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Erfahrungsbericht von Anachronistin

Erst der Verlust?

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Erst der Verlust?


„Meistens belehrt uns erst der Verlust über den Wert der Dinge.“, sprach einst Schopenhauer. Und ich meine, nicht ohne gewisses Bedauern, dass er Recht hat, oftmals zumindest.
Es lässt sich beobachten, täglich und überall. Ich spiele jetzt nicht auf verlorene Geldbörsen an oder auf im Bus liegen gelassene Regenschirme. – Nein, ich meine all jene Dinge, die dem Menschen in anderer Hinsicht von Wert sind.

Wie oft hört man den Ausspruch von schwer Erkrankten, oder jenen, die eine Krankheit oder einen Unfall überlebt haben, dass sie in Zukunft jeden Tag ihres Lebens leben wollen, als könne es ihr letzter sein. Urplötzlich mobilisiert Mensch Kräfte, deren Vorhandensein ihm lange Zeit gar nicht bewusst war. – Gesundheit ist also beispielweise ein solches Gut, welches wir nur selten schätzen.

Ich habe im Netz schon häufig Aufrufe gelesen, man möge sich doch hin und wieder derer entsinnen, denen es schlecht geht. Da gibt es dann Aufzählungen von grausigsten Menschenschicksalen, die Rede ist von Krebskranken, Vergewaltigten, Hinterbliebenen von ermordeten Menschen etc. – Die dahinter steckende Idee ist keineswegs verkehrt, aber vielleicht kann man ja einen anderen Ansatz wählen. – Denken wir doch mal an die Dinge, die wir haben, die es uns gut gehen lassen, an die Menschen, die wir lieben und welche uns Liebe entgegen bringen.

Die Struktur des Menschen bzw. des menschlichen Geistes erlaubt ihm eher, sein Schicksal mit Bestürzung zu betrachten, andere mit Neid zu bedenken und wenig gönnerhaft zu sein. Selten gelingt es dem Menschen, sich auf sich selbst zu besinnen, und auf das Schöne im Leben. In jedem Leben gibt es Schönes. Auch im Leben eines Menschen, der viel Leid erfahren hat. Sehen und erfahren kann es aber nur derjenige selbst. Und dies wiederum nur, wenn er wieder Licht in sein Leben lassen möchte. Ansonsten bleibt alles finster und aussichtslos. – Leider ist das mit dem sehen und erfahren wollen keine reine Willensfrage, die vom Kopf her beantwortet werden kann. Ein Mensch muss bereit sein und er muss gelernt haben, wieder aufzustehen.

Jeder von uns hat etwas, worauf er stolz sein kann. Wirklich jeder. – Und dazu muss man kein berühmter Dichter, Sänger, Schauspieler oder sonst wer sein. – Schon allein der, der einen Freund hat, ist etwas Besonderes.
Wir sollten uns dieser wertvollen Dinge bewusst werden, immer mal wieder. Und wir sollten diese Dinge, die von so hohem Wert sind, pflegen. – Unsere Gesundheit, unsere Freundschaften, unsere Familie und auch uns selbst. Auch unsere Liebe, unsere Fähigkeit, uns anderen zu zeigen.

Wie oft lese ich – meist in Gedichtform – von Menschen, die von sich selbst behaupten, sie müssten immer vor anderen ein falsches Lachen aufsetzen, sie wären im Grunde nach außen hin nur künstlich, alles wäre Maskerade, sie selbst eine Marionette – und innen schreit es. Ich entdecke dabei so viele Ähnlichkeiten, erinnere meine eigene Geschichte, entsinne mich, auch einmal so gedacht zu haben. – Wer schreibt Euch denn vor, Eure Maske zu tragen? Und wer hat gesagt, er würde Eure Tränen nicht sehen wollen? Falls es Euch tatsächlich so gesagt wurde, können Euch dann nicht jene Menschen egal sein? – Es mag plump klingen, aber tut es: HEULT! SCHREIT! SPRECHT! – Es ist nicht einfach, aber es ist der einzigste Weg.
Derjenige, der meint, es könne alles gar nicht mehr schlimmer werden und er hätte nichts zu verlieren, der hat doch wohl auch keine Maske nötig! Und schon gar nicht das Dasein als Marionette! Oder?

Warum sollte man es nicht auf einen Versuch ankommen lassen?

Ach, ich bin vom Hundertsten ins Tausendste gekommen. – Warum? – Gestern Abend hatte mein lieber, alter und schon etwas gebrechlicher Kater einen schrecklichen Unfall. Er rutschte auf dem Fensterbrett aus und fiel hinunter. Wir wohnen in der vierten Etage. – Ich kann nicht mehr sagen, als dass ich voller Dankbarkeit bin, denn Kater Felix ist vollkommen unversehrt. Er saß vor dem Haus und ließ sich von mir auf den Arm nehmen und zurück in die Wohnung tragen. Erschöpft ist er sicherlich, denn er verschläft schon fast den ganzen Tag.

Als ich ihn auf dem Blumenbeet vor dem Haus sitzen sah, und er sofort auf mich zukam, war dies wie ein Wunder. Ja, ich habe gestern einen der glücklichsten Augenblicke meines Lebens gehabt. Und den will ich mir bewahren.

Ich möchte den Bericht mit einem Zitat von Tagore beenden, „Schöne Tage – nicht weinen, dass sie vergangen, sondern lächeln, dass sie gewesen.“


Die Anachronistin dankt für die Lesung!

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