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Erfahrungsbericht von Indigo

Erzähl mir keine Märchen .....!

Pro:

es ist ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur

Kontra:

viel zu selten erzählen wir

Empfehlung:

Nein

Erzähl mir keine Märchen .....!

Wer kennt das nicht. Manchmal dient die Redewendung als Ermahnung besorgter Eltern, die nun endlich den wahren Grund erfahren wollen, so nach dem Motto: Sag die Wahrheit!

Man könnte annehmen, es sei verpönt Märchen zu erzählen. Welches Märchen kann denn heutzutage noch mit Harry Potter, Pumuckl und Benjamin Blümchen konkurrieren? Wie leicht es doch ist, nach einem harten Arbeitstag die Musik-Kassette in den Kassetten-Recorder zu schieben und es herrscht Ruhe im Kinderzimmer. Ich erinnere mich an Kinderzimmer-Situationen, wo permanent eine Kassette lief, das liebe Kind schön brav mit Legosteinen spielte und es völlig normal war, dass dies beides gleichzeitig geht.

Man stelle sich vor, Mutter oder Vater lesen ein Märchen vor. Gehen wir von der idealisierten Situation aus, dass Oma im November am Spätnachmittag im Ohrensessel sitzt und den Enkelkindern bei einer Tasse heißem Kakao ein Märchen erzählt, wohlgemerkt erzählt. Selbst letzteres soll es noch geben.

Ich bin nun inzwischen 40 Jahre alt und durfte dennoch am Wochenende diesen seltenen Genuss erleben: In Berlin laufen zur Zeit die 13. Berliner Märchentage. Die Märchentage finden jährlich an 10 Tagen im November statt und erreichen inzwischen regelmäßig mehr als 60.000 Menschen. Ich war am Wochenende ins Kreativhaus eingeladen. Das ist in Berlin-Mitte am Märkischen Museum. Und im Rahmen der Berliner Märchentage erzählte dort die Berlinerin Nina Madlen Korn, eine Erzählerin der ersten Stunde ein Märchen von Nikolai Gogol: Die Nacht vor Weihnachten. Die Erzählerin wurde durch Sascha Thiele (Gitarre & Gesang) begleitet. Der Eintritt betrug 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Die Veranstaltung ist somit bezüglich der Kosten mit einem Kinobesuch zu vergleichen.

Der russische Autor Nikolai Gogol ist dem einen oder anderem eventuell durch seine Stücke DIE TOTEN SEELEN oder DER REVISOR bekannt. Ich selbst hatte vorher noch nie von Gogol gehört.

Würde ich nun den Versuch unternehmen, das Märchen nachzuerzählen, würde das einerseits den Rahmen hier sprengen, andererseits sehe ich mich da auch nicht qualifiziert. Wichtiger erscheint mir, dieses Erlebnis zu vermitteln. Die Veranstaltung war mit ca. 100 Zuhörern ausverkauft, die Bühne für die Erzählerin sehr dezent dekoriert und so ausgeleuchtet, dass das Publikum die Erzählerin ebenso gut sehen wie umgekehrt.

Nina Korn begrüßte das Publikum, stellte ihren musikalischen Begleiter, Sascha Thiele vor und inspirierte das Publikum mit der Vorstellung des Autors, der wesentlichen Hauptfiguren und einer kurzen Einführung.

Danach entstand für ca. zwei Stunden (eine Pause) beste Unterhaltung, Spannung und die fühlbare Erinnerung an eigene Kindheitstage. Nina Madlen Korn gelang es als professionelle Erzählerin nachdrücklich Publikum und Märchen zusammenzuführen. Ich hatte schon nach kurzer Zeit das Gefühl, die Märchenfiguren zu kennen, konnte mich über die Gestalt des Teufels amüsieren, der zunächst den Mond einfing, ihn in einen Sack steckte, um dann später selbst im Sack gefangen zu sein. Die Erzählung einfach toll. Ich hätte vorab nicht gedacht, dass mich ein Märchen – eines für Erwachsene – so fesseln kann. Ihr werdet das kennen: Schmerzt einen der unbequeme Kinostuhl oder auch der Theatersessel, so liegt dies meistens am Film respektive am Stück. Der Hintern ist ein meines Erachtens sehr untrügerischer Indikator für den Unterhaltungswert einer künstlerischen Darbietung. Ich muss sagen, ich war hinterher eher überrascht, wie lange ich dort gesessen hatte.

Nach dem Stück haben wir dann noch beim Bierchen in der Kneipe nebenan mit der Märchenerzählerin Nina Madlen Korn, Sascha Thiele. dem Erfinder der Berliner Märchentage sowie einigen Nachwuchserzählerinnen zusammen gesessen. Es war so wie eine Diskussion in der Kneipe eben verläuft: Wie wird man Märchenerzählerin? Welche Bedeutung haben heutzutage noch Märchen? Sind die Märchen auswendig gelernt? Wie viele Märchen hast Du im Repertoire? Kann man davon leben?

Nina Madlen Korn hat schon immer Märchen erzählt, so wie ihre Mutter und Großmutter. Sie zeigte uns das Märchenbuch von Nikolai Gogol aus dem Jahr 1930 mit hübschen Illustrationen. Nina Madlen Korn lernt kein Märchen auswendig, sondern nimmt für ihre Erzählform ein Grundgerüst eines jeden Märchens. Sie beherrscht über 100 Märchen aus aller Welt. Es ist ein Märchen, dass man vom Märchenerzählen gut leben kann. Zuwenig Kultureinrichtungen, Vereine oder Bibliotheken haben noch ein Budget, um eine Märchenerzählerin zu honorieren.


Abschließend möchte ich noch auf die musikalische Begleitung durch Sascha Thiele eingehen. Dies war für beide Künstler eine Premiere und ein Experiment. Beides ist gelungen. Die Gitarrenmusik erzeugte sehr sensibel die Wirkung, dass die Figuren des Märchens in den Köpfen innehielten, sich ausformten und ihre Gestalt ausfüllten. Eine Chance zur Partizipation neben der Erzählerin gleichberechtigt dem Märchen zu folgen.

Die 13. Berliner Märchentage enden heute. Wer mehr wissen will, dem empfehle ich zunächst unter www.Berliner-Maerchentage.de nachzusehen oder einmal Nina Madlen Korn bei www.google.com einzugeben.

Und um es mit der Erzählerin zu sagen, schließt dieser Beitrag einmal mit einem Appell.
Mögen doch möglichst viele Menschen im Advent ihren Kindern mal wieder ein Märchen vorlesen. Jeder von uns hat die notwendige Zeit, wenn wir die monatlichen Online-Stunden gegenüber stellen. Und jeder Dritte möge versuchen, ein Märchen zu erzählen.

So endet der Beitrag umgekehrt: Erzähl mir ein Märchen....!


Indigo 2002

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