Istanbul Testbericht
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Erfahrungsbericht von LosGatos
Von München nach Stambul
Pro:
es gibt viel zu sehen
Kontra:
Viel Verkehr und es gibt zu viel zu sehen
Empfehlung:
Ja
So sitze am Terminal 2 und warte auf die Lufthansa-Maschine, die mich non-stop an den Bosporus bringen soll. Natürlich habe ich vorher in Internet bzw. Video-Text nachgesehen, wie es um die Pünktlichkeit der Abflüge an diesem Tag bestellt ist. Keinerlei annullierte Flüge und nur wenige Verspätungen habe ich dort ausmachen können. Der Einstieg würde sich um einige Minuten verzögern, da die Maschine erst sehr spät in München eingetroffen sei. Ich hatte nichts anderes erwartet. Aber bereits 15 Minuten nach der offiziellen Startzeit lässt man uns einsteigen. Fast normal könnte man sagen. Aber ich habe mich zu früh gefreut. Nachdem es im Flieger heißt „Boarding completed“, lässt uns der Kapitän keine 5 Minuten später wissen, dass erst noch ein Koffer von einem Fluggast, der doch nicht mitreist, gesucht und wieder ausgeladen werden müsse. Aber dafür hätten wir sehr viel Zeit, denn aufgrund der Wettersituation dürften wir frühestens in 90 Minuten die Triebwerke anlassen. Ich bin nicht in Zeitdruck, weil ich mir in weiser Voraussicht den Tag als reinen Reisetag eingerichtet hatte, aber ich fühle mich doch ziemlich veralbert. Denn das hat man sicher vorher gewusst. Und jetzt sitze ich hier 90 Minuten auf dem Trockenen, sieht man von dem Becherchen Wasser ab, das man den Holzklässlern zubilligt. Aber so wird Pünktlichkeit vorgespielt. Sobald die Türen zu sind, gilt die Maschine als abgeflogen. Zum Glück habe ich meinen MP3-Player und u.a. Cat Stevens und Eric Clapton dabei, die mir helfen mich aufzumuntern. Oh Baby, it’s a wild world….
Nach 90 Minuten bewegt sich die Maschine, wie in Aussicht gestellt, sie muss nun noch die Enteisungsprozedur über sich ergehen lassen, so dass es endlich losgeht und ich mich für gut 2 Tage von dem lästigen Schnee verabschieden kann. Zwar ist Istanbul keineswegs schneesicher, erst vor gut 14 Tagen herrschte dort absolutes Schneechaos, wie den Nachrichten zu entnehmen war. Aber wie immer, wenn ich auf Reisen gehe, erkundige ich mich rechtzeitig über wetteronline.de über das vor Ort zu erwartende Wetter. Allein, um sicher zu gehen, die richtige Kleidung einzupacken. Allzu toll war sie nicht die Prognose. Zwar dürfte es um gut 10 Grad wärmer sein als in München, aber ich musste mich auf Regen einstellen.
Mit ca. zweieinhalb Stunden Verspätung erreichen wir Istanbul. Natürlich muss ich erst noch durch die Pass-Kontrolle, ein Visum benötigen Deutsche nicht. Dann geht alles recht schnell. Trotz einer großen Zahl von Abholern, die mit Schildern auf Ankömmlinge warten, mache ich meinen Fahrer schnell ausfindig. Mittlerweile ist Feierabendverkehr. Aber der scheint in Istanbul fast immer zu herrschen. Kein Wunder bei einer Stadt mit über 10 Millionen Einwohnern und einem spärlichen U-Bahn-Netz. Der Flughafen liegt außerhalb der Stadt im kleinen europäischen Teil der Türkei. Nach ca. einer halben Stunde erreichen wir mein Hotel. Mein türkischer Kollege hat mir auf dem Handy die Nachricht hinterlassen, dass man mich am nächsten Morgen um 8 Uhr am Hotel abholen würde. 8 Uhr heißt für mich 7 Uhr, denn in der Türkei ist man uns in Deutschland eine Stunde voraus.
