Kurzgeschichten Testbericht

No-product-image
ab 10,41
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 10/2003

Erfahrungsbericht von Just_Chriss

Mein erstes, selbsterdachtes Märchen

Pro:

öh... ist selbgeschrieben? ^^

Kontra:

gilt das noch als Kurzgeschichte?

Empfehlung:

Nein

Eigentlich sollte das mal ein Märchen für meine Nachhilfeschülerin werden (9 Jahre, entmutigte Leghastenikerin), aber irgendwie, na ja... gefällt mir von meinen Geschichten am wenigsten, denn als Märchen ist es wohl zu lahm und \"moralisch\" und wenig effektvoll, und als nicht Märchen teilweise zu... schlicht? Weiß nicht so recht.
Aber ich habe einige Zeit dafür gebraucht, es zu schreiben hat auch Spaß gemacht, und auch wenn ich die Geschichte selbst nicht für großartig halte, finde ich sie doch irgendwie ganz nett :)

------------------------------------------------------


Sheilas Prüfung

Sheila war außer sich vor Wut. Sie schaute nicht links und schaute nicht rechts als sie durch den Wald lief. Das sie nicht gegen einen der Bäume rannte war mehr dem Zufall zu verdanken, als dass sie wirklich zeitig auswich. So war es keine Überraschung, als eine Wurzel das kleine Mädchen zu Fall brachte. Selbst wenn das Stück Holz nicht mit Laub bedeckt und zusätzlich knallrot angestrichen gewesen wäre, Sheila hätte sie nicht gesehen.

Wie ein kleines Häufchen Elend lag sie nun auf dem weichen Waldboden, das Gesicht im Laub verborgen. Der süßlich-muffige Geruch von Pilzen, Moos und toten Blättern drang in ihre Nase. Ein heftiges Niesen unterbrach ihr Weinen. Sie mochte weder den Geschmack noch den Duft von Pilzen . Unwillig setzte Sheila sich auf, zog die Knie an ihren Körper und umfasste ihre Beine. Sie schniefte leise. Ihre dunklen, schweren Haare zeigten wirr in alle Himmelsrichtungen, so wie immer; nur einige lockige Strähnen klebten diesmal in ihrem Gesicht und verdeckten die rotgeschwollenen Augen. Sheila hatte die Lippen hart zusammengekniffen, ihre Wangen waren nass und schmutzig und mit ihren verquollenen Augen sah sie mehr aus wie eine jener Teichkröten, als wie das kleine Mädchen, dass sie eigentlich war.

Ein leichter Wind suchte sanft seinen Weg durch die alten Baumriesen und umwehte Sheila kühl und stetig. Langsam erlosch die brennende Wut in ihr, nur Enttäuschung und Traurigkeit glommen weiter in ihrem Herzen. Sie hob ihren linken Arm und wischte sich mit dem Ärmel ihres neuen Hemdes Tränen, Erde und ein paar Ameisen aus dem Gesicht.

\"Gemein! Sie sind alle so gemein!\" verzweifelt ballte sie ihre kleine Hand und schlug mit der Hand auf den weichen Boden.
\"Ich bin nicht dumm... Das ist nicht wahr.\" Erneut schlang sie die dünnen Arme um ihre Beine und stütze sich mit dem Kinn auf den Knien ab. Wieder musste sie schluchzen, als sie noch einmal über die vergangene Stunde nachdachte.

Bevor sie anfing, zu rennen, hatten Sheila und die anderen jungen Mädchen der 4. Klasse der höheren Schule für junge Magierinnen sich im oberen Stockwerk der alten Eiche versammelt.
Fräulein Ludkara, stellvertretende Direktorin der Schule und zugleich Lehrerin für angewandte Alchemie hatte ihnen als heutige Prüfung zur Aufgabe gemacht, aus einigen Metallen und Kräutern einen Spruch zu mixen, der es Regnen lassen würde. Keine von den jungen Schülerinnen fand dies besonders schwer. Es war eine Hausaufgabe gewesen, sich mit eben jenen Kräutern und Metallarten zu beschäftigen, so dass ein kleines Gewitter keine große Herausforderung war.
Sheila hatte die Hausaufgabe vergessen. Sie versagte als Einzige.
Hätte sie zugegeben, dass sie nicht gelernt hatte, hätte die Direktorin sie ernsthaft getadelt und ihre Eltern angerufen. Sheila hatte bereits drei Mal das Üben vergessen.

