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Erfahrungsbericht von mima007
Alfred Elton van Vogt: *Ischer*: Klassischer Science-Fiction-Zyklus
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
In der neuesten Ausgabe der Heyne-Science Fiction-Anthologie "Ikarus" für das Jahr 2002 eröffnet eine klassische Story des US-Autors Alfred Elton van Vogt den Reigen der Texte: "Die Wippe" (1941). Was macht diese Story nach über 60 Jahren noch so gut? Und was hat sie mit dem Ischer-Zyklus zu tun, vor dessen Hintergrund sie spielt?
Hier stelle ich einen Sammelband mit dem Titel "Ischer" vor, den der deutsche van Vogt Experte Rainer Eisfeld herausgegeben hat. Der Band enthält neben Vor- und Nachwort 2 Romane und 2 Erzählungen: "Die Wippe" (1941), "Der Waffenladen" (1942) sowie die Romane "Die Waffenläden von Ischer" (1941-42/51) und "Die Waffenschmiede" (1943/46). Der Dynastie-Name 'Ischer' beruht auf der Anspielung auf Edgar Allan Poes Story "Der Untergang des Hauses Ascher".
Hintergrund: Das Ischer-Universum
Van Vogts Stories waren u.a. deshalb so beliebt, weil sie kompliziert und stets überraschend bzw. verblüffend waren. So auch hier. 3000 Jahre in der Zukunft, in einem Planetenimperium unseres Sonnensystems. Es gibt eine Zeitwippe, die einen Menschen abwechselnd in die Zukunft und in die Vergangenheit schleudert und ihn schließlich zur Ursache für die Entstehung von Planeten werden lässt. Es gibt einen Unsterblichen mit einem Arsenal geheimer Erfindungen, Zeitparadoxa, eine außerirdische Spinnenrasse, die den Menschen weit überlegen ist - und einiges andere mehr.
Hintergrund dieser "Räuberpistolen" ist ein Kaiserreich der Zukunft, dessen Herrscherin Innelda in ihrer Machtvollkommenheit durch die Gilde der Waffenschmiede eingeengt wird, die den Kaiserlichen immer ein gutes Stück voraus sind, was Wissenschaft und Technik angeht. Die Schmiede arbeiten auf zwei Ebenen: In über das ganze Land (der Zentralwelt) verteilten Waffengeschäften erhalten Bürger zu niedrigen Preisen Schusswaffen, die nur der Selbstverteidigung dienen können.
Außerdem verhilft ihr geheimnisvoller Gerichtshof betrogenen Bürgern zu ihrem Recht. Die abwesenden Angeklagten, meist Firmen, werden im Schnellverfahren verurteilt und bestraft. Die Waffenschmiede sind mächtig genug, sowohl die Urteile durchzusetzen als auch ihre Läden den Zugriffen der Kaiserin zu entziehen.
Das System Kaiserhaus/Gilde, das einen Balancezustand schaffen soll, wurde einst von dem Unsterblichen Robert Hedrock ins Leben gerufen und seither von ihm aus dem Hintergrund überwacht.
Die Handlungen der Stories
1) In der amerikanischen Stadt "Middle City" ereignen sich in "Die Wippe" merkwürdige Dinge. Als ein Waffenladen auftaucht und später wieder verschwindet, heftet sich der Reporter Chris McAllister an die Fersen dieses Phänomens. Wir erfahren praktisch nichts über ihn, sondern nur über sein Schicksal. Eine Art Zeitwippe schleudert ihn Millionen Jahre in die Vergangenheit. Um den Preis seines Lebens verursacht er die Entstehung des Sonnensystems.
Diesen Vorgang nennt Stanislaw Lem "Autokreation", Selbsterschaffung des Menschen und seiner Umwelt. Wie kann der Kosmos denn aus Nichts entstanden sein - es muss eine Zutat, ein Etwas gegeben haben. Also beschließt ein Wisenschaftler in ferner Zukunft, ein einziges Elektron entgegen dem Zeitstrom in die ferne Vergangenheit zurückzuschießen, um den Urknall auszulösen - soweit die Theorie Lems. Dieser Mensch spielt Gott.
Van Vogts Lösung sieht jedoch so aus: McAllister wird unfreiwillig in die Lage eines Gewichts am Ende einer Zeitwippe versetzt; bei jeder Schwingung der Wippe lädt sich dieses Gewicht mit einem immer größerer Energiepotenzial auf. Es explodiert schließlich in unvorstellbarer Vergangenheit und löst jenen Urknall aus, dem auch das Sonnensystem seine Entstehung verdankt.
Doch bereits 1949 wurde dieses Szenario widerlegt: Zur laufenden Vergrößerung des Ausschwingens der Wippe müsste dem System ständig neue Energie zugeführt werden - woher soll die aber kommen? Darüber verliert van Vogt kein Wort.
2) Seine Story "Der Waffenladen" wurde hingegen von seinen Kollegen auf Platz 13 der besten Stories des Goldenen Zeitalters der Science Fiction zwischen 1929 und 1964 gewählt, und das will schon etwas heißen. Dennoch ist es merkwürdig, denn, wie schon John W. Campbell schrieb, "die Story hat keine handlung, setzt nirgendwo im besonderen ein, schweift umher und endet schließlich an einer genauso beliebigen Stelle - es ist, als schlendere man durch einen Park".
Es ist eine eminent menschliche Geschichte, die van Vogt erzählt (vielleicht stammt sie ja von seiner Frau Edna?). Da gibt es die Konflikte zwischen den geschlechterrollen von fara Clark und seiner Frau Creel, und da gibt es den Generationenkonflikt zwischen diesen Eltern und ihrem Sohn Cayle (der im Roman "Die Waffenläden von Ischer" die Hauptfigur abgibt). Das Auftauchen des Waffenladens bringt die gespannte Situation nur zum Explodieren. Durch seine patriarchalische Unnachgiebigkeit sorgt Fara dafür, dass Cayle sich ihm endgültig entfremdet.
Fara wird um Geschäft und Ersparnisse gebracht, empfindet sich als ausgestoßen und steht kurz davor, Selbstmord zu begehen. Doch er lernt nicht nur die verborgene Funktion der Waffenläden , deren Organisation ihm Rettung bringt, in der korrupten irdischen Zivilisation in der Ischer-Ära kennen.
Ihm wird auch höchst eindringlich vor Augen geführt, dass er sich ein System starrer Wertvorstellungen zurechtgelegt hat, das auf einer fundamentalen Selbsttäuschung über seine Umwelt beruht. Der Mechanismus, der ihm jahrzehntelang als psychische Krücke gedient hat, erweist seine Brüchigkeit, als es zur Krise kommt. "Ich habe mich benommen wie ein Geisteskranker", sagt Fara Clark am Schluss. Dies ist eine psychoanalytische Erkenntnis. Als Faras Glaube an die Autorität der Kaiserin Innelda Ischer in Frage gestellt wird, reagiert er als Autoritäts- und Hierarchiefanatiker mit krankhafter Aggressivität. Dabei erwartet er von seiner Familie, dass sie pariert. (Die weiterentwickelte Psychoanalyse wird jedoch van Vogt auf den Irrweg der Scientology führen.)
Gleichzeitig entwirft van Vogt mit Creel Clark ein weibliches Gegenbild zu dem in seiner sterotypen Männerrolle befangenen Fara. Emotional stabiler, psychisch reifer und flexibler, lässt sie sich von Fara nicht ins Boxhorn jagen, und in der Krise berät sie ihn und bleibt vernünftig. Schließlich emanzipiert sie sich von der jahrzehntelangen anerzogenen Unterordnung unter männliche Dominanz, allerdings auf konstruktive Weise. Auch van Vogt Charakterisierung der Kaiserin Innelda - selbständig, attraktiv, lebenstüchtig - entspricht der an Creel gezeigten Sensibilität, und diese war zu Zeiten der Groschenromane keineswegs üblich, sondern vielmehr verpönt.
Asimov konnte überhaupt keine erwachsenen Frauen zeichnen und Heinlein allenfalls solche, die sich dem Mann willig unterordnen und sich benutzen ließen. Nach Meinung von Rainer Eisfeld nimmt van Vogt hier sogar das Bild der neuen "Women of Wonder" bei Joanna Russ, Joan D. Vinge, pamela Sargent (die Herausgeberin der zwei gleichnamigen Storysammlungen) und Ursula K. LeGuin aus den siebziger Jahren vorweg. Darüber jedoch ließe sich streiten.
Die Handlungen der Romane
1) "Die Waffenläden von Ischer"
Im ersten Band kommt Cayle Clark, ein junger Mann mit dem Talent, Dinge und Personen in seinem Sinne zu beeinflussen, vom Lande in die Hauptstadt. Nach unliebsamen Zusammenstößen mit der Unterwelt fällt er auf, als er im Spiel zuviel gewinnt. Man macht ihn zu einem Sklaven in einem Illusionspalast, verschleppt ihn zum Mars, lässt ihn dann aber Offizier der Kaiserin werden.
Schließlich wird er Zeitreisender und der mächtigste Mann in der Wirtschaft, immer beschützt von Lucy, seiner späteren Frau, einer Angehörigen der Waffenhändler-Gilde.
2) "Die Waffenhändler von Ischer"
Der anschließend veröffentlichte zweite Band steht im Zeichen der Kaiserin Innelda Ischer und des Unsterblichen Robert Hedrock (s.o.). Hedrock wird sowohl von Innelda als auch der Gilde mit der Hinrichtung bedroht, kann aber fliehen. Er stiehlt einen geheimgehaltenen Antrieb für interstellaren Raumflug, gerät in die Gefangenschaft der Spinnen-Aliens, vergrößert sich selbst (!), zerstört als menschlicher Gigant eine Stadt und geht schließlich als Sieger aus allen Konflikten hervor - eine reine Allmachtsphantasie, wenn es je eine gegeben hat.
Fazit
Diese dürren Inhaltsangaben können den Romanen und Stories allerdings kaum gerecht werden, weil ihr Reiz in einer fast explosiven Verkettung von Ideen besteht: Der (jugendliche und männliche) Leser (von Groschenheften, den sog. 'Pulps') wird von einer Überraschung zur nächsten geführt, und erst allmählich treten die Machtstrukturen, die Hintermänner und Drahtzieher von Intrigen klar hervor.
Dieses Jonglieren mit zum Teil sehr widersprüchlichen Zutaten macht den hauptreiz der beiden Romane aus. Sonderlich glaubwürdig ist der soziokulturelle Hintergrund nicht gerade. Aber van Vogts Werke - auch die Null-A-Romane - leben von der Kopplung von Dingen und Ideen, die sich eigentlich nicht verknüpfen lassen. Wissenschaftlich begründete Allmacht wird hier mit Machtstrukturen vergangener Jahrhunderte - Gilden, feudale Kaiserreiche - ausgeübt.