Der Abend würde mir also zur freien Verfügung bleiben. Es ist das dritte Mal, dass ich in Istanbul bin. Zuletzt war ich im Dezember 2004 ebenfalls beruflich hier, und mein allererster Besuch in der Stadt am Bosporus liegt über 16 Jahre zurück. Damals war ich im Oktober zum Abschluss eines Türkei-Urlaubs für etwa 3 Tage hier. Das Wetter war damals nicht sehr stadtbesichtigungsfreundlich. Noch heute habe ich einen bunten Schal, den ich damals im Großen Basar erstand, um der frühherbstlichen Kälte zu trotzen. Dieses Mal würde ich nicht frieren, denn den deutschen Winter habe ich nicht ohne Wintermantel, Schal und festes Schuhwerk verlassen. Sogar einen Regenschirm habe ich eingepackt. Doch ich sollte Glück haben. Denn das Wetter würde hier in den nächsten 2 Tagen besser sein als der Ruf, der ihm durch das Internet nach Deutschland vorauseilte.
Wie schon beim letzten Besuch im Dezember war ich auch dieses Mal wieder im Marmara-Hotel abgestiegen. Kein überragendes, aber durchaus gutes Hotel, das für einen Banausen wie LosGatos allemal ausreicht. Es liegt zwar nicht direkt am Bosporus wie einige teurere Hotels, aber zentral im neuen Teil der Stadt zwischen Bosporus und Goldenem Horn. Man kann von hier einiges zu Fuß unternehmen, wie Sie noch sehen werden.
Ich verlasse das Hotel zur linken, überquere die Straße und schon bin ich in einer Fußgängerzone. Mein Weg soll mich zu einem Restaurant führen, wo ich beim letzten Mal mit einem Kollegen war. Ich würde es sicher noch finden, und es sollten nicht mehr als 10-15 Minuten zu gehen sein. Nun, schnell kommt man hier allerdings nicht vorwärts. Denn Istiklal, so der Name der Straße, ist immer stark frequentiert, insbesondere zur Rush Hour ab 18 Uhr. Wer sich nicht durch die Menschenmassen durchwühlen will, kann auch eine Straßenbahn benutzen, das einzige Gefährt, das hier ohne Sondergenehmigung fahren darf, wenn man von den Autos absieht, die die Fußgängerzone aus einigen Querstraßen überqueren dürfen. Die Straßenbahnen bestehen nur aus einem winzigen Waggon, der vom Aussehen an das San Francisco Cable Car erinnert. Hier erfolgt der Antrieb allerdings elektrisch. Ich habe Zeit und schlendere die Straße gemächlich hinunter. Ja, es geht hier leicht bergab. Nichts erinnert an eine Stadt des Orients. Die meist jungen Leute sind nicht anders gekleidet als in Deutschland oder in irgendeiner anderen Stadt von Rumsfelds Altem Europa. Wahrscheinlich laufen in Berlin-Kreuzberg mehr Frauen mit Kopftüchern herum als hier, denn die muss man hier fast mit der Lupe suchen. Stattdessen sehe ich überwiegend schöne und gutaussehende Frauen. Wenn es auch nicht die Jugend der Welt ist, die sich hier trifft, so ist es zumindest die von Istanbul. Restaurants gibt es hier in Hülle und Fülle, aber ich habe ja ein bestimmtes Ziel. Auch gibt es hier jede Menge Wechselstuben und natürlich auch Geldautomaten. Ich habe aber vorerst nicht vor, Geld zu wechseln. Ich vermeide es außerhalb von Euroland soweit wie möglich und bezahle lieber mit Kreditkarte, was sich auch beim letzten Besuch bewährt hatte. Nach ca. 500m erreiche ich die Çiçek-Passage, die rechts hineingeht. Es handelt sich um eine reine „Fressgasse“, wo Restaurant auf Restaurant folgt. Man kann drinnen wie draußen sitzen. Obwohl Abend und Ende Februar, sitzen viele Gäste draußen, es ist nicht kalt. Den Rest können ja das Essen und der Raki erledigen. Wie man es aus vielen Touristengegenden kennt, stehen hier die Kellner vor der Tür und wollen einen jeden überreden, bei ihnen einzukehren. Um diese Jahreszeit verkehren hier natürlich recht wenig Touristen, aber diese Lokale werden auch in erster Linie von Einheimischen besucht, was natürlich für sie spricht. Ich trotze allen Überredungskünsten und gehe bis zum Ende durch. Das Kimene-Restaurant zur Linken bezieht seinen Fisch nämlich direkt vom Stand eines Fischhändlers, der neben ihm in einer angrenzenden Verkaufspassage liegt. Hier habe ich große Auswahl. Ich lasse den Besitzer gleich wissen, dass ich schon beim letzten Mal mit ihm gute Erfahrungen gemacht habe. Das macht Eindruck. Nein, ich spreche kein Wort Türkisch, aber man versteht hier, wo nötig, Englisch und Deutsch. „This Fish is from my Home Country at the Black Sea.“ Ich entscheide mich für eine Dorade.
