Erfahrungsbericht von Wunderblume
Ein Lamm, das Billard spielt?
Pro:
zeigt einmal die Kehrseite der Wiedergutmachung
Kontra:
-
Empfehlung:
Nein
Billard um halb zehn von Heinrich Böll: Bei diesem Buch handelt es sich nicht um eines, was man sehr schnell lesen kann, aber gerade das macht es so fesselnd. Ich fand es erst ziemlich verwirrend, aber hinterher hat es mir sehr gut gefallen.
Vordergründig erzählt es die Geschichte der Familie Fähmel. Der Opa, Geheimrat Heinreich Fähmel, ist der Begründer des Clans. Als er vor vielen Jahren in die kleine Stadt kam, begründete er ein Ritual. Jeden Morgen, zur gleichen Zeit, frühstückt er in seinem Stammlokal, und zwar immer mit Paprikakäse, obwohl er den gar nicht gerne mag. Obwohl er als Architekt noch total unerfahren war, gewann er eine Ausschreibung gegen drei sehr große Architekten und baute als erstes Bauwerk seiner Karriere die Abtei Sankt Anton. Er heiratete Johanna, die Tochter des Notars, träumte von einer Großfamilie und wollte 7 Kinder haben und dann 7 x 7 Enkel. Doch es kam anders. Von den vier Kindern starben Johanna und Heinrich sehr früh, Otto starb als überzeugter Nazi im Krieg.
Sein Sohn Robert leitet ein Statikbüro und spielt jeden Tag von halb zehn bis elf Billard im Hotel Prinz Heinrich, wobei er dem Hotelboy Hugo aus seinem Leben erzählt. Als Schüler hatte er einmal einem Klassenkameraden namens Schrella geholfen, der vom Turnlehrer Ben Wackes und einigen Klassenkameraden, insbesondere Nettlinger, fertig gemacht wurde. Dieser gehörte einer sektenartigen Verbindung an, die gelobt hatte, nie vom Sakrament des Büffels zu kosten. Worum es sich dabei handelt, möchte ich hier nicht verraten, ganz verstanden habe ich es erst ziemlich weit hinten im Buch, ich verrate nur, dass Hindenburg der Oberbüffel ist. Robert geht mit zu einer Versammlung und verspricht Edith Schrella, nie vom Sakrament des Büffels, sondern immer nur vom Sakrament des Lammes zu essen. Edith selber sieht aus wie das reinste Lamm Gottes. Nettlinger ist der größte Gegner dieser Gruppe und wann immer er mit seiner Hilfspolizei eins der Lämmer erwischt, verprügelt er es mit seiner Stacheldrahtpeitsche. Zu der Gruppe gehört auch noch Ferdi, der einen Anschlag auf Ben Wackes plant. Dieser misslingt und Ferdi wird umgebracht. Da Schrella und Robert bei den Vorbereitungen geholfen haben, fliehen sie nach Holland, wo sie später gefangen genommen werden. Seine Eltern setzen sich dafür ein, dass er freigelassen wird, allerdings muss er dann zur Armee, wo er die Schussfelder freisprengen muss. Dabei sprengt er auch die Abtei Sankt Anton in die Luft, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Mit Edith hat er zwei Kinder, Joseph und Ruth. Edith und seine Mutter ließen die Kinder im Krieg fast verhungern, weil sie alle Lebensmittel, die der Großvater geschenkt bekam, an andere Menschen weiterverschenkten. Edith starb, als die Haustür von Bombensplittern getroffen wurde.
Joseph wird später ebenfalls Architekt und entdeckt, dass sein Vater die Abtei gesprengt hat.
Die Mutter, Johanna, lebt in einem Irrenhaus. Sie hatte eine hochgestellte Persönlichkeit beleidigt. Die drohende Ermordung konnte nur abgewendet werden, indem man sie für verrückt erklären ließ. Jetzt verlangt sie ständig eine Waffe, um einen neuen Büffel erschießen zu können und ins Leben zurückzukehren.
Der Hotelboy Hugo sieht ebenfalls aus wie das Lamm Gottes und wurde sein ganzes Leben lang dafür gehänselt.
Roberts Bruder Otto hatte schon früh vom Sakrament des Büffels gekostet, was zu einigen Schwierigkeiten führte. Aus dem Exil schickte Robert häufiger Nachrichten, das er Geld brauche und wie viel. Otto verachtete seine Eltern dafür, dass sie Robert unterstützten und benahm sich ihnen gegenüber ziemlich schlecht. Wenn er etwas verlangte, was sie nicht wollten, sagte er immer, dass sie ihn ja jederzeit rauswerfen könnten.
