Kurzgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von Nietzsche

Abschied auf Stromboli

Pro:

...

Kontra:

...

Empfehlung:

Nein

Heute mal eine Kurzgeschichte von mir, die vor einigen Jahren entstanden ist, nachdem ich eine Woche Urlaub auf der italienischen Insel Stromboli gemacht hatte. Eine Insel, die mich so sehr beeindruckt hat, wie bisher keine zweite. Das mag auch daran liegen, daß auf dieser Insel der einzig daueraktive Vulkan von Europa ist, der in schöner Regelmäßigkeit alle 8 Minuten ausbricht.
In der Geschichte sind Eindrücke der Reise verarbeitet aber der meißte Teil ist reine Fiktion. Was davon wahr ist und was nicht, bleibt mein Geheimnis. Nur eines: Ich verfolgte nicht die gleiche Absicht auf der Insel, wie die Hauptakteurin der Geschichte, wenn es mir zugegebener maßen auch nicht besonders gut ging zu der Zeit... .

Über Kritik und Kommentare würde ich mich sehr freuen. Ein Punkt kann ich mir schon jetzt denken, daß er kritisiert wird, doch mal abwarten - vielleicht überrascht ihr mich auch und kritisiert ganz andere Punkte?! ; )

Die Bewetungen unten, die ich abgegben muß finde ich wie immer in diesen Kategorien unzutreffend. Irgend etwas muß ich aber angeben, also nehme ich \"sehr gut\"... ; )

Nun aber die Geschichte:

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Abschied auf Stromboli

Ein leises Rattern schüttelte sie aus ihrem Schlaf. Irritiert blinzelte sie in die Welt, um festzustellen, wo sie sich befand. Als die Schleier des Schlafes von ihr abfielen, und sich seine müden, klammen Finger von ihrem Kopf lösten, kehrten langsam ihre Erinnerungen zurück. Sie saß in einem Zug, der sie stetig Richtung Neapel trug. Bei sich hatte sie nur ihre alte Ledertasche, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleitete. Von Neapel aus würde sie nach Stromboli übersetzen. Stromboli, die Insel des Feuers, in deren Mitte sich ein Vulkan erhob, der stetig, von einem Grollen begleitet, seine Lava in den blauen Himmel stieß.
Seit sie die Insel damals nach einer Woche hatte verlassen müssen, nagte eine quälende Sehnsucht in ihr. Denn dort war der Ort, nach dem sie schon so lange suchte.

Draußen konnte sie langsam die Häuser Neapels erkennen, die diese große und hektische Stadt ankündigten. Wieder fielen ihr die Schäbigkeit und der Dreck auf. Neapel war von Armut geprägt, und auch das Chaos in dieser Stadt konnte nicht wirklich davon ablenken.
Napoli - Hauptbahnhof. Sie griff nach ihrer Tasche und stieg aus.
Sie verließ den Bahnhof und begab sich auf ihren Weg Richtung Hafen. Ein letztes Mal kämpfte sie sich durch laute, überfüllte Straßen, ein letztes Mal atmete sie den Dreck und Gestank der Zivilisation ein. Ein letztes Mal durchquerte sie diese hektische Welt.

Herrenlose Hunde suchten nach Nahrung oder einer lieben Hand, die ihnen Wärme schenken würde.
Ein alter Mann zog enttäuscht an ihr vorbei, nachdem er erfolglos versucht hatte Cafégäste in den Bann seiner Worte zu ziehen. In seinem einsamen Wahn zitierte er nun für sich selbst einen unendlichen Schwall seiner Verrücktheit. Schweigend lauschte sie für einen Moment der unverständlichen Melodie seiner Worte, bevor sie ihren Weg fortsetzte.
Sie ging durch enge Gassen, in denen Marktstände aufgebaut waren, und Neapolitaner ihre Waren anboten. Auch hier war das Leben auf seine Weise noch hektisch, doch wenigstens weit ab der Touristenströme. Der volle Reichtum des Mittelmeeres war hier aufgebahrt: glasige Tintenfische und Kraken die, noch lebendig, eine heimliche Flucht versuchten. Muscheln, in großen runden Schalen, die ab und zu eine kleine Wasserfontäne über den Rand ihres Gefängnisses hinausschossen. Daneben unzählige Fischarten, deren starre, tote Augen ihr fahl entgegenglotzten.

