Erfahrungsbericht von linnie
(M)eine Woche mit Richard Bachman
Pro:
Spannung pur, drei tolle Bücher, viel zum Nachdenken
Kontra:
eindeutiges Schlafdefizit, leichte Reizbarkeit, wenn ich nicht lesen konnte
Empfehlung:
Nein
** Wie alles begann...
Was kann der Bücherfrühling (Aktion bei Ciao) nicht alles anrichten? Eigentlich wollte ich doch nur Todesmarsch lesen, weil BlankAttack so davon geschwärmt hat. Aber dann meinte mein Freund, dass ich unbedingt mal \"Menschenjagd\" lesen sollte, weil das gaaanz spannend ist. Aber alles kein Problem: Wofür gibt es denn Ebay? Solche alten Bücher müsste es doch billig zu ersteigern geben, oder etwa nicht?
Kurz gesucht und schon fündig geworden: Da gab es doch tatsächlich zwei Auktionen, die noch bei 1 Euro bzw. ohne Gebot standen, auf die ich dann locker flockig mal ein bisschen Geld gesetzt habe. Eine Auktion mit zwei Büchern \"Menschenjagd & Fluch\" habe ich dann auch tatsächlich für 2,50 Euro gewonnen. Juchhu. Doch wie komme ich nun an Todesmarsch heran? Eine Auktion auf das Buch lief leider bei 3,50 Euro ohne mich aus, weil mir dann aber doch für ein altes Buch plus Versandkosten zu teuer war. Aber ne, da war ja noch eine Auktion: Ein Buch mit zwei Romanen und zwar mit Todesmarsch und Amok. Perfekt! Einen Euro ist mir das wert und tadadada, es hat mich keiner mehr überboten und so war ich innerhalb von einer halben Stunde und knapp 6 Euro Besitzerin von vier Bachman-Büchern, von denen ich noch nie gehört hatte vor dem Bücherfrühling. Es kann losgehen....
** Montag: Die Bücher sind da
Womit fange ich denn jetzt bloß an? Schwierig, schwierig, aber Menschenjagd siegte aufgrund der geringen Seitenanzahl. Nur knapp über 200 Seiten, das sollte schnell gelesen sein. Ohhhja. Aber Montagabend klappte das dann doch nicht mehr mit dem Lesen, da ich nach der doch eher anstrengenden Lektüre von \"Liebesleben\" etwas müde war, da reichte es nur zu ein paar Seitchen. Schade.
** Dienstag: Immer diese Arbeit
Grummel, ich muss zur Arbeit. Was soll ich machen? Klar alle ein bis zwei Minuten zum Lesen nutzen, die man beim Warten auf die Bahn und in der U-Bahn verbringt. Und bloß nicht die Haltestelle verpassen. Aber alles noch kein Problem: Das Buch ist noch gar nicht so spannend. Da hat sich ein Kandidat zur Menschenjagd angemeldet, weil es dafür ne Menge Kohle gibt und seine kleine Tochter schwer krank ist und sie nicht das Geld für die Medikamente aufbringen können. Erschreckend. Menschenjagd bedeutet, dass ein Kandidat 30 Tage lang von der gesamten Nation gejagt wird und für jede Stunde, die er überlebt, 100 Dollar bekommt. Schafft er es 30 Tage lang (ich glaub, der Rekord lag bisher bei etwa 10 Tagen), gibts ne ganze Billion. Kann doch nicht so schwierig sein: In die Erde einbuddeln und verstecken. Ätsch, geht nicht: Jeden Tag müssen zwei Videokassetten aufgenommen werden, um die Flucht zu dokumentieren und die wollen natürlich auch zur Post gebracht werden. Und schon weiß der Fernsehsender, der scheinbar die ganze Nation regiert, wo man sich versteckt hält. Also muss man wohl oder übel in Bewegung bleiben, aber auch das hat so seine Tücken, weil der Kandidat im Fernsehen wie ein Schwerverbrecher dargestellt wird, um den Hass der Nation zu schüren, damit sie den Menschenjagd-Kandidaten verraten, was wiederum einiges Geld einbringt. Ist schon irgendwie klar, dass das nicht problemlos funktionieren kann...
