Erfahrungsbericht von Jenni_Aurin
Die Flucht
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Nein
Hinter das Sofa hatte sich Laura verkrochen. Sie fürchtete sich vor den Menschen, die ins Wohnzimmer treten konnten. Vor dem Vater, der wie immer halb betrunken war, und der Mutter, die wie immer ihre depressive Phase hatte. Laura suchte einen Schlupfwinkel, wollte sich verstecken, wie damals, vor zehn oder zwölf Jahren, als sie immer vor dem bösen Wolf Angst hatte und sich in einer Höhle verkroch. Nun war das Sofa ihre Höhle. Unglaublich, was es hinter so einer Couch alles zu sehen gab! Im Dunkel des Schattens häufte sich hier Staub, alter Staub, grau und sandig, der keinen Sauger zu fürchten hatte. So viel Staub wie in der Wüste, der Wüste des Vergessens. Mancher Unrat lag da, umgeben von diesem Staub, wie zum Verwesen einbalsamiert. Eine pechschwarze Bananenschale, verschimmelte Erdnüsse, ein graues Tempo-Taschentuch und schließlich sogar noch ein Playmobil-Männchen, eine Spielzeugfigur aus Plastik, rot, gelb und grün, vom Sand überzogen und bräunlich verschmutzt. Laura musste niesen, denn sie hatte Staub eingeatmet. Aber da kullerten auch verstohlen einige Tränen über ihre Wangen. In Arno war sie so verliebt, der ihr heute den Rücken zugewandt hatte, als sie mit ihm sprechen wollte. Einfach zur Seite hatte er gesehen, vielleicht in Richtung Melanie, der schlanken und sportlichen Melanie, ihrer sogenannten Freundin, die schon lang nicht mehr ihre Freundin war und an die sie sich nur klammerte, um nicht ganz zu versauern. Und mit wem sollte sie auch reden, in ihrem Kummer? Vater lümmelte vor dem Fernseher herum, ließ sich mit Bier und Schnaps volllaufen, schimpfte auf die Politiker, die Leute im Betrieb, die ihn ausnutzten und ihn nicht für voll nahmen. Mutter ertrank in ihrem eigenen Leid, sie schwamm in einer Suppe ewiger Trübsal, , sah, unzufrieden mit sich selbst, die Zukunft vor sich wie ein endloses graues Meer.
Ach, Laura wollte sich verstecken vor der Welt, der Zukunft, den anderen Menschen, denen sie nicht mehr traute. Auch sich selbst traute sie nicht. Vor allem traute sie sich nichts mehr zu. In der Schule war sie die notorische Versagerin, nichts leistete sie, und das Wenige, das sie zustande brachte, schien in ihren Augen ein Nichts. Zumindest würde es hinten und vorne nicht reichen, um irgendwo eine vernünftige Ausbildungsstelle zu erhalten. Wo sollte sie nur landen? Mit Dreien und Vieren in den Hauptfächern? Eigentlich wollte sie nur leben und dabei ein ganz klein wenig glücklich sein. Sie liebte so sehr die freie Natur, den Wald, die Wiesen, den Bach und den kühlen Wind, wenn er ihr begütigend um die Nase strich. Wäre da nur nicht immer dieses ständige Würgen im Hals, die Angst vor der Welt, den Menschen und der künftigen Zeit. Ihr war, als sei diese Zeit ein giftiges Gas, das sich tödlich um sie herum ausbreite.
Wie Laura hinter dem Sofa lag, die Beine anzog, die Arme vor ihrem Gesicht verschränkte, da spürte sie ein kitzelndes Krabbeln an ihrem Oberschenkel. Sie konnte nur reflexartig dagegen schlagen. Und schon spürte sie einen brennenden Schmerz. Etwas Bösartiges hatte sie gestochen. Wie in Panik schnellte sie nach rückwärts, wollte empor springen, aber überall war das sperrige Möbelstück im Weg. Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihr, sich hinter dem Sofa aufzurichten. Staubige Spinnfäden hingen zottig an ihrem Gesicht. Mit ihren Händen schlug sie sich das klebrige Zeug von Stirn und Wangen und sah auf die vor Schmerz brennende Stelle ihres Beins. So groß wie ein Fünfmarkstück hatte sich um den Stich eine Hautrötung gebildet. Vermutlich ein Wespenstich. Er schmerzte widerwärtig und schien überhaupt nicht harmlos. Laura schrie, schrie so laut, dass es durch Mark und Bein ging. Da sprang die Tür auf, der Vater stürzte herein und auf sie zu. Sein Gesicht war vom Alkohol gerötet.
