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Erfahrungsbericht von chaosdiva

Gnade des Jungseins oder Schande des Älterwerdens

Pro:

...

Kontra:

...

Empfehlung:

Nein

Kürzlich machte ein nordrhein-westfälischer Modediscounter Negativschlagzeilen. Mitarbeiter, die älter als 50 Jahre sind, sollen innerhalb der nächsten drei Monate auf ihre Entwicklung und Optik hin überprüft werden und je nach Einschätzung gekündigt werden.

Es ist wohl der Indiskretion eines von der Unternehmenspolitik empörten Mitarbeiters zu verdanken, dass das Protokoll einer Regionalleitersitzung als Quelle dieser Information an die Öffentlichkeit gelangte.

Um es gleich vorwegzunehmen: Unter juristischem Aspekt wäre eine Kündigung aus optischen oder altersbedingten Gründen nicht möglich.

Dies scheint das betreffende Unternehmen sehr wohl zu wissen, denn es zieht juristisch äußerst geschickt in Erwägung, die Kündigung in solchen Fällen aus betriebsbedingten Gründen auszusprechen.

Damit würde es den jeweils von einer Kündigung Betroffenen sehr schwer gemacht, mit Aussicht auf Erfolg für eine Weiterbeschäftigung mit rechtlichen Mitteln vorzugehen.

Der Sprecher der Dienstleistungsgewerkschaft verdi ist entsetzt über solche Erwägungen. Die inzwischen hergestellte Öffentlichkeit dürfte diesem Unternehmen sicher die Realisation dieser menschenverachtenden Pläne schwierig machen, da man davon ausgehen kann, dass die Entwicklung in der nächsten Zeit aufmerksam beobachtet werden wird.

Mit diesem Fall tritt jedoch nur eine Problematik ins Bewußtsein der Öffentlichkeit, die von vielen anderen Unternehmen auch schon längst, nur lediglich eher unter dem Mantel der Diskretion gehandhabt wird.

Ein persönlich erlebtes Beispiel möchte ich an dieser Stelle zur besseren Veranschaulichung erwähnen.

Während meines Studiums arbeitete ich in den Semesterferien für einige Monate als Assistentin des Personaldirektors eines traditionsreichen deutschen Unternehmens, das einige Zeit zuvor von einem amerikanischen Multi aufgekauft wurde.

Mein Vorgesetzter war ein 33jähriger, junger dynamischer BWLer, der sich in rasantem Tempo bis zum Posten des Personaldirektors hochgearbeitet hatte.

Zu meinem Aufgabengebiet gehörte es unter anderem, nach seinen Vorgaben Anforderungsprofile für neue Mitarbeiter zu erstellen, Anzeigen zu schalten und die eingehenden Bewerbungen auf Qualifikation hin zu überprüfen um ihm, damit er sich nicht selbst durch die große Zahl an Bewerbungsunterlagen lesen mußte, Bewerber zu empfehlen.

Unsere Besprechungen liefen meist nach dem gleichen Schema ab. Ich saß ihm gegenüber, mit meinem Stapel der von mir als für eine Besetzung der jeweiligen Positionen als geeignet herauskristallisierten Bewerbungen und reichte ihm eine nach der anderen mit ein paar Vorabinfos über den Schreibtisch.

Er warf einen kurzen Blick auf das Bewerbungsfoto, dann auf das Alter, und legte einige davon sofort zur Seite, ohne weiter den Lebenslauf geschweige denn die Zeugnisse zu lesen.

Sehr bald erkannte ich sein System. Alle Bewerber, die über 35 Jahre alt waren, sortierte er einfach aus, ohne ihnen jemals eine Chance zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch zu geben!

Da er mir, obwohl ich erst kurz für ihn tätig war, einen relativ weit gefaßten Rahmen des eigenverantwortlichen Arbeitens zugestand und gerne bereit war, meiner Einschätzung zu vertrauen, wagte ich es in einer Situation, ihn auf sein Verhalten hinzuweisen.

Ich hatte ihm wieder einmal mit ein paar erklärenden Worten eine Bewerbung rübergereicht. Er warf, wie ich es bereits kannte, einen flüchtigen Blick auf das Foto, dann schweifte sein Blick auf das Alter und er legte diese Bewerbung ungelesen auf den Stapel, der Absage bedeutete.