Das Ergebnis ist ein aus allen historischen Zusammenhängen herausgelöstes Gebilde, das sich ideal als Hintergrund für Ränkespiele und Intrigen jener allzu häufig übermenschlichen Helden eignet, denen der Pulp-Autor van Vogt generell zuneigte. Einfache Bürger haben im Machtspiel solcher Halbgötter nicht allzuviel zu sagen, eigentlich gar nichts. Die bestimmende Triebkraft dieser Superhelden ist das Streben nach offener oder versteckter - also zur Manipulation taugender - Macht.
In der Geschichte der Science Fiction sind die Ischer-Geschichten insofern von Interesse, als sie dem Genre neue Dimensionen eröffnet haben. Denn van Vogt (1912-2000) trug in einer Zeit, als die Science Fiction unter der Ägide von Magazin-herausgeber John W. Campbell jr. zu immer neuen Themen und Sensationen expandierte (aber mitunter auch zu Mist wie etwa Scientology) mit seiner Kreativität wesentlich zur Weiterentwicklung des Genres bei: "Er fügte der Wissenschaft die magie hinzu", meinte James Gunn, selbst Autor und Chronist der Science Fiction.
Der Autor
Ich will nicht verschweigen, dass van Vogt in den allermeisten seiner Geschichten sich als literarisch ziemlich unbedarfter Autor zeigt, mit einem schlechten Stil und kaum in der Lage, glaubwürdige Charaktere zu entwickeln (Ausnahme: "Slan", 1946). Seine Vorlieb für Größenwahn, Supermänner und feudalistische Gesellschaftsformen machten ihn bereits früh zu einem umstrittenen Autor, der von Herausgeber Damon Knight mit dem vernichtenden Urteil "kosmischer Bauspekulant" belegt wurde.
Rainer Eisfeld weiß diese Vorverurteilung geschickt und kenntnisreich zu relativieren. So etwa widerlegt die Existenz der demokratischen organisation der "Waffenhändler" die unterstellte Unterstützung feudalistischer Gesellschaften.
Aus dem Zusammenhang der Genre-Entwicklung und seiner wirtschaftlichen Zwänge (Groschenhefte, Papiermangel während des Krieges, miese Bezahlung) wird klar, dass van Vogt nur so gut oder schlecht schrieb, wie es der Markt zuließ. Asimov und Heinlein, seine größten Konkurrenten wussten sich a) besser zu verkaufen und hatten b) (vielleicht) die besseren Ideen.
Durch den frühen Tod seines Vaters musste van Vogt schon früh von der Schule angehen und sich als Gelegenheitsarbeiter verdingen, bis er dann 1931 mit 19 Jahren sein erstes Produkt veröffentlichte, ein Prostituierten-Melodram. Seine erste Science Fiction-Story war "Vault of the Beast", seiner erste veröffentlichte Science Fiction-Story erschien 1939 in Campbells "Astounding Science Fiction": "The Black Destroyer" ist die erste und beste Story des bekanntesten Episoden-Romans van Vogts: "Die Expedition der Space Beagle" (1950; "Beagle" hieß das Schiff, auf dem Charles Darwin mitsegelte) - eine phantasiereiche Erforschung der gefährlichen Wunder, die das Universum für uns bereithält.
Ein Bildteil bringt die wichtigsten Buchtitel, den Autor und bestimmte Veröffentlichung. Solche Bilder wird man in der sonstigen Skundärliteratur zur SF vergeblich suchen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Heyne 1989, Nr. 06/73, München; 508 Seiten, DM 16,80, aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Eisfeld; ISBN 3-453-03121-0
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-20 18:01:25 mit dem Titel Anne-Marie Villefranche: *Der Liebesapfel*: Rohre werden verlegt
Turbuelente Liebesabenteuer voll Eleganz und Geschmack - das bietet dieses nette Erotikon.
Die Autorin
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Villefranche ist eine elegante und geschmackvolle Erzählerin erotischer Schlüpfrigkeiten. Ihre Darstellung lassen dennoch nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Sie erlebte das Paris der 20er Jahre und heiratete 1928 einen englischen Diplomaten. Nach ausgedehnten Reisen starb sie 1980. Erst danach stieß man auf ihre intimen Erzählungen, denen offenbar eigene erotische Erelebnisse aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zugrundelagen. \"Der Liebesapfel\" ist ein erst vor kurzem entdecktes Manuskript.
Handlung
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Der arme Marc! Hat ihm doch seine hinreißende Geliebte Arlette die Liebe aufgekündigt – mir nichts, dir nichts! Natürlich kann man sich auch noch freundschaftlich lieben, aber es ist eben nicht dasselbe wie zuvor, und ein schwerer Schlag für das, ähm, Ego eines Schürzenjägers wie Marc. Schuld daran ist nur dieses völlig unbegründete Gerücht, er hätte etwas mit Jacqueline (die übrigens auch nicht schlecht aussieht).
Prompt lässt er sich sich wieder bei seiner Angetrauten, Sylvie, blicken, von der er bereits sechs Monate getrennt lebt. Sie liegt verdächtig offenherzig mitten am Tag im Bett – ob sie wohl einen Liebhaber...? Nach getaner Liebestat spürt Marc denn auch sofort seinem finsteren Verdacht nach und lädt seinen Cousin Pierre ins Bordell ein. Sicherlich gibt es keinen unverfänglicheren Pariser Ort zur Besprechung von allerlei Liebeshändeln, nicht wahr? Doch Pierre, o Graus, spielt das Unschuldslamm, und so kommt Marc auch hier auf keinen grünen Zweig. Vielmehr tröstet er sich mit der, geben wir\'s ruhig zu, längst überfälligen Jacqueline.
Marc, der Hansdampf in allen Höschen, taumelt von Affäre zu Affäre, immer auf der Suche nach der perfekten körperlichen und seelischen Vereinigung, und wundert sich, warum ihn keine seiner angelegten Damen mehr sehen will. Dabei \"war es allgemein bekannt, dass Frauen hauptsächlich zu dem Zweck existierten, dass man sie auszog und sich mit ihnen amüsierte\". Marc beteuert ihnen immer wieder, dass er sie anhimmle, doch soll wollen wahre Liebe. Was soll man davon halten?
Auch ein allerletzter versuch, die betrogene Sylvie per Beichte und Blumenstrauß zurückzugewinnen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn Marcs Schwester Claudine ist anwesend, und die weiß genau über seine Affären Bescheid, treibt sie es doch selbst mit Pierre, Marcs Cousin, und ist daher im Bilde. Und so endet das Buch mit einem (rein weiblich besetzten) Tribunal, einem \"Ich hasse dich\" - und einer glücklichen Ménage à trois, in der nur leider Marc absolut keine Rolle spielt, wohl aber Arlette und Jacqueline und Arlettes schmucker Mann.
Fazit
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Zunächst erinnert die Struktur des Romans ein wenig an den \"Reigen\" von Arthur Schnitzler. Zeitlich spielt die Handlung nicht weit entfernt, in den 20er oder 30er Jahren. Doch die Gesellschaftsschichten sind lediglich auf zwei beschränkt: auf Herrschaft und Bedienstete. Und wenn es zwischen Angehörigen der beiden zu Techtelmechteln kommt, ist dies in den Augen der Autorin immer noch höchst unstatthaft. Insofern ist das Buch mit dem \"Reigen\" nicht zu vergleichen, doch das gleiche Dutzend Figuren treibt es in immer neuen erotischen Konstellationen und Stellungen miteinander.
Wie am Schluss das Tribunal und das glückliche Trio zeigen, geht es der Autorin vor allem um die Untersuchung zweier Liebes- und Lebensentwürfe.
Auf der einen Seite Marc, der Macho alten Schlages, der jede Frau dominieren und kontrollieren will, ohne sie zugleich auch lieben zu müssen. Auf der anderen Seite des Spektrums – nach mehreren Zwischenstationen– die libertinäre Liebe: zwei Frauen und ein befreiter, liberaler Mann, nämlich Arlettes Gatte, der in Südostasien neue Erfahrungen gemacht hat. Hier kommen homo- (sprich: lesbische) und heterosexuelle Elemente zusammen.
Der Schluss des Buches ist offen, der Leser hat die Wahl zwischen den Szenarien und Modellen. Wem das zuviel verlangt ist, genießt einfach einen eleganten, flotten zuweilen witzigen, aber stets anregenden Erotikroman.
Das Wort \"elegant\" spielt eine enorm große Rolle. Schon so sehr, dass es nach einer Weile aufdringlich und suggestiv eingesetzt wirkt. Auch die netten frz. Bezeichnungen \"la belle chose\" und \"joujou\" für die Muschi werden allenthalben verwendet. Leider gibt es für den Phallus kein entsprechendes Gegenstück – schade. Er ist einfach der Schaft, der Stab, das Rohr – hier werden eine Menge \"Rohre\" verlegt!
Michael Matzer © 2002ff
Info: 2000; Blanvalet 2001, Nr. 35354, München; 288 Seiten, DM 14,90, aus dem Französischen übertragen von Inez Meyer; ISBN 3-442-35354-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-24 22:46:59 mit dem Titel Anne-Marie Villefranche: *Die Zaubermuschel*: Humorvolles Erotikon
In Anne-Marie Villefranches erotischem Roman "Die Zaubermuschel" kommt ein Bursche, der zu Muscheln ein ebenso inniges Verhältnis pflegt. Es ist ein wahres Vergnügen, dem nimmermüden Monsieur Marcel bei seinem Muschelspiel zu folgen – besonders wenn es für ihn schier unüberwindbare Hindernisse zu bewältigen gilt.
Handlung
Die Handlung spielt im Frankreich der zwanziger Jahre. Die 'Grande Nation' hat den Ersten Weltkrieg mit etlichen Opfern überstanden. Auch Marcels Mutter wurde Witwe, doch sind sie und ihr 30-jähriger Sohn aufgrund der Investitionen des Verblichenen gut versorgt. Doch etwas fehlt noch zum Glück: eine Schwiegertochter! Marcel hingegen denkt nicht ans Heiraten, tummelt er sich doch offenbar mit einem Freifahrtschein in den Betten und Boudoirs der schönsten Damen. Dennoch läuft die Handlung daraufhinaus, die Richtige für ihn zu finden.
Da wäre zunächst einmal die edle Gabrielle mit den eleganten Brüsten, die jedoch verächtlich auf die Freuden des Fleisches herabsieht. Marcel bringt ihr geduldig und sinnfällig bei, dass die einzige Hoffnung, unsere Fleischesbegierde zu besiegen, in ihrer Abtötung durch Überstrapazierung liege. Diesem Rezept folgen denn auch beide. Doch Gabrielle ist inzwischen die Verlobte von Adolphe, der einst der Jugendfreund von Marcels Mutter war. Das gibt zwar reichlich Gelegenheit zu Besuchen, aber letzten Endes siegt die Vernunft: Die göttliche Gabi sucht ihr materielles Heil in der Ehe mit Adolphe.
