Erfahrungsbericht von Siana
Die halbvolle Flasche
Pro:
müsst ihr selbst entscheiden
Kontra:
dito
Empfehlung:
Nein
Heute bin ich auf die Seite mit den Kurzgeschichten gestossen. Da ich es hier sehr interessant finde, möchte ich auch einen Beitrag leisten.
Die folgende Kurzgeschichte hab ich selbst geschrieben; der erste Satz ist geklaut, dann hab ich weitergeschrieben.
Die Interpretation will ich jedem selber überlassen. Wer dennoch was von mir wissen möchte, darf mich natürlich sehr gern fragen!
Meine Gründe zur Empfehlung und Bewertung: Alkoholismus ist für Nicht-Trinker ein Thema, dass viele nicht verstehen. Die Geschichte soll auf das Thema aufmerksam machen und die Situation aus der Sicht eines Betroffenen zeigen...
Naja entscheidet selbst!
DIE HALBVOLLE FLASCHE stand rechts von der Schreibmaschine und daneben das schwere Trinkglas; die grünbeschirmte Hängelampe schwang hin und her im Luftzug vom Fenster über seinem Kopf. Er seufzte und erhob sich schwerfällig; ging langsam durch den Raum, immer wieder anhaltend, etwas in die Hand nehmend, nur um es nach kurzem Betrachten wieder zurückzulegen und sich einem anderen Gegenstand zuzuwenden. Abwesend strich er über den Fensterflügel. Er lehnte den Kopf an die kühle, wegen der Wärme im Zimmer leicht beschlagene Scheibe und starrte in die Dunkelheit hinaus. Er fühlte sich elend. Er ärgerte sich über sich selbst, verzweifelt über den miesen Feigling in ihm drin, den er so gerne besiegt hätte.
Es konnte doch nicht so schwer sein. Er brauchte bloß zu warten, bis sie von der Arbeit nach Hause kam. Endlich alles erzählen, ihr die Wahrheit sagen. Endlich nicht mehr ständig neue Lügen erfinden müssen, sie mal wieder in den Arm nehmen können ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
Er wandte sich wieder seiner Schreibmaschine zu. „Meine allerliebste Anna!“ Er stockte. Wenn er doch nur nicht so eine unbeholfene Art hätte, sich auszudrücken. Er konnte nicht sagen, was er fühlte, aber noch weniger konnte er es schreiben. Er zerknüllte das Blatt und warf es in eine Ecke. Wenn sie die vielen Papierknäuel sähe, würde sie ihn anlächeln und mit sanfter Stimme sagen: „Das ist Papierverschwendung.“ Er sah ihr Gesicht so deutlich vor sich, wie wenn sie vor ihm stünde. Er wollte ihr über die Wange streichen und ihr einen Kuss auf die Nase geben, wollte ihre Haare anfassen und sie lachen hören.
Aber sie war nicht da.
Er füllte sein Glas und trank es in einem Zug leer. Warum? Warum war er nur so blöd gewesen? Ausgerechnet an diesem einen Abend, als seine Frau nicht da war, weil sie einer Freundin beistehen wollte, musste er seinen alten Kumpel treffen. Zusammen trank man schnell ein bisschen mehr; bei ihnen war es viel mehr geworden.
Und wenn er es ihr doch erzählen würde? Das wäre immer noch besser als einfach zu verschwinden. Er konnte sagen, der Alkohol sei Schuld gewesen. Und dass sie ihn verführt hätte, seine Einwände nicht beachtend, ihn einfach mit sich gezogen hätte. Er konnte alles auf sie schieben und seiner Frau immer wieder schwören, es hätte ihm nichts bedeutet. Die folgenden Treffen verschweigen.
Anna. Wie sie wohl reagieren würde? Wütend? Ja, bestimmt. Sie wäre enttäuscht und verletzt und wütend. Würde sie ihm verzeihen? Irgendwann wieder Vertrauen zu ihm fassen?
Nein, nein. Er konnte das alles nicht. Er konnte nicht zusehen, wie sich ihre Augen vor Schreck weiten würden. Er konnte es ihr nicht sagen. Er war ein Feigling.
Er trank noch ein Glas und dann noch eines. Feigling, Feigling, Feigling, hämmerte es in seinem Kopf. Er hob die Flasche an die Lippen und trank sie leer. Dann starrte er auf das leere Blatt Papier, das in der Schreibmaschine steckte und darauf wartete, beschrieben zu werden. Er wankte in die Küche und holte sich noch eine Flasche. Öffnete sie und trank. Schließlich kritzelte er einige Zeilen auf einen Papierfetzen und legte ihn auf die Treppe. Sie würde ihn sehen, wenn sie kam. Er nahm seine Jacke und hob die Tasche hoch. Warf noch einen letzten, getrübten Blick auf das Durcheinander in der Wohnung, trank die Flasche aus und ging.
