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Erfahrungsbericht von CoraLee

Making my way downtown

Pro:

grandios

Kontra:

nix!

Empfehlung:

Nein

Lily Brett - \"Einfach so\"

Als ich in einer Binger Buchhandlung zufällig auf diesen Roman stieß, erinnerte ich mich, dass er mir einmal von jemandem, dessen literarische Vorlieben ich sehr schätze, empfohlen wurde. Und weil mir Gabriel García Márquez gerade zu schwierig und Hanif Kureishi zu einfach war, begann ich, den Roman einer mir bis dahin gänzlich unbekannten Autorin zu lesen. Im Garten, auf einer Hollywoodschaukel. Das war eine ausgesprochen gute Idee, wenn mich auch der Anfang zunächst die Stirn runzeln ließ:

„Edek Zepler hatte früher immer polnische Mädchen gebumst. Die meisten von ihnen waren Dienstmädchen, und er hatte sie im Stehen in den Fluren der Häuser gebumst, in denen sie arbeiteten.“

Aber wenn der Spiegel und die FAZ den Roman auf der Rückseite derart loben, kann es sich ja wohl kaum um einen Softporno handeln.
... und das ist „Einfach so“ auch nicht, wenn sich auch im Laufe des knapp 500-seitigen Buches zahlreiche Personen lieben, was von Frau Brett sehr plastisch und unter Einbeziehung sämtlicher dabei in Erscheinung tretender Körperflüssigkeiten beschrieben wird.

„Einfach so“ ist die ergreifende Geschichte von Esther, einer in New York lebenden Jüdin, deren Eltern den Holocaust überlebten. Esther wurde im KZ in Deutschland geboren, lebte nach Kriegsende gemeinsam mit ihrer Familie in Australien und versucht jahrelang, die grauenhaften Erlebnisse ihrer Eltern und anderer jüdischer Gefangener mit Hilfe zahlreicher Psychoanalysen und –therapien zu verarbeiten. Irgendwann zieht sie mit ihrem wunderbaren Mann Sean, einem Maler, und den drei Kindern nach New York und dort spielt diese wunderschöne, traurige, packende, amüsante und nachdenklich-stimmende Geschichte.

Mich erinnerte Esther zuweilen an die Protagonistin aus Siri Hustvedts liebenswürdigem Roman „Die unsichtbare Frau“, deren Namen ich vergessen habe. Zwar ist sie etwa doppelt so alt, nämlich 40, aber dennoch unterliegt auch sie dem Charme der Großstadt, denkt unentwegt über sich und ihr nahestehende Personen nach, ist sensibel, verletzlich und sympathisch. Esther schreibt Nachrufe auf mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten des jüdischen Öffentlichkeitslebens. Sie ist glücklich verheiratet und das hat mich während der ganzen, oft tieftraurigen Geschichte immer wieder fröhlich gestimmt.

Esther und Sean sind hochinteressante Figuren (sicher auch aus psychologischer Sicht), ebenso wie Esthers sehr extrovertierte Freundin Sonia, deren offene Schilderungen ihres abwechslungsreichen Sexuallebens sowohl Esther als auch mir stets wahlweise die Schamesröte ins Gesicht trieben oder ein Schmunzeln in selbiges zauberten. Eine merkwürdige Fügung, dass ausgerechnet der liederlichen Sonia schließlich das widerfährt, was die tugendhafte Esther sich immer gewünscht hat.

Esthers Mutter Rooshka starb an Krebs. Sie, die neben der Vergewaltigung durch einen Hund der Nazis unendlich viele weitere Demütigungen ertragen musste und es jahrelang mit Esthers kauzigem, schroffem Vater ausgehalten hat, hinterlässt in ihrer Tochter eine große Leere, die sie nicht zu füllen vermag. Aber wer könnte es ihr verdenken? Wenn von der Mutter die Rede war, dachte ich unwillkürlich an eine Frau, die mir sehr nahe gestanden hat und die ebenfalls an Krebs gestorben ist. Eine Frau, die soviel durchgestanden hat, wird von einem verdammten Tumor dahin gerafft... der Gedanke ist mir nicht fremd.