Den ganzen Tag bin ich kribbelig, ich will endlich weiterlesen, doch nur in der Bahn komme ich dazu, den Weg des Menschenjagd-.... ich will mal sagen - opfers... zu verfolgen. Erschreckend! Er hat gar keine Chance, denn überlebt hat bisher noch keiner. Am Anfang plätschert das Buch noch etwas lahm vor sich hin, aber ich warte noch auf den großen Knall....
Oje, abends ist Kino angesagt, es gibt Tanguy- der Nesthocker, toller Film, aber gelesen hätte ich jetzt auch gerne... der große Knall kam direkt vor dem Kino, als unser Kandidat verraten wird und sich nun in einer ziemlichen Zwickmühle befindet. Tja, aber Kino geht vor, wenn man denn schon verabredet ist!
** Mittwoch: Furioses Finale der Menschenjagd
Ich werde langsam kribbelig, tagsüber wieder Arbeit, abends das Double Feature von Matrix und das schon ab 20 Uhr, dabei habe ich noch einiges zu lesen. Auweia. Auf dem Weg zum Kino liege ich in den letzten Zügen des Buches, die Bahn kommt dieses Mal viel zu schnell und ich muss auch viel zu schnell wieder aussteigen und oh Schreck: 10 Seiten vor Ende des Buches komme ich im Kino an und werde schon von meinem Freund erwartet. Hmm, ist wohl unhöflich, jetzt schnell noch 10 Seiten zu lesen.
Also brav den Film gucken. Die ersten zwei Stunden Matrix vergehen wie im Fluge, das Buch ist fast vergessen, doch bei Matrix Reloaded schlafe ich fast ein und trauere den 10 Seiten Menschenjagd hinterher. Um fast halb 3 nachts bin ich endlich zu Hause und kann vor dem Einschlafen noch schnell das furiose Ende lesen. Wow, da lässt Bachman es nochmal richtig krachen. Wahnsinn, ein solches Ende hat sich zwar irgendwie abgezeichnet, aber wirklich erwartet hatte ich es nicht. Ein Gefühl des Deja-vu macht sich breit, denn im Jahre 2001 habe ich doch sowas mal im Fernsehen gesehen....
** Donnerstag: Der Marsch beginnt
Da der Todesmarsch der eigentliche Auslöser meiner Bachman-Woche war, will ich nun endlich zu diesem Buch greifen. Es warten 316 Seiten auf mich und ich frage mich auf einmal, ob das Buch wirklich spannend sein kann, wenn \"nur\" ein einziger Marsch von 100 Jugendlichen beschrieben wird. Nix drumherum passiert, nur der Marsch. Hmm, doch ich wurde schnell eines besseren belehrt.
Das Buch beginnt eine Stunde vor dem Marsch und man lernt den Helden von Maine, Ray Garraty, kennen, der im Mittelpunkt des ganzen Buches steht. Es geht tatsächlich in dem Buch \"nur\" um die Beschreibung des Marsches. Problem dabei: Es gibt keine Pausen und man erhält genau drei Verwarnungen, wenn man langsamer wird als 4 Meilen pro Stunde, anstelle der vierten Verwarnung wird man exekutiert. Ich mag mal nicht sagen \"erschossen\", denn die Soldaten überlegen sich auch gerne andere Methoden...
Es wird später und später am Donnerstagabend. Ich bin eigentlich hundemüde, weil die Matrix-Nacht noch in meinen Knochen steckt, doch ich kann das Buch auch nicht aus der Hand legen. Ich MUSS einfach weiterlesen. Kaum zu glauben, wie genial Bachman einen in die Geschichte verstricken kann. Man erfährt von vielen der Jungs (die alle noch unter 18 sind und dort zu 99 % ihr Leben lassen werden) ein paar persönliche Dinge und Eigenarten und erfährt vor allem, mit welchen Problemen sie sich rumschlagen. Da stirbt einer, weil er einen Wadenkrampf hat und nicht mehr schnell genug weitergehen kann. Ein anderer hat Blasen und das schon am ersten Tag des Marsches, ein dritter bekommt Durchfall, was natürlich auch nicht förderlich ist bei einem schnellen Marsch. Die Leiden und Nöte werden so realistisch geschildert, dass man beim Lesen irgendwie mitwandert.