Doch dessen Schwester, Silvie, entschädigt Marcel durch sinnliche Genüsse, wie sie über eine reifere Dame von über 35 oder 38 Jahren zu bieten hat. Sie geht sogar soweit, mit ihm, als Freier verkleidet, die Niederungen der Prostitution zu erkunden, und zwar nicht in den feinen Bordellen der Seine-Metropole, wo man sie erkennen würde, sondern in den dunkleren Gassen am Montparnasse. Das ist zwar vergnüglich und interessant, beschwört aber die Gefahr herauf, dass Silvie von gewissen Subjekten erpresst wird.
Die süße Dany Robineau wurde von Marcels Mama zur idealen Schwiegertochter auserkoren. Dany ist auch männlicher Zuwendung gar nicht abgeneigt, doch will sie um keinen Preis ihre Jungfräulichkeit opfern, bevor nicht der Richtige gekommen ist, um sie zu heiraten. Vernünftig gedacht, nur funktioniert es nicht – zumindest fehlt ihr die Widerstandsfähigkeit gegenüber Marcels Attacken. Und im Nachhinein sieht sich der Eroberer in eine herzzerreißende, hochnotpeinliche Szene involviert, in der Danys Mutter ihn quasi zur Heirat nötigen will. Bloß weg hier, denkt sich Marcel.
Zwei Kandidatinnen ausgeschieden – da bleibt nur noch Silvie. Sie muss vor den Erpressern fliehen, greift sich Marcel, und gemeinsam besteigen sie den Orient-Express gen Istanbul. Erlöst, denkt Marcel. Zu früh gefreut...
Fazit
Jedes Kapitel dieses routiniert geschriebenen Romans aus Mme. Villefranches Nachlass bietet dem Leser mindestens eine sinnliche Szene. Was sich nun nach Nummernrevue anhört, bietet jedoch die Reize einer Boulevardkomödie französischen Zuschnitts: Witz, Abwechslung und Sinnlichkeit.
Mehr oder weniger edle Damen geizen nicht mit ihren Reizen, galante Herren sind stets zur Attacke bereit, und zwischen ihnen entwickeln sich die Wirrnisse und Konflikte, die eben Allzumenschliches bietet.
Dies alles ist aufgrund der feinen Ironie recht kurzweilig zu lesen, inbesondere unterwegs, etwa im Flugzeug.
Michael Matzer © 2002ff
Info: Souvenir d'amour, 1991; Portobello/Goldmann 2001, Nr. 55185, München; 288 Seiten, DM 9,95, aus dem US-Englischen übertragen von Angelika Weidmann; ISBN 3-442-55185-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-27 17:39:14 mit dem Titel Peter Verhelst: *Das Muskelalphabet*: Hals über Kopf verliebt in einen Engel
Wie geht mann mit einer jungen Frau um, die sich in einen Engel verwandeln will? Mann verliebt sich Hals über Kopf mit Haut und Haar in sie. So eine Frau ist Lore in Peter Verhelsts Roman \"Das Muskelalphabet\". Ein junger Archivar schreibt hier sein Tagebuch über die merkwürdigen und tragischen Ereignisse, die ihm nicht nur mit Lore zustoßen.
Der Autor
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Peter Verhelst ist ein 1962 geborener Niederländer mit einem höchst individuellen und innovativen Stil. Hatte bereits sein ausgezeichneter Roman \"Der Farbenfänger\" eine amour fou zum zentralen Thema, so ist ihm auch mit \"Das Muskelalphabet\" ein an Bedeutungsebenen reicher erotischer Roman gelungen. Ich mag seinen anschaulichen und konzentrierten Stil, der aufgrund seiner zahlreichen Andeutungen und Lücken viel Raum für die Fantasie lässt.
Handlung
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Zusammen mit drei anderen jungen Frauen wollte Lore ihren Körper umformen, wollte ihn asexuell machen: keine Brüste, keine weiblichen Rundungen, Waschbrettbauch, keinerlei Haare usw. – das volle Programm. Leider hat der Abschluss nicht ganz geklappt: zwei der Frauen stiegen aus dem Programm aus, und als es ans Fliegen ging, stürzte Lores beste Freundin ab. Doch Lore ist ein Überlebenstyp. Sie taucht eines Tages bei dem jungen Archivar in der öffentlichen Bibliothek auf und lässt ein Buch mitgehen. Abfangen zwecklos. Zudem lebt Lore in der Wohnung auf der anderen Seite der Straße und bietet ihm Tanzvorführungen. Klar, dass er nicht mehr von ihr lassen kann.
Die Tänze, die sie ihm vorführt, als er ihr etwas von seiner Arbeit in der Krypta einer Kirche erzählt, sind etwas ganz Besonderes und machen sie unwiderstehlich. Sie tanzt im Dunkeln, doch ihre Fingerspitzen sind mit fluoreszierender Farbe bedeckt, so dass er nur ihren Händen folgen kann. Später findet er mit Hilfe eines Computers, der das Video auswertet, heraus, welche Figuren sie getanzt hat. Die Figuren entsprechen bestimmten Buchstaben des Alphabets. Lore ist bereits wieder verschwunden, als er mit wachsendem Entsetzen so ihre letzte Botschaft entziffert: D, E, L, E, T, E. (Löschen!). In seinem Kopf ertönt der Soundgarden-Song \"Black Hole Sun\"...
Dies ist die Schnittstelle zur aktuellen Arbeit des Archivars. In der Krypta erhält er E-Mail-Botschaften unbekannter Herkunft, die sich mit der Sonne und dem Universum befassen. Sie könnten aus Stephen Hawkings Buch \"Eine kurze Geschichte der Zeit\" stammen. Wie sich herausstellt, stammen sie von René, seinem Vorgänger in der Krypta, der fast völlig gelähmt im Rollstuhl im Krankenhaus sitzt. Diese E-Mails sind die letzten Botschaften eines sterbenden Mannes. Ebenso wie DELETE Lores letzte Botschaft war. Und natürlich enthält die so verhängnisvoll auf René wirkende Krypta ebenfalls eine letzte Botschaft, allerdings in einer Bedeutungsebene, die uns heute unvertraut ist.
Unter den Grabplatten der Krypta befinden sich die sterblichen Überreste der Familie eines reichen Bankiers aus dem 16. Jahrhundert. Aufgabe des Archivars ist die Katalogisierung der umfangreichen Bibliothek in dem reich geschmückten Gewölbe. Riesige steinerne Statuen stellen allegorisch nicht nur die 7 Freien Künste mit ihren Attributen dar, sondern, wie ihn Lore aufzeigt, auch die 7 Todsünden! Und in der zerbrochenen Figur eines schwarzen jungen Mannes finden sich kleine Päckchen an 7 Körperstellen. Die Linien zwischen diesen Stellen zeichnen das Siebengestirn der Plejaden nach. Die Plejaden waren der Sage zufolge die 7 Töchter eines antiken Paares, die vor den Nachstellungen des Jägers Orion ans Firmament versetzt wurden. Und Lores letzter Tanz beschreibt die Figur der Plejaden nach. Der Kreis (der letzten Botschaften) schließt sich.
Mein Eindruck
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Ein angemessenerer Titel für diesen bedeutungsreichen erotischen Roman wäre \"Black Hole Sun\" statt des prätentiösen \"Muskelalphabet\". Dieses Alphabet reicht nämlich nur von A bis C. Und es lenkt die Aufmerksamkeit auf den falschen Aspekt: Auf die Arbeit im Archiv, wo sich Muskeldarstellungen in den Büchern finden – ebenso wie im Text übrigens. Doch dieses Thema lenkt von der erotischen Beziehung, die der Archivar zu Lore (und zu Inez und zu Iris) hat, ab. Es ist eine hoffnungslose amour fou zu einem Wesen, das keine Schranken akzeptiert, weder in ihrem Menschsein, noch in ihrem Frausein. Doch genau dies macht Lore so anziehend. Mag auch diese Liebe ohne Bestand sein, so liegt doch ihr Wert in ihr selbst: \"Verschwende deine Jugend!\" steht als Motto vor dem Roman.
Mehrschichtig & verschlüsselt
Natürlich ist diese Art von mehrschichtigem, vieldeutigem Roman nicht ganz mühelos zu lesen. Auch ich habe mehrere Anläufe gebraucht. Hat man aber einmal den Einstieg gefunden, braucht man sich nur vom Autor führen zu lassen.
Die Inhaltsangabe, die ich oben skizziert habe, erschließt jedoch erst nach einigem Nachdenken. Schließlich ist doch einiges verschlüsselt.
Das erinnert an eine bestimmte Tradition der Literatur, die das Verschlüsseln ebenso liebt wie das Spiel mit Sprache und Darstellung: Olipo (bitte nachschlagen). Auch Italo Clavino war ein Verfechter bzw. Praktikant von Olipo, wie etwa sein Roman \"Der Garten, darin sich Schicksale kreuzen\" zeigt.
Für geübte Leser
Somit eignet sich Verhelsts Roman besonders für geübte Leser, die sich auf ein Spiel mit Motiven, Informationen und Wörtern einlassen. Hier wird ja auch Bewegung zu Sprache, wie Lores Tanz zeigt. man sollte den Mut haben, sich darauf einzulassen.
Michael Matzer © 2001/02ff
Info: Het spierenalfabet, 1995; Goldmann 1999, Nr. 54061, München; 192 Seiten, DM 18,00, aus dem Niederländischen übertragen von Barbara Heller; ISBN 3-442-54061-5
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-27 17:49:02 mit dem Titel Peter Verhelst: *Der Farbenfänger*: Poetisches Fest der Farben
Ein sehr poetisches Buch, voll Fantasie und Zärtlichkeit.-- Peter Verhelst, geboren 1962, gehört zur neuen niederländischen Autorengeneration. Dieser Roman war 1997 nominiert für den Libris-Literaturpreis.
Handlung
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Das Buch ist eigentlich falsch benannt, denn im Mittelpunkt steht nicht der Farbenfänger, sondern ein Liebespaar aus dem belgischen Brügge: Sie lebt in der Kathedrale und bestiehlt die Touristen, der Junge macht das gleiche, streunt herum und fotografiert.
Er verliebt sich in das kräftige Rotkehlchenrot ihrer Haare. Beide werden eines Nachts Zeugen eines Mordes, wenige Tage später stürzt sie von einem Brückengeländer. Wurde sie von zwei unbekannten Männern gestoßen, oder sprang sie selbst?