Ja, das Schwarze Meer ist hier nur noch wenige Kilometer entfernt. Ansonsten ist Istanbul ja von genügend Wasser umgeben bzw. durchsetzt. Da ist zunächst die Meerenge Bosporus, die das Schwarze Meer nicht nur vom Marmara-Meer trennt, sondern die auch die Grenze zwischen Europa und Asien darstellt. Istanbul, eine Stadt, die auf zwei Erdteilen liegt, denn Istanbul wächst vor allem auf der asiatischen Seite. Im Süden von Istanbul liegt dann das Marmara-Meer. Geteilt wird die Stadt auch noch durch das Goldene Horn, einen Nebenarm des Bosporus, der aber keine durchgehende Wasserstraße darstellt, sondern nach wenigen Kilometern in einer Sackgasse endet.
Die Speisekarte ist mehrsprachig, aber hier darf auch das Auge mitentscheiden. Die kalten Vorspeisen werden hier meist auf einem großen Tablett präsentiert. Ich entscheide mich für einen Auberginen-Salat, den man mir sofort auf den Tisch stellt und ordere als weitere (warme) Vorspeisen Calamari und frittiertes Hirn. Man ist leicht geneigt, noch mehr zu bestellen, aber dann braucht man kein Hauptgericht mehr. Eine durchaus denkbare Alternative, denn die Vorspeisen sind hier alle köstlich. Dazu bestelle ich mir ein kleines Fläschchen Weißwein und lasse es mir gut gehen. Vielleicht geht es Ihnen auch so wie mir manchmal. Es gibt Tage, da möchten Sie sich vor den Spiegel stellen und sich selbst die Ohren voll jammern. Heute ist ein ganz anderer Tag. Ich sage mir, ich gehöre zwar nicht zu den Reichen dieser Welt und sicher geht es dem einen oder der anderen um einiges besser als mir. Aber habe ich Grund, mich in irgendeiner Weise zu beklagen? Ich bin gesund, habe immer genug zu essen und habe schon so manches Fleckchen auf dieser Welt gesehen. Vorgestern Casablanca, gestern Mexico, heute Istanbul, morgen ?? Vergessen ist längst die Tagesstrapaze und Warterei im Flieger. Es ist nicht warm hier, aber angenehm, ich bin Eis und Schnee ausgebüxt. Was will ich mehr? Im Lokal sind auch 3 Musiker, die mit Geige, Percussion und Zupfinstrument orientalische Musik spielen. Ich kenne sie noch vom letzten Mal. Würde ich diese Musik daheim von der CD hören, sie würde mich total nerven. Hier genieße ich sie. Wer nicht genießt, ist ungenießbar (Konstantin Wecker). Nun rächt es sich, dass ich kein Bargeld gewechselt habe. Ich könnte ihnen zwar auch 5 Euro geben, doch schiene mir das unangemessen viel. Der Kellner erklärt ihnen, dass bei mir wohl nichts zu holen sei. Sie ziehen von dannen. Ich frage den Kellner, ob er denen nicht 5 Neue Türkische Lira geben und mir die auf Rechnung setzen könnte. Er willigt ein. Allerdings sehe ich nicht, dass 5 Lira den Besitzer wechseln. Ich weiß nicht mal, ob sie zum Schluss auf meiner Rechnung standen. Ja, seit meinem letzten Besuch hat sich einiges geändert. Die Türkei hat Millionen von Millionären verloren. Denn bis Ende 2004 war hier sogar der Allerärmste Millionär. 1 Euro stand in etwa bei 1,8 Millionen Lira. Jetzt hat man einfach 6 Nullen gestrichen, und eine neue türkische Lira (YTL) entspricht 1 Million alter Lira. Die alten Scheine sind noch bis Ende 2005 gültig.
