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Erfahrungsbericht von mima007

Der Vollmond im SF- und Horror-Film

Pro:

regt Phantasie der Filemacher und Autoren an

Kontra:

kann zu Übermut und unruhigen Nächten führen

Empfehlung:

Nein

Mond des Werwolfs, Mond der Raketen: Der Vollmond hat nicht nur Liebende, Träumer und Schriftsteller, sondern auch eine ganze Reihe von Filmemachern inspiriert. Ein kurzer Abriss.

Der Mond im Fantasy-Film

Für Römer und Griechen war der Vollmond der Sitz der Göttin Luna beziehungsweise Selene. Bei H.G. Wells heißen die Mondbewohner daher Seleniten. Unser Satellit wurde als weiblich betrachtet, weil sein Zyklus des Zu- und Abnehmens mit der Länge des weiblichen Menstruationszyklus übereinstimmt. Daher konnte Thea von Harbou für Fritz Lang auch das Filmdrehbuch Die Frau im Mond (1929) schreiben. Sie wandelte damit die teutonische Betrachtung des Mondes als männlich - der sprichwörtliche \"Mann im Mond\" - auf produktive Weise ab.

Wichtig für den Fantasyfilm wurde der Mond durch das Motiv der Werwolf, welcher sich gemäß einem antiken Mythos zu jedem Vollmond aus einem Menschen (\"anthropos\") in einen reißenden Wolf (\"lykos\") verwandelt. Das Motiv der Lykanthropie fand mehrfach Verwendung, stets mit Elementen der Horrorfilmes verbrämt. Dem Werwolf-Wahn bereitete Joe Dante in seinem satirisch-effektvollen American Werewolf ein humorvoll-grausiges Ende - zumindest vorläufig.

Der Mond wurde häufig als das Gegenteil und Gegenstück zu Sonne (= Licht) und Erde ( vernüftige Wirklichkeit) aufgefasst. Kein Wunder, dass ihn klassische Autoren zunächst als Sitz der Toten und möglicherweise eines Orakels ansahen- eine enge Verbindung zur Unterwelt und zum Okkulten (= Verborgenen). Im Gegensatz zur rationalen Realität steht der Mond für Träume (\'Mondkalb\'), Illusion, Wahnsinn (lunacy, lunatics, Werwolf), Absurdität oder ganz allgemein als das Unerreichbare (den Mond anheulen).

Daher eignete sich der Mond bis ca. 1800 hervorragend für Satiren und phantasievolle Humoresken. Mondreisen und Mondstaaten dienten den Satirikern wie Lukian, Poe und Bergerac dazu, irdische Zustände anzuprangern oder ins Lächerliche zu ziehen, indem sie eine \"ver-rückte\" Gesellschaft auf dem Mond schilderten oder unzurechnungsfähige Abenteuerer, die sich zum Erdtrabanten aufmachten. Erst Verne und Wells machten die Sache ernst. Einen letzten Ausläufer dieser ironischen Tradition finden wir im ersten Science Fiction-Film überhaupt wieder: in Georges Méliès\' Le voyage dans la lune von 1902.

Der Mond im Science Fiction Film

Georges Méliès\' erfand für Le voyage dans la lune (Die Reise AUF dem Mond) erstaunliche Effekte mit Hilfe der Trick-Photographie. Da fährt beispielsweise ein Zug durch den Mund des Mannes im Mond. Da treten hummerförmige Seleniten auf und betörende Chorusgirls. Diese H.G.-Wells-Verfilmung war zwar nicht gerade hohe Kunst, doch entzückte die neue Lichtspielkunst die Massen durch nie gesehene Bilder. Und sie bewegten sich!

Schon wesentlich weiter ist da Fritz Langs erfolgreiches Meisterwerk Die Frau im Mond von 1929. Er verfilmte das Buch von Thea von Harbou von 1926. 1937 verboten die Nazis den Film, weil seine Raketendarstellung ihren eigenen Plänen, die zur Entwicklung der V2 führten, zu nahe kam. Der Mondflug dient eigentlich dazu, Gold auf dem Trabanten zu finden und dies auszubeuten, führt aber zu einer richtigen Räuberpistole, die in einer tragischen Liebesszene endet. Ganz nebenbei erfand Fritz Lang bei diesem Projekt den Countdown, der inzwischen für jeden Raketenstart obligatorisch ist.

