Kurzgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von kornix

Die zweite Chance

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

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Dienstagmorgen
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Ein Tag wie alle anderen, Dienstag, glaube ich. In irgendeinem Hotelzimmer in irgendeiner Stadt bin ich aufgewacht, habe mir eine Zigarette angesteckt und noch ein paar Minuten ferngesehen, bevor ich ins Bad gegangen bin. Nachdem ich geduscht und frisch rasiert war, Zigarette an und ab in den Frühstücksraum.

Eigentlich wollte ich schon lange mit dem Rauchen aufhören, aber weniger als fünf Schachteln am Tag packte ich einfach nicht. Zittern und Nervosität bleiben bis zur nächsten Kippe bestehen.

Zum Frühstück habe ich mir mal wieder Bauchspeck, hartgekochte Eier, zwei wie immer, und natürlich mein Glas Sekt gegönnt. Ohne das komme ich nicht richtig in Fahrt. Drei Tassen Kaffe, zwei Brötchen mit Butter und Wurst, dann bin ich für den Tag gestärkt. Orangensaft und Marmelade? Das hält nicht lange vor, und da ich erst gegen Abend wieder essen werde, will ich über den Tag nicht hungern

Beim Kofferpacken hatte ich auf einmal Schmerzen in der linken Brusthälfte und im linken Arm, aber die waren gleich wieder vorbei, nachdem ich eine kleine weiße Beruhigungszigarette inhaliert habe.

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Streß
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Es ist sicher nicht leicht, als Vertreter einer Lebensmittelkette Abschlüsse zu tätigen, vor allem, wenn der Zwang besteht, billiger einkaufen zu müssen als alle anderen. Die Verhandlungen sind schwierig, vor allem, wenn es an die Selbstkostengrenze des Herstellers geht. Dann kann man nur noch über die Masse Geschäfte machen, aber nicht jeder will mit meiner Firma zusammenarbeiten.

Leider ist es aber so, daß ich in letzter Zeit hinter den Erwartungen meines Vorgesetzten zurückgeblieben bin. Ich kann es nicht erklären warum, aber ich habe es nicht fertiggebracht, Aufträge an Land zu ziehen, die ich vor ein paar Jahren im Vorbeigehen erhalten hätte. Mein Chef hat mir auch klipp und klar gesagt, daß ich mich nach einem anderen Job umsehen darf, wenn es nicht besser wird. Aber es wurde nicht besser, und an diesem Dienstag war meine letzte Chance.

Über meinen Laptop rief ich meine Mails ab, und da war eine meiner Mutter, meine Frau hatte die Scheidung durchgesetzt und sich mit etwa 75% meines Vermögens oder so zufriedengegeben. Wut kochte in mir hoch, über den unfähigen Anwalt und auch über mich selbst, daß ich nicht fähig war, bei den Terminen anwesend sein zu können. Ich hatte das Gefühl, ein Stahlband würde meine Brust zusammendrücken, daß ich keine Luft mehr bekäme.

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Mir wird schlecht
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Ich war auf dem Weg zum Kunden, als ich auf einmal Schweißausbrüche bekam. Ich fühlte mich unruhig, und auf einmal hatte ich Angst, Todesangst. Schmerzen in der Brust, da waren sie wieder. Der linke Arm tat mir so weh, daß ich meinen Aktenkoffer fallen ließ. Ich muß ausgesehen haben, wie ein Gespenst, denn die Leute, die vorbeiliefen, sahen mich entsetzt an. Im gleichen Moment fing es in meinem Bauch an, zu rumoren und ich hatte das Gefühl, mich gleich erbrechen zu müssen.

Dann waren die Schmerzen plötzlich weg....

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Traum oder doch nicht?
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Ich stand auf der Straße, und wußte nicht, was mit mir geschehen war. Die Menschen um mich herum bildeten auf einmal eine Traube, um mich herum, aber sie beachteten mich nicht. Sie sahen auf den Boden vor mir, und da sah ich ihn auch.

Da lag ein Mann in meinem Alter, er hatte meine Kleider an und er...er sah aus wie ich. Was ging denn hier vor? Einer der Passanten schrie etwas von Arzt rufen und brachte den Körper in eine Seitenlage. Wenn ich das war, oh Gott, warum habe ich mir die Hosen naßgemacht? Und warum kam mein gesamtes Frühstück wieder heraus? Ich fragte einen der dort stehenden Leute, aber der bemerkte mich nicht, der sah immer nur auf den Boden vor mir. Ich ging auf ihn zu, aber er bemerkte mich immer noch nicht, und ich konnte sogar durch ihn hindurchlaufen.

Was war denn passiert? Plötzlich wurde ich angehoben. Ich schwebte, nein, ich flog. In dieser Höhe konnte ich schon den Notarztwagen sehen, der war noch 200 Meter von dem entfernt, was ich einmal war.

Ich flog in die Höhe, in die Wolken hinein, zu einem unbekannten Ziel. Aber so hoch ich auch stieg, ich habe nicht gefroren, ich hatte keine Schmerzen, ich fühlte mich nur gut und war glücklich. Es war mir jetzt alles egal, mein Boß, meine Finanzen, meine Ex-Frau, sollten die sich doch auf der Erde weiterstreiten, es war so schön, hier zu sein, ich würde von hier nie mehr zurückgehen.

Irgendwann landete ich vor einem Tunnel, an dessen Ende ein wunderbares Licht leuchtete. Es rief mir zu. „Komm herein, komm...“, aber bevor ich den Tunnel betreten konnte, sah ich davor einen alten Mann sitzen, der mich musterte.