Es war heiß, denn die Sonne stieg langsam ihrem höchsten Punkt entgegen. Ein leichter Anflug von Angst überkam sie, doch es gab nichts mehr, zu dem sie zurückkehren könnte.
Als sie am Hafen ankam, erbebte sie beim Anblick der Schiffe und des Meeres. Jetzt sollte es bald soweit sein, sie würde ihre Insel wiedersehen und für immer dort bleiben können. Voller Aufregung öffnete sie die Tür zum Fahrkartenschalter, um sich ein Ticket für den heutigen Abend zu kaufen. Es würde eine einfache Fahrt werden... .

Das Schiff legte pünktlich gegen Abend ab. Seine Schrauben durchpflügten das Mittelmeer und trugen sie durch den Golf von Neapel. Ein letztes Mal sah sie den schlafenden Vesuv, diesen großen, trägen Drachen, der zum Feuerspucken zu müde geworden war, und statt dessen nur noch spärlich Rauch aus seinen Nüstern seufzte. Eines Tages würde er wieder erwachen, seinen heißen Atem über das Land ziehen lassen und den Menschen erneut seine Unberechenbarkeit beweisen, doch dies würde sie schon nicht mehr interessieren.
Es war Zeit, schlafen zu gehen, um bei Stromboli aufzuwachen. Das sanfte Schaukeln des Schiffes wiegte sie beruhigend in den Schlaf. Keine Zeit für Zweifel, keine Zeit für Angst. Zu schnell war sie eingeschlafen.

Sie ging rechtzeitig, noch vor Anbruch des Morgens, an Deck, um ihr Ziel schon aus der Ferne zu begrüßen. Trotz der frühen Stunde hatten sich alle anderen Passagiere versammelt und schauten gebannt in Richtung Bug des Schiffes, der sich zielstrebig durch das Meer pflügte. Die Nacht war düster, denn auf dem Meer hatte sich dichter Nebel niedergelassen, der Schiff und Menschen schluckte, und wie in Watte gepackt, von Licht und Lärm abschirmte. Dann war es soweit: Die Unwirklichkeit der Nacht wurde plötzlich von einer großen, glühenden Lavafontäne zerrissen, deren helles Licht sich trotzig durch Dunkelheit und Nebel fraß, um dann erschöpft in sich zusammenzufallen. Doch der Vulkan sammelte in seinen heißen Eingeweiden neue Energie, um mit gleicher Kraft seine glühenden Innereien durch das Dunkel der Nacht zu schleudern.
Stetig pulsierte nun der Berg, wie eine große offene Wunde, durch die das noch schlagende Herz beständig Blutfontänen an die Oberfläche stößt. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Sie stand noch dort, als die Fähre die Insel langsam umrundete und die Öffnung des Vulkans verschwunden war.

Dann stieg sie hinab in den Laderaum der Fähre, aus der man die Passagiere auf die Insel entlassen würde. Das Schiff ächzte und knarrte müde unter dem Wendemanöver, wurde schließlich vertäut, und die Ladeluke öffnete sich langsam. Eine leichte Briese, die eine Ahnung der Insel mit sich trug, wehte ihr entgegen. Sie verließ das Schiff, lief den Steg entlang und wanderte langsam Richtung Ortsmitte, vorbei an weiß getünchten Häusern, duftenden Blüten und schwarzen Felsen.

Vor ihr türmte sich der Vulkan auf, mit seinen von Bambus zartgrün gefärbten Hängen, die nach oben immer dunkler und karger wurden, bis schließlich nur noch schroffe Felsen übrig blieben. Er verhielt sich zur Zeit ruhig; hustete nur ab und zu kleine Schwefelwolken aus seinem Inneren hervor, die dann wie kleine Rauchpilze auf der Bergspitze saßen, bis sie schließlich der Wind den Hang hinabtrieb. Dabei führte er sandkorngroße Lavateilchen mit sich, die einen schwarzen Schatten über die weiß getünchte Welt hier unten legten.

Sie setzte sich auf eine der Mauern, die die Einheimischen aus Lavagestein gebaut hatten und wartete.
Als sie schließlich losging, war es in ihr ruhig. Die Menschen, die Geräusche um sie herum verschwanden. Da war nur noch der Weg, der sie auf den Gipfel führen würde.
Sie ließ die letzten Häuser des Dorfes hinter sich und folgte dem steilen Weg, der sich Richtung Vulkan empor schlängelte. An seinen Rändern raschelten Bambusblätter, gehalten durch kräftige Stiele, von denen sie sich einen abschnitt, um ihn als Stütze bei dem beschwerlichen Aufstieg zu nutzen.
Weiter und weiter schleppte sie sich dem Gipfel entgegen, und mit jedem Schritt verblaßte ihre Vergangenheit immer mehr. Dinge, die ihr einmal wichtig gewesen waren, Ängste, Sorgen, das alles fiel Schritt für Schritt von ihr ab und machte Platz für ihr letztes Ziel, dem sie entschlossen entgegen wanderte. Schweiß rann über ihr Gesicht, denn obwohl der Bambus Schatten schenkte, war es durch die Intensität der Sonne noch sehr heiß. Einzelne Krähen kreisten schweigend über ihr.