\"Na, meine Kleine, nicht so verzweifelt... beherrsch dich, wie sich’s gehört.\", lallte er und verbreitete beim Sprechen eine Alkoholfahne.
\"Na, wollen sehen... Ach so, eine Wespe, na dann, schau mal, was Papi alles kann, dein versoffener Papi.\"
Vaters Augen schienen aus den Höhlen zu quellen, mit torkelnden Bewegungen kämpfte er sich zum Wohnzimmerschrank, riss das Türchen zur Hausbar auf und fischte zielsicher eine Flasche heraus, Schnaps, aus Brennnesseln gebrannter Schnaps, Hausmarke, für alle Fälle.
\"Nu komm mal her, kleines Sensibelchen, reich mir dein Bein, damit ich’s befühle.\" Er entkorkte die Flasche - das brachte er noch in höchster Trunkenheit perfekt zuwege - nahm sein Taschentuch und durchtränkte es mit Brennnesselschnaps. Danach legte er das Tuch auf die schmerzende Stelle des Wespenstichs. Sofort fühlte Laura eine spürbare Erleichterung.
\"Tut das gut! Danke Papa.\" Glücklich und dankbar schaute sie ihrem Vater in die vom Alkohol geröteten Augen.
In diesem Augenblick sprang die Tür abermals auf. Mutter stürzte herein.
\"Lass du mein Kind in Ruhe! Fehlt gerade noch, dass du dich an Laura vergreifst.\" Mutters Stimme war schrill, sie fuchtelte mit den Armen, als wollte sie einen unsichtbaren Teufel fassen, ruderte hilflos durch die Luft, drehte sich, wie in einem Anfall, mehrmals um die eigene Achse und sank dann zu Boden, in offensichtlicher Ohnmacht.
\"Hysterisches Weib... immer dasselbe.\"
Halb scherzhaft schien der Vater zu sprechen. \"Was glaubst du, warum ich mich ständig betrinke.\" Dann nahm er, wie benommen von der tragischen Wucht seiner eigenen Worte, einen kräftigen Schluck aus der Flasche, der ihn, obwohl er nach Brennnesseln roch, dennoch in seinem Innern aufrichtete, sodass er, wie ein germanischer Recke, ein finsterer Hagen sozusagen, in dumpfem Trotz gegen sein Schicksal, mit schweren und dröhnenden Schritten das Wohnzimmer verließ.
Laura rieb sich die schmerzende Stelle des Wespenstichs, streifte sich den Rock glatt, er war viel zu kurz, um den roten Stich zu bedecken. Dann wandte sie sich der Mutter zu, die vor ihr auf dem Teppich lag. Inzwischen hatte diese wieder die Augen geöffnet. Laura war sich keineswegs sicher, ob die ganze Ohnmacht nicht vorgetäuscht war.
\"Mutter, Vater hat es gut gemeint. Eine Wespe hat mich gestochen. Da, riech den Brennnesselschnaps.\"
\"Ja, nach Schnaps wohl, danach mag\'s wohl riechen, wenn er dich mit seinen geilen Lippen in die Schenkel beißt.\"
\"Mutter, sag doch so was nicht. Du weißt doch, dass es nicht stimmt.\"
Doch nun überschlug sich Mutters Stimme, sie verfiel in ein lautes, plärrendes Kreischen, aus dem keine Worte mehr vernehmbar waren. Laura wusste, dass mit dieser Frau nicht mehr zu reden war. Zumindest nicht, solange sie sich in diesem Zustand befand. Sie steckte wieder einmal im schwarzen Loch. Es war, als sei sie in einer langen Röhre gefangen, die zu eng war, als dass man sich an eine Öffnung hätte vorrobben können. Nur zu gut kannte Laura dieses Gefühl. Auch als kleines Mädchen war sie beim Versteckspiel einmal in eine solche Röhre gekrochen. Nur mit Hilfe der Feuerwehr konnte man sie nach einigen Stunden verzweifelten Wartens befreien.
