Kurzgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von Cailyn

Die Tochter meines Feindes

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Wie schön war doch die Zeit der Unwissenheit! Es gab nur sie und mich. Die Welt war vergessen. Vollkommen.
Sie lächelte so sanft, und diese Augen… kann es denn was Schöneres geben?
„Ich kenne dich nicht,“, so sagte sie, „aber ich weiß, dass ich zu dir gehöre.“
Doch sie wusste nichts. Genau wie ich. Und so kam es, dass ich begann sie zu lieben. Ich selbst war es, der begonnen hatte mich zu quälen. Denn am nächsten Morgen, nach einer Nacht voller Magie, musste ich feststellen, dass ich geboren war um sie zu hassen.
Doch wieso nur? Wieso konnten wir nicht zwei Namenlose bleiben, die sich in ihrer Unwissenheit liebten? Wieso nur war das Verlangen da, sie kennen zu lernen?
Nein, sie besser kennen zu lernen! Denn ich wusste bereits alles, was ich wissen musste um sie zu lieben, nach einem Blick in ihre Augen. Ich kann mich noch so gut erinnern.
Es war eine sternenklare Vollmondnacht. Die schönste Nacht, die man sich vorstellen konnte. Sie saß dort am See, an meinem Platz. Ihre Finger waren leicht ins Wasser getaucht und sie blickte zum Mond. Mit den langen, blonden Haaren und dem schlichten, weißen Kleid hielt ich sie erst für einen Engel. So schön war sie! Nur ein Engel konnte so schön sein! Vielleicht hatte ich mich da bereits in meiner Unwissenheit in sie verliebt.
Oh, wieso habe ich sie nicht gleich nach ihrem Namen gefragt? Es hätte verhindern können, das der Morgen nach der Nacht mein gebrochenes Herz sehen musste. Wieso nur war es mir in dem Moment egal gewesen, wer sie war… hauptsache sie war da.
Also setzte ich mich zu ihr, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Sie blickte mich an. Mit ihren glänzend hellblauen Augen blickte sie mich an. Kein Wort entwich ihrem Mund. Aber das war egal, denn ihr Blick sagte alles. Ihre Augen redeten zu mir. Sie sagten: „Ich habe auf dich gewartet.“.
So saßen wir da, die ganze Nacht, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Denn Worte waren so unwichtig… so gleichgültig geworden. Wir schauten uns in die Augen, dass war alles, was wichtig war.
Dann, irgendwann, nahm sie meine Hand und legte sie in ihre. Es war so schön ihre Hand zu fühlen. Zu diesem Zeitpunkt liebte ich sie bereits, dass weiß ich genau. Denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ein Leben nach dieser Nacht geben würde, ein Leben ohne sie.
Doch mit dem Sonnenaufgang kam das Ende für die Nacht. Die Nacht, die ich damit verbracht hatte, ihr in die Augen zu sehen. Und keine Sekunde dieser Nacht war verschwendet. Denn ich hatte zum ersten und letzten Mal wirklich gelebt.
Es gibt viele Leute, die behaupten, man kann nur wirklich leben, wenn man etwas riskiert, etwas wahnsinniges oder verrücktes tut. Doch das ist nicht wahr. Denn ich habe in ihren Augen wahrhaftig gelebt. Wieso könnte ich mich sonst an jeden Moment dieser Nacht so gut erinnern? Ja, ich habe in der Nacht nicht nur zu lieben gelernt, nein, ich lernte auch zu leben.
Als der Morgen kam öffneten sich ihre zartrosa Lippen um zu sprechen. Den Klang ihrer Stimme werde ich niemals vergessen. „Ich weiß nicht wer du bist, aber ich weiß, dass ich zu dir gehöre.“ Wie recht hatte sie doch! Wenn zwei Menschen sich verstehen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen, wenn ein einziger Blick des Anderen sie so intensiv fühlen lässt, hatten sie dann nicht das Recht, zusammen zu gehören?
Anscheinend nicht.
Nach ihren Worten stand sie auf und schüttelte ihr Kleid, um es vom Staub zu befreien. Ich erhob mich ebenfalls, um ihr weiter in die Augen sehen zu können.
„Ich werde auf dich warten. Hier. Jede Nacht.“, sagte sie noch und lächelte zum ersten Mal. Was für ein bezauberndes Lächeln! Dann drehte sie sich um und ging.
„Dein Name?“, rief ich ihr hinterher. Oh, warum musste ich bloß ihren Namen wissen? Es war doch alles so perfekt gewesen. Ich liebte sie. Sie hatte mich verzaubert. Mit ihren Augen hatte sie mich verzaubert. Wie wichtig war da schon ein Name?
Viel zu wichtig.
„Shonei Igóe.“, rief sie mir noch zu und fing an zu laufen. Wahrscheinlich lief sie nach Hause.
Shonei Igóe, diesen Namen kannte ich. Meine Eltern hatten mich gelehrt ihn zu hassen, ihn zu verachten. Wieso hatten sie mir nur ihren Namen genannt, den Namen der Tochter meines Feindes? Wieso hatten sie mir nicht gesagt, wie wunderschön sie war? Und wieso hatten sie niemals von ihrer reinen Seele gesprochen? Denn das sie eine hatte wusste ich. Ich habe es in ihren Augen gesehen.
Ich weiß wieso. Sie hatten Angst, ich würde keinen Grund finden sie zu hassen. Denn dann würde ich den Krieg zwischen unseren Familien beenden. Einfach so, weil ich keinen Sinn darin sehen würde.
Doch der Krieg musste berechtigt sein, dachte ich damals. Meine Eltern würden doch niemals nur der Tradition wegen einen Krieg führen. Einen Krieg, von dem keiner mehr wusste, wieso er eigentlich geführt wurde.
Falsch gedacht.
Doch das weiß ich erst heute. Leider. Hätte ich es damals gewusst, hätte ich damals auf mein Herz gehört… ich könnte heute glücklich sein. Doch ich hatte Leuten vertraut, allein, weil ich es gewohnt war ihnen zu vertrauen. Weil alle sagten, ich müsste ihnen vertrauen. Ich vertraute Leuten, die dachten, sie wüssten, was das Beste für mich wäre. Doch sie kannten mich genau so wenig, wie ich sie kannte. Ich hatte mein Leben blind in die Arme dieser Leute gelegt. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht wollte ich einfach nur, dass sie mich verstehen. Und sie hätte niemals verstanden, dass ich die Tochter meines Feindes liebte. Deshalb bin ich nie mehr zum See gegangen. Nie wieder.