Nach dem Hauptgericht bin ich total gesättigt, eine Nachspeise geht nicht mehr hinein. Dafür aber ein türkischer Kaffee und ein Raki. Den Kaffee, bei dem der Kaffeesatz mit aufgekocht wird und in der Tasse bleibt, kann man entweder ohne Zucker, mit wenig oder mit viel Zucker trinken. Obwohl ich ansonsten immer nur schwarzen Kaffee trinke, denke ich, dass der türkische Kaffee ohne Zucker ähnlich wie Espresso weniger genießbar ist. Also die mittlere Variante. Raki ähnelt dem griechischen Ouzo, wird aber meist wie der französische Pastis mit Wasser verdünnt getrunken. Je nach Geschmack halt. Von früheren Türkei-Besuchen weiß ich, dass es sich nicht empfiehlt, mehr als einen Raki zu trinken. Denn das Zeug ist verdammt stark. Und ich muss ja am nächsten Tag arbeiten. Der Chef kommt vorbei und lässt mich wissen, dass das ein Geschenk des Hauses sei. Allerdings weiß ich nicht, ob er den Kaffee, den Raki oder beides meint. Ich lasse die Rechnung kommen und zahle 51 YTL mit meiner Amex, was etwa 30 Euro entspricht. Also nicht unbedingt billig, aber ich habe ja auch eine ganze Menge dafür bekommen.
Zufrieden ziehe ich von dannen. Am Eingang der Passage bleibe ich noch an einem Stand mit türkischen Süßigkeiten stehen. Die vielen Arten von türkischem Honig, die es hier gibt, sehen einfach zu verlockend aus. Besonders die, die voller Pistazienstücke sind. Ich kaufe eine Tüte weiß-grüner Würfel und bezahle dafür 5 YTL. Nicht unbedingt ein kreditkartengerechter Betrag, aber heute geht es halt nicht anders. Es geht wieder die Fußgängerzone hinauf. Das einzige, was ich nicht verstehe ist, warum mir in dieser Seeligkeit ein Wachmann mit Maschinenpistole entgegenkommt.
Zurück im Hotel möchte ich noch meinen Gutschein für den Willkommensdrink einlösen. Letztes Mal wollte ich dafür einen Whisky haben, was aber nicht geklappt hatte. Also frage ich gleich, was ich dafür bekäme. Ein Bier oder eine Cola. Hm. Ob auch ein Raki drin wäre? Ja, das ginge auch. Oh je, LosGatos, du kannst es nicht sein lassen! Das ist jetzt doch der Zweite.
Für den nächsten Morgen habe ich mein Handy auf 5Uhr30 lokale Weckzeit gestellt. Ich brauche halt morgens immer etwas Zeit. Außerdem muss ich meine Kundenpräsentationen noch etwas trimmen. Mit zwei Raki schwerem Kopf packe ich es an, nicht ohne vorher noch eine Aspirin einzuwerfen.