Nach künstlerisch minderwertigen Abenteuerserien wie \"Buck Rogers\" und \"Flash Gordon\" bildete erst Destination Moon von 1950 einen weiteren Höhepunkt des Mondmotivs. Der einflussreiche Filmemacher George Pal> verfilmte den Roman Rocketship Galileo, den der Science Fiction-Autor Robert A. Heinlein 1947 veröffentlicht hatte. Heinlein schrieb auch das Drehbuch und beriet bei den Dreharbeiten, obwohl er als Marinemann eigentlich kein Astronom war, geschweige denn ein Raketentechniker. Der Militarist Heinlein sorgte denn auch für die Aussage, dass die Herrschaft über den Mond - die Stationierung von Atomraketen - auch die Herrschaft über die Erde bedeute. George Pals \"Endstation Mond\" gilt heute trotz dieser Propaganda als erster moderner SF-Film (Oscar 1950 für die Effekte) und Vorbild für viele Space Operas der USA.

Am Beginn von Roland Emmerichs Independence Day (1996) erfolgt darauf ein ironischer Kommentar: Die Erschütterungen, die das Alien-Mutterschif bei seiner Annäherung verursacht (wie das im Vakuum geht, bleibt im Dunkeln - vielleicht durch Gravitation), radieren die Fußabdrücke der ersten Astronauten auf der Mondoberfläche aus.

Eine weitere Verfilmung des Klassikers First Men in the Moon (1900) von H.G. Wells erfolgte 1964 in Großbritannien bot weiterentwickelte Effekte, wobei Ray Harryhausens Stop-motion-Technik die Seleniten zum Leben erweckte. So bot der Film kurzweilige, wenn auch etwas unbedarfte Unterhaltung - die Raumkapsel wird von Antischwerkraft angetrieben.

Stanley Kubricks 2001 - Odyssee im Weltraum (1967/68) erzählt, wie Wissenschaftler in einem Mondkrater einen schwarzen Monolithen ausgegraben haben, der ein Signal zum Jupiter absendet, um dortige Aliens von den Machenschaften der Erdlinge zu verständigen. Arthur C. Clarkes Storyvorlage trug daher den Titel \"The Sentinel\", \"Der Wachposten\" (1951). Kubrick übertraf \"Endstation Mond\" noch an Realismus, indem er Schwerelosigkeit darstellte. Mit dem mysteriösen Monolithen stellte er jedoch das Unnennbare, das Wunder, dem irdischen Realismus gegenüber. Die Entwicklung menschlicher Intelligenz führt vom Primaten zum Engel, zum Sternenkind. Es kennt, wie Kubrick, die Musik der Sphären, nämlich Johann Strauß\' Walzer \"Die schöne blaue Donau\", der das Rendezvous der Erdfähre mit der Raumstation über dem Mond begleitet.

Steven Spielberg verwendet den Vollmond zweimal in seinen Filmen. Jeder kennt das Filmplakat des vor dem Vollmond durch die Luft radelnden Jungen mit seinem Alien, dem E.T.. (Dieser Film feiert 2001 sein 20jähriges Jubiläum.) Der Vollmond steht hier nicht nur als Symbol für Traum, Sehnsucht und Transzendenz à la siebziger Jahre, sondern auch als das Unerreichbare, das Ferne, sprich: E.T.s eigentliche Heimat.

Diese Darstellung persifliert Spielberg meines Erachtens in seinem neusten Werk: In A.I. (2001), einem Erbstück von St. Kubrick, bewundert der junge David mit seinem neuen Freund Gigolo Joe den aufgehenden Vollmond. Doch dieser stellt sich bei größerer Annäherung als der leuchtende Ballon eines Luftschiffs heraus. Das Luftschiff wird von Roboterjägern gesteuert, die es auf Androiden wie David und Joe abgesehen haben. Willkommen im neuen Jahrtausend!

Michael Matzer (c) 2002ff

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