Überhaupt fühle ich mich Esther irgendwie verbunden. Ich mag sie. Sie sagt und denkt in diesem Roman so viele vertraute Dinge, dass ich mich unentwegt ärgerte, keinen Stift dabei zu haben, um alles zu unterstreichen. Ihre Verweigerung, sich die Brust abzutasten, aus Angst, sie könnte einen Knoten erfühlen... die manchmal zickige Art, wie sie mit ihrer Therapeutin spricht... die Verachtung sämtlicher Oberflächlichkeiten... das Bewusstsein, jemandem weh getan zu haben und zugleich die Feigheit, es im selben Moment wieder gutzumachen... die Angst um ihre Familie, wenn diese sich in einem Flugzeug befinden... das komplizierte Verhältnis zum Vater, gepaart mit dem Wunsch, ihm alles recht zu machen... „Sie fand, daß sie die Analyse nicht verdiente, wenn sie nicht in einer seelischen Notlage war.“ ... das ständige, automatische Verbessern der Versprecher anderer...

Aber ich entdeckte auch andere Züge an ihr, die nicht auf mich zutreffen, die mich aber an Menschen denken lassen, die sie ebenfalls besitzen. Die zwanghafte Sucht, Gegenstände auf dem Schreibtisch parallel zur Tischkante anzuordnen... die Dreistigkeit, Dosensuppe als selbstgemacht auszugeben ;o) ... die Scham wegen der sexuellen Offenheit ihrer Kinder... All diese Assoziationen machen dieses Buch so wertvoll für mich.

Der Roman gibt zahlreiche Denkanstöße („Fotografien verdeckten genauso viel, wie sie enthüllten“), ist unglaublich lehrreich, was die NS-Zeit allgemein und die Greueltaten der Nazis im Besonderen, die menschliche (weibliche?) Psyche, den Umgang mit „Opfern“ angeht, er ist - soweit ich das ohne Kenntnis des englischen Originals beurteilen kann - fantastisch übersetzt und fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Zudem vermittelt er ein ausgezeichnetes Bild vom Leben in einer amerikanischen Großstadt, lässt einen laut auflachen (wenn einem auch oft das Lachen im Hals stecken bleibt), ist wunderbar lebendig, bewirkt manchmal ein paar Tränen und immer wieder dieses Gefühl, dass Menschen sich in genau dieser Situation genau so fühlen (müssen).

Lily Brett bezaubert durch ihre „Leichtigkeit und Klugheit“ (FAZ), sie ist tiefgründig, emotional und gründlich. „Einfach so“ ist eines dieser Bücher, nach deren Lektüre man das Verlangen spürt, alle anderen Romane der Autorin jetzt sofort und auf der Stelle zu kaufen und zu lesen. Und genau diese Bücher sind es doch, die zu lesen es sich lohnt.

Erschienen bei Suhrkamp für 10 € (Taschenbuch). ISBN 3-518-39533-5. Bei ebay für 1 € zu haben.

(am 31.08. bei ciao.com veröffentlicht)

----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-23 20:09:20 mit dem Titel Alle reden über Meisterwerke und keiner liest sie

Frédéric Beigbeder dürfte spätestens seit seinem Skandalroman „39.90“ (das war der D-Mark-Preis der Hardcover-Ausgabe), in dem er mit der Medienbranche abrechnet, auch in Deutschland bekannt sein. Bis zum Erscheinen des Buches arbeitete er für eine renommierte Werbeagentur, dann wurde er gefeuert, man betrieb einen wahnsinnigen Hype um das Buch, jeder las es (oder kaufte es zumindest) und der Mann war quasi über Nacht berühmt (und bestimmt auch reich). Nicht sehr sympathisch soweit.

Ich habe „39.90“ nicht gelesen. Es widerstrebt mir, ein Buch nur zu lesen, weil es alle lesen, und die Thematik interessierte mich nicht sonderlich. Aus den selben Gründen habe ich weder Ken Folletts „Der dritte Zwilling“ noch Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ gelesen. Alle drei Bücher mögen ganz hervorragend, einzigartig, meinetwegen auch „Weltliteratur“ sein – sie reizen mich (momentan) einfach nicht. E basta.