Um 8 Uhr ist mein Fahrer da. Da es ein anderer ist als gestern, erkenne ich ihn nicht, und er lässt mich über einen Hotel-Boy per Schild suchen. Irgendwann kommen wir doch zusammen. Wir müssen wieder heraus aus der Stadt Richtung Flughafen, was aber gut eine Stunde dauern kann. Denn durch das morgendliche Verkehrschaos gibt es an manchen Stellen kaum ein Durchkommen. Ich möchte hier nicht Auto fahren. Wer hier nicht gnadenlos drängelt und sich überall durchquetscht, kommt schwerlich voran. Vor allem darf man hier keine Angst um sein Auto haben. Es bleibt bestimmt nicht lange knitterfrei. Bald hängen wir in einem Stau. Der Fahrer versucht ihn über Schleichwege zu umgehen, aber irgendwann kommen wir wieder da raus, wo der Stau anfing. Trotzdem sind wir pünktlich. Mein türkischer Kollege wartet schon auf mich.
Unser Meeting dauert wie geplant nicht länger als gut eineinhalb Stunden. Nach weiteren gut 30 Minuten Small Talk sind wir fertig. Ich hätte die Wahl, mit ins Büro zu kommen oder Sightseeing zu machen. Ein Blick auf den strahlend blauen Himmel erleichtert die Entscheidung, zumal ich nichts Wichtiges mehr zu besprechen habe bis zum nächsten Tag, wo ein weiterer Kundenbesuch ansteht. Der Fahrer fährt uns zurück in die Stadt, um mich am Hotel abzuladen. Vorher muss er noch irgendwo was abgeben. Wir kommen an einem deutschen Krankenhaus vorbei. Parkraum ist hier Mangelware. Polizisten haben hier auf alles ein Auge. Doch es genügt ein kurzes Gespräch zwischen Fahrer und Polizist, damit dieser ihm ein Hütchen wegräumt, wo wir dann kurz parken dürfen. Ich habe aber nicht gesehen, dass ein Geldschein den Besitzer gewechselt hätte. Ich verabrede mich mit meinem Kollegen zum Abendessen.
Im Hotel ziehe ich mich schnell um, wechsele 30 Euro in Neue (und Alte) Türkische Lira und lasse mir noch einen Stadtplan geben. Einen Teil des Geldes investiere ich gleich in einen Döner. Hier kann ich zwischen 3 Brotsorten wählen. Weißbrot, Fladen zum Einwickeln oder ein etwas größeres Brötchen. Ich entscheide mich für letzteres. Der Döner kostet maximal 2 Euro und schmeckt zu meiner Überraschung wesentlich milder, als wir es in Deutschland von Türken gewohnt sind. Mein Kollege hatte mir empfohlen, zunächst zum Galata-Turm zu gehen und später vielleicht eine Bosporus-Rundfahrt auf dem Schiff zu machen. Ich finde die Idee gut. Also gehe ich erst mal zum Galata-Turm. Dazu brauche ich nur die Fußgänger-Zone bis zum Ende hinunterzugehen, plotzlich habe ich den Turm zur Rechten. Ich komme mir vor wie David neben Goliath. Es geht steil hinauf, nicht nur im Turm, sondern auch schon außerhalb. Als Eintritt werden hier 7 YTL (gut 4 Euro) verlangt. Ich stelle fest, dass ich mit den alten Lira-Scheinen meine Schwierigkeiten habe. Zwischen 6 und 7 Nullen ist halt schwer zu unterscheiden. Die Währungsreform war also ein weiser Entschluss. 7 YTL sind nicht gerade wenig für so einen kurzen Besuch. Dafür darf ich mit dem Fahrstuhl hochfahren, die Treppe ist ohnehin gesperrt. Hier merke ich, dass doch so einige Touristen in der Stadt sind. Mir fallen vor allem Italiener, Japaner (Klick-Klick) und eine dicke Österreicherin auf, die mich fast über den Haufen rennt. Von oben (140m über dem Meeresspiegel, der Turm selbst ist immerhin 61m hoch) hat man eine herrliche Aussicht über weite Teile Istanbuls, auf den Bosporus bis hin zur Europa-Brücke, das Marmara-Meer und das Goldene Horn einschließlich all der großen Moscheen, die es hier in großer Anzahl gibt und für die Istanbul weltberühmt ist. Ich befinde mich hier in einem fast 1500 Jahre alten Gebäude, denn im Jahre 528 hat es der byzantinische Kaiser Justianus errichten lassen. Im 13. Jahrhundert war er in der Hand der Genueser, bis schließlich Istanbul von den Türken erobert wurde.