Besonders viel aktive Handlung hat die Geschichte eigentlich nicht, das meiste wird erzählt. Sie spielt auch nur an einem Tag.
Roberts Sekretärin Leonore hat in ihrem Schreibtisch einen Zettel liegen, auf dem steht: Ich bin immer zu erreichen für meine Mutter, meinen Vater, meine Tochter, meinen Sohn, für Schrella und für niemanden sonst.
Das erste Mal, seit sie ihn kennt ist Dr.Fähmel ihr gegenüber unhöflich geworden, weil sie Nettlinger zu ihm ins Hotel geschickt hat, wo er gerade mit Hugo Billard spielte. Geheimrat Fähmel lädt sie zu seinem Geburtstag ein, den er mit der ganzen Familie feiern will. Sogar seine Frau verlässt dafür das Irrenhaus oder vielleicht auch deswegen, dass draußen eine Parteiparade stattfindet? Die ganze Familie trifft sich schließlich im Hotel Prinz Heinrich.
Am Anfang ist das Buch sehr schwierig zu lesen, da fast immer jemand erzählt oder nachdenkt und man sich sehr konzentrieren muss, um immer zu wissen, wessen Gedanken das gerade sind. Aber dadurch werden wichtige Passagen aus den Leben der Familienmitglieder berichtet, sodass man sie am Schluss ganz gut zu kennen scheint. Aber richtig wertvoll wird die Geschichte erst durch die hintergründliche Bedeutung. Ich möchte dazu nicht zuviel sagen, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann, aber es geht, wie so oft bei Böll, um das Leben während der Hitlerzeit und der Nachkriegszeit sowie die Integrierung der Nazis als überzeugte Demokraten in die Nachkriegsgesellschaft. Da ist auf der einen Seite Robert Fähmel, der aktiven Widerstand geleistet hat, seine Eltern, die ihn unterstützt und somit passiven Widerstand geleistet haben und sein Bruder Otto, der aktiv im System mitgewirkt hat. Oder auch die Enkelkinder, die froh waren, als die Oma ins Irrenhaus kamen und sie sich endlich richtig satt essen konnten.
Es handelt sich hierbei um ein sehr vielschichtiges Buch, über das es sich nachzudenken lohnt. Man sollte sich nicht von der anfänglichen Verwirrung entmutigen lassen, sondern das Buch bis zum Ende lesen, denn dann wird es erst richtig gut. Ich fand den Anfang erst ziemlichen blöd, doch jetzt, im Nachhinein, gefällt er mir richtig gut und ich empfinde ihn als passend. Es lohnt sich, das Buch dann gleich noch mal zu lesen, da man dann viele Gedanken entdeckt, die man beim ersten Mal nicht gefunden hat.
Ich habe die Geschichte in einem uralten Doppelband gefunden und kann deshalb nichts zum Preis sagen. Meiner Ansicht nach ist das Buch aber absolut lesenswert.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-26 11:21:31 mit dem Titel Der Boxer
Da ist mir auf dem Grabbeltisch mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Ich kam eher zufällig an dem Tisch mit den Mängelexemplaren vorbei und habe dann alle Bücher durchgesehen. Da ich schon Jakob der Lügner von Jurek Becker gelesen hatte und dieses mir eigentlich ganz gut gefiel, erregte Der Boxer natürlich gleich meine Aufmerksamkeit. Für nur 2,50 Euro habe ich es gekauft, wobei es meiner Ansicht nach auch die ursprünglich geforderten 15 DM wert ist.
Das Buch:
Das Buch erzählt die Geschichte von Arno Blank aus Berlin ab dem Ende des 2.Weltkriegs. Der Autor sitzt mit ihm zusammen und lässt sich aus seinem Leben erzählen. Eigentlich heisst er Aron Blank und ist 6 Jahre älter, als in seinem Ausweis steht. Aber diese sechs verlorenen Jahre, die er in Konzentrationslagern steckte, hat er sich zurück geholt, als hätte es sie nie gegeben. Arno ist Jude oder zumindest galt er als einer, auch wenn er die jüdische Religion nicht ausübt. Zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern wurde er ins Konzentrationslager eingeliefert. Seine Frau wurde wegen aufrührerischen Reden schnell getötet, zwei der Kinder verhungerten. Als er zusammen mit den anderen arbeitsfähigen Männern abgeholt wird, lässt er seinen zweijährigen Sohn Mark in der Obhut einer Frau Fischer zurück.
