Amoklauf in Erfurt Testbericht

No-product-image
ab 13,64
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003

Erfahrungsbericht von Swinja

Kommt der Tod von den CDs? Oder aus den Trachtenvereinen?

Pro:

Die Bewertung ist natürlich ohne Aussage

Kontra:

Diese hier auch

Empfehlung:

Nein

Ich versuche mir die Situation live vorzustellen. Statt meiner Frau, die von der Arbeit nach Hause kommt, oder meiner Tochter, die von der Schule zurückkehrt, stehen zwei Polizisten vor der Tür. Mit derart betretenen Gesichtern, dass man sofort Bescheid weiß und nur noch fragen muß: "Wie ist es passiert?"

Ohne dass dieses Situation für mich Realität wäre - sie ist grauenvoll. Dazu muß man noch nicht einmal die Leichen der Erschossenen gesehen haben. Jemanden, den man liebt, zu verlieren, ist viel schmerzhafter.

Kaum ist der erste Schock überwunden - nicht für die Betroffenen, sondern für alle zwischen Holstein und Bayern, fliegen die ersten Fragen durch den Raum. Wie war das möglich? Warum ist der Täter so ausgerastet? Wie konnte er an die Waffen kommen? Haben seine PC-SPiele ihn in ein gewalttätiges Monster verwandelt? Und so weiter.

Sein Motiv ist scheinbar klar: es dürfte eine Mischung aus Verzweiflung über seine verbaute Zukunft gewesen sein - immerhin war der Traum vom Studium zerplatzt, nachdem er nicht zum Abitur zugelassen worden war - und Rachegefühle an den Lehrern, deren schlechte Benotungen für ihn die vordergründig Schuldigen waren. Er muß ehrgeizig gewesen sein, wenn ihm irgendein Studium viel bedeutete, aber irgend etwas hat nicht gereicht dazu - entweder der Einsatz oder die Fähigkeiten, auch nur notenmäßige Mindestanforderungen zu erfüllen. Gefälschte Krankheitsbescheide gaben den Rest dazu, sie waren der Grund, ihn von der Schule zu weisen.

Ich weiß, dass ich jetzt in eine sensible Situation platze mit meinen Gedanken. Aber ich fürchte, dass Robert S nicht allein dastand. Eigentlich müßten jedes Jahr ganze Hundertschaften von Abituranwärtern ausrasten, die aus irgendeinem Grund erst gar keine Gelegenheit erhalten, ihr Können in der Großen Prüfung unter Beweis zu stellen. Ich stelle mir vor, wie er einerseits dasitzt, von Enttäuschung über sich selber zerfressen, und einem völlig konträren Gefühl - dem Ehrgeiz, es doch noch irgendwie zu schaffen. Aber diese Gefühlszwiespalt ist kein Boden, auf dem die Lust - und ich meine, noch nicht einmal die Möglichkeit - gedeihen könnte, sich hinzusetzen und soviel für die nächste Prüfung zu pauken, dass man zumindest mit einem schwachen "Ausreichend" entlassen wird. Es ist eher eine Situation, in der man geistig gelähmt ist, wie ein Beutetier, das der Schlange in die Augen starrt.

Ich will nicht einem "Mit-einem-Scheißegal-Gefühl-durchs-Leben-schlendern" das Wort reden, aber vielleicht wäre Robert jetzt, ohne brennenden Ehrgeiz und dafür mit etwas mehr Sitzfleisch, ein grottenschlechter, aber immerhin ein Abiturient geworden.

Eine andere Frage sind seine Spielereien mit Waffen und mit Computerspielen, in denen es zugeht wie auf einem Schlachthof. Beides hängt eng zusammen, ist aber nicht ganz dasselbe. Es hat aber beides das gleiche Echo in der Öffentlichkeit ausgelöst, das sich mit dem Schlachtruf "Verbieten!" relativ kompakt zusammenfassen läßt.

Ich weiß nicht, um welche Spiele es sich handelt, aber ich stelle mir darunter etwas vor, was zwischen "Doom", "Wolfenstein" und "Duke Nukem" liegt. Alle dreie geizen nicht mit Herumschießerei, Blutlachen und herumfliegenden Fleischfetzen und sind eigentlich nichts als eine schaurige Vorvision auf etwas, was dann tatsächlich eintrat.

Die Frage ist, ob solche Spiele der Motor für derartige Bluttaten sein können. Ein Verbot ist natürlich publikumswirksam, vor allem wenn es Politiker in der Wahlkampfzeit fordern. Aber, wie oben bereits einmal gesagt: dann müßten Hunderte Amokläufe im Jahr stattfinden, mit Schußwaffen, Messern oder Motorsägen. Ich habe verschiedene Versionen der besagten Spiele durchgeballert, und ich habe nicht die geringste Absicht, in irgendeiner Form einen Massenmord vorzubereiten und durchzuführen.


Ähnlich sehe ich die Frage, ob der Todesschütze die Waffen nicht richtiggehend in die Hand gelegt erhielt - völlig legal, durch einen Schützenverein. Es hätte irgend jemand auffallen müssen, dass der Junge geradezu verbissen mit Faustfeuerwaffen den Nahkampf trainierte, als befände er sich in einem Ausbildungslager einer Spezialeinheit. Sofern das in einem Schützenverein ernsthaft auffällig ist. Ist es das Umfeld, das hier mitgeformt hat, der Umgang mit den todbringenden feuerspuckenden Rohren? Und wiederum stehe ich mit meinem Satz da: Das kann es auch nicht sein, dann müßten Schützenvereine marodierende Horden sein, die schießend und mordend durchs Land ziehen. Aber eigentlich kenne ich sie eher als ballernde Heimatvereine, nicht aggressiver oder militaristischer als die freiwillige Feuerwehr.