Aufgrund der verschiedenen Herrscher wurde die Stadt im Laufe der Zeit unter verschiedenen Namen geführt. Als Byzanz gegründet, hieß es ab 330 n.Ch. Konstantinopel, bis zur Eroberung durch die Türken im Jahre 1453. Seitdem ist es als Istanbul bekannt und war bis 1923 sogar Hauptstadt der Türkei. Seit über 80 Jahren ist das kleinere (immerhin auch 5 Millionen Einwohner) Ankara Regierungssitz der Türkei.
Vom Galata-Turm sehe ich schon Ausflugsschiffe fahren. Ich muss nur steil hinunter in Richtung Galata-Brücke gehen. Auf dem Weg fällt mir auf, dass es hier ungewöhnlich viele Geschäfte für Musikinstrumente gibt. Möglicherweise sind die hier nur konzentriert, denn das erleben wir ja auch in anderen Städten immer wieder, dass Konkurrenz oft Tür an Tür wohnt. Gleiches gilt hier für Elektronik-Läden.
Im Bosporus könne man nicht baden, hatte mir mein Kollege gesagt. Er sei zum einen viel zu kalt, vor allem aber zu dreckig. Trotzdem steht auf der Galata-Brücke ein Angler neben dem anderen. Würden das die Fische sein, die ich heute Abend zu essen bekäme? Ich überquere die Brücke und bin damit in Alt-Istanbul. Hier gibt es die meisten Sehenswürdigkeiten wie die Blaue Moschee, die Hagia Sophia (heute Museum) und den größten Basar der Welt. Das alles habe ich bei meinem Besuch im Jahre 1988 angesehen. Heute steht mir der Sinn weder nach Moschee, Museum noch Basargedränge. Stattdessen begebe ich mich zum Kai, wo ein junger Mann mich im halbwegs verständlichem Deutsch fragt, ob ich eine Schiffsfahrt machen möchte. Hier werden einem Wünsche noch von den Lippen abgelesen. Eine 90minütige Rundfahrt kostet 20 YTL, also etwa 12 Euro. Das ist etwa das, was ich mir vorgestellt habe. Ich hoffe, dass es bald los geht, dummerweise vergesse ich zu fragen. So sitze ich erst mal an die 90 Minuten auf dem Ausflugsschiff und komme mir vor wie tags zuvor im Flieger auf dem Münchner Flughafen. Nur, dass es hier schöner ist und nicht schneit. Wenn ich das gleich gewusst hätte, wäre ich halt doch noch in zumindest eine Moschee gegangen. Bis es losgeht, muss ich noch einige Male die Dienste eines Schuhputzers dankend ablehnen. Er ist nicht so leicht zu überzeugen. Muss an meinen Schuhen liegen.
Um 16 Uhr geht es endlich los. Wir fahren den Bosporus hinauf in nordöstlicher Richtung. Vorbei an diversen Moscheen, die direkt am Ufer liegen, und dem Dolmabahçe-Palast fahren wir unter der riesigen Europa-Brücke hindurch. Sie ähnelt vom Aussehen der Brücke aller Brücken, also der Golden Gate Bridge. Neben der weiter nördlich gelegenen Fatih-Brücke ist sie das einzige Nadelöhr, das hier Europa mit Asien verbindet. Wer morgens auf die andere Seite will, muss genügend Zeit einkalkulieren, wie ich noch von meinem letzten Besuch her weiß, wo ich einen „Asien-Termin“ hatte. So befinde ich mich hier zwischen zwei Kontinenten mit Sichtverbindung zu beiden Ufern. Es ist ein herrlicher Tag. Etwas Vorfreude auf den Frühling kommt auf. Allerdings darf man unabhängig vom Wetter bei solchen Bootsfahrten nie zu leicht angezogen sein. Der Fahrtwind ist doch recht eisig. Ein Schal und/oder ein hoher Kragen sind hier auf jeden Fall ratsam, wenn man nicht am nächsten Tag eine Erkältung oder einen steifen Hals haben möchte. Der Teddy-Kragen meines Mantels ist mir hier jedenfalls gerade recht. Neben Palästen und Moscheen säumen zahlreiche Häuser das Ufer, alte und neue, baufällige und wahre Kunstwerke. Wir fahren bis zur Fatih-Brücke, machen dort kehrt und halten uns bei der Rückfahrt am asiatischen Ufer. Hier sieht man das neue Istanbul, hier