Dumm war sie ja nicht, nur ein wenig schusselig. Und ihre Eltern waren so streng.
Es war nur natürlich. Ihre Mutter war eine außergewöhnliche Hexe und ihr Vater ein bekannter Magier. So war es kein Wunder, dass alle nur das Beste von Sheila, Tochter so herausragender Eltern, erwarteten. Nun war Sheila nicht unbegabt oder schlecht, aber halt nicht hochbegabt. Und sie ließ sich viel zu leicht und viel zu gern ablenken.

­ -------

So war sie am Vortag so mit Träumen beschäftigt, dass sie das Lernen einfach vergessen hatte.
Ein weißer Schmetterling war immer wieder an ihrem Fenster vorbeigeflogen, und ihre Augen verfolgten ihn eine ganze Weile. Als der schöne Falter längst auf einem Löwenzahn am anderen Ende des Gartens saß, erlebten Sheilas Gedanken eine aufregende Reise über die sieben Weltmeere und durch gefährliche Dschungel und heiße Wüsten der Erde. Sie kehrte erst nach Hause zurück, als das Hausmädchen sie zum Essen rief.

Also stand Sheila heute nun vor den 12 anderen Junghexen; und mixte, unter den strengen Augen der Ludkara, hilflos verschiedene Kräuter und Eisen und Silber und eine Prise Gold zusammen, in der Hoffnung, der Zufall würde ihr helfen. Natürlich ging es schief, wie jedes Mal, wenn sie nervös wurde und versuchte, mit der Macht der Verzweiflung eine Aufgabe zu lösen, anstatt nachzudenken.
Das Gelächter der Mädchen traf sie mehr als jeder Tadel und jeder Besuch bei den Eltern das jemals gekonnt hätte. Mit einem gehässigen Lächeln schaute die Lehrerin auf Sheila herab.
\"Dumm. Dumm und unbegabt. Jede Erdkröte hätte wäre eine begabtere Hexe als Du. Du bist eine Schande für die ganze Schule. Deine armen Eltern.\" Das Fräulein Ludkara mochte Sheila nicht. Die ältliche Lehrerin war neidisch auf das Können der Eltern. Sie selbst war eine mittelmäßige Zauberin, und es machte ihr Freude, das Kind zu demütigen. Aber das wusste Sheila nicht, wie hätte sie die Gedanken der Frau auch erahnen konnten - Gedankenlesen war erst Thema in der 6. Klasse.

So stand sie da, unglücklich. Selbst Belstar, die sie für ihre beste Freundin hielt, krümmte sich vor Lachen - das tat weh. Und die Worte der Lehrerin schmerzten nicht nur so stark, dass ihr übel wurde, sie machten sie auch wütend.
\"Ich werde nicht weinen! Nicht vor Euch!\" Mit viel Mühe schaffte sie es, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, aber in ihrem Zorn fegte sie all die Zauberutensilien vom Tisch. Laut polternd fielen kleine Flaschen, Schachteln, Steine und Glaskästchen zu Boden. Die zerbrechlichen Materialien zerbarsten sofort in tausend kleine Stückchen. Eine Totenstille herrschte daraufhin, welches erst wenige Sekunden später von einem perplexen Schnauben Ludkaras unterbrochen wurde. Dieses Geräusch war für Sheila das Startsignal. Ohne weiter nachzudenken stürmte sie zur Tür und war auch schon verschwunden. Als sie die anderen nicht mehr anblicken musste, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Bald hatte sie sowohl Schulgebäude als auch Gelände verlassen, und ohne Ziel rannte sie in den Wald hinein.