Und hier sitzt die Grundproblematik: der Hund kommt zum Futter, nicht umgekehrt. Die Ballerspiele und die Schießerei haben nicht den Menschen geformt, sondern das Interesse daran hat ihn hingezogen. Warum dieses Interesse existiert, ist eine andere Frage. Wer glaubt, mit schärferen Waffengesetzen, dem Verbot von Ballerspielen aller Art und einer schärferen Kontrolle an Schulhäusern entgegenwirken zu können, den halte ich für so naiv wie jemanden, der glaubt, Pornographie sei an Vergewaltigungen schuld. Nicht die Waffe in der Hand macht den Mensch zum Mörder - sondern der Mörder bedient sich ihrer. Die Tat geschieht zuerst im Gehirn, dann in der Realität. Hätte Robert keinen Zugang zu Schußwaffen gehabt - vielleicht wäre er statt dessen mit dem Auto in eine Gruppe beisammenstehender Lehrer gerast. Oder hätte mit einer Axt gewütet.

Und nun hoffe ich, dass speziell unser Innenminister nicht in eine - kurzfristig öffentlich bejubelte - Verbotswut fällt, mit der dann jede Luftpistole als potentielle Mordwaffe mit der juristischen Beißzange angefaßt wird. Man kann den Besitz von Waffen verbieten (was eventuell bewirkt hätte, dass der Todesschütze seine Pumpgun in einer dunklen Ecke des Bahnhofs gekauft hätte statt sie aus dem Verein mitgenommen), aber die Macht der Gesetze stoppt vor der Stirn eines Menschen. Gedanken, auch die bösesten, sind nicht verbietbar.

Leider weiß ich auch nicht, was man sonst tun könnte. Eigentlich ist man sogar völlig hilflos, denn das Problem sind nicht Waffen, sondern Menschen, bei denen das subjektive Empfinden von Ausweg- und Hilflosigkeit zu einer unkontrollierbaren Explosion führen kann. Es ist schwer genug zu sagen, welcher Ausweg denn einem vor die Nase gehalten werden muß, um dieses Gefühl gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und es ist eine Frage, wie man Menschen, die in dieser Hinsicht "kritisch" sind, denn erkennen soll, außer an gelegentlichen Wutausbrüchen - oder auch am absoluten Fehlen derselben (was oftmals das Gefährlichere sein kann). Von daher ist eine "Charakterprüfung" - oder wie man immer es auch nennen mag - bei Waffenbesitzern, Sportschützen oder ähnlichen Leuten - ein ziemlich großer Schwachsinn. Ein Beamter (allein das läßt schon das Schlimmste vermuten) soll anhand einer Checkliste abhaken, wer eine Knarre besitzen darf und wer nicht? Sieht der Kandidat wie ein Killer aus? Redet er ständig in blutrünstigen Metaphern? Ist er unrasiert, trägt er eine Halbglatze und hat er flackernde Augen? Eigentlich kindische Vorstellungen, was die Physiognomie eines Amokschützen angeht.

Eigentlich habe ich jetzt nur lang und breit erklärt, dass ich selber nicht weiß, was man für die Zukunft tun könnte. Und das ist deprimierend.

Den Menschen, die in den nächsten Tagen vor offenen Gräbern stehen werden, in denen ihre Kinder, Väter, Mütter, Geschwister verschwinden, würde es auch rückwirkend keine einzige Träne trocknen.

19 Bewertungen, 5 Kommentare

  • Skydancer01

    05.05.2002, 21:28 Uhr von Skydancer01
    Bewertung: sehr hilfreich

    Wir haben das Thema auch stundenlang in der Schule besprochen... macht schon nachdenklich, das Ganze.

  • Rena50

    01.05.2002, 01:59 Uhr von Rena50
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein Artikel, der zum Nachdenken anregt. Gerade heute bekam ich von Neckermann ein News-letter mit dem Aufruf, sich in eine Kondolenzliste einzutragen. Als ich auf den Link klickte erschien ein kleines Feld, mit einem weiteren Link zur Kondolenzliste und da

  • suppengirl

    01.05.2002, 01:57 Uhr von suppengirl
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ich bin selbst Lehrerin, zwar "nur" an einer Grundschule, aber trotzdem ist mein Beruf für mich seit Freitag um einen Aspekt "reicher". Wenn es möglich ist, solchen Hass in einem 19järigen Schüler zu erzeugen, wieso

  • McBommels

    01.05.2002, 01:49 Uhr von McBommels
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr schöner Artikel!! Gefällt mir - interessante Aspekte; hat zurecht sehr nützlich verdient!

  • Alusru

    01.05.2002, 01:46 Uhr von Alusru
    Bewertung: sehr hilfreich

    Am schlimmsten ist diese Ohnmacht verbunden mit der Angst vor dem nächsten Amoklauf. Ein sehr bewegender Bericht lieben Gruß Uschi.