Laura blickte auf ihre Mutter, die auf dem Teppich saß und vor sich hin weinte. Der Wespenstich fing wieder an, höllisch zu schmerzen. Plötzlich - und niemand hätte sagen können, woher ihr die Kraft zu diesem Entschluss gekommen war - wandte sie sich von der Mutter ab, schnellte mit einem kräftigen Satz zur Türklinke und stürzte hinaus zum Badezimmer. Dort wusch sie sich schnell und gründlich, brachte ihre Haare in ordentliche Fasson, eilte in ihr Zimmer, holte den neuen Anorak aus dem Schrank, stopfte einige Sachen in ihren Rucksack, Unterwäsche, frische Bluse, den warmen Pullover und ihre knallengen Jeans. Aus der Speisekammer nahm sie sich ein Stück Edamer Käse, einen halben Brotlaib, etwas Salami und drei Äpfel. Dann sprang sie durch den Flur die Treppen hinunter und verschwand im nachmittäglichen Berufsverkehr.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-13 13:56:03 mit dem Titel Fremdes Zuhause
\"Das ist nicht real!\", versuchte Jon, ihm ein weiteres Mal klarzumachen, als sie entlang der mannshohen Hecke am Rande des Parks liefen, doch Steffen ignorierte seine Worte.
\"Aber wenn ich es gesehen habe\", widersprach er. \"Wenn ich es tatsächlich mit meinen eigenen Augen gesehen habe!\"
Jon schüttelte beharrlich den Kopf. Er akzeptierte Steffens \"Hirngespinste\", wie er sie nannte, nicht. Wären sie wahr, würde das bedeuten, dass jemand sie hinters Licht führen und ihre Pläne sabotieren würde. Und das war absurd. Einfach unmöglich.
Dennoch hielt Steffen an seiner Aussage fest und Jon hatte keinen Grund, seinem Schüler nicht zu glauben.
\"Da war wieder dieses Tor\", erklärte dieser erneut. \"Ich sah es nur kurz, aber es existierte wirklich. Da bin ich mir sicher.\"
\"Und auf einmal war es verschwunden?\", hakte Jon stirnrunzelnd nach. \"Wie vom Erdboden verschluckt?\" Seine Stimme klang wieder etwas ruhiger, doch es fiel ihm noch immer schwer, den Worten des Jungen Glauben zu schenken. Denn das würde bedeuten, dass sie ein ernst zu nehmendes Problem hatten.
Steffen nickte nur und blickte seinem Mentor nachdenklich entgegen. \"Ja\", meinte er dann. Er sah das hochragende Tor noch immer ganz deutlich vor seinem geistigen Auge. Er sah, wie es inmitten der Landschaft wie eine Art Fremdkörper stand. Doch bisher war er der einzige gewesen, der es gesehen hatte und das machte es nicht gerade einfach, die anderen von der Erscheinung zu überzeugen.
Er fragte sich, ob sie etwas mit seinen Träumen zu tun hatte. Träume, in denen er sich in einer anderen Welt wiederfand. Seiner \"imaginären Traumwelt\", wie Jon ihm nach seiner Berichterstattung erklärt hatte, doch Steffen glaubte ihm nicht. Irgendetwas verheimlichte ihm sein Mentor.
Wortlos verließen sie den prachtvollen Schlosspark, der mit verschiedenen Rosenarten aller nur erdenklichen Farben bepflanzt war und stiegen die marmorgelben Steinstufen des Palais hinauf.
Zwei Monate war es nun her, seit Steffen zum ersten Mal von der fremden Welt geträumt hatte. Er war in einer Großstadt gewesen. Deutlich erinnerte er sich an die lärmenden Verkehrsgeräusche der metallenen Karosserien, die riesigen bizarren Gebäude, die bis in den Himmel ragten und die zahlreichen Menschen, die so hektisch auf den Gehwegen umhereilten als wären sie auf der Flucht. Und alles kam ihm auf merkwürdige Weise vertraut vor.