­ -------

\"Soll\'n mich doch in Ruhe lassen...\" Sheila hatte aufgehört, zu weinen, aber ihre Stimme zitterte immer noch ein wenig. Sie hatte mittlerweile eine ganze Zeit schweigend dagesessen.
Allmählich wurde ihr kühl. Mit einem Ruck stand sie auf und ging langsam weiter. Sie hatte nicht vor, zurückzugehen. Nicht, weil sie trotzig war -ihr kam es einfach gar nicht in den Sinn, weder wieder zu der Schule zurückzukehren, noch nach Hause zu ihren Eltern.
Gerade jetzt hatte sie nur die vergangene Situation vor Augen, und dachte darüber nach, was sie so fühlte.
\"Warum kann ich nichts machen, wie ich will... ich will nicht mehr lernen...\"
Sie empfand großes Mitleid für sich selbst, keiner verstand sie, keiner sah sie, wie sie war. Alle waren gemein, alle verlangten nur von ihr, keiner sah, wer sie war.
Sie folgte dem Rascheln, welches sie vor wenigen Sekunden gehört hatte. Es war nicht weit von ihr entfernt, doch drang nicht viel Licht durch die Baumkronen, so dass sie nicht allzu weit sehen konnte. Sie sah nach unten, vielleicht könnte sie so irgendwelche Spuren erkennen.

Spurenlesen, darin war sie sehr gut. Überhaupt kannte sie sich gut mit Tieren des Waldes aus.
Langsam beschleunigte sie ihren Gang, um der Ursache des Geräusches näher zu kommen. Kaum hörbare Geräusche, keine Spuren, das könnte vielleicht bedeuten, dass einer der selten gewordenen magischen Waldbewohnern in der Nähe war, vielleicht ein Einhorn, oder ein Pan. Insgeheim hoffte Sheila sogar auf eine Waldnymphe, eine Dryade, aber diese feenartigen Naturgeister hatte hier schon seit Jahrzehnten keiner mehr gesehen. Alle anderen hier in der Gegend heimischen Wesen hatte Sheila schon mal in Natura betrachten können, des wegen wäre eine Dryade eben was Besonderes gewesen. Und Sheila sehnte sich nach etwas Besonderem, wenn sie es selbst schon nicht war und das Leben immer langweiliger und unangenehmer wurde.

Als sie kurz etwas Weißes aufblitzen sah, machte sich wieder die altbekannte Enttäuschung in ihr breit. Also wohl nur ein Einhorn. Trotzdem folgte sie dem sagenhaften Wesen, ein Einhorn, das war doch besser als gar nichts, und im Grunde mochte sie diese würdevollen, Pferden auf den ersten Blick so ähnlichen Erscheinungen. Mit nur wenigen Metern Abstand trottete sie dem Einhorn hinterher. Es würde sie sowieso längst bemerkt haben, und da es nicht verschwand, schien es sich an Sheilas Gegenwart nicht zu stören.
Das Mädchen fragte sich derweil selbst ab, über das, was sie über Einhörner wusste.

Das vor ihr hatte ein Fell wie Schnee, aber eher wie welcher, der bereits zu Boden gefallen war, also war es mindestens zwei Jahrhunderte alt; die Farbe der Jüngeren war wie jene Flocken, die noch in der Luft tanzten. 200 Jahre war auch noch nicht sehr alt, versprach aber schon ein gewissen Maß an Weisheit und solide Kenntnisse der Magie. Noch ein bis zwei hundert Jahre, und die Zauber dieses Einhornes würden denen der meisten menschlichen Magiern weit überlegen sein. Für gewöhnlich setzten Einhörner ihre Fähigkeiten für den Schutz und Erhalt ihres Lebensraumes ein, in den meisten Fällen waren dies Wälder, unabhängig der Größe, sehr selten richteten sie Schaden an. Ob es jemals zu einem wirklich Kampf gab, auch unter Einhörnern selbst, war historisch nicht belegt, jene wenigen Geschichten, die Sheila darüber kannte, hatten eher den Charakter von Legenden.
Aber es war schon vorgekommen, dass einzelne Einhörner Menschen geholfen hatten.
Fälle, in denen armen Leuten zu Reichtümern verholfen wurde, oder aus alten Greisen wieder junge Burschen wurden, waren alberne Gerüchte und Wunschdenken, aber es gab erwiesene Geschichten, in denen zu unrecht Verurteilten oder Beschuldigten dank eines Einhornes Gerechtigkeit wiederfahren war oder bei Todkranken Schmerzen gelindert wurden.
Sogar eine verarmte Bergarbeiterwitwe, Mutter von 7 kleinwüchsigen Kindern, war vor etwa hundert Jahren bekannt geworden, als sie durch die Magie eines alten Einhornes von ihrer Blindheit geheilt wurde, so dass sie dann in der Lage gewesen war, ihre Söhne zu ernähren und so gut es ging in der Arbeit des Vaters zu unterweisen.