Oje, aber 100 Seiten vor Ende ist auch dieser Abend vorbei. Eine unruhige Nacht beginnt, in der ich in Gedanken noch weiter durch Maine marschiere und versuche, keine Verwarnung zu erhalten.
** Freitag: Vom Todesmarsch zum Amoklauf
Wenn doch bloß die Arbeit nicht wäre! Freitag wird zu meinem kribbeligsten Tag, weil es mit Abstand der schwierigste ist. Am liebsten würde ich das Buch noch vor der Arbeit zu Ende lesen, aber das geht irgendwie auch nicht. So heißt es, so schnell wie möglich nach Hause kommen. Um 18 Uhr ist es endlich soweit: Ich bin zu Hause und kann endlich wieder nach Maine reisen....
Es leben noch etwa die Hälfte der Jungs, doch wird einer nach dem anderen hingerichtet. Ray hat den \"dummen Fehler\" gemacht und sich mit einigen Jungen angefreundet. Das macht es für ihn verdammt schwer weiterzumarschieren, wenn gerade einer seiner Freunde sein Leben gelassen hat. Mann oh Mann, wer denkt sich sowas aus? Und wie kann man bei einem solchen Marsch mitmachen? Der Todesmarsch ist ein Riesenereignis und die Straßen sind umrandet von Menschenmassen, die nur darauf warten, dass ein Junge seine finale Verwarnung erhält und sie hautnah dabei sein können. Und da laufen tatsächlich Jungs mit, die bereits bei einem Marsch zugesehen haben und wissen, wie die Jungs dabei aussehen. Die Verpflegung während des Marsches besteht aus Tuben mit Lebensmittelkonzentraten. Die Jungs werden immer dünner und dünner und sehen schließlich völlig ausgemergelt aus.
In dem Moment, wo Ray eine Schuhsohle verliert und sich nun beide Schuhe auszieht, tun mir plötzlich auch meine Füße weh. Wie will er noch mindestens einen Tag ohne Schuhe weiterlaufen? Es läuft mir kalt den Rücken runter, ich hol mir eine Decke und lese gespannt weiter. Kaum schaffe ich es, einen Tee zu trinken oder meine Umgebung wahrzunehmen. Ich laufe beim Marsch mit und sehe zu, wie immer mehr Jungs erschossen werden.
Das Ende naht, die Übriggebliebenen sind am Ende und nach der letzten Seite spüre auch ich eine unendliche Erschöpfung. Das Buch ist zu Ende und gehört zu den spannendsten, die ich je gelesen habe. Es ist unglaublich, wie real alles wirkt, wie detailliert Bachman die Situation beschreibt. Puh, ob ich diese Nachr ruhig schlafen kann?
Noch ein paar Seitchen in Amok lesen, das hinten im Buch mit drin ist. Hmm, hier beschreibt Charlie Decker, der sich selbst als verrückt bezeichnet, seinen Schultag. Er wird zum Schuldirektor gerufen und als er in die Klasse zurückgeht, beschließt er, seine Algebra-Lehrerin zu erschießen und seine Mitschüler als Geiseln zu nehmen. Zu mehr komme ich nicht, es ist Freitagabend und Party-Time. Was soll ich feiern, das Ende des Todesmarsches? Lieber nicht drüber nachdenken. Die zukünftige Welt, die Bachman in seinen Büchern schildert, wird hoffentlich nicht eintreten und doch nagen leise Zweifel an mir: Gibt es in den USA nicht bereits Shows, wo Kandidaten absichtlich gequält werden? Quizshows, in denen Kandidaten extremer Kälte, Hitze und Schmerzen ausgesetzt werden, wenn sie Fragen falsch beantworten? Wie lange dauert es dann noch, bis ei Todesmarsch stattfindet? Mir wird kalt....