Er sah mich erwartungsvoll an, wollte nach der nächsten Bewerbung greifen, doch dieses Mal reichte ich ihm keine weitere von meinem Stapel rüber. Ich blickte ihn lediglich an, lächelte und sagte nur: „Nach Ihren Kriterien dürfte ich gar nicht für Sie arbeiten“. Etwas irritiert blickte er mich an, schien nichts verstanden zu haben. „Ja“, sagte ich mit einem leichten Lachen in der Stimme, „mir fällt auf, dass Sie prinzipiell Leuten, die über 35 sind, überhaupt keine Chance geben.“ „Und ich bin übrigens bereits 36“, fügte ich hinzu.

Für den Rest des Tages lief unsere weitere Zusammenarbeit eher wortkarg von seiner Seite ab. Er entzog mir den Vorcheck der Bewerbungsunterlagen, übernahm ihn selbst. An den Stapeln, die ich auf meinen Schreibtisch bekam, um freundliche Absagen rauszuschicken, erkannte ich schon bald, dass er an seinem Verhalten nichts geändert hatte.

Während andere Unternehmen die Grenze bei vierzig oder fünfundvierzig Jahren ziehen, zog er sie bereits bei fünfunddreißig, was ich als besonders heftig und extrem empfinde.

Ein weiterer Aspekt, den ich im Laufe der Zeit beobachten konnte, ist der, dass viele Unternehmen auch deswegen jüngere Mitarbeiter bevorzugen, weil diese meist noch nicht so hohe Gehaltsforderungen stellen, wie dies ältere Bewerber aufgrund ihrer längeren Berufserfahrung tun. All die Unternehmen, die so vorgehen, haben meiner Meinung nach nicht erkannt, auf welches Erfahrungspotential sie damit auch verzichten.

Und das Miteinander im Arbeitsleben von jüngeren und älteren Mitarbeitern könnte durchaus sehr bereichernd und konstruktiv für beide Seiten sein, denn sowohl die jüngeren Mitarbeiter könnten von der beruflichen Erfahrung der älteren Kollegen ebenso profitieren wie die älteren Kollegen von den Fähigkeiten der jüngeren.

Um es ganz klar zum Ausdruck zu bringen: Es ist weder eine Gnade, jung zu sein, noch eine Schande, etwas mehr an Lebensalter und Lebenserfahrung bereits hinter sich gebracht zu haben.

Der Jugendlichkeitswahn, der sich in unserer Gesellschaft immer mehr auszubreiten scheint, ist meines Erachtens der falsche Weg, sich den Herausforderungen zu stellen, die die heutige Zeit an uns alle richtet.

© chaosdiva


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2004-02-09 12:59:37 mit dem Titel Blockade. Oder alles nur Verlierer?

Nein, es geht hier nicht um irgendwelche politischen Demonstrationen in Form einer Sitzblockade.

Die Blockade, von der ich hier spreche, entstand aus einem Schockerlebnis der ganz besonderen Art. Traurig ist es allerdings, dass so viele andere Menschen in unserem Land das auch erleben müssen.

Diesen ganz besonderen Augenblick im Leben, wenn man plötzlich völlig unerwartet erfährt, dass man gerade seinen Job verloren hat und von einer Sekunde zur anderen nichts mehr so ist wie es einmal war.

Jede bisherige Alltagsplanung, jede bisherige Zukunftsperspektive wird dadurch ganz unvermittelt ausgehebelt und als Reaktion stellt sich oftmals ein überaus heftiger Schockzustand ein.

Schlimm genug, dass damit plötzlich jede Menge existenzieller Sorgen und Nöte am eigenen Haushaltshorizont auftauchen.

Schlimmer aber ist dieses nagende, fast selbstzerstörerische Gefühl, die plötzlich aufkommenden Selbstzweifel auch bei Menschen, die bisher souverän ihr Leben meisterten. Das eigene Selbstbild, die eigene Identität, scheint plötzlich völlig in Frage gestellt.

Noch schlimmer allerdings ist es, nun auch der Familie, den Freunden, den vielen Bekannten irgendwann auf neugierige Fragen offen und ehrlich antworten zu müssen: Ja, ich gehöre jetzt auch zu dem Heer der Arbeitslosen in diesem Lande.

Sollten diese über vier Millionen Menschen in unserem Land wirklich alle einfach nur Versager sein? Verlierer? Unfähige? Nichtarbeitenwollende Sozialschmarotzer?

Aber, was sollten denn all diese Überlegungen und Gedanken mit dem in der Titelwahl doch eindeutig bestimmten Thema Blockade zu tun haben? Das zumindest ist wesentlich leichter erklärt als die zugrundeliegende Situation sich wieder beheben läßt.

Es geht um die kreative Blockade, die dieser Schockzustand in mir auslöste und mich eine viel zu lange Zeit völlig erstarrt mit dem Gefühl der absoluten Leere in meinem Kopf zurückließ.