Der Junge folgt einem Samenfaden mit einem ihrer Haare daran quer durch Europa, nach Barcelona, Berlin, Bordeaux und Venedig.
Die Verbindungslinien ergeben ein magisches Pentagramm, die fünf Eckpunkte entsprechen den Enden des menschlichen Körpers. Die Reise ist eine Erkundung der phantastischen Möglichkeiten des Menschen, sowohl in der Kultur, im Körperlichen wie auch im Gesellschaftlichen.
Der Junge, nun ein Erdwesen, überwintert gerne im Boden oder versteckt sich dort. Das Mädchen verwandelte sich nach ihrem Sprung in eine Nixe und beobachtet ihn auf seinen Reisen. Beide erzählen in der Ich-Person.
Auch der sogenannte \"Farbenfänger\", ein sehr sonderbarer Sammler von intensiven Farben, der sich auf der Suche nach der Farbe Gottes befindet, erzählt von sich.
Zahlreiche Geschichten verdichten das Geflecht der Ideen und Leitmotive. Der Farbenfänger taucht in den Geschichten um den jungen Maler Goya auf, der sich in einen Stierkämpfer verliebt hatte, der tags darauf umkam. Fortan malte Goya nur das Schwarz des Stierfells. Er nimmt den Farbenfänger als Schüler und lehrt ihn die Extraktion von Farben aus Tieren und anderen Lebewesen. Der Farbenfänger, auf der Jagd nach dem einzigartigen Rot der Mädchenhaare, verfolgt den Jungen, der ihn wieder zu jenem Mädchen aus Brügge führen wird.
In Venedig kommt es zum Showdown, nachdem der Junge erkannt hat, welche Gefahr vom Farbenfänger droht. Doch er überlistet ihn und vereint sich mit seiner einzigen Liebe. Fortan leben beide unter Wasser und erzählen sich Geschichten.
Mein Eindruck
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Dies ist eine poetisch-phantastische Erkundung eines europäischen Kosmos der Imagination. Hier treten Versionen von Picasso und Prometheus, von Ikarus und Undine sowie von dem Geruchssammler in Süskinds Roman \"Das Parfüm\" auf. Selbst einen relativ unpoetischen Ort wie Hannover verwandelt Vehelsts sprachliche Überhöhung in einen magischen Raum, in dem Punks und Polizisten sich mythische Kämpfe liefern können.
Dies ist kein kitschiges Buch: Weder die knappen, lyrischen Sätze noch die zahlreichen Beschreibungen von farbigen Körperflüssigkeiten - allen voran das Rot von Blut - verleiten zu romantischen Träumereien. Ein ungewöhnliches, reichhaltiges Buch mit einem witzigen Happy-end. Mein Tipp daher: mehrmals lesen!
Michael Matzer © 2001/02ff
Info: De kleurenvanger, 1996; Goldmann 1/1999, Nr. 54082, München; 285 Seiten, DM 18,00, aus dem Niederländischen übertragen von Barbara Heller; ISBN 3-442-54082-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-12-01 19:52:01 mit dem Titel Zeitflaschenpost : Jules Vernes erster und letzter Roman
Vielen von uns ist Jules Verne als der Autor zahlreicher Jugendbücher vertraut. Daß er dies nicht von Anfang an war, beweist \"Paris im 20. Jahrhundert\", ein lange verschollener Roman von 1863, Vernes erstes größeres Werk.
Nachdem das Manuskript von Vernes Verleger abgelehnt worden war, lagerte es rund 85 Jahre in einem verschlossenen Tresor ohne Schlüssel. Zur Zeit wird es jedoch in zahlreiche Sprachen übersetzt, denn das Interesse an Verne ist weiterhin ungebrochen.
Handlung
Verne nimmt einfach den Einstieg eines jungen neunzehnjährigen Mannes, Michel, in die etablierte Gesellschaft von Paris zum Anlaß, um die westliche Zivilisation des Jahres 1963 vorzustellen. Technisch hochgerüstet, mangelt es ihr doch an geistiger und menschlicher Kultur - wie Michel, der verhinderte Dichter und Romantiker, zu seinem Leidwesen erfahren muß. Kaum hat er von der staatlichen \"Bildungskreditanstalt\" sein Abschlußdiplom und einen Preis für seine anachronistischen Lateinerverse erhalten, muß er auch schon auf Geheiß seines Vormunds und Onkels in dessen Bank anheuern. Hier scheitert er in einer Position nach der anderen, bis er als Diktierer beim Buchhalter des Großen Hauptbuches landet. Der Buchhalter ist wenigstens gut drauf - er spielt Klavier! - und erklärt Michel einiges von der Welt.
Michel verliebt sich und bekommt die Frauen des 20. Jahrhunderts erklärt. Dies endet in einem Loblied auf die Pariserinnen des 19. Jahrhunderts. Er und sein Freund verlieren natürlich wegen eines Streits um die Evastöchter die Fassung und den Job. Am Theater ergeht es Michel als Stückbearbeiter nicht viel besser, und er gerät in Arbeitslosigkeit und Elend. Schlußszene: Michel sinkt unter den prachtvollen Grabmälern der französischen Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhunderts bewußtlos in den Schnee.
Anders als diese recht pessimistisch endende Story ist für den heutigen Leser viel interessanter, wie sich Verne die technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts vorstellen konnte. Ausgehend von bahnbrechenden Erfindungen um 1863 herum beschreibt Verne immerhin gasgetriebene Automobile, elektrische Straßenbeleuchtung, Faxgeräte, fast lautlose S-Bahnen und riesige Ozeandampfer. 1963 funktionieren Handel und Wandel prächtig und vor allem effizient. Die Bibliotheken der Klassiker hingegen sind leer, in den Gymnasien werden praktisch nur technische Fächer unterrichtet, und das menschliche Miteinander ist ebenfalls utilitaristisch geprägt. Michel, der Schöngeist, fühlt sich nur unter den Anachronismen dieser Zeit wohl - Vernes rückwärtsgewandte Kritik an den Entwicklungstendenzen seiner eigenen Zeit.
Eine weitere interessante Geschichte erzählen die ausgezeichneten Anmerkungen, die man zu jedem Kapitel benötigt, und das Nachwort von der Übersetzerin. Sie klärt uns darüber auf, was Verne eigentlich mit diesem Roman bezweckte: Der desillusionierte Ingenieur wollte unbedingt gedruckt werden und die Anerkennung seines Verlegers gewinnen. Aus diesem Grund zitiert Verne zahlreiche Freunde des Verlegers, übertreibt es aber leider dabei ein wenig, so daß dieser einmal ins Manuskript schreibt: \"Sie spinnen!\" Nun, wie man weiß, stellte sich nach diesem Fehlstart bereits mit dem nächsten Buch \"Fünf Wochen im Ballon\" der große Erfolg ein.
Michael Matzer(c)2002ff
Info: Paris au XXième siècle, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, broschiert - 202 Seiten - Fischer-TB.-Vlg.,Ffm, Erscheinungsdatum: September 1998, ISBN: 3596139538; wird leider nicht mehr bei Amazon.de geführt.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-31 19:09:56 mit dem Titel Kurt Vonnegut: *Zeitbeben*: Skurrile Phantasie mit Weisheitsanteilen
Was wäre, wenn man die zeit anhalten und dann wieder ablaufen lassen könnte? Welche Folgen hätte dieses \"zeitbeben\" auf die Menschheit? Vonneguts letzter Roman sprüht vor ideen, wie das aussehen könnte.
Der Autor
Kurt Vonnegut, Jahrgang 1922, ist der Autor des verfilmten Romans \"Slaughterhouse Five\" (dt. 1970) und zahlreicher anderer satirischer Romane. In etlichen Werken hat er Science-Fiction-Elemente verwendet, so auch in \"Zeitbeben\". 1998 gab er bekannt, mit dem Schreiben aufzuhören.
Handlung
Leser, die Vonnegut noch nicht kennen, sollten sich auf ein ungewöhnliches Leseerlebnis einstellen - hier werden keinerlei Genre-Regeln beachtet, und gegenüber den lieben Mitmenschen nehmen weder Vonneguts Ich-Erzähler noch sein alter ego Kilgore Trout ein Blatt vor den Mund. \"Zeitbeben\" ist eben ein Vonnegut-Roman.
Der Autor, \"Amerikas beliebtester griesgrämiger Alter\", erklärt unumwunden, er habe aus seinem mißglückten Roman \"Zeitbeben Eins\", an dem er zehn Jahre lang gebastelt hatte und der gar nicht erst geschrieben werden wollte, die besten Stücke filetiert und den Rest weggeworfen. Das Ergebnis ist \"Zeitbeben\".
Worum geht\'s? Gute Frage! Die Struktur des Buches ist \"etwas unübersichtlich\", um es vornehm auszudrücken. Ein Versuch:
Im Jahr 2001 beschließt das Universum, vor die Wahl gestellt, ob es sich weiterhin ausdehnen oder einen zweiten Urknall erleben soll, ins Jahr 1991 zurückzugehen. Zehn Jahre lang kommt es folglich zu einer Wiederholung von allem und jedem, der freie Wille ist suspendiert - ein Zeitalter auf Autopilot.
Als \"freie Wille wieder voll reinhaut\", wie Kilgore Trout es so unnachahmlich elegant formuliert, schlägt dessen große Stunde. Trout ist ein \"vergriffener Science-Fiction-Autor\" und im Jahr 2001 ein steinalter Penner - aber mit guten Stories und erstklassigen schmutzigen Witzen. Und er erweist sich als Retter in der Not, als der Autopilot des Universums aussetzt und in New York das reine Chaos ausbricht.
Der große Rest des Buches ist Autobiographie, Satire, kosmische und nicht so kosmische Meditation, Geraunze, sind Anekdoten - vor allem über den weitläufigen Clan der Vonneguts -, Aphorismen und natürliche Witze.
Fazit
In einer für Vonnegut charakteristischen Mischung aus Albernheit und Tiefsinn, ernsten Sentenzen und Slapstick-Elementen wettert der ergraute Vonnegut gegen Krieg und Gewalt, gegen das verblödende Fernsehen und gegen den Strichpunkt, gegen die Mißachtung von Jugend und Alter und kehrt immer wieder zu seinen Lieblingsthemen zurück: zur Bedeutung von Familie und Geschichte, zur Vergeblichkeit allen menschlichen Handelns (\"vanitas\") und zur Vergänglichkeit irdischen Lebens. So erweist er sich als großer Moralist am Ende seines Jahrhunderts, aber ohne Larmoyanz. Er verabschiedet sich von der literarischen Bühne mit einem Biß in den Hintern seiner geschätzten Kritiker.