Er wendete seinen Kopf und blickte zurück auf den sorgfältig gepflegten Rosengarten. Hier herrschte eine idyllische Ruhe, ganz anders als in dieser fremdländischen Stadt. Hier konnte er gemütlich im Wald spazieren gehen, die Tiere bei ihrer alltäglichen Futterjagd beobachten und mit seinen Freunden zusammen sein. Hier in Dourland fühlte er sich geborgen.
Sie durchschritten das mächtige Portal und gelangten so in eine dunkle und kühle Eingangshalle. Nur wenige Menschen waren hier und es herrschte eine beinahe majestätische Stille. Jon näherte sich dem rechten der drei Korridore und Steffen folgte ihm missmutig. Wie gerne wäre er wieder nach draußen gegangen, um die angenehm warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut zu spüren und um zurück hinunter ins Dorf zu gehen. Zu Tobi und Aria, um den beiden beim Spiel zuzusehen.
Vor einer dunklen Holztür machte Jon Halt, klopfte kurz und trat fast augenblicklich ein. Steffen folgte ihm zögernd. Unsicher blickte er den drei älteren Herren des Rates entgegen, die ihnen gegenüber am Tisch saßen und die Steffen kritisch musterten. Einer von ihnen kam dem Jungen bekannt vor, aber er konnte beim besten Willen nicht sagen, wo er ihn gedanklich einordnen sollte. Der in der Mitte sitzende Mann deutete mit einer einladenden Geste auf die beiden Stühle, die vor ihnen standen. \"Nehmt Platz\", begann er die Unterhaltung ohne sich lange mit einer Begrüßung aufzuhalten. \"Bitte.\"
Jon und Steffen setzten sich wortlos.
\"Steffen\", sagte er daraufhin und blickte in die Richtung des Jungen. \"Ich nehme an, du weißt, weshalb du hier bist?\"
\"Es geht um ... meine Visionen\", antwortete Steffen stockend.
\"Ganz recht\", stimmte sein Gesprächspartner zu. Er trug ein edles Gewand, ganz anders als die beiden Männer neben ihm, die gewöhnliche und ein wenig altmodisch wirkende Kleidung trugen und Steffen schloss daraus, dass der feine und adelige Herr in der Mitte das Oberhaupt des Rates sein musste.
Steffen kam sich vor wie ein Angeklagter, der in den Gerichtsaal geführt worden war. Und so ganz falsch war der Vergleich ja auch nicht.
\"Du musst versuchen, sie zu vergessen, hörst du? Es sind nichts als Phantasiegebilde, die du siehst. Einbildungen. Nichts davon ist wahr!\" Die Autorität, die in seiner Stimme mitklang, war nicht zu überhören. Misstrauen breitete sich in Steffen aus.
\"Wir wollen dir damit sagen\", ergänzte Jon die Belehrung, \"dass du aufhören musst, dir ständig Luftschlösser zu bauen. So gerne du auch der Realität entfliehen möchtest; hier ist dein Zuhause und hier gehörst du hin. Das weißt du doch, oder?\"
\"Ich ... bin mir nicht sicher\", gestand Steffen ehrlich und erntete besorgte Blicke als Antwort.
Der Mann, der Steffen auf seltsame Weise bekannt vorkam, tuschelte dem mittleren etwas ins Ohr, das Oberhaupt nickte und ergriff schließlich erneut das Wort: \"Warum wartest du nicht kurz draußen?\" Er versuchte, freundlich zu klingen, doch es hörte sich eher nach einem Befehl als nach einer Bitte an.
Steffen gehorchte dennoch, verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Was um alles in der Welt ging hier vor? Ihm war keineswegs entgangen, wie wichtig den drei Herren und auch Jon war, dass er die Träume und die unerklärliche Erscheinung des Tores aus seinem Bewusstsein verdrängte und dieses Verhalten des Rates beunruhigte ihn. Was wurde hier nur gespielt?
Gedankenversunken blickte er sich um. Und erstarrte.