Selbstgeschrieben im Jahre 1999

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-04-25 17:41:12 mit dem Titel Gefallener Krieger

Alle hielten sie großen Abstand, als er durch die Gassen schlich. Niemand wollte sich näheren, jedem stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Doch ihm war dies völlig gleich, denn es war immer so gewesen.
Sein Ziel klar vor Augen ging er schneller durch die düstre Gasse in dieser finsteren Zeit. Ihn musste er vernichten, erst dann konnte er zufrieden sein. Und dennoch war er ein Teil von ihm.
Sein Gesicht in dunkle Tücher gehüllt sah er freudig dem Stadtende entgegen. Bald würde er da sein. Die mit schwarzen Flecken übersäte Hand griff nach dem Schwert, die sonst gelben Augen leuchteten weißlich. Der Nebel vom nahen Wald kam ihm entgegen um ihn als Freund zu begrüßen, draußen, fernab jeglichen Lebens war er nun zu Haus. Doch ruhen konnte er dort noch nicht, erst musste er die finden, die ihn mit diesem Leben gestraft hatten.
„Hier bin ich, Gefallener, doch wieso solltest du das schaffen, was andere vor dir schon so oft versucht hatten?“ Dieses Gesicht erkannte er genau, es war einer von denen, die er suchte.
Ruhig ging er auf ihn zu, während der Beschwörer einen mächtigen Feuerball auf ihn sandte. Doch er konnte ausweichen, und das Feuer ließ sich in einem der kleinen Häuser hinab und breitete sich von dort in Windeseile über der gesamten Siedlung aus. Kinder schrieen, Frauen kreischten; heißes Licht durchbrach die Finsternis ohne sie wirklich zu durchleuchten. Aber er ging ruhig und langsam auf den Beschwörer zu, dessen Selbstsicherheit langsam begann zu schwinden.
„Warte!“, schrie er ihm entgegen, doch jegliche Worte waren vergebens, denn er kannte genau seinen Weg, sein Ziel war klar. Mit einpaar schnellen Hieben war des Beschwörers Geist fort von dieser Welt und sein Körper lag blutig im Staub. Zufrieden nickend betrachtete er das Blut an seiner Klinge und beschloss das brennende Städtchen nun zu verlassen. Die Jagd konnte weitergehen…


Diese kurze geschichte habe ich irgendwann mal in einem kurzen Wahn von Inspiration geschrieben und weiß nicht genau, ob es sich lohnt sie weiterzuschreiben oder nicht. Was meint ihr?