** Samstag: Ich kann nicht mehr schlafen...
9 Uhr morgens: zurück zum Amoklauf, der ziemlich langweilig beginnt, doch auf einmal geht wieder das Psychospiel los: Charlie Decker hat gar nicht vor, seine Mitschüler abzumetzeln, sondern er will mit ihnen reden und sie zu einer gewissen Offenbarung führen. Schon wieder denkt sich Bachman eine wahnwitzige Geschichte aus, doch schnell wird einem der Amokläufer sympathisch. Wie geht denn das? Es scheint, als ob er doch ziemlich vernünftig ist. Interessanter Gedanke.... Doch irgendwann ruft das Frühstück und ich verlasse Charlie und seine Geiseln. Es lässt mich dieses Mal ganz locker, ich genieße den Tag und habe nicht das Gefühl, viel zu verpassen. Mir scheint, es steht kein Menschenleben mehr auf dem Spiel.....
** Sonntag: Der siebte Tag mit Bachman
Abends ist es endlich soweit: Auch Amok neigt sich seinem Ende zu und ich mache eine überraschende Entdeckung: Worauf Charlie Decker aus war mit seinem Amoklauf, war mir doch nicht so bewusst gewesen.
Jetzt sind es drei Bücher gewesen, die meine Woche spannender gemacht haben. Viele Dinge, über die ich nachdenken muss. Bachman ist wohl doch nicht gleich King. King, der exzellente Horror- und Mysteryautor und Bachman steht daneben und zeichnet ausgezeichnete Psycho-Portraits. Irgendwie sind sie beide doch sehr verschieden, auch wenn der gleiche Mann die Bücher schreibt. Aber Bachman scheint sich eher durch die hintergründige Spannung auszuzeichnen. Es steht nicht der Ekel im Vordergrund, sondern die Gefühle und Probleme der Charaktere. Was steckt hinter den Leuten? Was machen sie durch im Laufe des Buches? DAS macht es spannend. Erschreckend dagegen sind die Verhältnisse, die in der Welt herrschen. Wie realistisch ist das eigentlich? Kann man das alles weit von sich schieben? Ich weiß es nicht. Aber ich werde mal darüber nachdenken....
Was kann der Bücherfrühling (Aktion bei Ciao) nicht alles anrichten? Eigentlich wollte ich doch nur Todesmarsch lesen, weil BlankAttack so davon geschwärmt hat. Aber dann meinte mein Freund, dass ich unbedingt mal \"Menschenjagd\" lesen sollte, weil das gaaanz spannend ist. Aber alles kein Problem: Wofür gibt es denn Ebay? Solche alten Bücher müsste es doch billig zu ersteigern geben, oder etwa nicht?
Kurz gesucht und schon fündig geworden: Da gab es doch tatsächlich zwei Auktionen, die noch bei 1 Euro bzw. ohne Gebot standen, auf die ich dann locker flockig mal ein bisschen Geld gesetzt habe. Eine Auktion mit zwei Büchern \"Menschenjagd & Fluch\" habe ich dann auch tatsächlich für 2,50 Euro gewonnen. Juchhu. Doch wie komme ich nun an Todesmarsch heran? Eine Auktion auf das Buch lief leider bei 3,50 Euro ohne mich aus, weil mir dann aber doch für ein altes Buch plus Versandkosten zu teuer war. Aber ne, da war ja noch eine Auktion: Ein Buch mit zwei Romanen und zwar mit Todesmarsch und Amok. Perfekt! Einen Euro ist mir das wert und tadadada, es hat mich keiner mehr überboten und so war ich innerhalb von einer halben Stunde und knapp 6 Euro Besitzerin von vier Bachman-Büchern, von denen ich noch nie gehört hatte vor dem Bücherfrühling. Es kann losgehen....
** Montag: Die Bücher sind da
Womit fange ich denn jetzt bloß an? Schwierig, schwierig, aber Menschenjagd siegte aufgrund der geringen Seitenanzahl. Nur knapp über 200 Seiten, das sollte schnell gelesen sein. Ohhhja. Aber Montagabend klappte das dann doch nicht mehr mit dem Lesen, da ich nach der doch eher anstrengenden Lektüre von \"Liebesleben\" etwas müde war, da reichte es nur zu ein paar Seitchen. Schade.
