Einer flog über das Kuckucksnest (DVD) Testbericht



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Erfahrungsbericht von LosGatos
Big Sister
Pro:
Nicholson\'s Meisterstück
Kontra:
nichts für Zartbesaitete
Empfehlung:
Ja
ich bin McMurphy, Randle Patrick McMurphy. Ich habe zwar Murphy’s Law nicht erfunden, nicht, dass ihr da auf nen falschen Trichter kommt. Aber einer wie ich hätte sich natürlich auch diese Gesetze ausdenken können, die alles erklären, was nur irgendwie schief gehen kann. Nein, derzeit habe ich ein ganz anderes Problem, ich sitze fest. Nicht etwa im Knast, sondern in einer Irrenanstalt irgendwo im Nordwesten der USA unweit vom Meer entfernt. Und nicht, dass ihr denkt, ich rede von den virtuellen Mauern irgend so einer Internetplattform, die gibt es zu meiner Zeit noch gar nicht. Man hat mich gerade in eine richtige Irrenanstalt gesteckt mit richtigen Bekloppten, sterilen weißen Wänden, hohen Mauern und Stacheldraht. Ein Gefängnis ist gar nichts dagegen, sage ich euch. Warum ich hier bin? Ich schlage schon mal zu und bumse zu viel. Außerdem gelte ich als aufsässig und arbeitsscheu. Dummerweise wurde mir eine 15jährige zum Verhängnis, die mich scharf gemacht hat und die ich dann flach gelegt habe. Kann mir schließlich nicht von jeder Schnalle vorher den Ausweis zeigen lasen, schon gar nicht, wenn sie aussehen wie 35.
Jedenfalls bin ich jetzt hier bei den ganzen Irren und stehe unter Beobachtung. Da ist Billy, das stotternde Muttersöhnchen oder Harding, der ein gestörtes Verhältnis zu Frauen hat, vor allem seiner eigenen, und viele mehr, alles Männer, einer bekloppter als der andere. Zu Beginn kann ich mich über so viel Beknacktheit nur totlachen. Allerdings frage ich mich, ob die hier alle vorher schon irre waren oder ob sie es erst geworden sind, seitdem sie hier drin sind. Hier läuft alles nach dem Big-Brother-Prinzip ab, nur dass der große Bruder hier eine Schwester ist. Die Große Schwester, das ist Mrs. Ratched. Sie hat die Jungs hier im Griff, die Insassen wie das Personal. Jedenfalls solange, bis ich hier notgedrungen aufkreuzte. Seitdem mische ich den Laden auf, ermuntere die Trantüten, Schwester Ratched zu widersprechen und mache schon mal Vorschläge, wie man den Tagesablauf unseres Therapieprogrammes auf den Spielplan der Baseball-Liga abstimmen kann. Der Machtkampf zwischen mir und Ratched beginnt. Im Zweifelsfall kann sie natürlich jederzeit die Spielregeln zu ihren Gunsten auslegen oder abändern. Aber wenn die Jungs anfangen, nicht mehr nach ihrer Pfeife zu tanzen, hat sie natürlich ein Problem.
Die Ratched hat natürlich immer Recht. Und wenn das nicht der Fall sein sollte, findet sie garantiert eine plausible Erklärung, warum sie doch Recht hat. Ihr selbstgerechter Gesichtsausdruck kommt dem einer Göttin gleich, irgendwo eine Mischung aus Ingrid Bergmann und Grace Kelly. Wenn sie sich ein Lächeln abringt, ist es ein Ausdruck des Triumphes. Das Beste ist jedoch ihre Frisur. Dieses Satansweib hat ihre Haare tatsächlich so geformt, als hätte sie Hörner. Leute, ich habe natürlich schon ganz andere Weiber flachgelegt, eine geiler als die andere. Aber die Ratched, die verkörpert für mich den Typ Frau, die sich womöglich um 180 Grad dreht, wenn sie mal gescheit durchgefickt wird. Deshalb hätte ich schon mal Lust, bei der den Postmann zu spielen und es mehr als zweimal klingeln zu lassen. Aber eine wie die Ratched bleibt sogar von meinem Charme unbeeindruckt.
Die Insassen sind schon gewissermaßen hoffnungslose Fälle. Nur einer hat es mir irgendwie angetan. Ein baumlanger Indianer, den ich den Häuptling nenne. Er redet kein Wort, und wenn ich auf ihn einrede, sagt man mir, ich solle das lassen, weil es nutzlos sei. Der Häuptling sei taubstumm. Somit bleibt er bei den Therapiegesprächen immer außen vor und darf stattdessen mit dem Besen bewaffnet für die Sauberkeit sorgen. Dennoch gelingt es mir, ihm das Basketballspielen beizubringen. Und so ein baumlanger Kerl, den kann man schon mal gebrauchen. Ich sage nur Räuberleiter! In der Tat gelingt es mir, einen kleinen Betriebsausflug zu organisieren. Ganz ohne Aufsicht! Ich kapere einen Bus und damit es eine richtige „Spritztour“ wird, wenn ihr wisst, was ich meine, lade ich noch Candy, eine Nutte, zwischendurch dazu. Dann geht es mit einem Kutter auf See. Damit die Jungs beschäftigt sind, drücke ich jedem eine Angelrute in die Hand und stelle den bekloppten Cheswick ans Steuer. Mit Candy und meiner eigenen Rute ziehe ich mich zurück. Aber man soll auch Irre nicht unterschätzen. Die meinen doch alle, das soll ne Show-Einlage werden. Und so kleben die alle samt Cheswick hinter der Scheibe. Zu dumm, dass so ein alter Fischkutter keinen Autopiloten hat. Somit komme ich noch nicht mal in Ruhe zum Vögeln.