wohnen gewiss keine Armen. Riesige Wohnpaläste neueren Datums zieren hier das Ufer. So mancher hat seinen eigenen Bootsanlegeplatz. Zum Schluss kommen wir am Leander-Turm vorbei, der mitten im Bosporus steht kurz vor der Einmündung ins Marmara-Meer. Mein Handy klingelt. Mein Kollege fragt, ob es mir recht wäre, wenn er mich gegen 18Uhr30 am Hotel abholt. So früh hatte ich nicht damit gerechnet, war ich doch eher auf 20Uhr eingestellt. Aber ich denke, das ist zu schaffen. Gegen 17Uhr30 legen wir wieder an. Und ich gehe zu Fuß zurück zum Hotel. Dieses Mal muss ich zwar teilweise recht steil bergauf, aber viel länger als eine halbe Stunde benötige ich nicht.
Kurz nach halb sieben klingelt mich mein Kollege wieder an. Unser Fahrer fährt uns wieder dorthin, wo ich gerade herkomme. In die Nähe jedenfalls. Wir gehen in ein kleines Restaurant am westlichen Ufer des Goldenen Horns. Wir steigen eine enge Holztreppe hinauf. Groß ist das Lokal nicht. Eines von denen, wo ich mich am wohlsten fühle. Mein Blick ist zum Fenster hinaus aufs Goldene Horn gerichtet. Die Musik klingt eher griechisch als türkisch. Mein Kollege bestätigt dies insofern, als dass dieses ein griechisch geprägtes Viertel sei. Das Restaurant heißt übrigens Cibalikapi (www.cibalikapibalikcisi.com). Der Kellner kommt wieder mit einem riesigen Vorspeisen-Tablett, wo bestimmt 10-15 verschiedene kalte Vorspeisen drauf sind. Mein Kollege ordert die fast alle. Wer soll das alles essen? Aber eine köstlicher als die andere. Teils vegetarisch, teils Seafood. Würzige Salate, schmackhafter Oktopus. Sogar kleine Matjes-Filets sind dabei. Diese seien sehr salzig, warnt er mich vor. Dazu trinken wir – ich hatte mich überreden lassen – Raki, natürlich mit Wasser verdünnt. Aber ich nehme mir vor, nicht zuviel davon zu mir zu nehmen, ihn gut zu verdünnen, viel Wasser zwischendurch zu trinken und vor allem, keinen anderen Alkohol dazwischen oder danach. Ich nehme vorweg, dass ich am nächsten Morgen keine Beschwerden hatte.
Mein Kollege erzählt mir, dass er gar nicht aus Istanbul sei und noch immer in Ankara wohne. Und das, obwohl er jede zweite Woche im Istanbuler Büro sei und er eine Verlobte in Istanbul hätte. Aber das Leben in Istanbul sei nicht jedermanns Sache. Das ständige Verkehrschaos, die unendlich lange Zeit, die man für den Heimweg benötigt, was manch einen dazu bewegt, 10-12 Stunden im Büro zu bleiben, um den Hauptverkehrszeiten zu entgehen. Es gibt hier zwar eine U-Bahn, aber die besteht aus keinem flächendeckenden Netz, sondern nur aus einer Linie. Die geographische Lage und die geologische Beschaffenheit machen den Bau von U-Bahnen schwierig. Darüber hinaus sei Istanbul sehr teuer. Es ist die gleiche (Leidens-) Geschichte aller Metropolen auf dieser Welt. Da, wo das Geld verdient werden kann, wollen alle hin und machen sich gegenseitig das Leben schwer. Die Türkei sei ein sehr gastfreundliches Land. Die Ärmsten würden ihren Gästen stets alles anbieten, was sie hätten. Aber auch das sei in Istanbul schon nicht mehr so. Auf jeden Fall sei es gut, wenn man als Fremder wenigstens ein paar türkische Worte beherrschen würde. Nicht der Verständigung, sondern der Höflichkeit wegen. Was „Oto“, „Otobüs“ oder „Taksi“ bedeutet, habe ich sehr schnell erkannt, aber das ist wohl nicht der Türkei-Knigge-gerechte Grundwortschatz. Mein Kollege hebt das Raki-Glas und sagt „Şerefe!“ Vielleicht könne ich das bis zum nächsten Mal behalten. Ich merke mir als Eselsbrücke „Sheriff“ und sage „Scheräffe“. Mein Kollege ist beeindruckt und erfreut.
