Kurzgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von diva68

Schlaf. Mit. Mir.

Pro:

Schlafen lädt die \"Akkus\" wieder auf

Kontra:

Auf die richtige Dosis kommt es an

Empfehlung:

Ja

*** Vorspiel ***

„Schlaf ist die Erholung der Seele. Das Nicht-Einschlafen-Können, das Recht des Herzens.“ (Damaris Wieser, *1977, deutsche Lyrikerin und Dichterin)

Die wohl berühmteste Schläferin war einmal Dornröschen. Von der Spindel gepiekt, fiel sie in einen hundertjährigen Schlaf, und von einem Prinzen geweckt, fiel sie – noch immer frisch und knackig – in die Arme desselben. Aber so etwas gibt es bekanntlich nur im Märchen. Die Realität sieht deutlich anders aus. Zum Beispiel so.


*** 1.Akt ***

Mein Name ist Mike Meyer. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, komme aus Frankfurt an der Oder und bin Matratzen-Tester. Nein, das ist kein Witz. Wirklich, ich teste Matratzen. Und zwar in aller Öffentlichkeit. Vor einigen Wochen, nämlich, stand ich wieder einmal mit meiner Nummer in der Hand auf dem Flur vom Arbeitsamt. An diesem Morgen ging ein Mann mit Brille und Stirnglatze durch die Reihen und fragte, ob jemand Interesse an einem gut bezahlten Job hätte. Eine mehr als ausgelutschte Formulierung, hinter der sich oft nur heiße Luft verbirgt. Ich meldete mich trotzdem, denn ich bin jung und brauche das Geld.

Unten auf der Straße instruierte er, der sich als Matratzenhändler Mario Müller vorstellte, uns. Jede/r der etwa 35 Freiwilligen bekam eine halbe Matratze umgehängt. Sie war in der Mitte halbiert, so dass man den Kopf hindurch stecken und sich das Ganze um den Körper hängen konnte, so wie ein „Sandwich-Man“. Dazu drückte man uns Flugblätter in die Hand und verteilte uns auf sämtliche Bezirke in der Stadt. Wir sollten nun als „Matratze auf zwei Beinen“ durch Frankfurt/Oder laufen und Passanten über die Vorzüge einer bequemen Matratze aufklären, die möglichst bei „Matratzen Müller“ erworben werden sollte. Kein einfaches Unterfangen.

Zwei Tage lang hielt ich es aus. Am dritten Tag wurde der Job mir einfach zu viel. Vor allem zu viel Frust. Für alles Mögliche sind die Menschen bereit, Geld auszugeben. Für Zigaretten und Alkohol sowieso. Aber Matratzen? Fehlanzeige. Dabei verbringen die meisten Bewohner dieser Stadt den Großteil ihres derzeitigen Lebens im Bett, die wenigste Zeit davon zum Schlafen. Es wird im Bett gegessen, getrunken, geraucht und fern gesehen. Möchte man da nicht auch einmal die alte, schäbige Matratze gegen eine neue, Rücken schonende austauschen? Nö, gaben mir 99,9 Prozent der befragten Passanten zur Antwort, ich muss erst einmal zusehen, dass ich nächsten Monat die Miete bezahlen kann.

Eine neue Geschäftsidee musste also her. Und die hatte ich. Ich wollte den Leuten, ganz Praxis bezogen, vor Augen führen, wie komfortabel es sich lebt, liebt und liegt, wenn man die individuelle Matratze sein Eigen nennt. Die Matratze für das körperliche und seelische Wohlbefinden. Die Matratze als Statussymbol für alle Lebenslagen. Ich erzählte Herrn Müller von meinem Plan, konnte ihn dafür begeistern und setzte ihn noch am selben Tag in die Tat um.

*** 2.Akt ***

Kurz nach neun Uhr des ersten Abends installierte ich eine Web-Cam, die das Schaufenster von „Matratzen Müller“ bestens erkennbar fokussierte. Dann baute ich dort das Modell „Linda“ (Federkern, Misch-Drell, nach Öko Tex Standard 100, 89 Euro) Aufmerksamkeit heischend auf, um mich wohnlich einzurichten. Ein kleiner Fernseher in der Ecke, einen Stapel Bücher und Zeitschriften samt einer Kanne Tee an der Seite, und schon konnte mein erster Live-Matratzen-Test beginnen.