Soviel zur Vorgeschichte. Die Handlung des Buches setzt an der Stelle ein, an der Aron seinen Ausweis beantragt und beschließt, sich Arno zu nennen, um endlich nicht mehr als Jude angesehen zu werden. Er bekommt eine Wohnung zugeteilt, die früher einem Nazi gehörte. Er geht zu Joint, einer amerikanischen Organisation, und lässt seinen Sohn Mark suchen. Die junge Angestellte Paula ist für ihn zuständig und macht einen Mark Berger in einem Lager bei München ausfindig. Da Mark ein seltener Name ist, muss es sich dabei eigentlich um Mark Blank handeln. Als sie bei Arno vorbeikommt, um ihm zu berichten, dass sie eine Mitfahrgelegenheit für ihn gefunden hat, fragt sie, ob sie nicht noch ein wenig bleiben dürfte. Daraus werden mehrere Monate.
Die Kinder aus einem Kinderlager in Süddeutschland sind jetzt alle in Dachau, wo sie gesund gepflegt werden. Arno gelingt es nicht, sich Marks Aussehen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Aus Marks Bett schaut ihm ein Totenkopf entgegen, erst als er die schwarzen Augen sieht, ist er sich sicher, seinen Sohn vor sich zu haben. Dieser, mittlerweile sieben Jahre, befindet sich auf dem geistigen Niveau eines Vierjährigen. So kann er beispielsweise mit den Wörtern Vater und Sohn nichts anfangen. Die Nacht verbringt Arno lieber im Wald als im Gasthof im nahegelegenen Dorf, da die ja all die Jahre etwas mitbekommen haben müssen. Sobald Mark transportfähig ist, wird er in ein Erholungsheim in die Nähe von Berlin gebracht.
Arno arbeitet als Buchhalter für den Chef eines Schwarzhändlerringes. Zusätzlich zu einem für die damaligen Verhältnisse üppigen Gehalts von 2000 DM bekommt er die Möglichkeit, Waren zum Einkaufspreis aus dem Lager zu kaufen. Damit sein Sohn möglichst schnell wieder gesund wird, kauft er frische Gemüse, Schokolade, Lebertran, Spielzeug, Fisch, usw, was er ihm bei seinen täglichen Besuchen mitbringt. Als Mark darüber klagt, dass er als einziger Lebertran trinken muss, der ihm überhaupt nicht schmeckt, reift in Arno der Plan, seinem Sohn ein Vorbild zu sein. Er erzählt ihm, dass er selber als Junge einmal sehr krank war und sich sehr angestrengt hat, wieder gesund zu werden und wie seine Eltern sich darüber gefreut haben.
Bei seinem nächsten Besuch hört er, dass Mark nicht mehr über den Lebertran klagt.
Paula ist mittlerweile ausgezogen, da ihr Verlobter Werner wieder aufgetaucht ist.
Da Mark sehr von Schwester Irma schwärmt, bietet Arno ihr einen Job als Haushälterin an, den sie auch annimmt. Nach einem Monat teilen sie sich ein Zimmer, auch wenn von Arnos Seite keine Liebe im Spiel ist.
Arno will seinen Sohn eigentlich nicht in die Schule schicken, da der nicht mit den Kindern von denen auf einer Bank sitzen soll, aber es gibt ja die Schulpflicht.
Der Titel:
Ja, wer ist denn nur Der Boxer? Als Mark eines Tages grün und blau geschlagen aus der Schule wieder kommt, ist es für Arno gleich klar, dass das nur eine antisemitische Tat gewesen sein kann. Voller Zorn will er von seinem Sohn den Namen des Täters erfahren, um ihn sich einmal vorzuknöpfen. Mark gibt diesen nur unter der Voraussetzung preis, dass sein Vater nichts unternimmt, da er ein guter Verlierer sein will. Arno denkt sich eine Geschichte aus. Er erzählt Mark, dass in seiner Strasse früher ein Junge lebte, der alle Kinder quälte und schikanierte, nur weil er der kräftigste war und alle Angst vor ihm hatten. Er habe damals mit dem Boxen angefangen und habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, sein neues Können auszuprobieren. Als der Straßentyrann ihn das nächste Mal zu seinem Diener bestimmte, wehrte er sich und besiegte den Jungen, woraufhin alle Kinder in der Strasse in Ruhe leben konnten.
Es dauerte nicht lange, bis Mark sich erkundigte, ob es heute immer noch Boxschulen in Berlin gibt.