Michael Matzer © 2003ff
Info: Timequake, 1997; Hanser 1998, München; 225 Seiten, DM 36,00, aus dem US-Englischen übertragen von Harry Rowohlt; ISBN 3-446-19508-4. Das Buch gibt es bei Goldmann auch im Taschenbuch.
Hier stelle ich einen Sammelband mit dem Titel "Ischer" vor, den der deutsche van Vogt Experte Rainer Eisfeld herausgegeben hat. Der Band enthält neben Vor- und Nachwort 2 Romane und 2 Erzählungen: "Die Wippe" (1941), "Der Waffenladen" (1942) sowie die Romane "Die Waffenläden von Ischer" (1941-42/51) und "Die Waffenschmiede" (1943/46). Der Dynastie-Name 'Ischer' beruht auf der Anspielung auf Edgar Allan Poes Story "Der Untergang des Hauses Ascher".
Hintergrund: Das Ischer-Universum
Van Vogts Stories waren u.a. deshalb so beliebt, weil sie kompliziert und stets überraschend bzw. verblüffend waren. So auch hier. 3000 Jahre in der Zukunft, in einem Planetenimperium unseres Sonnensystems. Es gibt eine Zeitwippe, die einen Menschen abwechselnd in die Zukunft und in die Vergangenheit schleudert und ihn schließlich zur Ursache für die Entstehung von Planeten werden lässt. Es gibt einen Unsterblichen mit einem Arsenal geheimer Erfindungen, Zeitparadoxa, eine außerirdische Spinnenrasse, die den Menschen weit überlegen ist - und einiges andere mehr.
Hintergrund dieser "Räuberpistolen" ist ein Kaiserreich der Zukunft, dessen Herrscherin Innelda in ihrer Machtvollkommenheit durch die Gilde der Waffenschmiede eingeengt wird, die den Kaiserlichen immer ein gutes Stück voraus sind, was Wissenschaft und Technik angeht. Die Schmiede arbeiten auf zwei Ebenen: In über das ganze Land (der Zentralwelt) verteilten Waffengeschäften erhalten Bürger zu niedrigen Preisen Schusswaffen, die nur der Selbstverteidigung dienen können.
Außerdem verhilft ihr geheimnisvoller Gerichtshof betrogenen Bürgern zu ihrem Recht. Die abwesenden Angeklagten, meist Firmen, werden im Schnellverfahren verurteilt und bestraft. Die Waffenschmiede sind mächtig genug, sowohl die Urteile durchzusetzen als auch ihre Läden den Zugriffen der Kaiserin zu entziehen.
Das System Kaiserhaus/Gilde, das einen Balancezustand schaffen soll, wurde einst von dem Unsterblichen Robert Hedrock ins Leben gerufen und seither von ihm aus dem Hintergrund überwacht.
Die Handlungen der Stories
1) In der amerikanischen Stadt "Middle City" ereignen sich in "Die Wippe" merkwürdige Dinge. Als ein Waffenladen auftaucht und später wieder verschwindet, heftet sich der Reporter Chris McAllister an die Fersen dieses Phänomens. Wir erfahren praktisch nichts über ihn, sondern nur über sein Schicksal. Eine Art Zeitwippe schleudert ihn Millionen Jahre in die Vergangenheit. Um den Preis seines Lebens verursacht er die Entstehung des Sonnensystems.
Diesen Vorgang nennt Stanislaw Lem "Autokreation", Selbsterschaffung des Menschen und seiner Umwelt. Wie kann der Kosmos denn aus Nichts entstanden sein - es muss eine Zutat, ein Etwas gegeben haben. Also beschließt ein Wisenschaftler in ferner Zukunft, ein einziges Elektron entgegen dem Zeitstrom in die ferne Vergangenheit zurückzuschießen, um den Urknall auszulösen - soweit die Theorie Lems. Dieser Mensch spielt Gott.
Van Vogts Lösung sieht jedoch so aus: McAllister wird unfreiwillig in die Lage eines Gewichts am Ende einer Zeitwippe versetzt; bei jeder Schwingung der Wippe lädt sich dieses Gewicht mit einem immer größerer Energiepotenzial auf. Es explodiert schließlich in unvorstellbarer Vergangenheit und löst jenen Urknall aus, dem auch das Sonnensystem seine Entstehung verdankt.
Doch bereits 1949 wurde dieses Szenario widerlegt: Zur laufenden Vergrößerung des Ausschwingens der Wippe müsste dem System ständig neue Energie zugeführt werden - woher soll die aber kommen? Darüber verliert van Vogt kein Wort.
2) Seine Story "Der Waffenladen" wurde hingegen von seinen Kollegen auf Platz 13 der besten Stories des Goldenen Zeitalters der Science Fiction zwischen 1929 und 1964 gewählt, und das will schon etwas heißen. Dennoch ist es merkwürdig, denn, wie schon John W. Campbell schrieb, "die Story hat keine handlung, setzt nirgendwo im besonderen ein, schweift umher und endet schließlich an einer genauso beliebigen Stelle - es ist, als schlendere man durch einen Park".
Es ist eine eminent menschliche Geschichte, die van Vogt erzählt (vielleicht stammt sie ja von seiner Frau Edna?). Da gibt es die Konflikte zwischen den geschlechterrollen von fara Clark und seiner Frau Creel, und da gibt es den Generationenkonflikt zwischen diesen Eltern und ihrem Sohn Cayle (der im Roman "Die Waffenläden von Ischer" die Hauptfigur abgibt). Das Auftauchen des Waffenladens bringt die gespannte Situation nur zum Explodieren. Durch seine patriarchalische Unnachgiebigkeit sorgt Fara dafür, dass Cayle sich ihm endgültig entfremdet.
Fara wird um Geschäft und Ersparnisse gebracht, empfindet sich als ausgestoßen und steht kurz davor, Selbstmord zu begehen. Doch er lernt nicht nur die verborgene Funktion der Waffenläden , deren Organisation ihm Rettung bringt, in der korrupten irdischen Zivilisation in der Ischer-Ära kennen.
Ihm wird auch höchst eindringlich vor Augen geführt, dass er sich ein System starrer Wertvorstellungen zurechtgelegt hat, das auf einer fundamentalen Selbsttäuschung über seine Umwelt beruht. Der Mechanismus, der ihm jahrzehntelang als psychische Krücke gedient hat, erweist seine Brüchigkeit, als es zur Krise kommt. "Ich habe mich benommen wie ein Geisteskranker", sagt Fara Clark am Schluss. Dies ist eine psychoanalytische Erkenntnis. Als Faras Glaube an die Autorität der Kaiserin Innelda Ischer in Frage gestellt wird, reagiert er als Autoritäts- und Hierarchiefanatiker mit krankhafter Aggressivität. Dabei erwartet er von seiner Familie, dass sie pariert. (Die weiterentwickelte Psychoanalyse wird jedoch van Vogt auf den Irrweg der Scientology führen.)
Gleichzeitig entwirft van Vogt mit Creel Clark ein weibliches Gegenbild zu dem in seiner sterotypen Männerrolle befangenen Fara. Emotional stabiler, psychisch reifer und flexibler, lässt sie sich von Fara nicht ins Boxhorn jagen, und in der Krise berät sie ihn und bleibt vernünftig. Schließlich emanzipiert sie sich von der jahrzehntelangen anerzogenen Unterordnung unter männliche Dominanz, allerdings auf konstruktive Weise. Auch van Vogt Charakterisierung der Kaiserin Innelda - selbständig, attraktiv, lebenstüchtig - entspricht der an Creel gezeigten Sensibilität, und diese war zu Zeiten der Groschenromane keineswegs üblich, sondern vielmehr verpönt.
Asimov konnte überhaupt keine erwachsenen Frauen zeichnen und Heinlein allenfalls solche, die sich dem Mann willig unterordnen und sich benutzen ließen. Nach Meinung von Rainer Eisfeld nimmt van Vogt hier sogar das Bild der neuen "Women of Wonder" bei Joanna Russ, Joan D. Vinge, pamela Sargent (die Herausgeberin der zwei gleichnamigen Storysammlungen) und Ursula K. LeGuin aus den siebziger Jahren vorweg. Darüber jedoch ließe sich streiten.
Die Handlungen der Romane
1) "Die Waffenläden von Ischer"
Im ersten Band kommt Cayle Clark, ein junger Mann mit dem Talent, Dinge und Personen in seinem Sinne zu beeinflussen, vom Lande in die Hauptstadt. Nach unliebsamen Zusammenstößen mit der Unterwelt fällt er auf, als er im Spiel zuviel gewinnt. Man macht ihn zu einem Sklaven in einem Illusionspalast, verschleppt ihn zum Mars, lässt ihn dann aber Offizier der Kaiserin werden.
Schließlich wird er Zeitreisender und der mächtigste Mann in der Wirtschaft, immer beschützt von Lucy, seiner späteren Frau, einer Angehörigen der Waffenhändler-Gilde.
2) "Die Waffenhändler von Ischer"
Der anschließend veröffentlichte zweite Band steht im Zeichen der Kaiserin Innelda Ischer und des Unsterblichen Robert Hedrock (s.o.). Hedrock wird sowohl von Innelda als auch der Gilde mit der Hinrichtung bedroht, kann aber fliehen. Er stiehlt einen geheimgehaltenen Antrieb für interstellaren Raumflug, gerät in die Gefangenschaft der Spinnen-Aliens, vergrößert sich selbst (!), zerstört als menschlicher Gigant eine Stadt und geht schließlich als Sieger aus allen Konflikten hervor - eine reine Allmachtsphantasie, wenn es je eine gegeben hat.
Fazit
Diese dürren Inhaltsangaben können den Romanen und Stories allerdings kaum gerecht werden, weil ihr Reiz in einer fast explosiven Verkettung von Ideen besteht: Der (jugendliche und männliche) Leser (von Groschenheften, den sog. 'Pulps') wird von einer Überraschung zur nächsten geführt, und erst allmählich treten die Machtstrukturen, die Hintermänner und Drahtzieher von Intrigen klar hervor.
Dieses Jonglieren mit zum Teil sehr widersprüchlichen Zutaten macht den hauptreiz der beiden Romane aus. Sonderlich glaubwürdig ist der soziokulturelle Hintergrund nicht gerade. Aber van Vogts Werke - auch die Null-A-Romane - leben von der Kopplung von Dingen und Ideen, die sich eigentlich nicht verknüpfen lassen. Wissenschaftlich begründete Allmacht wird hier mit Machtstrukturen vergangener Jahrhunderte - Gilden, feudale Kaiserreiche - ausgeübt.