Trotzdem war ich froh über den Umstand, dass alle Welt von Frédéric Beigbeder sprach, denn so erlangte ich Kenntnis über einen jungen, französischen Schriftsteller, dessen Werke ich nicht kannte. Und ich bin häufig auf der Suche nach unbekannten Namen zeitgenössischer französischer Autoren, weil ich gerne auch mal französische Bücher lesen würde, die noch keine hundert Jahre alt sind. [Keine Sorge, die älteren lese ich auch; Madame Bovary, Thérèse Desqueyroux, Le malade imaginaire, La peste, Les mouches, La cantatrice chauve, En attendant Godot, ... alles alte Bekannte. ;o)]

Ich bestellte mir daraufhin Beigbeders „Nouvelles sous ecstasy“, eine durchaus amüsante Kurzgeschichtensammlung. Wenig später besuchte ich eine Lesung von ihm in Köln, die aus mehreren Gründen reizvoll und gut war. Am Ende signierte Beigbeder mein Büchlein mit den Worten „à gomber avec modération“, ich stellte fest, dass er mir sehr unsympathisch, weil arrogant, ist und hakte ihn unter „erledigt“ ab.

Wäre mir da auf der Buchmesse nicht zufällig „Letzte Inventur vor dem Ausverkauf. Die fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts.“ ins Auge gefallen (das muss man sich jetzt nicht plastisch vorstellen), dann wären der überhebliche Herr Beigbeder und ich uns bestimmt nie wieder über den Weg gelaufen. Aber dieser Titel... der hat schon was. Das Layout ist nicht besonders ansprechend und natürlich auffällig in „39.90“-Manier gehalten, aber aus irgendeinem Grund wollte ich wissen, was Herr Beigbeder für die besten 50 Bücher des vergangenen Jahrhunderts hält. (Sollte jemand eine persönliche entsprechende Liste angelegt haben, immer her damit!)

So fanden wir also wieder zueinander. Gleich auf den ersten Seiten des schmalen Bändchens klärte sich ein grundlegender Irrtum auf: Ich hatte fälschlicherweise angenommen, es handele sich hier um Frédéric Beigbeders persönliche Hitliste, aber dem ist nicht so. Sechstausend Franzosen sind der Aufforderung von FNAC und Le Monde gefolgt, einen Fragebogen zum Thema Literatur auszufüllen und zurückzusenden und daraus setzt sich diese Bestenliste zusammen. Na gut, auch das finde ich ziemlich interessant. Vielleicht ist es überflüssig zu erwähnen, dass die meisten Bücher auf der Rangliste von französischen Autoren stammen? Jedenfalls etwa die Hälfte.

Beigbeder schreibt zu jedem Buch drei Seiten und man möge mir verzeihen, dass ich gewisse Zweifel hege, ob er tatsächlich all diese Romane gelesen hat. Vielleicht entsteht der Eindruck einer gewissen Oberflächlichkeit nicht aus der potentiellen Unkenntnis des Autoren, sondern aus der verlegerischen Vorgabe, die drei Seiten Grenze nicht zu übertreten. Letzteres deutet Beigbeder zumindest an einigen Stellen seines Buches an.

Bei der Beschreibung der gewählten 50 Bücher geht er rückwärts vor, beginnt also mit Platz 50, André Bretons „Nadja“ (sprich: Nadschaa), dem vielleicht bekanntesten surrealistischen Roman. Es folgen Kundera (auf Platz 47), Sagans „Bonjour tristesse“ (auf 41), García Marquez (33), Gide (30), Joyce (28), Ionescos kahle Sängerin (auf 24 – ich habe dieses Stück geliebt!), Anne Franks Tagebuch (19), Ecos „Name der Rose“ (14) und Steinbeck (7) – um nur einige bekannte zu nennen. Die „Top Five“ fand ich persönlich hochinteressant:

5. André Malraux, La condition humaine, 1933
4. Saint-Ex, Le petit prince, 1943
3. Franz Kafka, Der Prozess, 1925
2. Marcel Proust, A la recherche du temps perdu, 1913-1927
1. Albert Camus, L’étranger, 1942

Immerhin kenne ich die Titel, wenn ich auch nur zwei davon gelesen habe. Aber dass ein Franz Kafka, der ja nun eindeutig kein Franzose war, es unter die Top Five geschafft hat – alle Achtung! Camus‘ „Fremden“ als das beste Buch des Jahrhunderts zu bezeichnen, halte ich auch für sehr gewagt. Ich habe es gelesen, auf französisch, auf deutsch, und ich mochte es, aber das beste..? Vielleicht ist mir irgendetwas entgangen...? „Aujourd’hui, maman est morte. Ou peut-être hier, je ne sais pas.“ Zugegeben: das vergisst man nicht so schnell. Aber ist die Pest nicht ungleich bedeutender, dichter, großartiger?