Das Titelbild:
Auf dem Titelbild ist ein Mann mit eingefallenen Gesichtszügen zu sehen, der an einem Kneipentisch sitzt, auf dem etwas zum Trinken steht, sorgfältig auf einem Untersetzer abgestellt. Er raucht und spielt mit einem Feuerzeug. Sein Gesicht ist seltsam ausdruckslos, die Augen scheinen leer zu sein. Abwesend blickt er nach unten.
Darauf ist in heraustretender, gelber (!) Schrift der Buchtitel, Autor und Verlag geprägt.
Auf der Rückseite befindet sich eine sehr knappe Zusammenfassung.
Das Thema:
Es fällt mir sehr schwer, das Thema zu definieren. Jurek Becker zeigt Probleme auf, die auch von der besten Wiedergutmachungspolitik nicht gelöst werden können. Aron und Mark sind die einzigen Überlebenden einer Familie, Aron hat Frau und zwei Kinder verloren. Er selber hat eigentlich keine Beziehung zum Judentum, außer dass er nun mal zufällig zu dieser Volksgruppe gehört und dafür jahrelang gefangengehalten wurde. Er lebt nun in seiner eigenen kleinen Welt. Er möchte möglichst wenig mit den Menschen zu tun haben, da er alle für potentielle Täter hält. Er schläft lieber eine Nacht im Wald als bei Wegsehern. Wenn er dann doch mal jemanden kennen lernt, will er immer gleich wissen, was diese im Krieg gemacht haben. Er geht zuerst auch nicht zu den Treffen der überlebenden Juden, da diese seiner Meinung nach sowieso nur über die Zeit in den Konzentrationslagern reden und jammern. Für ihn ist diese Zeit in gewisser Weise abgeschlossen, er hat sich ja auch eine neue Identität besorgt. Allerdings macht ihn diese Einstellung auch einsam.
Ein weiteres Problem, dass aus der Nazizeit herrührt, ist die Entfremdung von seinem Sohn. Auch wenn eine Annäherung stattfindet, Vertrauen entsteht nie. Wie Arno an einer Stelle selbst bemerkt, hat er sich immer nur um die physischen Bedürfnisse seines Sohnes gekümmert und einfach vorausgesetzt, dass dieser glücklich ist.
So findet der Zerfall der Familie nicht komplett während des Holocaust statt, sondern setzt sich danach schleichend weiter fort.
Arno hat einen weiteren Kampf zu fechten: den Kampf gegen die Apathie, den er früh verliert. Zunächst lebt er nur von den Unterstützungszahlungen von der Regierung, dann bekommt er durch die baldige Ankunft seines Sohnes Energie und sucht sich einen Job. Später, als er alt und alleine ist, lebt er von seiner Rente, die einem Opfer des Faschismus zusteht. Der Autor fragt ihn, ob es ihm denn ausreiche, nur ein Opfer des Faschismus zu sein und nichts weiter, und er antwortet, dass er es nicht könne, da er den Kampf gegen die Müdigkeit vor längerer Zeit verloren habe.
Der Autor:
Jurek Becker wurde am 30 September 1937 im polnischen Lodz geboren. Nachdem er seine Kindheit im Ghetto von Lodz und den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen verbracht hat, zog er 1945 mit seinem Vater nach Berlin, wo er auch Deutsch lernte. Nach einem abgebrochenen Philosophiestudium arbeitete er als Drehbuchautor. Von 1957 bis 1976 war er Mitglied der SED, wurde dann aber ausgeschlossen. 1977 siedelte er in den Westteil der Stadt um. Am 14.März 1997 erlag er in Berlin einem Krebsleiden.
Zu seinen wichtigsten Werken, für die er viele Preise erhielt, gehören:
Jakob der Lügner (1969),
Irreführung der Behörden (1972),
Der Boxer (1976),
Schlaflose Tage (1978),
Aller Welt Freund (1982),
Bronsteins Kinder (1986).
Vielen dürfte Liebling Kreuzberg bekannt sein, zu dem Becker die Drehbücher schrieb.
Fazit:
Ich kann dieses Buch uneingeschränkt weiter empfehlen. Durch die Gespräche des Autors mit Arno lernt man diesen recht gut kennen, ich konnte seine Gedanken und Handlungen oft verstehen, während ich ihn an anderer Stelle gerne gepackt und durchgeschüttelt hätte, um ihn aufzuwecken. So sieht sich Arno weder als Deutscher noch als Jude. Er ist sehr misstrauisch den Menschen gegenüber und begibt sich quasi in eine Art inneres Asyl, aus dem die Wiederkehr sehr schwer ist. Er ist seltsam emotionslos, nur zornig wird er leicht. Es ist kein lustiges Buch, auch nicht unterhaltsam. Ich weiss nicht, was das fesselnde daran ist, ich kann es nicht sagen, aber irgendetwas an dem Buch hat mich berührt. Also wer vor schwierigeren Büchern nicht zurück schreckt, sollte Der Boxer unbedingt einmal lesen.