** Dienstag: Immer diese Arbeit
Grummel, ich muss zur Arbeit. Was soll ich machen? Klar alle ein bis zwei Minuten zum Lesen nutzen, die man beim Warten auf die Bahn und in der U-Bahn verbringt. Und bloß nicht die Haltestelle verpassen. Aber alles noch kein Problem: Das Buch ist noch gar nicht so spannend. Da hat sich ein Kandidat zur Menschenjagd angemeldet, weil es dafür ne Menge Kohle gibt und seine kleine Tochter schwer krank ist und sie nicht das Geld für die Medikamente aufbringen können. Erschreckend. Menschenjagd bedeutet, dass ein Kandidat 30 Tage lang von der gesamten Nation gejagt wird und für jede Stunde, die er überlebt, 100 Dollar bekommt. Schafft er es 30 Tage lang (ich glaub, der Rekord lag bisher bei etwa 10 Tagen), gibts ne ganze Billion. Kann doch nicht so schwierig sein: In die Erde einbuddeln und verstecken. Ätsch, geht nicht: Jeden Tag müssen zwei Videokassetten aufgenommen werden, um die Flucht zu dokumentieren und die wollen natürlich auch zur Post gebracht werden. Und schon weiß der Fernsehsender, der scheinbar die ganze Nation regiert, wo man sich versteckt hält. Also muss man wohl oder übel in Bewegung bleiben, aber auch das hat so seine Tücken, weil der Kandidat im Fernsehen wie ein Schwerverbrecher dargestellt wird, um den Hass der Nation zu schüren, damit sie den Menschenjagd-Kandidaten verraten, was wiederum einiges Geld einbringt. Ist schon irgendwie klar, dass das nicht problemlos funktionieren kann...
Den ganzen Tag bin ich kribbelig, ich will endlich weiterlesen, doch nur in der Bahn komme ich dazu, den Weg des Menschenjagd-.... ich will mal sagen - opfers... zu verfolgen. Erschreckend! Er hat gar keine Chance, denn überlebt hat bisher noch keiner. Am Anfang plätschert das Buch noch etwas lahm vor sich hin, aber ich warte noch auf den großen Knall....
Oje, abends ist Kino angesagt, es gibt Tanguy- der Nesthocker, toller Film, aber gelesen hätte ich jetzt auch gerne... der große Knall kam direkt vor dem Kino, als unser Kandidat verraten wird und sich nun in einer ziemlichen Zwickmühle befindet. Tja, aber Kino geht vor, wenn man denn schon verabredet ist!
** Mittwoch: Furioses Finale der Menschenjagd
Ich werde langsam kribbelig, tagsüber wieder Arbeit, abends das Double Feature von Matrix und das schon ab 20 Uhr, dabei habe ich noch einiges zu lesen. Auweia. Auf dem Weg zum Kino liege ich in den letzten Zügen des Buches, die Bahn kommt dieses Mal viel zu schnell und ich muss auch viel zu schnell wieder aussteigen und oh Schreck: 10 Seiten vor Ende des Buches komme ich im Kino an und werde schon von meinem Freund erwartet. Hmm, ist wohl unhöflich, jetzt schnell noch 10 Seiten zu lesen.
Also brav den Film gucken. Die ersten zwei Stunden Matrix vergehen wie im Fluge, das Buch ist fast vergessen, doch bei Matrix Reloaded schlafe ich fast ein und trauere den 10 Seiten Menschenjagd hinterher. Um fast halb 3 nachts bin ich endlich zu Hause und kann vor dem Einschlafen noch schnell das furiose Ende lesen. Wow, da lässt Bachman es nochmal richtig krachen. Wahnsinn, ein solches Ende hat sich zwar irgendwie abgezeichnet, aber wirklich erwartet hatte ich es nicht. Ein Gefühl des Deja-vu macht sich breit, denn im Jahre 2001 habe ich doch sowas mal im Fernsehen gesehen....