Das Ergebnis ist ein aus allen historischen Zusammenhängen herausgelöstes Gebilde, das sich ideal als Hintergrund für Ränkespiele und Intrigen jener allzu häufig übermenschlichen Helden eignet, denen der Pulp-Autor van Vogt generell zuneigte. Einfache Bürger haben im Machtspiel solcher Halbgötter nicht allzuviel zu sagen, eigentlich gar nichts. Die bestimmende Triebkraft dieser Superhelden ist das Streben nach offener oder versteckter - also zur Manipulation taugender - Macht.
In der Geschichte der Science Fiction sind die Ischer-Geschichten insofern von Interesse, als sie dem Genre neue Dimensionen eröffnet haben. Denn van Vogt (1912-2000) trug in einer Zeit, als die Science Fiction unter der Ägide von Magazin-herausgeber John W. Campbell jr. zu immer neuen Themen und Sensationen expandierte (aber mitunter auch zu Mist wie etwa Scientology) mit seiner Kreativität wesentlich zur Weiterentwicklung des Genres bei: "Er fügte der Wissenschaft die magie hinzu", meinte James Gunn, selbst Autor und Chronist der Science Fiction.
Der Autor
Ich will nicht verschweigen, dass van Vogt in den allermeisten seiner Geschichten sich als literarisch ziemlich unbedarfter Autor zeigt, mit einem schlechten Stil und kaum in der Lage, glaubwürdige Charaktere zu entwickeln (Ausnahme: "Slan", 1946). Seine Vorlieb für Größenwahn, Supermänner und feudalistische Gesellschaftsformen machten ihn bereits früh zu einem umstrittenen Autor, der von Herausgeber Damon Knight mit dem vernichtenden Urteil "kosmischer Bauspekulant" belegt wurde.
Rainer Eisfeld weiß diese Vorverurteilung geschickt und kenntnisreich zu relativieren. So etwa widerlegt die Existenz der demokratischen organisation der "Waffenhändler" die unterstellte Unterstützung feudalistischer Gesellschaften.
Aus dem Zusammenhang der Genre-Entwicklung und seiner wirtschaftlichen Zwänge (Groschenhefte, Papiermangel während des Krieges, miese Bezahlung) wird klar, dass van Vogt nur so gut oder schlecht schrieb, wie es der Markt zuließ. Asimov und Heinlein, seine größten Konkurrenten wussten sich a) besser zu verkaufen und hatten b) (vielleicht) die besseren Ideen.
Durch den frühen Tod seines Vaters musste van Vogt schon früh von der Schule angehen und sich als Gelegenheitsarbeiter verdingen, bis er dann 1931 mit 19 Jahren sein erstes Produkt veröffentlichte, ein Prostituierten-Melodram. Seine erste Science Fiction-Story war "Vault of the Beast", seiner erste veröffentlichte Science Fiction-Story erschien 1939 in Campbells "Astounding Science Fiction": "The Black Destroyer" ist die erste und beste Story des bekanntesten Episoden-Romans van Vogts: "Die Expedition der Space Beagle" (1950; "Beagle" hieß das Schiff, auf dem Charles Darwin mitsegelte) - eine phantasiereiche Erforschung der gefährlichen Wunder, die das Universum für uns bereithält.
Ein Bildteil bringt die wichtigsten Buchtitel, den Autor und bestimmte Veröffentlichung. Solche Bilder wird man in der sonstigen Skundärliteratur zur SF vergeblich suchen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Heyne 1989, Nr. 06/73, München; 508 Seiten, DM 16,80, aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Eisfeld; ISBN 3-453-03121-0
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-20 18:01:25 mit dem Titel Anne-Marie Villefranche: *Der Liebesapfel*: Rohre werden verlegt
Turbuelente Liebesabenteuer voll Eleganz und Geschmack - das bietet dieses nette Erotikon.
Die Autorin
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Villefranche ist eine elegante und geschmackvolle Erzählerin erotischer Schlüpfrigkeiten. Ihre Darstellung lassen dennoch nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Sie erlebte das Paris der 20er Jahre und heiratete 1928 einen englischen Diplomaten. Nach ausgedehnten Reisen starb sie 1980. Erst danach stieß man auf ihre intimen Erzählungen, denen offenbar eigene erotische Erelebnisse aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zugrundelagen. \"Der Liebesapfel\" ist ein erst vor kurzem entdecktes Manuskript.
Handlung
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Der arme Marc! Hat ihm doch seine hinreißende Geliebte Arlette die Liebe aufgekündigt – mir nichts, dir nichts! Natürlich kann man sich auch noch freundschaftlich lieben, aber es ist eben nicht dasselbe wie zuvor, und ein schwerer Schlag für das, ähm, Ego eines Schürzenjägers wie Marc. Schuld daran ist nur dieses völlig unbegründete Gerücht, er hätte etwas mit Jacqueline (die übrigens auch nicht schlecht aussieht).
Prompt lässt er sich sich wieder bei seiner Angetrauten, Sylvie, blicken, von der er bereits sechs Monate getrennt lebt. Sie liegt verdächtig offenherzig mitten am Tag im Bett – ob sie wohl einen Liebhaber...? Nach getaner Liebestat spürt Marc denn auch sofort seinem finsteren Verdacht nach und lädt seinen Cousin Pierre ins Bordell ein. Sicherlich gibt es keinen unverfänglicheren Pariser Ort zur Besprechung von allerlei Liebeshändeln, nicht wahr? Doch Pierre, o Graus, spielt das Unschuldslamm, und so kommt Marc auch hier auf keinen grünen Zweig. Vielmehr tröstet er sich mit der, geben wir\'s ruhig zu, längst überfälligen Jacqueline.
Marc, der Hansdampf in allen Höschen, taumelt von Affäre zu Affäre, immer auf der Suche nach der perfekten körperlichen und seelischen Vereinigung, und wundert sich, warum ihn keine seiner angelegten Damen mehr sehen will. Dabei \"war es allgemein bekannt, dass Frauen hauptsächlich zu dem Zweck existierten, dass man sie auszog und sich mit ihnen amüsierte\". Marc beteuert ihnen immer wieder, dass er sie anhimmle, doch soll wollen wahre Liebe. Was soll man davon halten?
Auch ein allerletzter versuch, die betrogene Sylvie per Beichte und Blumenstrauß zurückzugewinnen, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Denn Marcs Schwester Claudine ist anwesend, und die weiß genau über seine Affären Bescheid, treibt sie es doch selbst mit Pierre, Marcs Cousin, und ist daher im Bilde. Und so endet das Buch mit einem (rein weiblich besetzten) Tribunal, einem \"Ich hasse dich\" - und einer glücklichen Ménage à trois, in der nur leider Marc absolut keine Rolle spielt, wohl aber Arlette und Jacqueline und Arlettes schmucker Mann.
Fazit
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Zunächst erinnert die Struktur des Romans ein wenig an den \"Reigen\" von Arthur Schnitzler. Zeitlich spielt die Handlung nicht weit entfernt, in den 20er oder 30er Jahren. Doch die Gesellschaftsschichten sind lediglich auf zwei beschränkt: auf Herrschaft und Bedienstete. Und wenn es zwischen Angehörigen der beiden zu Techtelmechteln kommt, ist dies in den Augen der Autorin immer noch höchst unstatthaft. Insofern ist das Buch mit dem \"Reigen\" nicht zu vergleichen, doch das gleiche Dutzend Figuren treibt es in immer neuen erotischen Konstellationen und Stellungen miteinander.
Wie am Schluss das Tribunal und das glückliche Trio zeigen, geht es der Autorin vor allem um die Untersuchung zweier Liebes- und Lebensentwürfe.
Auf der einen Seite Marc, der Macho alten Schlages, der jede Frau dominieren und kontrollieren will, ohne sie zugleich auch lieben zu müssen. Auf der anderen Seite des Spektrums – nach mehreren Zwischenstationen– die libertinäre Liebe: zwei Frauen und ein befreiter, liberaler Mann, nämlich Arlettes Gatte, der in Südostasien neue Erfahrungen gemacht hat. Hier kommen homo- (sprich: lesbische) und heterosexuelle Elemente zusammen.
Der Schluss des Buches ist offen, der Leser hat die Wahl zwischen den Szenarien und Modellen. Wem das zuviel verlangt ist, genießt einfach einen eleganten, flotten zuweilen witzigen, aber stets anregenden Erotikroman.
Das Wort \"elegant\" spielt eine enorm große Rolle. Schon so sehr, dass es nach einer Weile aufdringlich und suggestiv eingesetzt wirkt. Auch die netten frz. Bezeichnungen \"la belle chose\" und \"joujou\" für die Muschi werden allenthalben verwendet. Leider gibt es für den Phallus kein entsprechendes Gegenstück – schade. Er ist einfach der Schaft, der Stab, das Rohr – hier werden eine Menge \"Rohre\" verlegt!
Michael Matzer © 2002ff
Info: 2000; Blanvalet 2001, Nr. 35354, München; 288 Seiten, DM 14,90, aus dem Französischen übertragen von Inez Meyer; ISBN 3-442-35354-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-24 22:46:59 mit dem Titel Anne-Marie Villefranche: *Die Zaubermuschel*: Humorvolles Erotikon
In Anne-Marie Villefranches erotischem Roman "Die Zaubermuschel" kommt ein Bursche, der zu Muscheln ein ebenso inniges Verhältnis pflegt. Es ist ein wahres Vergnügen, dem nimmermüden Monsieur Marcel bei seinem Muschelspiel zu folgen – besonders wenn es für ihn schier unüberwindbare Hindernisse zu bewältigen gilt.
Handlung
Die Handlung spielt im Frankreich der zwanziger Jahre. Die 'Grande Nation' hat den Ersten Weltkrieg mit etlichen Opfern überstanden. Auch Marcels Mutter wurde Witwe, doch sind sie und ihr 30-jähriger Sohn aufgrund der Investitionen des Verblichenen gut versorgt. Doch etwas fehlt noch zum Glück: eine Schwiegertochter! Marcel hingegen denkt nicht ans Heiraten, tummelt er sich doch offenbar mit einem Freifahrtschein in den Betten und Boudoirs der schönsten Damen. Dennoch läuft die Handlung daraufhinaus, die Richtige für ihn zu finden.
Da wäre zunächst einmal die edle Gabrielle mit den eleganten Brüsten, die jedoch verächtlich auf die Freuden des Fleisches herabsieht. Marcel bringt ihr geduldig und sinnfällig bei, dass die einzige Hoffnung, unsere Fleischesbegierde zu besiegen, in ihrer Abtötung durch Überstrapazierung liege. Diesem Rezept folgen denn auch beide. Doch Gabrielle ist inzwischen die Verlobte von Adolphe, der einst der Jugendfreund von Marcels Mutter war. Das gibt zwar reichlich Gelegenheit zu Besuchen, aber letzten Endes siegt die Vernunft: Die göttliche Gabi sucht ihr materielles Heil in der Ehe mit Adolphe.