Beigbeder schreibt also zu jedem Buch drei Seiten. Im Prinzip schreibt er 50 Texte von der Länge eines durchschnittlichen Berichts und als solche hätte er sie auch problemlos hier einstellen können. Er ist ein bisschen flappsig, aber nicht dumm, ziemlich frech, aber nicht respektlos - und das Ergebnis ist äußerst kurzweilig. „Letzte Inventur vor dem Ausverkauf“ liest sich einfach, nett und unterhaltsam; der geneigte Leser kann sogar ein bisschen was daraus lernen. Mitunter ist es auch sehr witzig, was man sonst von Sekundärliteratur – und nichts anderes ist die „Letzte Inventur“ im Prinzip – selten behaupten kann.

Was er zu Thomas Manns „Zauberberg“ (Platz 38) sagt, ist wenig, aber interessant:
„Thomas Manns Berg, Entwicklungsroman und Wagner’sche Symphonie in einem, hat nicht nur Zauberkräfte, er ist hypnotisch, ja schlaffördernd.“
Ich bin noch immer nicht am Gipfel angekommen, lieber H., ich schlafe unterwegs ständig ein... ;o)

Die „Letzte Inventur“ ist also perfekt geeignet zum „Zwischendurchlesen“, da man ja nie mehr als drei Seiten schaffen muss, um den Anschluss nicht zu verpassen. Man kann sogar in der Werbepause ein paar Kapitel lesen, oder an der Bushaltestelle oder zwischen Zähneputzen und duschen. Gelegentlich wird man laut auflachen oder die Stirn runzeln, aber insgesamt wird man sich gut amüsieren. Außerdem ist das Buch wirklich perfekt, um sich Anregungen für die nächste Lektüre zu holen. Ich persönlich bin besonders gespannt auf „Bonjour tristesse“ von Sagan (Nr. 41: „eines der seltenen Wunder des vergangenen Jahrhunderts“) und „Alcools“ von Apollinaire (Nr. 17: „Unsterbliche Sätze“). Frau Gräbener-Müller möchte ich übrigens gerne ein Lob aussprechen: ich habe an keiner Stelle gemerkt, dass ich eine Übersetzung lese. Und ich bin da SEHR penibel... ;o)

Erschienen beim Rowohlt-Verlag. Hardcover 16.90€.



----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-28 10:22:50 mit dem Titel "Dann lebe ich in dem Buch"

Lily Brett inspiriert mich. Sie unterhält, berührt, amüsiert. [So viele Umlaute.] Ich würde an dieser Stelle gern schreiben, dass Lily Brett „der Wahnsinn“ ist, dass ich sie „liebe“. Aber ich schätze, das würde ihr nicht gefallen. Sie versteht nämlich nicht, wieso wir ständig das Wörtchen „wahnsinnig“ vor andere Adjektive setzen. Wahnsinnig verliebt, wahnsinnig schön, wahnsinnig grausam. Oder warum die New Yorker alle möglichen Dinge und Menschen „lieben“. Ich glaube, dieses Buch ist unter anderem auch ein Appell, weniger achtlos mit Wörtern umzugehen, sich nicht willkürlich und gedankenlos für eines zu entscheiden. Wenn wir Glück und Geduld haben, finden wir vielleicht eins, das besser passt, treffender ist. Und das gewählte könnte sich als floskelhaft entpuppen, als eine Floskel, über die nachzudenken sich nie jemand die Mühe gemacht hat.

„...ich wusste, wenn ich Leute zum Weinen bringen wollte, musste ich meine Worte sorgfältig wählen.“ (Seite 330) Das funktioniert.

Fakt ist, dass „Zu sehen“ unheimlich facettenreich ist. Das deuten schon die Überschriften jedes einzelnen Kapitels an. Altern, Meine Tochter, Sex, New York, Mein Körper, Essen, Tod, Liebe, Schreiben. Um all das geht es in diesem Buch, das sich so schwer einordnen lässt. Es ist nicht wirklich ein Roman, auch keine richtige Autobiographie, vielleicht eine Mischung aus beidem und ein bisschen mehr. „Zu sehen“ ist „Einfach so“ sehr ähnlich, unschwer finden sich zahllose Parallelen und doch habe ich mich keine Sekunde gelangweilt. Vielmehr habe ich das Buch verschlungen, es bis in die Nacht gelesen und als mir irgendwann die Augen zufielen, war ich drauf und dran, mir die Lider an die Brauen zu tackern.