Sheila hatte für Rührung fast geweint, als sie diese Geschichte in Fabelkunde durchgenommen hatten, doch sie war auch ein wenig empört darüber, warum das Wesen nicht auch gleich die Kinder geheilt hatte oder dem Ehemann das Leben wiedergab.
\"Meine liebe Sheila\", hatte ihr Lehrer geantwortet, \"jeder hat sein Schicksal mit in die Wiege gelegt bekommen, und es liegt an jedem selbst, das Beste daraus zu machen. Das war die Aufgabe der Kinder, nicht die des Einhornes. Es hat lediglich den Kindern etwas geholfen, in dem er ihnen durch ihre Mutter eine faire Chance gab, einen Weg zu finden, für alles andere waren sie selbst verantwortlich, und die Geschichte bewies, es war die richtige Entscheidung. Und nicht immer ist ein Makel wirklich ein Makel\"
Sheila hatte verstanden, aber ganz zufrieden war sie trotzdem nicht.

Das Mädchen hielt in ihren Gedanken und Schritten inne, als das Einhorn vor ihr an einem Baum stehen blieb, um mit aller Vorsicht einige Blätter von den jungen Zweigen zu pflücken.
Sheilas Körper straffte sich, als sie einen Entschluss fasste. Mit eiligen Schritten steuerte sie auf das Einhorn zu.
\"Du, Einhorn\", sprach sie es mit trotziger Stimme an, eigentlich wohl wissend, dass dies nicht von dem nötigen Respekt zollte. \"Ich will, dass Du mir hilfst. Bestrafe meine Lehrerin und sorge dafür, dass meine Eltern mich nicht mehr zu der Schule zwingen.\" Sofort wurde ihr bewusst, wie unsinnig und albern diese Forderung war. Hatte sie die letzte Stunde nachgedacht, so hatte sie jetzt ohne zu denken gesprochen. Im Nachhinein wollte sie aber vor dem weisen Tier keine Schwäche zeigen, und so streckte sie entschlossen ihr Kinn hervor und nickte trotzig, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. So stand sie da.

Als das Einhorn seine kleine Mahlzeit verzehrt hatte, drehte es sich zu dem kleinen Mädchen um, dem diese zitternde, viel zu hohe Stimme gehörte. Als es die kleine, schmutzige Person mit den zerrissenen Kleidern und wirren Locken ansah, stieß es ein kurzes, lautes Geräusch aus, welches in Sheilas Ohren wie das Echo von einer Mischung aus Wiehern und Lachen klang, das von tausend glasklaren Kristallspiegeln zurückgeworfen wurde. Unwillkürlich wich Sheila einen Schritt zurück, obwohl das Geräusch weder unangenehm noch unfreundlich war. Der Blick des Einhornes verriet sowohl Mitleid wie Belustigung.