Doch dessen Schwester, Silvie, entschädigt Marcel durch sinnliche Genüsse, wie sie über eine reifere Dame von über 35 oder 38 Jahren zu bieten hat. Sie geht sogar soweit, mit ihm, als Freier verkleidet, die Niederungen der Prostitution zu erkunden, und zwar nicht in den feinen Bordellen der Seine-Metropole, wo man sie erkennen würde, sondern in den dunkleren Gassen am Montparnasse. Das ist zwar vergnüglich und interessant, beschwört aber die Gefahr herauf, dass Silvie von gewissen Subjekten erpresst wird.
Die süße Dany Robineau wurde von Marcels Mama zur idealen Schwiegertochter auserkoren. Dany ist auch männlicher Zuwendung gar nicht abgeneigt, doch will sie um keinen Preis ihre Jungfräulichkeit opfern, bevor nicht der Richtige gekommen ist, um sie zu heiraten. Vernünftig gedacht, nur funktioniert es nicht – zumindest fehlt ihr die Widerstandsfähigkeit gegenüber Marcels Attacken. Und im Nachhinein sieht sich der Eroberer in eine herzzerreißende, hochnotpeinliche Szene involviert, in der Danys Mutter ihn quasi zur Heirat nötigen will. Bloß weg hier, denkt sich Marcel.
Zwei Kandidatinnen ausgeschieden – da bleibt nur noch Silvie. Sie muss vor den Erpressern fliehen, greift sich Marcel, und gemeinsam besteigen sie den Orient-Express gen Istanbul. Erlöst, denkt Marcel. Zu früh gefreut...
Fazit
Jedes Kapitel dieses routiniert geschriebenen Romans aus Mme. Villefranches Nachlass bietet dem Leser mindestens eine sinnliche Szene. Was sich nun nach Nummernrevue anhört, bietet jedoch die Reize einer Boulevardkomödie französischen Zuschnitts: Witz, Abwechslung und Sinnlichkeit.
Mehr oder weniger edle Damen geizen nicht mit ihren Reizen, galante Herren sind stets zur Attacke bereit, und zwischen ihnen entwickeln sich die Wirrnisse und Konflikte, die eben Allzumenschliches bietet.
Dies alles ist aufgrund der feinen Ironie recht kurzweilig zu lesen, inbesondere unterwegs, etwa im Flugzeug.
Michael Matzer © 2002ff
Info: Souvenir d'amour, 1991; Portobello/Goldmann 2001, Nr. 55185, München; 288 Seiten, DM 9,95, aus dem US-Englischen übertragen von Angelika Weidmann; ISBN 3-442-55185-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-27 17:39:14 mit dem Titel Peter Verhelst: *Das Muskelalphabet*: Hals über Kopf verliebt in einen Engel
Wie geht mann mit einer jungen Frau um, die sich in einen Engel verwandeln will? Mann verliebt sich Hals über Kopf mit Haut und Haar in sie. So eine Frau ist Lore in Peter Verhelsts Roman \"Das Muskelalphabet\". Ein junger Archivar schreibt hier sein Tagebuch über die merkwürdigen und tragischen Ereignisse, die ihm nicht nur mit Lore zustoßen.
Der Autor
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Peter Verhelst ist ein 1962 geborener Niederländer mit einem höchst individuellen und innovativen Stil. Hatte bereits sein ausgezeichneter Roman \"Der Farbenfänger\" eine amour fou zum zentralen Thema, so ist ihm auch mit \"Das Muskelalphabet\" ein an Bedeutungsebenen reicher erotischer Roman gelungen. Ich mag seinen anschaulichen und konzentrierten Stil, der aufgrund seiner zahlreichen Andeutungen und Lücken viel Raum für die Fantasie lässt.
Handlung
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Zusammen mit drei anderen jungen Frauen wollte Lore ihren Körper umformen, wollte ihn asexuell machen: keine Brüste, keine weiblichen Rundungen, Waschbrettbauch, keinerlei Haare usw. – das volle Programm. Leider hat der Abschluss nicht ganz geklappt: zwei der Frauen stiegen aus dem Programm aus, und als es ans Fliegen ging, stürzte Lores beste Freundin ab. Doch Lore ist ein Überlebenstyp. Sie taucht eines Tages bei dem jungen Archivar in der öffentlichen Bibliothek auf und lässt ein Buch mitgehen. Abfangen zwecklos. Zudem lebt Lore in der Wohnung auf der anderen Seite der Straße und bietet ihm Tanzvorführungen. Klar, dass er nicht mehr von ihr lassen kann.
Die Tänze, die sie ihm vorführt, als er ihr etwas von seiner Arbeit in der Krypta einer Kirche erzählt, sind etwas ganz Besonderes und machen sie unwiderstehlich. Sie tanzt im Dunkeln, doch ihre Fingerspitzen sind mit fluoreszierender Farbe bedeckt, so dass er nur ihren Händen folgen kann. Später findet er mit Hilfe eines Computers, der das Video auswertet, heraus, welche Figuren sie getanzt hat. Die Figuren entsprechen bestimmten Buchstaben des Alphabets. Lore ist bereits wieder verschwunden, als er mit wachsendem Entsetzen so ihre letzte Botschaft entziffert: D, E, L, E, T, E. (Löschen!). In seinem Kopf ertönt der Soundgarden-Song \"Black Hole Sun\"...
Dies ist die Schnittstelle zur aktuellen Arbeit des Archivars. In der Krypta erhält er E-Mail-Botschaften unbekannter Herkunft, die sich mit der Sonne und dem Universum befassen. Sie könnten aus Stephen Hawkings Buch \"Eine kurze Geschichte der Zeit\" stammen. Wie sich herausstellt, stammen sie von René, seinem Vorgänger in der Krypta, der fast völlig gelähmt im Rollstuhl im Krankenhaus sitzt. Diese E-Mails sind die letzten Botschaften eines sterbenden Mannes. Ebenso wie DELETE Lores letzte Botschaft war. Und natürlich enthält die so verhängnisvoll auf René wirkende Krypta ebenfalls eine letzte Botschaft, allerdings in einer Bedeutungsebene, die uns heute unvertraut ist.
Unter den Grabplatten der Krypta befinden sich die sterblichen Überreste der Familie eines reichen Bankiers aus dem 16. Jahrhundert. Aufgabe des Archivars ist die Katalogisierung der umfangreichen Bibliothek in dem reich geschmückten Gewölbe. Riesige steinerne Statuen stellen allegorisch nicht nur die 7 Freien Künste mit ihren Attributen dar, sondern, wie ihn Lore aufzeigt, auch die 7 Todsünden! Und in der zerbrochenen Figur eines schwarzen jungen Mannes finden sich kleine Päckchen an 7 Körperstellen. Die Linien zwischen diesen Stellen zeichnen das Siebengestirn der Plejaden nach. Die Plejaden waren der Sage zufolge die 7 Töchter eines antiken Paares, die vor den Nachstellungen des Jägers Orion ans Firmament versetzt wurden. Und Lores letzter Tanz beschreibt die Figur der Plejaden nach. Der Kreis (der letzten Botschaften) schließt sich.
Mein Eindruck
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Ein angemessenerer Titel für diesen bedeutungsreichen erotischen Roman wäre \"Black Hole Sun\" statt des prätentiösen \"Muskelalphabet\". Dieses Alphabet reicht nämlich nur von A bis C. Und es lenkt die Aufmerksamkeit auf den falschen Aspekt: Auf die Arbeit im Archiv, wo sich Muskeldarstellungen in den Büchern finden – ebenso wie im Text übrigens. Doch dieses Thema lenkt von der erotischen Beziehung, die der Archivar zu Lore (und zu Inez und zu Iris) hat, ab. Es ist eine hoffnungslose amour fou zu einem Wesen, das keine Schranken akzeptiert, weder in ihrem Menschsein, noch in ihrem Frausein. Doch genau dies macht Lore so anziehend. Mag auch diese Liebe ohne Bestand sein, so liegt doch ihr Wert in ihr selbst: \"Verschwende deine Jugend!\" steht als Motto vor dem Roman.
Mehrschichtig & verschlüsselt
Natürlich ist diese Art von mehrschichtigem, vieldeutigem Roman nicht ganz mühelos zu lesen. Auch ich habe mehrere Anläufe gebraucht. Hat man aber einmal den Einstieg gefunden, braucht man sich nur vom Autor führen zu lassen.
Die Inhaltsangabe, die ich oben skizziert habe, erschließt jedoch erst nach einigem Nachdenken. Schließlich ist doch einiges verschlüsselt.
Das erinnert an eine bestimmte Tradition der Literatur, die das Verschlüsseln ebenso liebt wie das Spiel mit Sprache und Darstellung: Olipo (bitte nachschlagen). Auch Italo Clavino war ein Verfechter bzw. Praktikant von Olipo, wie etwa sein Roman \"Der Garten, darin sich Schicksale kreuzen\" zeigt.
Für geübte Leser
Somit eignet sich Verhelsts Roman besonders für geübte Leser, die sich auf ein Spiel mit Motiven, Informationen und Wörtern einlassen. Hier wird ja auch Bewegung zu Sprache, wie Lores Tanz zeigt. man sollte den Mut haben, sich darauf einzulassen.
Michael Matzer © 2001/02ff
Info: Het spierenalfabet, 1995; Goldmann 1999, Nr. 54061, München; 192 Seiten, DM 18,00, aus dem Niederländischen übertragen von Barbara Heller; ISBN 3-442-54061-5
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-27 17:49:02 mit dem Titel Peter Verhelst: *Der Farbenfänger*: Poetisches Fest der Farben
Ein sehr poetisches Buch, voll Fantasie und Zärtlichkeit.-- Peter Verhelst, geboren 1962, gehört zur neuen niederländischen Autorengeneration. Dieser Roman war 1997 nominiert für den Libris-Literaturpreis.
Handlung
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Das Buch ist eigentlich falsch benannt, denn im Mittelpunkt steht nicht der Farbenfänger, sondern ein Liebespaar aus dem belgischen Brügge: Sie lebt in der Kathedrale und bestiehlt die Touristen, der Junge macht das gleiche, streunt herum und fotografiert.
Er verliebt sich in das kräftige Rotkehlchenrot ihrer Haare. Beide werden eines Nachts Zeugen eines Mordes, wenige Tage später stürzt sie von einem Brückengeländer. Wurde sie von zwei unbekannten Männern gestoßen, oder sprang sie selbst?
Der Junge folgt einem Samenfaden mit einem ihrer Haare daran quer durch Europa, nach Barcelona, Berlin, Bordeaux und Venedig.