Vordergründig erzählt es die Geschichte der Familie Fähmel. Der Opa, Geheimrat Heinreich Fähmel, ist der Begründer des Clans. Als er vor vielen Jahren in die kleine Stadt kam, begründete er ein Ritual. Jeden Morgen, zur gleichen Zeit, frühstückt er in seinem Stammlokal, und zwar immer mit Paprikakäse, obwohl er den gar nicht gerne mag. Obwohl er als Architekt noch total unerfahren war, gewann er eine Ausschreibung gegen drei sehr große Architekten und baute als erstes Bauwerk seiner Karriere die Abtei Sankt Anton. Er heiratete Johanna, die Tochter des Notars, träumte von einer Großfamilie und wollte 7 Kinder haben und dann 7 x 7 Enkel. Doch es kam anders. Von den vier Kindern starben Johanna und Heinrich sehr früh, Otto starb als überzeugter Nazi im Krieg.
Sein Sohn Robert leitet ein Statikbüro und spielt jeden Tag von halb zehn bis elf Billard im Hotel Prinz Heinrich, wobei er dem Hotelboy Hugo aus seinem Leben erzählt. Als Schüler hatte er einmal einem Klassenkameraden namens Schrella geholfen, der vom Turnlehrer Ben Wackes und einigen Klassenkameraden, insbesondere Nettlinger, fertig gemacht wurde. Dieser gehörte einer sektenartigen Verbindung an, die gelobt hatte, nie vom Sakrament des Büffels zu kosten. Worum es sich dabei handelt, möchte ich hier nicht verraten, ganz verstanden habe ich es erst ziemlich weit hinten im Buch, ich verrate nur, dass Hindenburg der Oberbüffel ist. Robert geht mit zu einer Versammlung und verspricht Edith Schrella, nie vom Sakrament des Büffels, sondern immer nur vom Sakrament des Lammes zu essen. Edith selber sieht aus wie das reinste Lamm Gottes. Nettlinger ist der größte Gegner dieser Gruppe und wann immer er mit seiner Hilfspolizei eins der Lämmer erwischt, verprügelt er es mit seiner Stacheldrahtpeitsche. Zu der Gruppe gehört auch noch Ferdi, der einen Anschlag auf Ben Wackes plant. Dieser misslingt und Ferdi wird umgebracht. Da Schrella und Robert bei den Vorbereitungen geholfen haben, fliehen sie nach Holland, wo sie später gefangen genommen werden. Seine Eltern setzen sich dafür ein, dass er freigelassen wird, allerdings muss er dann zur Armee, wo er die Schussfelder freisprengen muss. Dabei sprengt er auch die Abtei Sankt Anton in die Luft, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Mit Edith hat er zwei Kinder, Joseph und Ruth. Edith und seine Mutter ließen die Kinder im Krieg fast verhungern, weil sie alle Lebensmittel, die der Großvater geschenkt bekam, an andere Menschen weiterverschenkten. Edith starb, als die Haustür von Bombensplittern getroffen wurde.
Joseph wird später ebenfalls Architekt und entdeckt, dass sein Vater die Abtei gesprengt hat.
Die Mutter, Johanna, lebt in einem Irrenhaus. Sie hatte eine hochgestellte Persönlichkeit beleidigt. Die drohende Ermordung konnte nur abgewendet werden, indem man sie für verrückt erklären ließ. Jetzt verlangt sie ständig eine Waffe, um einen neuen Büffel erschießen zu können und ins Leben zurückzukehren.
Der Hotelboy Hugo sieht ebenfalls aus wie das Lamm Gottes und wurde sein ganzes Leben lang dafür gehänselt.
Roberts Bruder Otto hatte schon früh vom Sakrament des Büffels gekostet, was zu einigen Schwierigkeiten führte. Aus dem Exil schickte Robert häufiger Nachrichten, das er Geld brauche und wie viel. Otto verachtete seine Eltern dafür, dass sie Robert unterstützten und benahm sich ihnen gegenüber ziemlich schlecht. Wenn er etwas verlangte, was sie nicht wollten, sagte er immer, dass sie ihn ja jederzeit rauswerfen könnten.
Besonders viel aktive Handlung hat die Geschichte eigentlich nicht, das meiste wird erzählt. Sie spielt auch nur an einem Tag.