\"Wofür hältst du mich, kleines Hexchen, für einen Djinn? Und noch wichtiger\", fuhr es mit seiner klaren, silbernen Stimme fort, \"wofür hältst du DICH? Für den Meister eines Djinnes? Glaubst Du, so viel Macht zu besitzen, ein Wesen wie mich oder meinesgleichen zu befehligen?\"
Sheilas blasses Gesicht wurde mit einem Schlag rot wie die scharlachfarbenen Rosen in dem Garten ihrer Eltern. Obwohl sie so einfältig und kindisch geredet hatte, verstand sie den Spott in den Worten des Einhornes. Natürlich war es kein Djinn, einer jener Luftgeister, die sich gerne einen Spaß daraus machten, Menschen zu dienen; und wenn sie, Sheila, genug Macht besitzen würde, über ein Einhorn zu herrschen, damit es sich wie ein Djinn verhielt, würde sie kaum die Kräfte eines Einhornes oder eines Djinnes brauchen, um ihren eigenen Willen zu bekommen.
\"Ich sehe, Du verstehst.\" Wieder gab das Einhorn sein Lachen von sich.
\"Du bist nicht so dumm, wie Du Dich verhältst, darum gewähre ich Dir das Geschenk des Zuhörens. Aber beginne sogleich und fahre ohne Umschweife fort.\"
Verblüfft starrte Sheila das Einhorn an. Sicherlich hatte sie nicht wirklich daran geglaubt, etwas von ihm fordern zu können, aber das sie von ihm dazu aufgefordert werden würde, von sich zu erzählen, damit hatte sie nie gerechnet. Wo sollte sie nur beginnen? Was überhaupt war es wert, dieser weisen Kreatur davon zu berichten?

Da sie es nicht wusste, war eines so gut wie das andere. Also berichtete sie dem schweigend zuhörenden Fabeltier, wer sie war. Sheila, 10 Jahre alt, Tochter großer Zauberer. Sie berichtete von diesem Morgen, an dem alles schief gelaufen war. Und als sie erst einmal angefangen hatte, zu erzählen, fiel es ihr so leicht, dass sie immer weiter redete. Bald hatte sie alles von sich gegeben, was ihre kleine Seele die letzten Wochen und Monate so beschäftigt hatte – die Schule, ihre Unlust am Lernen, die Erwartungen ihrer Eltern und die der Lehrer, die Ratschläge, Tadel und Ermahnungen, die sie nicht mehr hören konnte, die Vorschriften und Vorgaben, die sie nicht mehr lernen wollte.

Als Sheila geendet hatte, hatte bereits die Dämmerung eingesetzt. War es vorher schon nicht sonderlich hell hier gewesen, so war es jetzt duster. Sheila verstummte. Das Einhorn hatte sie an keiner Stelle unterbrochen, und auch jetzt betrachtete es Sheila, ohne ein Wort zu sagen.
Es vergingen einige Minuten, in denen die Beiden sich so ansahen. Rotgeweinte blickten in ruhige, unergründliche Augen, aus denen Wissen und eine ruhige Kraft strahlte.
Sheila wurde langsam unruhig. Sie erwartete irgendeine Reaktion, Verständnis, Trost, oder auch Kritik und Zurechtweisung, irgend etwas, alles wäre ihr angenehmer als dieses Schweigen.

\"Was... was sagst Du nun, Einhorn?\" fragte Sheila, und fing beinahe wieder an, zu weinen.
\"Die sind doch alle so gemein! Sag mir, was ich tun soll!\"
Mit ruhiger Stimme antwortete das Einhorn ihr.
\"Nein. Das werde ich Dir nicht sagen. Und weißt Du, warum nicht?\"
Sheila schüttelte den Kopf. \"Nein, sag es mir.\" flüsterte sie. \"Bitte...\"
\"Du hast mir eben erzählt, was Du nicht kannst und was Du nicht willst. Aber ich weiß nicht, was Du willst. Weißt Du es?\"

Regungslos stand Sheila da. Sie begann zu überlegen. Richtig, sie hatte nicht gesagt, was sie will, und wirklich, sie wusste es selbst nicht genau. Oder doch? Ja, das Einhorn hatte recht. Wie sollte einer wissen, was sie tun sollte, wenn sie nicht einmal wusste, was sie überhaupt wollte! Sie setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und betrachtete das Einhorn.
Als sie sprach, redete sie eigentlich mehr mit sich selbst, aber das Geschenk des Zuhörens schien ihr immer noch zu gehören, denn das Einhorn lauschte wieder ihren Worten.