Es war ein ganz normaler Mittwochabend, und vor dem Schaufenster an der viel befahrenen Strasse ging alles seinen normalen Gang. Ab und zu kam ein Frührentner in Fliegerseide vorbei, um seinen Kampfhund-Fake Gassi zu führen. Hin und wieder ein paar Jugendliche, die eine leere Bierdose hin und her kickten. Aber schon nach einer halben Stunde entdeckte man mich, den Matratzentester, und schenkte mir die Aufmerksamkeit, die ich wollte. Natürlich dauerte es nicht lange, bis die Ersten an das Fenster klopften, um sich mit mir zu unterhalten. Doch ich hatte mir bereits – der kluge Mann sorgt vor – Ohropax in die Lauscher gestopft. Auch, um in Ruhe einschlafen zu können. Es war ein anstrengender Tag gewesen, und ich brauchte meinen Schlaf, denn Schlaf entspannt den Körper und lässt die Seele zur Ruhe kommen.

Leider war auch drei Stunden später von Ruhe keine Spur. Zwar hatte sich die wenigen Schaulustigen inzwischen in Ihre Wohnungen begeben, doch ich selbst konnte auf „Linda“ einfach nicht einschlafen.
Im Geiste führte ich mir die Tipps gegen Schlafstörungen vor Augen, die ich kürzlich im Wartezimmer meines Hausarztes in einer Frauenzeitschrift gelesen hatte:

Ein warmes Bad (34°C - 36°C) zur körperlichen Entspannung (z.B. mit Melissen-, Baldrian-, oder Hopfenzusätzen) konnte ich jetzt kaum nehmen, einen Tee aus Melissenblättern hatte ich bereits getrunken. Für den kleinen Abendspaziergang an der frischen Luft war ich zu träge. Außerdem musste ich ja im Schaufenster präsent sein, falls um diese nachtschlafende Zeit doch noch jemand vorbei schaute und das Ganze womöglich als Fake bezeichnete, weil die Testperson nicht anwesend war. Zu spät oder zu reichhaltig hatte ich nicht zu Abend gegessen, ich war jedoch auch nicht hungrig ins Bett gegangen. Während ich weiter grübelte, schlief ich ein...

Groß und gelb prangte derweil mein Werbeslogan für die gesunde Matratze über mir im Schaufenster: „Mach Dir ein paar schöne Stunden – Geh` schlafen.“

*** 3.Akt ***

Am nächsten Morgen konnte ich mich kaum rühren. Alles tat mir weh, besonders der Nackenbereich. Ich beschloss, „Linda“ gegen „Nathalie“ (Taschen-Federkern, Misch-Drell, nach Öko Tex Standard 100, Sommerseite mit kühlender Baumwolle, Winterseite mit hochwertiger Schaf-Schurwolle, 169 Euro) auszutauschen. Zum Glück waren um diese Zeit nur wenige Passanten unterwegs, und so bekamen die potentiellen Kunden von „Matratzen Müller“ nicht mit, wie ich mit schmerzverzerrter Miene meine neue Schlafstatt in Stellung brachte. Den Tag nutzte ich zur Bearbeitung der eingegangen Bestellungen. Die meisten Kunden kauften „Nathalie“ und bestellten über das Internet.

Gegen 21 Uhr machte ich es mir auf „Nathalie“ so bequem, wie es irgend ging und lies mich vom Abendprogramm der Privatsender berieseln. Eine Gruppe japanischer Touristen blieb vor meinem Schaufenster stehen und hielt die Szenerie fotographisch fest. Ich machte mir Gedanken darüber, was Schlaf eigentlich ist und warum wir ihn brauchen. „Bestimmte Körperfunktionen werden heruntergefahren: Blutdruck und Puls nehmen leicht ab, Stoffwechselfunktionen und Körpertemperatur werden heruntergesetzt. Die Reaktion des Körpers auf äußere Reize ist reduziert. Im Gegensatz zur Narkose, jedoch, ist man jederzeit aus dem Schlafzustand erweckbar“ hatte ich auf einer Internetseite zum Thema „Schlafen“ gelesen und dabei auch erfahren, dass man das Schlafen in drei Phasen einteilt, nämlich die Liegezeit (vom Zeitpunkt des Ins Bett Gehens bis hin zum endgültigen Einschlafen), die Non-REM-Phase (abnehmende Gehirnaktivität mit Frequenztiefpunkt nach ca. 40 Minuten) und die REM-Phase (REM = Rapid Eye Movement = „schnelle Augenbewegung“, kann sich 4-6 Mal pro Nacht wiederholen und dauert ca. 20 bis 60 Minuten).
Ein paar Minuten begann meine erste Non-REM-Phase...