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-13 20:35:02 mit dem Titel Brief

Vorab möchte ich nur erwähnen, dass dies hier nur eine Geschichte ist, also nichts mit mir persönlich zu tun hat. Auch wenn dies zu erwähnen für die meisten überflüssig ist, so gibt es doch dennoch einige Leute die vergessen, was einem in der Schule dann immer eingeprügelt wird: \"Zwischen Autor und Geschichte steht immer ein Erzähler, der nichts mit dem Autoren zu tun hat.\"

Brief

Ich liebte ihn, ich liebte ihn wirklich. Er war so süß und auch schon neunzehn, wesentlich älter. Alle wollten ihn, aber ich liebte ihn.
Mark stand in der Pause immer bei den Rauchern, rauchte aber selbst nicht mit. Alle dort waren so cool, aber ich durfte nicht hin, war erst fünfzehn.
Er redete meist mit Mädchen, aber Seria versicherte mir, er habe keine feste Freundin. Sie musste es wissen, ihr Bruder war in seinem Jahrgang. Und so stand ich jede Pause da, und nur er war das Ziel meiner Augen.
Dann kam die Sek-II-Fete, und ich durfte zum ersten Mal hin. Seria kam natürlich mit, alleine wär’ ich nie hingegangen. Unter so vielen Großen fühlt man sich dann doch ganz allein. Seria wusste, wie sehr ich Mark liebte und deshalb erzählte sie Tobias, ihrem Bruder, er solle uns Mark vorstellen. Die Vorbereitungen für dieses Treffen starteten schon um achtzehn Uhr bei Seria daheim.
Zuerst mussten die Klamotten sorgfältig gewählt werden. Nichts von dem, was ich von mir zu Seria mitgebracht hatte, passte. Also wurde ihr Kleiderschrank geplündert. Um 19.30 stand mein Outfit nun endlich fest: Das schwarze, bauchfreie Topp mit dem tiefen Dekolleté und dem Glitzeraufdruck „Hexe“, der rotkarierte Schottenrock (Mini) und die schwarzen, kniehohen Schnürstiefel. Ich fühlte mich schon fast erwachsen, als ich mich im Ganzkörperspiegel betrachtete. Meine Mutter hätte mir nie erlaubt, so auszugehen, aber sie war ja nicht hier.
Dann kamen die Haare. Ich konnte mir kaum vorstellen, was man aus halblangen, dunkelblonden Haaren groß machen konnte. Doch Seria hatte die Idee: zwei Zöpfe, links und rechts, mit rotem Haarmascara verfeinert. Das sah wirklich cool aus, aber wir taten noch ein wenig Glitzer dazu. Seria meinte, ich würde nun wie mindestens achtzehn aussehen, das war ein tolles Gefühl.
Das Make-up musste nun aber auch richtig auffallen, meine Augen mussten schließlich betont werden. Also bekam ich grünblauen Lidschatten und den X-tra-strong Mascara. Zusätzlich noch Kayal und leicht-rosametallic Lippenstift. Sowohl auf die Wangen als auch aufs Dekolleté wurde Glitzer aufgetragen. Voilá, ich sah einfach geil aus. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so erwachsen aussehen würde.
Wir waren um halb zehn fertig, doch Tobias wollte nicht vor zehn los; laut ihm, würde es sich eh nicht eher lohnen. Also warteten wir unerträgliche Ewigkeiten bis zehn. Danach fuhr Tobias endlich los, und ich glaube, er fuhr zu schnell. Doch richtig sicher bin ich mir nicht, schließlich würde ich meinen Führerschein in frühestens zwei Jahren beginnen.
Die Fete war cool. Total laute Musik, überall Leute, die rauchten und Bier tranken. Kaum waren wir drin, bestellte Tobias Seria und mir schon ein Bier (Becks, glaube ich). Eigentlich hasste ich Bier, doch alle tranken es und so schlang ich das Gebräu in großen Schlücken hinunter.
Mark war noch nicht da, so beschlossen Seria und ich (eigentlich eher Seria als ich) zu tanzen. Den Song kannte ich nicht, und den Takt bekam ich erst recht nicht hin, schließlich war ich doch so aufgeregt. Außerdem tanzten alle anderen sowieso viel besser als ich.
Sechs oder sieben Songs später erblickte ich Mark am Eingang und blieb vor Schreck stehen. Eine Ältere knallte deshalb beim Tanzen gegen mich und ich fiel hin. Das war ja so peinlich! Ich machte mich schnell vom Acker und mischte mich unter die Leute. Hoffentlich hatte das niemand gesehen. Seria war mir gefolgt, erwähnte mein Missgeschick aber mit keinem Wort. Vielleicht hatte es wirklich niemand gesehen.
