potenzial.
Daniel Day-Lewis beweist in "A Room With A View" einmal mehr seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit. Der Frauenheld in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", der behinderte Schriftsteller in "Mein linker Fuß" oder eben der versnobbte und verkrampfte bessere Herr, der Verlobte Cecil von Lucy in "A Room With A View", Day-Lewis lässt einen nicht nur aufgrund von Äußerlichkeiten oft daran zweifeln, ob es sich hier wirklich um den gleichen Schauspieler handelt. Ohne Zweifel einer der begnadesten und besessensten Schauspieler der letzten zwanzig Jahre.
Abgerundet wird die hervorragende Besetzungsliste von "A Room With A View" durch die beiden "Altstars" Dame Maggie Smith (Tante Charlotte) und Denholm Elliot (Mr Emerson).
Maggie Smith erscheint dermaßen verknöchert, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie in jungen Jahren auch einmal die schöne Geliebte gespielt hat. Dabei bringt sie durchaus auch zum Ausdruck, dass Charlotte selbst nur das Opfer äußerer Umstände ist, dass sie nur deshalb so geworden ist wie sie ist, weil sie immer das getan hat, was von ihr erwartet wurde.
Denholm Elliot zeigt einen etwas tölpelhaft erscheinenden Mr Emerson, der mit seiner direkten Art kein Fettnäpfchen auslässt, jedoch gerade deshalb besonders liebenswert erscheint. Und der trotz seiner Unbeholfenheit in manchen Dingen mehr Überblick über alles bewahrt als jeder andere am Geschehen Beteiligte.
Fazit
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"Zimmer mit Aussicht" habe ich zum ersten Mal gesehen als ich 13 war. Üblicherweise gefallen mir Filme, die ich damals mochte, heute nicht mehr sonderlich. Bei diesem jedoch ist es etwas anderes: Seiner Atmosphäre kann ich mich heute noch nicht entziehen, seine unerzwungene Romantik lässt jeden Zyniker wieder an die Macht der Liebe glauben (wie pathetisch das jetzt klingt, sorry!). Und nicht zuletzt zeigt er uns, welches Glück wir heute haben, da wir uns frei und ohne Standesdünkel dafür entscheiden können, mit wem wir unsere Zukunft verbringen wollen. Zumindest bei den meisten von uns sollte es so sein.




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