Roberts Sekretärin Leonore hat in ihrem Schreibtisch einen Zettel liegen, auf dem steht: Ich bin immer zu erreichen für meine Mutter, meinen Vater, meine Tochter, meinen Sohn, für Schrella und für niemanden sonst.
Das erste Mal, seit sie ihn kennt ist Dr.Fähmel ihr gegenüber unhöflich geworden, weil sie Nettlinger zu ihm ins Hotel geschickt hat, wo er gerade mit Hugo Billard spielte. Geheimrat Fähmel lädt sie zu seinem Geburtstag ein, den er mit der ganzen Familie feiern will. Sogar seine Frau verlässt dafür das Irrenhaus oder vielleicht auch deswegen, dass draußen eine Parteiparade stattfindet? Die ganze Familie trifft sich schließlich im Hotel Prinz Heinrich.
Am Anfang ist das Buch sehr schwierig zu lesen, da fast immer jemand erzählt oder nachdenkt und man sich sehr konzentrieren muss, um immer zu wissen, wessen Gedanken das gerade sind. Aber dadurch werden wichtige Passagen aus den Leben der Familienmitglieder berichtet, sodass man sie am Schluss ganz gut zu kennen scheint. Aber richtig wertvoll wird die Geschichte erst durch die hintergründliche Bedeutung. Ich möchte dazu nicht zuviel sagen, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann, aber es geht, wie so oft bei Böll, um das Leben während der Hitlerzeit und der Nachkriegszeit sowie die Integrierung der Nazis als überzeugte Demokraten in die Nachkriegsgesellschaft. Da ist auf der einen Seite Robert Fähmel, der aktiven Widerstand geleistet hat, seine Eltern, die ihn unterstützt und somit passiven Widerstand geleistet haben und sein Bruder Otto, der aktiv im System mitgewirkt hat. Oder auch die Enkelkinder, die froh waren, als die Oma ins Irrenhaus kamen und sie sich endlich richtig satt essen konnten.
Es handelt sich hierbei um ein sehr vielschichtiges Buch, über das es sich nachzudenken lohnt. Man sollte sich nicht von der anfänglichen Verwirrung entmutigen lassen, sondern das Buch bis zum Ende lesen, denn dann wird es erst richtig gut. Ich fand den Anfang erst ziemlichen blöd, doch jetzt, im Nachhinein, gefällt er mir richtig gut und ich empfinde ihn als passend. Es lohnt sich, das Buch dann gleich noch mal zu lesen, da man dann viele Gedanken entdeckt, die man beim ersten Mal nicht gefunden hat.
Ich habe die Geschichte in einem uralten Doppelband gefunden und kann deshalb nichts zum Preis sagen. Meiner Ansicht nach ist das Buch aber absolut lesenswert.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-26 11:21:31 mit dem Titel Der Boxer
Da ist mir auf dem Grabbeltisch mal wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Ich kam eher zufällig an dem Tisch mit den Mängelexemplaren vorbei und habe dann alle Bücher durchgesehen. Da ich schon Jakob der Lügner von Jurek Becker gelesen hatte und dieses mir eigentlich ganz gut gefiel, erregte Der Boxer natürlich gleich meine Aufmerksamkeit. Für nur 2,50 Euro habe ich es gekauft, wobei es meiner Ansicht nach auch die ursprünglich geforderten 15 DM wert ist.
Das Buch:
Das Buch erzählt die Geschichte von Arno Blank aus Berlin ab dem Ende des 2.Weltkriegs. Der Autor sitzt mit ihm zusammen und lässt sich aus seinem Leben erzählen. Eigentlich heisst er Aron Blank und ist 6 Jahre älter, als in seinem Ausweis steht. Aber diese sechs verlorenen Jahre, die er in Konzentrationslagern steckte, hat er sich zurück geholt, als hätte es sie nie gegeben. Arno ist Jude oder zumindest galt er als einer, auch wenn er die jüdische Religion nicht ausübt. Zusammen mit seiner Frau und den drei Kindern wurde er ins Konzentrationslager eingeliefert. Seine Frau wurde wegen aufrührerischen Reden schnell getötet, zwei der Kinder verhungerten. Als er zusammen mit den anderen arbeitsfähigen Männern abgeholt wird, lässt er seinen zweijährigen Sohn Mark in der Obhut einer Frau Fischer zurück.