Wir gingen zu Tobias, der uns dann Mark vorstellte. Es war unglaublich, Mark redete mit mir! Ich konnte nicht viel mehr als kichern oder vereinzelt Wörter von mir geben, aber er redete mit mir! Und er sah so süß aus! Am liebsten hätte ich ihm ja meine Liebe sofort gestanden, aber ich war einfach zu schüchtern.
Nach einer halben Ewigkeit holte Mark eine Flasche Wodka aus der Tasche und fragte, wer gerne draußen mit ihm einen trinken würde. Aber eigentlich sah er nur mich an. Natürlich hab’ ich „ja“ gesagt, als Einzige.
Draußen war es kühl geworden und ich fror. Doch Mark war so süß und gab mir sein Sweatshirt, schließlich hatte er ja noch ein T-Shirt drunter. Er bot mir den ersten Schluck an, direkt aus der Flasche! Natürlich trank ich, aber der Wodka war so ekelig. Dennoch nahm ich jedes Mal einen großen Schluck, bis ein ganzes Stück der Flasche leer war.
Mir wurde so warm, dass ich Marks Sweatshirt wieder auszog. Ich weiß noch, dass ich über jeden Mist gelacht habe.
Irgendwann legte Mark den Arm um mich, und meine einzige Antwort darauf war, zu kichern. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mich ziemlich peinlich benommen habe, aber ich habe ihn doch geliebt!
Mark küsste mich, leidenschaftlich. Mein erster Zungenkuss -und dann noch von meiner großen Liebe!
Wir standen auf und gingen in den Garten des Gasthofes. Es standen viele dunkle Bäume rum und ich konnte kaum was sehen. Doch Mark führte mich. Irgendwo, weit hinten, legten wir uns hin, er auf mich, und fingen an, uns wild zu küssen. Immer mehr, immer doller. Es war so schön, so herrlich schön! Dies war die Erfüllung meiner größten Träume! Seine Hand glitt unter mein Topp, doch ich hielt sie fest und versuchte sie wieder über meine Klamotten zu legen, doch sie wehrte sich.
„Das geht mir zu schnell.“, flüsterte ich ihm ins Ohr. Er hörte auf zu küssen, bevor er dann ein „Wirklich...“ so süß lächelte.. und mich vergewaltigte.
Und das ist der Grund, weshalb ich diesen Scheißkerl so hasse! Ich habe ihn geliebt und er hat mich so derart ausgenutzt! Er hat mich abgefüllt und wollte mich abschleppen!
Es war mir so peinlich, ich fühlte mich so ausgenutzt; ich habe noch nicht mal Seria was davon erzählt. Sie dachte, ich hätte ihm meine Liebe gestanden, er hätte „nein“ gesagt und nun wollte ich unbedingt nach Hause. Erst zu Hause hatte sie von Tobias erfahren, dass Mark mich flachgelegt hatte. Doch ich erzählte nie jemandem, wie es wirklich gewesen war.
Ich duschte fünf, sechs, sieben Mal, doch ich war immer noch schmutzig. Beschmutzt von so einem Arschloch, von so einem Versager, Bastard... ich musste kotzen. Die ganze Nacht durch, der Wodka zeigte seine Wirkung.
Warum hatte Mark mir das angetan? Wie würde ich jetzt noch lieben können, nie wieder könnte mein Herz vor Glück pochen. Er hatte meine Seele aus meinem Körper extrahiert, sie geschändet, auf sie gespuckt und sie mit seinem Schwanz erstochen. Ich war tot, ohne Lebensdrang und innerlich verrottet.
Und wie er mich aus dem Leben riss, so hatte ich auch das Recht, ihn zu töten; und wenn ich ihn so ansehe, so leblos, kalt, mit rotem Zuckerguss bedeckt, so war meine Tat noch viel zu friedlich für dieses Schwein. Ich existierte nur noch, um ihn mit mir zu reißen, denn seit dem Wochenende war ich tot. Endlich kann ich jetzt auch meinem Körper die selige Befriedigung meines Geistes gönnen.
Wer diesen Brief liest, soll wissen, dass wir beide aus Liebe starben. Ich, weil ich eine Liebe lebte, die ihre Energie nur aus Schmerzen zog, und Mark, weil er diese Liebe aufs Brutalste zerschlug.
Ich hoffe, jeder kann meinen Entschluss verstehen, auch wenn Seria wohl als Einzige wahre Tränen vergießen wird. Doch bitte, gedenkt der Toten, statt über sie noch mehr zu lachen, da sie doch nur ihrem Lebensschmerz entkamen, den sie sich selbst angetan.
Karin