*** 4.Akt ***

Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie gerädert. Ich hatte sehr schlecht geschlafen und beschloss, mir für diese Nacht eine bessere Matratze aus dem Sortiment zu gönnen: „Antonia“ (3-Zonen-Latexkern, Bezug Doppeljersey, nach Öko Tex Standard 100, Bezug abnehmbar und waschbar bis 60°C, daher auch für Allergiker geeignet, 249 Euro). Während ich die eingegangenen Bestellungen durchsah, schweiften meine Gedanken ab. Warum nur schlief ich die letzten Nächte so schlecht? Am Liegekomfort konnte es doch mittlerweile nicht mehr mangeln. Ich war ein Mensch mit eher niedrigem Schlafbedarf und hatte auch niemals Probleme beim Einschlafen gehabt. Früher schlief ich oft bis mittags, doch ich spürte, dass meinem Körper dieses Maß nicht bekam. Erst als ich regelmäßig zwischen 5 und 7 Stunden pro Nacht schlief, empfand ich es als erholsam und schlief schnell ein und vor allem auch durch.

Herr Müller fragte ich mich nach den ersten Ergebnissen meiner ungewöhnlichen Werbemaßnahme. Ich vermeldete ihm einen leichten Anstieg der Verkaufszahlen, der jedoch auch saisonbedingt eingetreten sein konnte. Im Herbst kaufen die Leute eher eine neue Matratze als im Frühjahr, gerade nach einem heißen Sommer wie diesem, in dem viel geschwitzt wurde.

Mein Chef gab mir noch zwei weitere Nächte zum Matratzentesten Zeit. Danach wollte er das Schaufenster wieder als Ausstellungsfläche für die neuen Modelle nutzen.

*** 5.Akt ***

An diesem Abend bildete sich zum ersten Mal eine regelrechte Menschenmenge vor meiner Schlafstatt. Selbst die Lokalpresse war anwesend. Einer der Redakteure bat mich per Handzeichen nach draußen. Ich folgte seiner Aufforderung, obwohl ich bereits meinen Pyjama trug. Fröstelnd gab ich dem „Frankfurter Anzeiger“ ein Interview, und die Menge verstummte respektvoll, um unser Gespräch zu belauschen. Ich erklärte dem Redakteur, wie es zu dieser Werbe-Idee gekommen war und wurde nicht müde, ihm die Highlights aus dem Sortiment von „Matratzen Müller“ zu nennen. Nebenbei verteilte ich Werbezettel an die Passanten. Der Redakteur machte noch ein paar Fotos, und ich durfte mich wieder in das Schaufenster begeben. Jetzt war mir die Menge egal. Ich schob erneut ein Paar Ohropax in meine Ohren, und das letzte, an das ich vor dem Einschlafen dachte, war ein alter Kinderreim:

Müde bin ich Känguruh,
Mache meinen Beutel zu,
Lege meine Ohren an,
Dass ich besser schlafen kann.

Es war eine unruhige Nacht, die schlimmste seit meinem Live-Matratzen-Test. Ich wälzte mich hin und her, legte mich auf den Rücken, dann wieder auf den Bauch, lag in Embryo-Stellung auf der Seite, aber ich konnte einfach nicht wieder einschlafen. Drei Uhr siebzehn, zeigte die Digitaluhr an der Wand über dem Verkaufstresen. Ich war glockenhellwach. Dann dämmerte ich leicht weg. Und beim nächsten Aufwachen war es 4:41 Uhr.