Danke dass ihr euch die Zeit genommen habt!
yopi, ciao & dooyoo: Siana
Copyright by me
Die folgende Kurzgeschichte hab ich selbst geschrieben; der erste Satz ist geklaut, dann hab ich weitergeschrieben.
Die Interpretation will ich jedem selber überlassen. Wer dennoch was von mir wissen möchte, darf mich natürlich sehr gern fragen!
Meine Gründe zur Empfehlung und Bewertung: Alkoholismus ist für Nicht-Trinker ein Thema, dass viele nicht verstehen. Die Geschichte soll auf das Thema aufmerksam machen und die Situation aus der Sicht eines Betroffenen zeigen...
Naja entscheidet selbst!
DIE HALBVOLLE FLASCHE stand rechts von der Schreibmaschine und daneben das schwere Trinkglas; die grünbeschirmte Hängelampe schwang hin und her im Luftzug vom Fenster über seinem Kopf. Er seufzte und erhob sich schwerfällig; ging langsam durch den Raum, immer wieder anhaltend, etwas in die Hand nehmend, nur um es nach kurzem Betrachten wieder zurückzulegen und sich einem anderen Gegenstand zuzuwenden. Abwesend strich er über den Fensterflügel. Er lehnte den Kopf an die kühle, wegen der Wärme im Zimmer leicht beschlagene Scheibe und starrte in die Dunkelheit hinaus. Er fühlte sich elend. Er ärgerte sich über sich selbst, verzweifelt über den miesen Feigling in ihm drin, den er so gerne besiegt hätte.
Es konnte doch nicht so schwer sein. Er brauchte bloß zu warten, bis sie von der Arbeit nach Hause kam. Endlich alles erzählen, ihr die Wahrheit sagen. Endlich nicht mehr ständig neue Lügen erfinden müssen, sie mal wieder in den Arm nehmen können ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
Er wandte sich wieder seiner Schreibmaschine zu. „Meine allerliebste Anna!“ Er stockte. Wenn er doch nur nicht so eine unbeholfene Art hätte, sich auszudrücken. Er konnte nicht sagen, was er fühlte, aber noch weniger konnte er es schreiben. Er zerknüllte das Blatt und warf es in eine Ecke. Wenn sie die vielen Papierknäuel sähe, würde sie ihn anlächeln und mit sanfter Stimme sagen: „Das ist Papierverschwendung.“ Er sah ihr Gesicht so deutlich vor sich, wie wenn sie vor ihm stünde. Er wollte ihr über die Wange streichen und ihr einen Kuss auf die Nase geben, wollte ihre Haare anfassen und sie lachen hören.
Aber sie war nicht da.
Er füllte sein Glas und trank es in einem Zug leer. Warum? Warum war er nur so blöd gewesen? Ausgerechnet an diesem einen Abend, als seine Frau nicht da war, weil sie einer Freundin beistehen wollte, musste er seinen alten Kumpel treffen. Zusammen trank man schnell ein bisschen mehr; bei ihnen war es viel mehr geworden.
Und wenn er es ihr doch erzählen würde? Das wäre immer noch besser als einfach zu verschwinden. Er konnte sagen, der Alkohol sei Schuld gewesen. Und dass sie ihn verführt hätte, seine Einwände nicht beachtend, ihn einfach mit sich gezogen hätte. Er konnte alles auf sie schieben und seiner Frau immer wieder schwören, es hätte ihm nichts bedeutet. Die folgenden Treffen verschweigen.
Anna. Wie sie wohl reagieren würde? Wütend? Ja, bestimmt. Sie wäre enttäuscht und verletzt und wütend. Würde sie ihm verzeihen? Irgendwann wieder Vertrauen zu ihm fassen?
Nein, nein. Er konnte das alles nicht. Er konnte nicht zusehen, wie sich ihre Augen vor Schreck weiten würden. Er konnte es ihr nicht sagen. Er war ein Feigling.
Er trank noch ein Glas und dann noch eines. Feigling, Feigling, Feigling, hämmerte es in seinem Kopf. Er hob die Flasche an die Lippen und trank sie leer. Dann starrte er auf das leere Blatt Papier, das in der Schreibmaschine steckte und darauf wartete, beschrieben zu werden. Er wankte in die Küche und holte sich noch eine Flasche. Öffnete sie und trank. Schließlich kritzelte er einige Zeilen auf einen Papierfetzen und legte ihn auf die Treppe. Sie würde ihn sehen, wenn sie kam. Er nahm seine Jacke und hob die Tasche hoch. Warf noch einen letzten, getrübten Blick auf das Durcheinander in der Wohnung, trank die Flasche aus und ging.
Danke dass ihr euch die Zeit genommen habt!
yopi, ciao & dooyoo: Siana
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