Er war allein, im Moment war keine Menschenseele in der Nähe. Doch das war es nicht, was ihn so schockierte. Mit pochendem Herzen blickte er in die Richtung zurück, aus der er und Jon vorhin gekommen waren. Die Eingangshalle war verschwunden. Stattdessen erkannte er wieder dieses mysteriöse zweigeteilte Tor vor sich, dessen Erscheinung er sich nicht erklären konnte und zum hundertsten Mal fragte er sich, wohin es wohl führen mochte. Bisher hatte er nie ernsthaft in Erwägung gezogen, es zu durchschreiten, doch diesmal war er unschlüssig. Verwirrt blinzelte er mehrmals, um sicherzugehen, dass er sich nicht alles nur einbildete, doch die surreale Erscheinung blieb beständig an Ort und Stelle. Die beiden Torhälften waren geschlossen, sodass Steffen nicht hindurchblicken konnte, aber irgendwie wusste er, dass dies kein Hindernis sein würde. Nur, weil sie geschlossen waren, mussten sie nicht auch zwangsläufig verschlossen sein.
E zögerte. War es vielleicht doch nur ein Trugbild?
Schritte hallten wider.
Steffen zuckte erschrocken zusammen und drehte sich hastig um. Eine Gestalt kam aus dem anderen Ende des Ganges auf ihn zu.
\"Tobi!\" Die Überraschung stand Steffen förmlich ins Gesicht geschrieben und er war im ersten Moment so perplex, dass er nicht wusste, was er zu seinem Freund sagen sollte. \"Was tust du hier?\", fragte er schließlich. \"Verdammt, du dürftest gar nicht hier sein ...\"
\"Ich weiß\", sagte Tobi ernst. \"Ich bin gekommen, um dir zu helfen.\"
Steffen verstand nicht. Was ging hier vor? Und was hatte Tobi überhaupt mit der ganzen Sache zu tun?
\"Das Tor, das du immer wieder siehst\", begann sein Freund, \"es ist kein gewöhnliches Eingangstor, durch das man hindurchgeht, um von einem Raum in einen anderen zu gelangen. Es ist ein Teleporter.\"
Steffens Miene wurde immer verwirrter und Tobi fuhr eilig fort: \"Deine Träume, Steffen. Sie spiegeln dein wahres Leben wider. Dein ursprüngliches früheres Leben. Du bist weder in Dourland geboren noch hier aufgewachsen.\"
Die Worte hätten Steffen schockieren müssen, doch sie taten es nicht. Nicht wirklich. Tief in seinem Inneren hatte er immer gespürt, dass etwas an seinem Leben nicht stimmte und mehr als einmal war ihm die Gegend hier fremd vorgekommen. Aber bisher hatte er solche Gedanken immer verdrängt, sie als Unsinn abgetan, da er sie nicht wahrhaben wollte.
Damit würde jetzt Schluss sein.
\"Das heißt, nicht meine Träume sind Einbildung, sondern ... Dourland!?\"
\"Nein\", entgegnete Tobi bestimmt. \"Beide Welten sind real. Sowohl deine Welt als auch unsere. Jede auf ihre eigene individuelle Weise.\"
\"Nur wie bin ich überhaupt hierher gekommen?\" Seine Situation kam ihm immer konfuser vor.
Tobi blickte zum Teleporter. \"Hiermit\", sagte er. \"Und hiermit wirst du auch wieder zurück in deine Welt gelangen.\" Er sah wieder zu Steffen. \"Du wurdest nach Dourland entführt. Jon hat dich entführt, um genau zu sein. Es ist ein Experiment, bei dem es um Verhaltensforschung geht. Deshalb wollen Jon und der Rat dich auch nicht zurückgehen lassen und versuchen dir einzureden, dass du dir die Träume nur einbildest. Deine Erinnerungen konnten sie manipulieren; bei den Träumen jedoch ist ihnen das nicht gelungen. Der Rat setzt alles darauf, dich in Dourland festzuhalten. Nur eines seiner Mitglieder versucht, die anderen daran zu hindern.\"
Steffen musste augenblicklich an den Herren denken, der ihm vermeintlich bekannt vorgekommen war und er erzählte Tobi davon.