Ich musste an meine Verwandten in den USA denken. Eigentlich könnte ic hmich dort auch mal wieder melden. Sechs Stunden zurück...das heißt, es ist dort 22:41 Uhr. Na, die schlafen jetzt vielleicht auch schon. Wieso eigentlich „auch“?

*** Letzter Akt ***

Um 7:05 Uhr stand ich schließlich auf und holte mir „Josephine“, das Premium-Modell unter den Matratzen. Eine 7-Zonen-Latex-Matratze mit 10 Jahren Garantie. Hochflexibel und hochkomfortabel. 499 Euro. Völlig gerädert kochte ich mir einen Kaffee, wusch mich notdürftig, zog mich an und machte mich an die Auftragsbearbeitung der Internetbestellungen. Wieder ein leichtes Plus zum Vortage, aber auch das konnte mich nicht aus meiner Lethargie reißen.

Ich recherchierte im Internet zum Thema „Schlafstörungen“ und fand Jet Lag (die Schwierigkeit, bei längeren Flugreisen mit der Zeitumstellung zurecht zu kommen), Schlafapnoe (eine Atemregulationsstörung mit Atempausen von mindestens zehn Sekunden Dauer im Schlaf und mehr als zehn Atempausen pro Schlafstunde) und die tödliche Fatal Familial Insomnia (FFI, eine äußerst selten familiär vorkommende Erkrankung, für die das mutierte Prionenprotein-Gen verantwortlich ist). Doch keines der Symptome traf auf mich zu.

Unter „Schlafwandeln“ fand ich auch keinen Anhaltspunkt. Ich schloss mich abends immer im Geschäft ein, und meine Füße waren sauber, ohne jeglichen Hinweis auf nächtliche Unternehmungen.

Irgendwann am Nachmittag gab ich es auf, Ursachenforschung zu betreiben. Ich richtete „Josephine“ zum Schlafen her, dekorierte das Schaufenster erneut um und freute mich darauf, dass ich ab morgen wieder in meinem Bett in gewohnter Umgebung schlafen durfte. Und bestimmt würde ich dann auch wieder durchschlafen.

Über den PC druckte ich ein A1-Poster aus, auf dem Tipps für den gesunden Schlaf standen:

- Im Schlafzimmer ausreichend lüften
- Ruhe und Dunkelheit im Zimmer, Raumtemperatur nicht über 18°C
- Regelmäßige Schlafenszeiten
- Kein Sport unmittelbar vor dem Schlafengehen (außer ...)
- Ein „Schlaf-Ritual“ einhalten (besonders bei Kindern)
- Am allerwichtigsten: Ein gutes Bett und EINE GUTE MATRATZE.

Zum Beispiel: 7-Zonen-Latex-Matratze „JOSEPHINE“
Bezug Medicott-Doppeljersey, nach Öko Tex Standard 100
Beidseits Polyester eingesteppt
7-Zonen-Latexkern
Kernhöhe ca. 18 cm, Gesamthöhe ca. 21 cm
Bezug abnehmbar und waschbar bis 60°C, daher auch sehr gut für Allergiker geeignet
Optimale Körperanpassung und hoher Schlafkomfort durch 7-Zonen-System
Garantie: 10 Jahre auf den Matratzenkern
NUR € 499,00

Kurz nachdem die letzten Kunden den Laden verlassen hatten, legte ich mich erneut hin. Ich nahm ein Buch zur Hand. Die Menschenmenge draußen interessierte mich schon lange nicht mehr. Nach einer halben Stunde legte ich das Buch zur Seite und schlief ein. Eine weitere halbe Stunde später wachte ich wieder auf. Nein, bitte nicht noch eine Nacht wie die letzte! Ich war doch so müde.

+++ Nachspiel +++

Plötzlich vernahm ich ein zaghaftes Klopfen an der Tür zum Lieferanteneingang. Ich stand auf und öffnete sie. Vor mir stand meine Freundin. Sie hatte eine Reisetasche dabei und lächelte. „Darf ich reinkommen?“ „Aber sicher.“ Wie selbstverständlich zog sie sich im Schein der Schreibtischlampe aus und legte sich in mein Bett. „Komm...“ Ohne ein Widerwort legte ich mich dazu und schmiegte mich an sie.

Was dann geschah, weiß ich nicht. Ich muss sofort eingeschlafen sein.

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