\"Was will ich... ich will... ich will...\" Sheila runzelte die Stirn und versuchte, sich zu konzentrieren. \"Ich will... Dinge tun, die ich kann! Zauber sprechen, die ich beherrsche, und nicht erst mühsam lernen muss! Ich will zwar nicht wie meine Eltern sein, aber ich will das sein, was ich bin, etwas, das zu mir passt. Ich will zwar keine gewaltige Magierin oder Hexe sein, ich brauch nicht von aller Welt geachtet zu werden, ich will auf mich selbst stolz sein, ich will, dass meine Eltern und Freunde stolz auf das sind, was ich bin. Das reicht mir. Ich will nicht an dem ganzen Erdball rumzaubern, mir würde ein Wald wie dieser schon reichen.
Ich will nicht über Elemente und Gezeiten herrschen, aber ich will das können, was es braucht, meine kleine Welt gut zu machen, und zu verstehen. Wie eine...\" plötzlich wurde ihr klar, wie sie sein wollte.
\"Wie eine einfache, kleine Waldhexe. Eine, die mit den Tieren spricht, die Bäume heilt und sich auf Kräuter und Pflanzen versteht.\" Sie schluckte. Der Gedanke kam ihr nun, da sie ihn ausgesprochen hatte, so verwegen vor.

Alle Vorzeichen hatten bedeutet, dass Großes aus ihr werden sollte. Eine einfache, kleine, eingeschränkte Waldhexe, daran hätte nie einer im Traum gedacht. Und doch, dies war das, was sie im Moment wirklich wollte. Sie war sich sicher, es entsprach auch dem, was sie wirklich gut konnte.
\"Einhorn,\" wandte sie sich mit zaghafter Stimme an ihre Zuhörerin. \"kannst Du mir helfen? Der Wunsch ist doch bescheiden...\"
Ernst blickte das Wesen sie an.
\"Sheila, kleine Hexe. Ich weiß, Du hast verstanden, dass es nicht an mir ist, Deine Wünsche zu erfüllen. Tu es selbst, und tu dafür, was nötig ist. Vielleicht wird eine Waldhexe aus Dir, vielleicht mehr, vielleicht weniger.
Lege ein Korn in die Erde, und er keimt, es trinkt, es wächst, es streckt sich, es durchbricht, so klein es auch ist, die Erde, in der es liegt. Dies ist harte Arbeit, und doch kann bisher keiner sagen, wird es ein Grashalm, wird es eine Blume, wird es eine mächtige Eiche. Was immer es sein wird, vorher steht das Werden, und das ist nicht einfach, und doch muss es sein. Und was immer aus dem Werden erblüht, es ist das Richtige.\"
Sheila nickte. Ja, so wird es wohl stimmen, sie kann nicht einfach den Teil überspringen, der sie zu dem machen sollte, was sie sein wollte. Sie musste zwar nichts Gewaltiges werden, aber sie musste erst einmal weit genug kommen, um überhaupt etwas zu werden. Niemand konnte ihr das abnehmen, so sehr sie es sich auch gewünscht hatte. Also würde sie zurück müssen, sich der Schule, den Lehrern und ihren Eltern stellen, und wenn sie erst einmal etwas war, könnte sie immer noch überlegen, mehr zu werden, oder ob sie zufrieden sein würde.
\"Schade, dass das Einhorn mir dabei nicht helfen wird.\" dachte Sheila.

Später einmal würde sie erkennen, wie sehr das Einhorn ihr bereits geholfen hatte, und das ohne große Magie und Zauberei. Später einmal, sobald Sheila die Hexe aller Wälder sein würde, würde sie so manches eingesehen haben und andere unterweisen können. Aber bis dahin war es noch ein langer Weg und Sheila hatte noch Zeit bis dahin. Jetzt war sie noch dabei, den Weg zu finden.

Heute war Sheila zufrieden mit ihrer Erkenntnis darüber, dass sich die Schwierigkeiten, die sie im Moment hatte, auf jeden Fall einmal lohnen würden, schließlich hatte sie ihr Ziel nicht zu hoch gesteckt.