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-16 14:40:54 mit dem Titel Das Mädchen

Cassandra war ganz ruhig. Sie hatte keine Angst und die Kälte störte sie auch nicht. Sie saß einfach nur da, den Kopf in die Knie gepresst, und atmete flach ein und aus. Ihr Kopf war leer, sie dachte an nichts; war einfach nur da, in dem nassen dunklen Kerker; existierte vor sich hin. Die grünen Augen waren weit geöffnet, doch sie sah nichts. Sie hätte auch nichts sehen wollen, wenn sie noch einen Willen gehabt hätte. Doch den hatte sie schon längst verloren.
Eine Ratte rannte über den schmutzigen Boden und nagte Cassandras Brot an. Es wäre ihre letzte Mahlzeit gewesen, doch sie hatte keinen Hunger gehabt. Sie konnte einfach nur in der Ecke sitzen und vor sich hin existieren, konnte einfach nur da sein… zum letzten Mal.
Die schwere Kerkertür öffnete sich und ein kleiner Mann trat herein. Er blickte streng auf das junge Mädchen, ein riesiges Kreuz um seinen Hals baumelte bei jedem Schritt.
„Komm!“, sagte er mit verächtlicher Stimme, doch der Tonfall störte sie wenig. Sie erhob sich mit geneigtem Haupt und schritt aus dem Kerker hinaus ins Freie. Dort wartete schon der Scheiterhaufen auf sie. Doch dies schien ihr egal zu sein.
Ein großer Mann packte sie grob am Arm und zerrte sie hinauf wo er sie letztendlich festband. Cassandra wehrte sich nicht.
Dort stand sie nun, auf ihrem hölzernen Grab. Der Kopf war gesengt, die Augen hoffnungslos und leer. An den Armen waren die Male des Verhörs deutlich zu sehen. Gleich würde man sie verbrennen. Doch töten konnte man sie nicht mehr. Dies hatte man schon vorher getan. Denn dort oben auf dem Holz war der verstümmelte Körper einer leblosen Seele festgebunden, und nicht ein Mädchen von vierzehn Jahren.
Anfangs hatte sie noch gekämpft, anfangs hatte sie noch die Kraft dazu gehabt. Sie hatte gewusst, dass sie keine Hexe war. Doch inzwischen würde sie vielleicht selbst dran glauben, wenn sie noch glauben könnte.
Das trockene Holz wurde entzündet. Es brannte schnell, Cassandra spürte schon die heißen Flammen auf ihrer Haut. Doch sie schrie nicht. Sie hatte nicht mehr die Kraft zum Schreien. Sie stand einfach nur da und wartete. Wartete auf das Nichts, unwissend, dass sie sich schon längst im Nichts befand.
Ein paar Männer standen um das brennende Mädchen herum. Alle tatenlos, alle fest überzeugt, dass es richtig so wahr. Nirgends war er, der andre Gedanke, nirgends der Zweifel: Vielleicht war sie ja doch unschuldig…