Lily Bretts Gedanken und Empfindungen sind hochinteressant und merkwürdig vertraut. Selten hatte ich während der Lektüre eines Romans unentwegt das Gefühl, ihn selbst geschrieben zu haben. Hier war das der Fall. Zwar habe ich keine Kinder, lebe nicht in New York, bin nicht die Tochter zweier Holocaust-Überlebender und dennoch ist mir vieles, das sie schreibt, so nah, dass es schon fast beängstigend ist. An einer Stelle, die ich viel zu spät nachts las, spürte ich, wie ich immer tiefer in meine Kissen sank, die Beine anzog, eine Gänsehaut bekam, mich fürchtete. Ich hatte Angst und Respekt vor dieser Frau, die so verdammt präzise Beobachtungen an sich und anderen anstellt, die so genau wahrnimmt, was in ihr und um sie herum passiert.

Und dann wieder konnte ich vor Lachen kaum an mich halten. Diese Frau, sei es nun die Autorin oder die Erzählerin, nimmt sämtliche Bemerkungen ihrer Mitmenschen so ernst, geht ihnen auf den Grund, grübelt über sie... irgendwie ziemlich neurotisch. Aber genau das macht sie so unsagbar liebenswert. Ich habe hier häufig über mich selbst gelacht. Doch wie sagte die kluge Frau Brett eines Tages: „Lachen zu können ist eine Gnade.“ Recht hat sie. Und dass es jemandem, der soviel erlebt und überlebt hat wie sie, nicht leicht fällt zu lachen, dürfte einleuchten. Zunächst wurde sie kurz nach Kriegsende in Deutschland geboren, lebte dann mit ihren Eltern, zwei Auschwitz-Überlebenden, in Australien, machte eine jahrelange Psychoanalyse, zog nach New York, bekam fast versehentlich zwei Kinder und war stets von Zweifeln und Ängsten geplagt. Angst um die Kinder, sich selbst, ihre Eltern, Zweifel an ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, Probleme mit ihrem Körper, ihrer Seele, ihrer neuen Heimat. Da kann einem das Lachen schon mal im Gesicht gefrieren.

Wahrscheinlich hat all das dazu beigetragen, dass Lily Brett so wahnsinnig (jetzt habe ich es doch benutzt...) sensibel und feinfühlig wurde. Mit weniger Wohlwollen könnte man auch überempfindlich sagen.

Sie sieht so klar und hat so wenig Scheu, das, was sie sieht, zu schildern, dass man als Leser ständig zwischen Neid und Bewunderung hin- und hergerissen sein muss. Ihre Texte sind so leicht, dass man ein bisschen Angst hat, sie könnten einem entwischen. Das tun sie aber nicht. In all ihrer Leichtigkeit und Klugheit bleiben sie im Gedächtnis und zwingen einen, sämtliche andere Bücher von Lily Brett zu lesen, um die Eindrücke, die diese Frau hinterlässt, irgendwann kombinieren und abrunden zu können.

Mit am liebsten mag ich das Kapitel, das den Titel „Schreiben“ trägt. Man kann soviel daraus lernen, wenn man genau hinsieht. Über die Macht und das Unvermögen der Wörter, etwas zu bewegen, über die Gründe, aus denen Menschen schreiben, über die Wirkung der Wörter auf Autoren und Leser. Es lohnt sich, ein wenig darüber nachzudenken.

„Ich gehöre nicht zu jenen Schriftstellerinnen, die von Jugend an wussten, dass sie Schriftstellerin sein wollten. Ich wollte schlank sein.“
Irgendwie ist sie eben auch ganz Frau.

Eine Frau, deren Mann sich über nichts mehr wundert. Wenn sie mitten am Tag in sein Studio stürmt, ein Maßband schwingt und ihn bittet, seinen Taillenumfang messen zu dürfen, dann hält er sich und sie nicht mit Fragen auf, die in diesem Moment störend wären, sondern dreht Bob Dylan leiser und lässt bereitwillig seinen Taillenumfang messen, um ihr dann mitzuteilen, dass dieser seit Jahren einundneunzig Zentimeter beträgt. Ich kann mir das bildlich vorstellen und ich finde das köstlich.

Lily Brett folgt ihren Impulsen. Das ist nicht immer bedingunglos richtig, aber es tut ihr gut. Und mir auch.

Diana-Taschenbuch, ISBN 3-453-19588-4, neun Euro.

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