Soviel zur Vorgeschichte. Die Handlung des Buches setzt an der Stelle ein, an der Aron seinen Ausweis beantragt und beschließt, sich Arno zu nennen, um endlich nicht mehr als Jude angesehen zu werden. Er bekommt eine Wohnung zugeteilt, die früher einem Nazi gehörte. Er geht zu Joint, einer amerikanischen Organisation, und lässt seinen Sohn Mark suchen. Die junge Angestellte Paula ist für ihn zuständig und macht einen Mark Berger in einem Lager bei München ausfindig. Da Mark ein seltener Name ist, muss es sich dabei eigentlich um Mark Blank handeln. Als sie bei Arno vorbeikommt, um ihm zu berichten, dass sie eine Mitfahrgelegenheit für ihn gefunden hat, fragt sie, ob sie nicht noch ein wenig bleiben dürfte. Daraus werden mehrere Monate.
Die Kinder aus einem Kinderlager in Süddeutschland sind jetzt alle in Dachau, wo sie gesund gepflegt werden. Arno gelingt es nicht, sich Marks Aussehen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Aus Marks Bett schaut ihm ein Totenkopf entgegen, erst als er die schwarzen Augen sieht, ist er sich sicher, seinen Sohn vor sich zu haben. Dieser, mittlerweile sieben Jahre, befindet sich auf dem geistigen Niveau eines Vierjährigen. So kann er beispielsweise mit den Wörtern Vater und Sohn nichts anfangen. Die Nacht verbringt Arno lieber im Wald als im Gasthof im nahegelegenen Dorf, da die ja all die Jahre etwas mitbekommen haben müssen. Sobald Mark transportfähig ist, wird er in ein Erholungsheim in die Nähe von Berlin gebracht.
Arno arbeitet als Buchhalter für den Chef eines Schwarzhändlerringes. Zusätzlich zu einem für die damaligen Verhältnisse üppigen Gehalts von 2000 DM bekommt er die Möglichkeit, Waren zum Einkaufspreis aus dem Lager zu kaufen. Damit sein Sohn möglichst schnell wieder gesund wird, kauft er frische Gemüse, Schokolade, Lebertran, Spielzeug, Fisch, usw, was er ihm bei seinen täglichen Besuchen mitbringt. Als Mark darüber klagt, dass er als einziger Lebertran trinken muss, der ihm überhaupt nicht schmeckt, reift in Arno der Plan, seinem Sohn ein Vorbild zu sein. Er erzählt ihm, dass er selber als Junge einmal sehr krank war und sich sehr angestrengt hat, wieder gesund zu werden und wie seine Eltern sich darüber gefreut haben.
Bei seinem nächsten Besuch hört er, dass Mark nicht mehr über den Lebertran klagt.
Paula ist mittlerweile ausgezogen, da ihr Verlobter Werner wieder aufgetaucht ist.
Da Mark sehr von Schwester Irma schwärmt, bietet Arno ihr einen Job als Haushälterin an, den sie auch annimmt. Nach einem Monat teilen sie sich ein Zimmer, auch wenn von Arnos Seite keine Liebe im Spiel ist.
Arno will seinen Sohn eigentlich nicht in die Schule schicken, da der nicht mit den Kindern von denen auf einer Bank sitzen soll, aber es gibt ja die Schulpflicht.
Der Titel:
Ja, wer ist denn nur Der Boxer? Als Mark eines Tages grün und blau geschlagen aus der Schule wieder kommt, ist es für Arno gleich klar, dass das nur eine antisemitische Tat gewesen sein kann. Voller Zorn will er von seinem Sohn den Namen des Täters erfahren, um ihn sich einmal vorzuknöpfen. Mark gibt diesen nur unter der Voraussetzung preis, dass sein Vater nichts unternimmt, da er ein guter Verlierer sein will. Arno denkt sich eine Geschichte aus. Er erzählt Mark, dass in seiner Strasse früher ein Junge lebte, der alle Kinder quälte und schikanierte, nur weil er der kräftigste war und alle Angst vor ihm hatten. Er habe damals mit dem Boxen angefangen und habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, sein neues Können auszuprobieren. Als der Straßentyrann ihn das nächste Mal zu seinem Diener bestimmte, wehrte er sich und besiegte den Jungen, woraufhin alle Kinder in der Strasse in Ruhe leben konnten.
Es dauerte nicht lange, bis Mark sich erkundigte, ob es heute immer noch Boxschulen in Berlin gibt.
Das Titelbild:
Auf dem Titelbild ist ein Mann mit eingefallenen Gesichtszügen zu sehen, der an einem Kneipentisch sitzt, auf dem etwas zum Trinken steht, sorgfältig auf einem Untersetzer abgestellt. Er raucht und spielt mit einem Feuerzeug. Sein Gesicht ist seltsam ausdruckslos, die Augen scheinen leer zu sein. Abwesend blickt er nach unten.