Es war nun fast stockdunkel, Zeit also, endlich nach Hause zu gehen und das Beste aus dem, was war, zu machen. Sheila drehte sich um, aber oh je, sie wusste nicht mehr, in welche Richtung sie zu gehen hatte. Zu tief war sie dem Einhorn in den Wald gefolgt, hier kannte sie sich nicht mehr aus.
\"Nicht in Panik geraten\", schalt sie sich selbst, \"eine zukünftige Waldhexe hat schließlich keine Angst vor Wäldern!\" Sie wandte sich also wieder um, aber das Einhorn war nicht mehr zu sehen.
\"Einhorn! Bitte hilf mir! Wie komme ich wieder dahin zurück, wo ich jetzt hingehöre?\"
Aus dem dunklen hörte sie eine Stimme wie aus großer Ferne.
\"Schließe Deine Augen ganz fest und sag mir, was Du siehst.\"
Sheila kniff ihre Augen zusammen und beschrieb das Bild, dass sie sah.
\"Einen Tisch... ein Fenster... einen weißen Schmetterling....\"
\"Dann kehre dorthin zurück.\"
Der kühle Wind verschwand, die Luft wurde wärmer und... stickig.

-----
---------

Als ich die Augen öffnete, schlug ein kleiner Kohlweißling fröhlich seine Kapriolen vor der Fensterscheibe. Ich schaute ihm noch ein wenig zu, da war er auch schon von dannen geflattert. Wie schön wäre es, ihm jetzt folgen zu können. Leise seufzte ich, als ich widerwillige meinen Blick von der Scheibe löste und mich wieder über den Tisch beugte. Ich versuchte, Träumereien und andere Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen und konzentrierte mich.
Doch so sehr ich an meinem Kugelschreiber knabberte, er schmeckte weder besser dadurch noch fiel mir auch nur der Ansatz einer Lösung ein. Ich schielte auf meine Armbanduhr. Seit gut zehn Minuten sitze ich nun über dieser Mathearbeit, ohne eine Zahl geschrieben zu haben, während die Hände meiner Mitschüler nur so über das Papier zu fliegen schienen. Sicherlich täuschte das, aber es kam mir so vor. Das war wohl wieder nichts, wäre ja nicht die erste 5 in Mathe, der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und ich auch. Aber auch alte Gewohnheiten können lästig sein, besonders, wenn in wenigen Monaten das Abitur ansteht.
In meinem Kopf suchte ich nach den Formeln, die ich eigentlich hätte können sollen, im Moment wäre ich schon mit Fragmenten zufrieden gewesen. Resigniert stellte ich fest, dass die einzigen Fragmente, die ich fand, Zeilen eines Liedes wahren, welches ich heute morgen im Bus mit meinem Walkman gehört hatte -
-When the last eagle flies
Over the last crumbling mountain
And the last lion roars
At the last dusty fountain... -

Ein schönes Lied, ohne Zweifel, nur passte es jetzt gar nicht und half mir leider kein bisschen weiter.
Mein nächster Seufzer veranlasste meinen Vordermann dazu, sich kurz umzudrehen und mir mitleidig zuzugrinsen. Noch 25 Minuten bis Ablauf der Zeit. Ungeduldig pochte ich mit der Spitze meines Stiftes auf die Tischplatte. 25 Minuten, Herrgottnochmal, ich kann doch nicht fast eine halbe Stunde früher diese Arbeit abgeben! Schon gar nicht als Erste, er würde sie dann gleich korrigieren, wie peinlich. Ich lehnte mich zurück und schaute wieder nach draußen. Langsam fing ich an, es zu bereuen, mich erst gestern Abend mit den Formeln beschäftigt zu haben, noch dazu so oberflächlich. Gewohnheit eben.
\"Hm, selbst wenn, ich hätte eh nix kapiert, also, was soll\'s...\" Und Vektoren im drei-dimensionalen Raum würde ich sowieso nie wieder brauchen, dafür würde ich schon sorgen, schließlich will ich kein Professor der Mathematik oder ähnlich Abgehobenes werden.
Ich schob den Stuhl zurück, stand auf und gab die halbfertige Arbeit ab. Bildete ich mir das ein, oder schaute der Kerl mich hämisch an? Egal, ich verließ den Raum und ging zum Bäcker.
Wieder hatte ich nichts gelernt

12 Bewertungen