** Donnerstag: Der Marsch beginnt
Da der Todesmarsch der eigentliche Auslöser meiner Bachman-Woche war, will ich nun endlich zu diesem Buch greifen. Es warten 316 Seiten auf mich und ich frage mich auf einmal, ob das Buch wirklich spannend sein kann, wenn \"nur\" ein einziger Marsch von 100 Jugendlichen beschrieben wird. Nix drumherum passiert, nur der Marsch. Hmm, doch ich wurde schnell eines besseren belehrt.
Das Buch beginnt eine Stunde vor dem Marsch und man lernt den Helden von Maine, Ray Garraty, kennen, der im Mittelpunkt des ganzen Buches steht. Es geht tatsächlich in dem Buch \"nur\" um die Beschreibung des Marsches. Problem dabei: Es gibt keine Pausen und man erhält genau drei Verwarnungen, wenn man langsamer wird als 4 Meilen pro Stunde, anstelle der vierten Verwarnung wird man exekutiert. Ich mag mal nicht sagen \"erschossen\", denn die Soldaten überlegen sich auch gerne andere Methoden...
Es wird später und später am Donnerstagabend. Ich bin eigentlich hundemüde, weil die Matrix-Nacht noch in meinen Knochen steckt, doch ich kann das Buch auch nicht aus der Hand legen. Ich MUSS einfach weiterlesen. Kaum zu glauben, wie genial Bachman einen in die Geschichte verstricken kann. Man erfährt von vielen der Jungs (die alle noch unter 18 sind und dort zu 99 % ihr Leben lassen werden) ein paar persönliche Dinge und Eigenarten und erfährt vor allem, mit welchen Problemen sie sich rumschlagen. Da stirbt einer, weil er einen Wadenkrampf hat und nicht mehr schnell genug weitergehen kann. Ein anderer hat Blasen und das schon am ersten Tag des Marsches, ein dritter bekommt Durchfall, was natürlich auch nicht förderlich ist bei einem schnellen Marsch. Die Leiden und Nöte werden so realistisch geschildert, dass man beim Lesen irgendwie mitwandert.
Oje, aber 100 Seiten vor Ende ist auch dieser Abend vorbei. Eine unruhige Nacht beginnt, in der ich in Gedanken noch weiter durch Maine marschiere und versuche, keine Verwarnung zu erhalten.
** Freitag: Vom Todesmarsch zum Amoklauf
Wenn doch bloß die Arbeit nicht wäre! Freitag wird zu meinem kribbeligsten Tag, weil es mit Abstand der schwierigste ist. Am liebsten würde ich das Buch noch vor der Arbeit zu Ende lesen, aber das geht irgendwie auch nicht. So heißt es, so schnell wie möglich nach Hause kommen. Um 18 Uhr ist es endlich soweit: Ich bin zu Hause und kann endlich wieder nach Maine reisen....
Es leben noch etwa die Hälfte der Jungs, doch wird einer nach dem anderen hingerichtet. Ray hat den \"dummen Fehler\" gemacht und sich mit einigen Jungen angefreundet. Das macht es für ihn verdammt schwer weiterzumarschieren, wenn gerade einer seiner Freunde sein Leben gelassen hat. Mann oh Mann, wer denkt sich sowas aus? Und wie kann man bei einem solchen Marsch mitmachen? Der Todesmarsch ist ein Riesenereignis und die Straßen sind umrandet von Menschenmassen, die nur darauf warten, dass ein Junge seine finale Verwarnung erhält und sie hautnah dabei sein können. Und da laufen tatsächlich Jungs mit, die bereits bei einem Marsch zugesehen haben und wissen, wie die Jungs dabei aussehen. Die Verpflegung während des Marsches besteht aus Tuben mit Lebensmittelkonzentraten. Die Jungs werden immer dünner und dünner und sehen schließlich völlig ausgemergelt aus.