Nach zwei Stunden hatte sie die letzte Möglichkeit umzukehren hinter sich gelassen. Jetzt führte der Weg nur noch bergauf; Richtung Gipfel. Ohne zu zögern lief sie weiter. Sie hatte die Möglichkeit zur Umkehr schon lange hinter sich gelassen. Plötzlich wurde die Stille durch ein starkes Grollen des Berges unterbrochen. Sie schaute in Richtung Gipfel und sah, wie der Vulkan eine riesige Fontäne seiner inneren Glut in den warmen Abendhimmel stieß. Mit neuem Antrieb kletterte sie weiter, dem Rufen ihres Zieles entgegen.
Sie keuchte leicht, denn der Pfad war steiler als zuvor, so daß sie zeitweilig ihre Hände zu Hilfe nehmen mußte. So zog sie sich über schroffe, nackte Felsen, denen mittlerweile die Bambusfelder Platz gemacht hatten, bis sie schließlich an eine Stelle kam, an der sie den vertrauten Weg verließ. Sie wollte diesmal näher an das Pulsieren des Berges. Diesen Weg war sie noch nie gegangen, doch es war der einzige, der sie an ihr Ziel führen konnte.

Die anderen Wanderer, die gerade auf das Aussichtsplateau über dem Krater geführt wurden, waren verwundert, als sich, weit vor ihnen, die Frau von ihrem Weg entfernte und statt dessen in Richtung Krater zu wandern schien.

Sie konnte den Krater mittlerweile vor sich ausmachen, und sein Grollen und Zischen wurde nun immer lauter. Beißender Schwefelgestank lag in der Luft, und ab und zu rieselte der vertraute Ascheregen auf sie nieder. Um sie herum war es mittlerweile dunkel geworden. Sie kämpfte sich mühsam über ein sandiges Geröllfeld, das sie bei jedem Schritt festzuhalten schien, um ihren Weg vorzeitig zu beenden. Doch sie zog verbissen jeden einzelnen Schritt aus Sand und Steinen und schleppte sich, im spärlichen Licht ihrer Taschenlampe, weiter dem Ziel entgegen.

Ein Mann, auf dem Plateau, schaute hinab in den vorübergehend ruhenden Vulkan. Für einen Augenblick schien es ihm, als wanderte dort ein einsames Taschenlampenlicht Richtung Krater.

Sie spürte langsam die Hitze der Lava in ihrem Gesicht, und die Wärme der Erde unter ihren Füßen. Mit einer entschlossenen Handbewegung warf sie ihre alte Tasche weg. Vor ihr lag nur noch der Vulkan. Langsam erklomm sie einen kleineren Felsen, der direkt über dem lodernden Krater lag. Neben ihr auf einem fernen Plateau zuckten Fotoapparatblitze durch die Nacht. Bald würde der nächste große Ausbruch erfolgen, und bis dahin wollte sie bereit sein. Hitze und Gestank bemerkte sie nicht mehr. Einzelne Haare wurden durch die Hitze abgesengt, während sie in ihrer Jackentasche nach dem Rasiermesser griff. Fasziniert betrachtete sie die Lichtreflektionen, die der glimmende Vulkanschlot auf dem glatten, kalten Stahl erzeugte. Unter ihr bebte die Erde und der Berg begann zu grollen. Sie drückte die Klinge auf ihr linkes Handgelenk und zog, bis dunkles Blut ihren Arm hinablief. Dann nahm sie das Rasiermesser in die andere Hand und vollzog mit letzter Kraft gleiches an ihrem anderen Handgelenk. „Endlich Abschied nehmen...“, dachte sie und starrte auf das Blut, das in kleinen Eruptionen ihren Körper verließ. Eine einsame Träne rann über ihre Wange, bis sie die Hitze der Lavafontäne trocknete, die sich tosend aus dem Krater erhob.

Der Mann betrachtete die Feuersäule, die sich vor ihm in den Himmel erhob. Für einen Moment, da war es ihm, als sah er aus den Augenwinkeln eine kleine Silhouette, die in den Flammen verschwand. Stumm betrachtete er den Lavaregen, der da vor ihm niederging und glühende Flecken auf dem Vulkangrund hinterließ. Wie kleine leuchtende Blumen, die auf ein frisches Grab gestreut wurden.

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