„Wo bin ich hier?“ Er erwiderte: „Das kannst Du mit einem Bahnsteig vergleichen, Du steigst von einem Zug in einen anderen um, allerdings ohne Rückkehrmöglichkeit. Aber ich habe Dich erst in etwa 25 Jahren erwartet.“
„25 Jahre? Wieso?“ – „Ich beobachte Dich schon eine Weile. Du hast Dein Leben bisher vergeudet. Was kannst Du vorweisen? Kannst Du mir etwas nennen, was Dir mehr bedeutete, als Geld?“ – „Aber ich brauchte doch das Geld, um leben zu können!“ – „Leben? Das nennst Du Leben? Wofür hast Du denn gelebt? Nein, mein Sohn, Du bist noch nicht reif für das Licht. Du gehst jetzt zurück und findest Deine Bestimmung. Ich weiß, du wirst nicht lange suchen...“

Bevor ich noch einen Ton sagen konnte, sog mich etwas von diesem Platz weg, zurück durch die Wolken, zurück auf die Straße, wo ich mich wieder liegen sah. Der Notarzt setzte gerade wieder die Elektroden des Defibrillators an und rief „Los“. Der Körper, der da lag bäumte sich auf, und zwischen den Stromstößen wurde ich wieder in diesen Körper hineingezogen, die Schmerzen des Stromstoßes waren die Hölle, so etwas habe ich seither nicht wieder erlebt. „Wir haben ihn wieder“ rief der Arzt, dann kam es mir vor, als würden tausende vom Wespen in meinen Körper stechen, bevor ein erlösender Schlaf einsetzte.

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Erwachen
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Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zimmer lag. Irgendwann öffnete ich meine Augen und sah eine weiße Decke über mir. Die kam immer weiter herunter, als würde sie mich jeden Moment erschlagen. Ich drehte den Kopf und sah eine Wand mit Bildern, auch sie kam auf mich zu. Nur die Fensterseite war ruhig.

Von meinen Körper liefen Dutzende von Schläuchen weg, Geräte waren um mich herum, die ich noch nie vorher gesehen hatte.

Ich konnte immer noch nicht fassen, was ich erlebt hatte. War es ein Traum? Oder war es Realität? Der alte Mann vor dem Tunnel war doch so real. Und es war so schön, so sorglos, so wunderbar, ich fühlte mich seit langem wieder glücklich und frei.

Und jetzt das hier? Ich hätte am Liebsten alles aus mir herausgerissen, was möglich gewesen wäre, nur um zum Fenster zu laufen, dieses zu öffnen und wieder zu fliegen, so wie ich es schon getan habe. Was mich zurückhielt? Ich hatte noch die Worte des Alten im Ohr: “Du gehst jetzt zurück und findest Deine Bestimmung.“

Die Tür ging auf, und in diesem Moment traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz. Ich sah die Krankenschwester, und sie mich, und wir verstanden uns auf Anhieb. Wie sich herausstellte, war sie bereits geschieden, hatte drei Kinder, und lebte wieder in Scheidung. Sie hat mir später auch erzählt, daß sie die Dienstpläne umgestellt hat, um für mich etwas mehr Zeit zu haben. Nach meiner Entlassung aus der Klinik habe ich sie immer öfter getroffen, und irgendwann haben wir auch geheiratet. Mein Leben normalisierte sich, Zigaretten sind ganz aus menem Leben verschwunden, der Alkohol ist auf ein Minimum reduziert worden. Ich bin immer noch im Einkauf tätig, aber nicht mehr auf Achse, sondern jetzt in einem Büro in meinem Wohnort. Und meine Krankenschwester zu Hause paßt schon auf mich auf, daß ich gesund lebe und mich nicht überarbeite...

Übrigens, als wir das Standesamt verließen, sah ich aus den Augenwinkeln einen alten Mann, der mir sehr bekannt vorkam. Ich lächelte ihm zu, er lächelte zurück und im selben Moment war er verschwunden. Ich weiß, ich werde ihn wiedersehen, aber das hat noch viel Zeit.

Ich denke, ich gehöre zu den wenigen, die eine zweite Chance erhalten haben. Ich werde sie nutzen.

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Epilog
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Viele Menschen haben sogenannte Nahtoderfahrungen, andere glauben nicht daran, ich glaube, die endgültige Antwort wird jeder selbst einmal erfahren. Viele, die sie hatten, wollten nicht mehr zurück in unser Leben. Einige von denen finden sich überhaupt nicht mehr zurecht.

Schließen möchte ich heute mit einem Zitat, daß ich irgendwo mal aufgeschnappt habe, leider weiß ich die Quelle nicht mehr, aber es ist für mich zu einem wertvollen Wort geworden:

Wenn wir geboren werden, weinen wir vor Schmerzen, und alle um uns herum lachen und freuen sich.
Wenn wir diese Welt verlassen, sollte es umgekehrt sein.

9 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Scigy

    23.02.2005, 12:55 Uhr von Scigy
    Bewertung: sehr hilfreich

    Deine ersten Teile haben mich ganz schön miotgenommen, schön, daß Dein Leben noch so eine Wendung nahm. Alles Gute und viele Grüße - Scigy

  • Mundi

    23.02.2005, 12:26 Uhr von Mundi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Um gleich auf den nüchternen Magen zu rauchen, muss man sehr abhängig sein. Schade um die Freiheit. lg mundi