Die Verbindungslinien ergeben ein magisches Pentagramm, die fünf Eckpunkte entsprechen den Enden des menschlichen Körpers. Die Reise ist eine Erkundung der phantastischen Möglichkeiten des Menschen, sowohl in der Kultur, im Körperlichen wie auch im Gesellschaftlichen.
Der Junge, nun ein Erdwesen, überwintert gerne im Boden oder versteckt sich dort. Das Mädchen verwandelte sich nach ihrem Sprung in eine Nixe und beobachtet ihn auf seinen Reisen. Beide erzählen in der Ich-Person.
Auch der sogenannte \"Farbenfänger\", ein sehr sonderbarer Sammler von intensiven Farben, der sich auf der Suche nach der Farbe Gottes befindet, erzählt von sich.
Zahlreiche Geschichten verdichten das Geflecht der Ideen und Leitmotive. Der Farbenfänger taucht in den Geschichten um den jungen Maler Goya auf, der sich in einen Stierkämpfer verliebt hatte, der tags darauf umkam. Fortan malte Goya nur das Schwarz des Stierfells. Er nimmt den Farbenfänger als Schüler und lehrt ihn die Extraktion von Farben aus Tieren und anderen Lebewesen. Der Farbenfänger, auf der Jagd nach dem einzigartigen Rot der Mädchenhaare, verfolgt den Jungen, der ihn wieder zu jenem Mädchen aus Brügge führen wird.
In Venedig kommt es zum Showdown, nachdem der Junge erkannt hat, welche Gefahr vom Farbenfänger droht. Doch er überlistet ihn und vereint sich mit seiner einzigen Liebe. Fortan leben beide unter Wasser und erzählen sich Geschichten.
Mein Eindruck
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Dies ist eine poetisch-phantastische Erkundung eines europäischen Kosmos der Imagination. Hier treten Versionen von Picasso und Prometheus, von Ikarus und Undine sowie von dem Geruchssammler in Süskinds Roman \"Das Parfüm\" auf. Selbst einen relativ unpoetischen Ort wie Hannover verwandelt Vehelsts sprachliche Überhöhung in einen magischen Raum, in dem Punks und Polizisten sich mythische Kämpfe liefern können.
Dies ist kein kitschiges Buch: Weder die knappen, lyrischen Sätze noch die zahlreichen Beschreibungen von farbigen Körperflüssigkeiten - allen voran das Rot von Blut - verleiten zu romantischen Träumereien. Ein ungewöhnliches, reichhaltiges Buch mit einem witzigen Happy-end. Mein Tipp daher: mehrmals lesen!
Michael Matzer © 2001/02ff
Info: De kleurenvanger, 1996; Goldmann 1/1999, Nr. 54082, München; 285 Seiten, DM 18,00, aus dem Niederländischen übertragen von Barbara Heller; ISBN 3-442-54082-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-12-01 19:52:01 mit dem Titel Zeitflaschenpost : Jules Vernes erster und letzter Roman
Vielen von uns ist Jules Verne als der Autor zahlreicher Jugendbücher vertraut. Daß er dies nicht von Anfang an war, beweist \"Paris im 20. Jahrhundert\", ein lange verschollener Roman von 1863, Vernes erstes größeres Werk.
Nachdem das Manuskript von Vernes Verleger abgelehnt worden war, lagerte es rund 85 Jahre in einem verschlossenen Tresor ohne Schlüssel. Zur Zeit wird es jedoch in zahlreiche Sprachen übersetzt, denn das Interesse an Verne ist weiterhin ungebrochen.
Handlung
Verne nimmt einfach den Einstieg eines jungen neunzehnjährigen Mannes, Michel, in die etablierte Gesellschaft von Paris zum Anlaß, um die westliche Zivilisation des Jahres 1963 vorzustellen. Technisch hochgerüstet, mangelt es ihr doch an geistiger und menschlicher Kultur - wie Michel, der verhinderte Dichter und Romantiker, zu seinem Leidwesen erfahren muß. Kaum hat er von der staatlichen \"Bildungskreditanstalt\" sein Abschlußdiplom und einen Preis für seine anachronistischen Lateinerverse erhalten, muß er auch schon auf Geheiß seines Vormunds und Onkels in dessen Bank anheuern. Hier scheitert er in einer Position nach der anderen, bis er als Diktierer beim Buchhalter des Großen Hauptbuches landet. Der Buchhalter ist wenigstens gut drauf - er spielt Klavier! - und erklärt Michel einiges von der Welt.
Michel verliebt sich und bekommt die Frauen des 20. Jahrhunderts erklärt. Dies endet in einem Loblied auf die Pariserinnen des 19. Jahrhunderts. Er und sein Freund verlieren natürlich wegen eines Streits um die Evastöchter die Fassung und den Job. Am Theater ergeht es Michel als Stückbearbeiter nicht viel besser, und er gerät in Arbeitslosigkeit und Elend. Schlußszene: Michel sinkt unter den prachtvollen Grabmälern der französischen Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhunderts bewußtlos in den Schnee.
Anders als diese recht pessimistisch endende Story ist für den heutigen Leser viel interessanter, wie sich Verne die technischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts vorstellen konnte. Ausgehend von bahnbrechenden Erfindungen um 1863 herum beschreibt Verne immerhin gasgetriebene Automobile, elektrische Straßenbeleuchtung, Faxgeräte, fast lautlose S-Bahnen und riesige Ozeandampfer. 1963 funktionieren Handel und Wandel prächtig und vor allem effizient. Die Bibliotheken der Klassiker hingegen sind leer, in den Gymnasien werden praktisch nur technische Fächer unterrichtet, und das menschliche Miteinander ist ebenfalls utilitaristisch geprägt. Michel, der Schöngeist, fühlt sich nur unter den Anachronismen dieser Zeit wohl - Vernes rückwärtsgewandte Kritik an den Entwicklungstendenzen seiner eigenen Zeit.
Eine weitere interessante Geschichte erzählen die ausgezeichneten Anmerkungen, die man zu jedem Kapitel benötigt, und das Nachwort von der Übersetzerin. Sie klärt uns darüber auf, was Verne eigentlich mit diesem Roman bezweckte: Der desillusionierte Ingenieur wollte unbedingt gedruckt werden und die Anerkennung seines Verlegers gewinnen. Aus diesem Grund zitiert Verne zahlreiche Freunde des Verlegers, übertreibt es aber leider dabei ein wenig, so daß dieser einmal ins Manuskript schreibt: \"Sie spinnen!\" Nun, wie man weiß, stellte sich nach diesem Fehlstart bereits mit dem nächsten Buch \"Fünf Wochen im Ballon\" der große Erfolg ein.
Michael Matzer(c)2002ff
Info: Paris au XXième siècle, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, broschiert - 202 Seiten - Fischer-TB.-Vlg.,Ffm, Erscheinungsdatum: September 1998, ISBN: 3596139538; wird leider nicht mehr bei Amazon.de geführt.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2003-01-31 19:09:56 mit dem Titel Kurt Vonnegut: *Zeitbeben*: Skurrile Phantasie mit Weisheitsanteilen
Was wäre, wenn man die zeit anhalten und dann wieder ablaufen lassen könnte? Welche Folgen hätte dieses \"zeitbeben\" auf die Menschheit? Vonneguts letzter Roman sprüht vor ideen, wie das aussehen könnte.
Der Autor
Kurt Vonnegut, Jahrgang 1922, ist der Autor des verfilmten Romans \"Slaughterhouse Five\" (dt. 1970) und zahlreicher anderer satirischer Romane. In etlichen Werken hat er Science-Fiction-Elemente verwendet, so auch in \"Zeitbeben\". 1998 gab er bekannt, mit dem Schreiben aufzuhören.
Handlung
Leser, die Vonnegut noch nicht kennen, sollten sich auf ein ungewöhnliches Leseerlebnis einstellen - hier werden keinerlei Genre-Regeln beachtet, und gegenüber den lieben Mitmenschen nehmen weder Vonneguts Ich-Erzähler noch sein alter ego Kilgore Trout ein Blatt vor den Mund. \"Zeitbeben\" ist eben ein Vonnegut-Roman.
Der Autor, \"Amerikas beliebtester griesgrämiger Alter\", erklärt unumwunden, er habe aus seinem mißglückten Roman \"Zeitbeben Eins\", an dem er zehn Jahre lang gebastelt hatte und der gar nicht erst geschrieben werden wollte, die besten Stücke filetiert und den Rest weggeworfen. Das Ergebnis ist \"Zeitbeben\".
Worum geht\'s? Gute Frage! Die Struktur des Buches ist \"etwas unübersichtlich\", um es vornehm auszudrücken. Ein Versuch:
Im Jahr 2001 beschließt das Universum, vor die Wahl gestellt, ob es sich weiterhin ausdehnen oder einen zweiten Urknall erleben soll, ins Jahr 1991 zurückzugehen. Zehn Jahre lang kommt es folglich zu einer Wiederholung von allem und jedem, der freie Wille ist suspendiert - ein Zeitalter auf Autopilot.
Als \"freie Wille wieder voll reinhaut\", wie Kilgore Trout es so unnachahmlich elegant formuliert, schlägt dessen große Stunde. Trout ist ein \"vergriffener Science-Fiction-Autor\" und im Jahr 2001 ein steinalter Penner - aber mit guten Stories und erstklassigen schmutzigen Witzen. Und er erweist sich als Retter in der Not, als der Autopilot des Universums aussetzt und in New York das reine Chaos ausbricht.
Der große Rest des Buches ist Autobiographie, Satire, kosmische und nicht so kosmische Meditation, Geraunze, sind Anekdoten - vor allem über den weitläufigen Clan der Vonneguts -, Aphorismen und natürliche Witze.
Fazit
In einer für Vonnegut charakteristischen Mischung aus Albernheit und Tiefsinn, ernsten Sentenzen und Slapstick-Elementen wettert der ergraute Vonnegut gegen Krieg und Gewalt, gegen das verblödende Fernsehen und gegen den Strichpunkt, gegen die Mißachtung von Jugend und Alter und kehrt immer wieder zu seinen Lieblingsthemen zurück: zur Bedeutung von Familie und Geschichte, zur Vergeblichkeit allen menschlichen Handelns (\"vanitas\") und zur Vergänglichkeit irdischen Lebens. So erweist er sich als großer Moralist am Ende seines Jahrhunderts, aber ohne Larmoyanz. Er verabschiedet sich von der literarischen Bühne mit einem Biß in den Hintern seiner geschätzten Kritiker.
Michael Matzer © 2003ff
Info: Timequake, 1997; Hanser 1998, München; 225 Seiten, DM 36,00, aus dem US-Englischen übertragen von Harry Rowohlt; ISBN 3-446-19508-4. Das Buch gibt es bei Goldmann auch im Taschenbuch.
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