Nach Ende unseres kleinen Ausflugs lade ich dann später Candy und eine „Kollegin“ mal zu uns in die Anstalt ein, u.a. um Muttersöhnchen Billy zu therapieren. Natürlich scheut Ratched keinerlei Mühen, um mich ruhig zu stellen. Was Medikamente nicht schaffen, sollen Elektroschocks richten. Und das, obwohl die Ärzte zu dem Schluss kommen, dass McMurphy keinesfalls geistesgestört ist. Trotzdem bleibe ich in Verwahrung. Aber vielleicht gibt es irgendwann doch mal eine Möglichkeit, frei zu kommen, gemäß eines Abzählreims für Kinder „Einer Ost, Einer West, Einer flog über das Kuckucksnest“.
Aber nicht, dass ihr denkt, ihr Knalltüten, das wäre eine wahre Begebenheit, was natürlich nicht auszuschließen ist. Doch zunächst einmal beruht meine Geschichte auf einem Roman von Ken Kesey, der ihn 1962 veröffentlichte. Unter der Regie von Milos Forman, der später auch Amadeus nach seiner Flöte tanzen ließ, wurde das Buch dann 1975 verfilmt. Produzent war ein gewisser Michael Douglas. Der hatte damals wohl schon einen guten Riecher, lange bevor er als Schauspieler eine verhängnisvolle Affäre hatte. Jedenfalls warf der Film 5 Oscars ab, u.a. natürlich für die Hauptdarsteller Jack Nicholson als McMurphy und Louise Fletcher als Schwester Ratched. Vor allem der für Nicholson war mehr als verdient. Kein Wunder, wer einen wie mich mimt, dem steht so was natürlich zu. Ich finde, dass das Jack’s bester Film aller Zeiten war, auch wenn er noch viele gute abgeliefert hat. Auch in der ewigen Rangliste der weltbesten Filme hat dieser Streifen eine Spitzenposition verdient. Aber ihr müsst Nicholson einfach selbst sehen mit seiner Frisur, wo ihm die Haare meist zu Berge stehen. Ihr müsst ihn sehen, wenn er diabolisch die Augen verdreht. Er ist ja nicht gerade das, was man einen Schönling nennt. Aber ich wette, wenn er so seine Zähne fletscht, will so manche Frau mit ihm in die Kiste. Und zur Mimik von Schwester Ratched ist ja schon alles gesagt. Deshalb auch ein „besonders hilfreich“ für den Auftritt von Louise Fletcher. Der später mehr in Komödien bekannt gewordene Danny DeVito spielt einen der Anstaltsinsassen.
Denen, die immer alles ganz genau wissen wollen, sei noch gesagt, dass der Film gut 2 Stunden dauert. Aber offengesagt, hat man den Eindruck, dass er viel schneller vorbei ist, denn Langeweile kommt bei diesen Schauspielern nie auf.
Natürlich gibt es den Streifen auch auf DVD, und bevor man ihn anschaut, sollte man wenigstens 12 Jahre alt sein. Ein paar Jährchen mehr schaden aber auch nichts, denn für Kinder und Jugendliche gibt es sicher schönere Filme. Es fällt nicht nur so mancher Kraftausdruck (Murphy „light“ gibt es schließlich nicht) und Szenen mit Gewalt und viel Blut bleiben nicht aus. Also nicht unbedingt etwas für Zartbesaitete.
Natürlich könnte man meinen, das sei ein Film über die Inhumanität in Heilanstalten. Aber ein bisschen Abstraktion ist hier nicht fehl am Platze. Betrachtet die Anstalt als ein menschenverachtendes Regime, das seine Mitglieder einsperrt und nach seinen Vorgaben „bearbeitet“, um angepasstes Verhalten zu erzwingen. Beispiele hat es bis heute auf der ganzen Welt genug gegeben. Dieser Film enthält viel Situationskomik. Nicht zuletzt durch McMurphy’s Sprüche und dreiste Handlungsweise gibt es auch eine ganze Menge Anlass zu lachen. Und das, obwohl es sich um ein äußerst ernstes Thema handelt. Beides zu vereinen, macht große Filme aus.
Euer Randle
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 18.7.2004
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32 Bewertungen, 2 Kommentare
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13.12.2023, 19:49 Uhr von Ralf Schulz
Bewertung: besonders wertvollDanke für diese sehr gut geschriebene Rezension! Nachdem ich das Buch ein paar Mal gelesen habe, mir dieses Meisterwerk zwei Mal in einem Theater angesehen habe, einmal sogar auf serbisch in Belgrad, was kein Problem war, da ich so gut wie jede Silbe auswendig kannte und mir den Film unzählige Male angesehen habe, ist und bleibt es meine Nummer 1 unter den verfilmten Büchern und teilt sich unter den Filmen den ersten Platz mit "Once Upon a Time in America" von Sergio Leone.
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20.07.2004, 00:59 Uhr von Frankenmetal
Bewertung: sehr hilfreichHi, todtraurig, abgründig komisch, sozialkritisch, Leistung der Schauspieler unübertroffen und ein Schluß zum heulen. Klasse Bericht! Grüße
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