Zu meiner ausgeübten konzeptionellen und kreativen Tätigkeit gehörte das Analysieren von Sachverhalten, deren konzeptionelle Umsetzung in prägnanten Texten und Scripts, die dann in Form von Filmen visualisiert werden sollten. Eine Tätigkeit, die neben dem Streß, unter Zeitdruck kreativ sein zu müssen, sehr sehr viel Spaß machte und jede Menge an Kreativität voraussetzte.

Wer den einen oder anderen meiner Berichte bereits gelesen hat, dem wird sicher auch der eine oder andere Aspekt, den ich hier etwas detaillierter anspreche, bekannt vorkommen, der in meinen früheren Berichten jedoch eher etwas verborgen zwischen den Zeilen herauszulesen war.

Tja, wie lebt es sich als kreativer Mensch mit der absoluten kreativen Blockade? Ziemlich mies würde ich aus eigener Erfahrung sagen. Und da hilft auch keine rationale Herangehensweise, diese Blockade doch einfach nur zu ignorieren. Da hilft auch kein Versuch, einfach relaxed, ganz cool und locker zu bleiben.

Es ist wirklich ein Zustand, als wäre man in einen Mantel aus Beton eingegossen worden oder als hätte jemand mit einem kurzen Mausklick das gesamte kreative Potential einfach gelöscht.

Und, als schiene es eine Bestätigung meiner ganz persönlichen Erfahrung zu sein, dass es so etwas wie Zufälle eigentlich nicht wirklich gibt, weil im nachhinein viele der erlebten „Zufälle“ sich eigentlich ganz konsequent aus der jeweiligen Entwicklung und aus der jeweiligen Situation einfach nur folgerichtig aufdrängen mußten, war es dann genau einer dieser Zufälle, der mir den Weg aus der Blockade heraus wieder öffnen sollte.

Doch der beste Zufall nützt nichts, wenn man nicht wenigstens offen dafür ist und die Bereitschaft mitbringt, einfach neue Wege zu gehen, sich einfach auf ein Experiment einzulassen.

Der für mich wichtigste Zufall dieses Jahres war der, der mich auf eine Produktplattform führte, auf der man Erfahrungsberichte und Produktberichte veröffentlichen konnte. Seitdem gehe ich von Bericht zu Bericht einen winzigen Schritt auf dem Weg weiter, meine Sprache, meine Handschrift, mein kreatives Potential wiederzufinden.

In diesem Prozeß ist für mich jedoch das Schreiben eigener Berichte genauso wichtig wie das Lesen der vielen anderen Berichte, die immer wieder impulsgebend dafür sind, selbst etwas zu schreiben.

Das schlimmste an der Bewältigung dieser Blockade habe ich bereits hinter mir. Meine existentiellen Probleme habe ich dadurch bis jetzt nicht lösen können. Aber ich beginne, die unzähligen Ideen, die in meinen Schubladen lange in Vergessenheit geraten waren, wieder aufzugreifen, zu überarbeiten, in eine realisierbare Form zu bringen.

Denn wer, wenn nicht ich, sollte besser wissen, dass der längste Weg mit dem winzig kleinen allerersten Schritt beginnt?

© chaosdiva


----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2004-02-20 16:22:30 mit dem Titel Chaosdivas Blick in die Kristallkugel.

Wir schreiben das Jahr zehn. Ja, Sie lesen richtig: Auch die Zeitrechnung war umgestellt worden und so war es tatsächlich das Jahr 10 nach den vielen uns eine Wohltat nach der anderen versprechenden Reformen. Darunter auch die besonders fürsorgliche und liebevolle Gesundheitsreform, denn Gesundheit geht uns ja schließlich alle an.

Das Straßenbild hatte sich verändert. Alle Menschen trugen deutlich erkennbar, meist mit einer Sicherheitsnadel an ihre Kleidung geheftet, einen 10-Euro-Schein mit sich herum. So waren sie auch für den Fall der Fälle, daß ihnen ein unvorhergesehenes Unglück auf ihrem Weg passieren sollte, immer gerüstet, in der Notaufnahme eines Krankenhauses auch aufgenommen zu werden.

Selbst für den Worst Case konnten sie damit auf der sicheren Seite sein. Denn niemand würde sich mehr weigern können, einen Totenschein für sie auszustellen. Schließlich war selbst der Tod nicht mehr für umsonst zu haben und für dessen Feststellung und Bestätigung mußte noch der stolze Preis von zehn Euro entrichtet werden.