Darauf ist in heraustretender, gelber (!) Schrift der Buchtitel, Autor und Verlag geprägt.
Auf der Rückseite befindet sich eine sehr knappe Zusammenfassung.
Das Thema:
Es fällt mir sehr schwer, das Thema zu definieren. Jurek Becker zeigt Probleme auf, die auch von der besten Wiedergutmachungspolitik nicht gelöst werden können. Aron und Mark sind die einzigen Überlebenden einer Familie, Aron hat Frau und zwei Kinder verloren. Er selber hat eigentlich keine Beziehung zum Judentum, außer dass er nun mal zufällig zu dieser Volksgruppe gehört und dafür jahrelang gefangengehalten wurde. Er lebt nun in seiner eigenen kleinen Welt. Er möchte möglichst wenig mit den Menschen zu tun haben, da er alle für potentielle Täter hält. Er schläft lieber eine Nacht im Wald als bei Wegsehern. Wenn er dann doch mal jemanden kennen lernt, will er immer gleich wissen, was diese im Krieg gemacht haben. Er geht zuerst auch nicht zu den Treffen der überlebenden Juden, da diese seiner Meinung nach sowieso nur über die Zeit in den Konzentrationslagern reden und jammern. Für ihn ist diese Zeit in gewisser Weise abgeschlossen, er hat sich ja auch eine neue Identität besorgt. Allerdings macht ihn diese Einstellung auch einsam.
Ein weiteres Problem, dass aus der Nazizeit herrührt, ist die Entfremdung von seinem Sohn. Auch wenn eine Annäherung stattfindet, Vertrauen entsteht nie. Wie Arno an einer Stelle selbst bemerkt, hat er sich immer nur um die physischen Bedürfnisse seines Sohnes gekümmert und einfach vorausgesetzt, dass dieser glücklich ist.
So findet der Zerfall der Familie nicht komplett während des Holocaust statt, sondern setzt sich danach schleichend weiter fort.
Arno hat einen weiteren Kampf zu fechten: den Kampf gegen die Apathie, den er früh verliert. Zunächst lebt er nur von den Unterstützungszahlungen von der Regierung, dann bekommt er durch die baldige Ankunft seines Sohnes Energie und sucht sich einen Job. Später, als er alt und alleine ist, lebt er von seiner Rente, die einem Opfer des Faschismus zusteht. Der Autor fragt ihn, ob es ihm denn ausreiche, nur ein Opfer des Faschismus zu sein und nichts weiter, und er antwortet, dass er es nicht könne, da er den Kampf gegen die Müdigkeit vor längerer Zeit verloren habe.
Der Autor:
Jurek Becker wurde am 30 September 1937 im polnischen Lodz geboren. Nachdem er seine Kindheit im Ghetto von Lodz und den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen verbracht hat, zog er 1945 mit seinem Vater nach Berlin, wo er auch Deutsch lernte. Nach einem abgebrochenen Philosophiestudium arbeitete er als Drehbuchautor. Von 1957 bis 1976 war er Mitglied der SED, wurde dann aber ausgeschlossen. 1977 siedelte er in den Westteil der Stadt um. Am 14.März 1997 erlag er in Berlin einem Krebsleiden.
Zu seinen wichtigsten Werken, für die er viele Preise erhielt, gehören:
Jakob der Lügner (1969),
Irreführung der Behörden (1972),
Der Boxer (1976),
Schlaflose Tage (1978),
Aller Welt Freund (1982),
Bronsteins Kinder (1986).
Vielen dürfte Liebling Kreuzberg bekannt sein, zu dem Becker die Drehbücher schrieb.
Fazit:
Ich kann dieses Buch uneingeschränkt weiter empfehlen. Durch die Gespräche des Autors mit Arno lernt man diesen recht gut kennen, ich konnte seine Gedanken und Handlungen oft verstehen, während ich ihn an anderer Stelle gerne gepackt und durchgeschüttelt hätte, um ihn aufzuwecken. So sieht sich Arno weder als Deutscher noch als Jude. Er ist sehr misstrauisch den Menschen gegenüber und begibt sich quasi in eine Art inneres Asyl, aus dem die Wiederkehr sehr schwer ist. Er ist seltsam emotionslos, nur zornig wird er leicht. Es ist kein lustiges Buch, auch nicht unterhaltsam. Ich weiss nicht, was das fesselnde daran ist, ich kann es nicht sagen, aber irgendetwas an dem Buch hat mich berührt. Also wer vor schwierigeren Büchern nicht zurück schreckt, sollte Der Boxer unbedingt einmal lesen.
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