Es kommen nun diverse kleine warme Fischgerichte auf den Tisch: überbackene Muscheln, Tintenfisch, ein Fisch-Kebab,.... Ich kann längst nicht mehr. Wenn ich hier leben würde, sähe ich womöglich aus wie ein wandelndes Fass. Zum Glück geht es ja morgen nach Hause. Anstandshalber probiere ich noch etwas Nachspeise. Ein türkischer Kaffee bildet wieder den Abschluss. Die Rechnung sehe ich nicht, denn ich war auf Firmenkosten eingeladen. Ein Taxi bringt mich zum Hotel, denn der Fahrer hat längst Feierabend.
Am nächsten Morgen werde ich um 8Uhr30 abgeholt. Ich habe längst ausgecheckt. Obwohl wir wieder in die gleiche Gegend wie am Vortag fahren, brauchen wir heute weniger als eine halbe Stunde. Manchmal verschwindet hier sogar ein Verkehrsstau wie eine Fata Morgana. Nach meiner dreistündigen Präsentation habe ich mir noch ein Mittagessen verdient. Wieder gibt es jede Menge Vorspeisen und als Hauptspeise für mich ein Leber-Kebab. Für die Nachspeise bin ich wie bereits hier gewohnt nicht mehr aufnahmefähig. Aber wenn, dann sollte ich die reine Pistazien-Köstlichkeit probieren, was ich gerne tue.
Dann geht es zum Flughafen Richtung Heimat. Die Sicherheitskontrollen sind in der Türkei besonders streng und wurden bislang aus meiner Erfahrung nur noch in Israel übertroffen. Uhr, Gürtel, alles muss ab, die Schuhe müssen ausgezogen werden. „Anything else?“ frage ich die hübsche Dame am Security-Check. „You can leave your hat on....“
Da es in München mittlerweile aufgehört hat zu schneien, ist die Maschine halbwegs rechtzeitig eingetroffen und unser Abflug erfolgt mit nur geringer Verspätung.
In den letzten 2-3 Tagen habe ich mich hier außergewöhnlich wohl gefühlt. Mein Kollege meint, wenn sie mit den Kunden voran kämen, bräuchten sie vielleicht bald wieder meine Unterstützung. Ich hätte nichts dagegen.
Allaha i smarladik!
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 27.2.2005
Veröffentlicht außer bei Ciao derzeit nur noch bei Yopi
21 Bewertungen, 4 Kommentare
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03.03.2005, 15:18 Uhr von theConsultant
Bewertung: sehr hilfreichaber dafür ist der Verkehr nicht so schlimm und ich kann es langsamer angehen. 7 Wochen soll mein nächster Aufenthalt dort dauern.
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03.03.2005, 15:11 Uhr von gia777
Bewertung: sehr hilfreichein klasse Bericht sehr ausführlich und informativ, der läßt keinerlei Fragen offen. MFG Sabine
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03.03.2005, 14:49 Uhr von pumba
Bewertung: sehr hilfreich....ein irrer Bericht...hat mir gut gefallen...gruß Pumba
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03.03.2005, 14:32 Uhr von curlywurly
Bewertung: sehr hilfreichSehr toller Informeller Bericht. Da bekommt man Lust auf Sonne und nen Döner *lach* Grüssle curlywurly
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