Daß dadurch die Zahl der Raubüberfälle zunahm, denn schließlich weckte dieses winzige Stückchen Papier so offen dargeboten auch Begehrlichkeiten, nahm man billigend in Kauf, denn für einen eventuellen Notfall galt es einfach, gerüstet zu sein.

Viele Ärzte, vor allem aber die wenigen Idealisten unter ihnen, die eher daran interessiert waren, ihrem Eid zu folgen und alles für die Heilung ihrer Patienten taten, hatten inzwischen ihre Praxis schließen müssen, da sie von den Krankenkassen [warum eigentlich nicht Gesundheitskassen, das hatte man wohl vergessen, zu reformieren] regreßpflichtig gemacht wurden.

Somit hatte man sie also an den Rand des Ruins getrieben und fortan durften sie, zusammen mit anderen Akademikern aus den verschiedensten Bereichen nun auch als Straßenkehrer einer durchaus für unser aller Gemeinwesen nützlichen Tätigkeit nachgehen. Längst schon hatten sie aufgehört zu murren und folgten freudig der dank der Arbeitsmarktbereinigungsinitiative der damaligen Regierung entstandenen Erweiterung ihres Bewußtseins.

Die ewig nörgelnden, mit allem unzufriedenen, mehr Chaos als Wissenschaft über uns alle ergießenden Studenten reihten sich bereits als aussterbende Spezies in die Annalen unserer Geschichtsbücher ein.

Die wenigen Eliteunis beherbergten fortan nur Millionärstöchterchen und Millionärssöhnchen sowie ein Heer an Nachhilfelehrkräften, das dieser Elite in unermüdlichem Einsatz dazu verhalf, auch wirklich zur geistigen Elite heranreifen zu können.

So ganz nebenbei waren leider auch die Gefängnisse längst schon überfüllt mit schwarz putzenden Frauen, Baby sittenden Teenies, Hunde ausführenden Kiddies und heimlichen unheimlichen nachbarlichen Renovierungshelfern.

Chronisch Kranke hatten mit dankenswerter Konsequenz beschlossen, ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern nicht mehr länger durch zu hohe Behandlungskosten auf der Tasche zu liegen, und lösten sich einfach in Luft auf.

Rentner erstarrten in Demut vor diesem großzügigen Geschenk, das man ihnen in Form der Rentenzahlung machte. Obwohl sie es in ihrem beschwerlichen Arbeitsleben bereits selbst in die auf wundersame Weise wieder leer gewordenen Rentenkassen eingezahlt hatten, ließen sie es gerne noch einmal versteuern. Das hatten sie zwar vorher schon bei der Einzahlung ihrer Rentenbeiträge getan, aber sie wollten nur zu gerne auch ihren Obulus zu aller Wohlstand beitragen.

Etwas starrköpfig, wie sie halt manchmal so sind, die älteren Herrschaften, hätten sie wohl lieber Heilkräuter gepflückt anstatt zehn Euro Eintrittsgebühr für einen Arztbesuch zu zahlen, wenn sie das eine oder andere Zipperlein mal wieder plagte. Da ihre Rente zusätzlich mit angemessenen Krankenkassen-, Pflegekassen- und sonstigen der menschlichen Sicherheit dienenden Beiträgen versehen war, konnte sich von den paar übriggebliebenen Euros wirklich keiner mehr von ihnen ernähren. Und so stürzten sich viele Rentner gleich freiwillig mit Eintritt ihres Pensionärsdaseins aus den obersten Stockwerken der Altenheime.

XYZ, also Menschen wie du und ich, irrten meist unterernährt, graugesichtig und schweigend durch die Welt, weil es ihnen peinlich war, den Mund überhaupt noch zu öffnen, da sie zahnlos waren, denn niemand konnte sich mehr den teuren Zahnersatz leisten.

Alles in allem: Obwohl es erst das Jahr zehn nach diesen Jahrhundertreformen oder besser gesagt Jahrtausendreformen war, war doch dank des unermüdlich reformierenden Einsatzes der damaligen Politiker eine wunderschöne neue graue Welt entstanden, in der jeder Underdog wirklich höchst zufrieden in seinem Pappkarton an der nächsten Straßenecke lebte.

Und so wird wohl die unausgesprochene Beschwörungsformel aller zu jeder Tages- und Nachtzeit gelautet haben: Liebe Regierung, bitte bitte bitte, ganz schnell her mit der nächsten Reform!

© chaosdiva

[Anmerkung:
An alle, bei denen dieser Bericht eventuell Unverständnis hervorruft: Die Ironie habe ich bewußt gewählt, da es mir die adäquate Antwort auf eine Gesundheitsreform schien, die ich als zynisch empfinde.]

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