In dem Moment, wo Ray eine Schuhsohle verliert und sich nun beide Schuhe auszieht, tun mir plötzlich auch meine Füße weh. Wie will er noch mindestens einen Tag ohne Schuhe weiterlaufen? Es läuft mir kalt den Rücken runter, ich hol mir eine Decke und lese gespannt weiter. Kaum schaffe ich es, einen Tee zu trinken oder meine Umgebung wahrzunehmen. Ich laufe beim Marsch mit und sehe zu, wie immer mehr Jungs erschossen werden.
Das Ende naht, die Übriggebliebenen sind am Ende und nach der letzten Seite spüre auch ich eine unendliche Erschöpfung. Das Buch ist zu Ende und gehört zu den spannendsten, die ich je gelesen habe. Es ist unglaublich, wie real alles wirkt, wie detailliert Bachman die Situation beschreibt. Puh, ob ich diese Nachr ruhig schlafen kann?
Noch ein paar Seitchen in Amok lesen, das hinten im Buch mit drin ist. Hmm, hier beschreibt Charlie Decker, der sich selbst als verrückt bezeichnet, seinen Schultag. Er wird zum Schuldirektor gerufen und als er in die Klasse zurückgeht, beschließt er, seine Algebra-Lehrerin zu erschießen und seine Mitschüler als Geiseln zu nehmen. Zu mehr komme ich nicht, es ist Freitagabend und Party-Time. Was soll ich feiern, das Ende des Todesmarsches? Lieber nicht drüber nachdenken. Die zukünftige Welt, die Bachman in seinen Büchern schildert, wird hoffentlich nicht eintreten und doch nagen leise Zweifel an mir: Gibt es in den USA nicht bereits Shows, wo Kandidaten absichtlich gequält werden? Quizshows, in denen Kandidaten extremer Kälte, Hitze und Schmerzen ausgesetzt werden, wenn sie Fragen falsch beantworten? Wie lange dauert es dann noch, bis ei Todesmarsch stattfindet? Mir wird kalt....
** Samstag: Ich kann nicht mehr schlafen...
9 Uhr morgens: zurück zum Amoklauf, der ziemlich langweilig beginnt, doch auf einmal geht wieder das Psychospiel los: Charlie Decker hat gar nicht vor, seine Mitschüler abzumetzeln, sondern er will mit ihnen reden und sie zu einer gewissen Offenbarung führen. Schon wieder denkt sich Bachman eine wahnwitzige Geschichte aus, doch schnell wird einem der Amokläufer sympathisch. Wie geht denn das? Es scheint, als ob er doch ziemlich vernünftig ist. Interessanter Gedanke.... Doch irgendwann ruft das Frühstück und ich verlasse Charlie und seine Geiseln. Es lässt mich dieses Mal ganz locker, ich genieße den Tag und habe nicht das Gefühl, viel zu verpassen. Mir scheint, es steht kein Menschenleben mehr auf dem Spiel.....
** Sonntag: Der siebte Tag mit Bachman
Abends ist es endlich soweit: Auch Amok neigt sich seinem Ende zu und ich mache eine überraschende Entdeckung: Worauf Charlie Decker aus war mit seinem Amoklauf, war mir doch nicht so bewusst gewesen.
Jetzt sind es drei Bücher gewesen, die meine Woche spannender gemacht haben. Viele Dinge, über die ich nachdenken muss. Bachman ist wohl doch nicht gleich King. King, der exzellente Horror- und Mysteryautor und Bachman steht daneben und zeichnet ausgezeichnete Psycho-Portraits. Irgendwie sind sie beide doch sehr verschieden, auch wenn der gleiche Mann die Bücher schreibt. Aber Bachman scheint sich eher durch die hintergründige Spannung auszuzeichnen. Es steht nicht der Ekel im Vordergrund, sondern die Gefühle und Probleme der Charaktere. Was steckt hinter den Leuten? Was machen sie durch im Laufe des Buches? DAS macht es spannend. Erschreckend dagegen sind die Verhältnisse, die in der Welt herrschen. Wie realistisch ist das eigentlich? Kann man das alles weit von sich schieben? Ich weiß es nicht. Aber ich werde mal darüber nachdenken....



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