\"Mein Vater\", bestätigte sein Freund und Steffen ging ein Licht auf. Das Puzzle ergab langsam ein deutlich zu erkennendes Bild. \"Er ist es, der versucht, das Experiment zu sabotieren. Er hat mich in das Gebäude gelotst und er war es auch, der dich nach draußen vor die Tür geschickt hat. Er will den Rat in eine lange Diskussion verwickeln. Damit ich dir währenddessen alles erklären kann und du die Möglichkeit hast, zu fliehen. Was im Grunde genommen schon viel früher hätte geschehen müssen, doch bisher hast du keine Anstalten gemacht, dich der Torschwelle zu nähern und sie hinter dir zu lassen. Das ist womöglich deine letzte Chance und du solltest dich beeilen ehe der Verrat auffällt. Geh, solange du noch kannst.\"
\"Das heißt, wir werden uns nie wieder sehen?\", mutmaßte Steffen und ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus.
\"Das ist richtig. Und du wirst dich auch nie mehr an Dourland erinnern können.\" Tobi trat einen Schritt näher und gab ihm die Hand. \"Leb wohl, Steffen. Ich wünsche dir eine gute Reise. In unserem Herzen wirst du immer bei uns sein.\"
Der Abschied schmerzte, doch so schwer Steffen die Rückkehr auch fiel, er musste zurück. Zurück in seine Welt. Er kämpfte noch einige Zeit mit seinem Inneren, bis er mit sich selbst im Reinen war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
\"Leb wohl\", erwiderte er wehmütig. \"Und richte Aria und den anderen viele Grüße von mir aus.\"
\"Das werde ich\", versprach Tobi und ein Lächeln glitt über seine Lippen.
Steffen näherte sich langsam dem Teleporter.
Hinter Tobi wurde die Klinke hinuntergedrückt, die Tür des Gesprächszimmers öffnete sich und das Oberhaupt des Rates kam zum Vorschein. Seine Überraschung war nicht zu übersehen. \"Was zum Teufel –\"
\"Geh!\", schrie Tobi Steffen panisch zu.
\"Wage es nicht!\", forderte ihn der alte Herr erzürnt auf, doch Steffens Entscheidung war getroffen.
\"Danke\", sagte er an seinen Freund gewandt, der ein schwaches Kopfnicken andeutete. Dann sprintete Steffen los ohne noch einmal zurückzublicken.
\"Bleib auf der Stelle stehen!\", waren die letzten Worte, die er vernahm. Vor ihm schwangen die beiden Torhälften wie von Geisterhand beiseite und gewährten dem Jungen Einlass. Er hatte eine weite Reise vor sich. Doch es war eine Reise nach Hause. Eine Reise in die Freiheit.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-13 13:57:52 mit dem Titel Tanzfläche
Woher kenne ich dieses Mädchen bloß? Gedankenverloren tanzt sie zur Musik, tanzt nach ihren eigenen, langsameren Rhythmus und ist in der Musik versunken. Ich weiß, irgendwo habe ich sie schon mal gesehen, aber wo? Diese Frau besitzt eine besondere Anziehung auf mich, der ich mich kaum entziehen kann. Wie sie abgeschottet von der Welt ihren eigenen Tanz hier auf der Tanzfläche schwingt, lässt sie in einer unendlichen Ferne erscheinen. Als sie sich kurz umdreht, kann ich ihr Gesicht erkennen. Es wirkt zart und ihr Mund ist leicht geöffnet, als wolle sie die Musik tief einatmen und so noch inniger spüren.
Die anderen Menschen auf der Tanzfläche wirken allein durch ihre Gegenwart entstellt und verzerrt, ihre von Drogen geröteten Gesichter wirken im Gegensatz zu ihrer versunkenen Pose nur noch albern, beinahe lächerlich. Die Musik dreht ab, der Beat wird plötzlich rasend schnell, die Menge jubelt, passt sich den Beat an, bewegt sich immer schneller, einer rotierende Masse gleich. Neben mir geht der Typ völlig ab, schreit nur noch und versucht sich mit der restlichen Menge im Hochsprung. Völlig unbeeindruckt bleibt dagegen meine Prinzessin vor mir, in einer beinahe anmutigen Bewegung hebt sie ihre Arme und bewegt sich zu einer langsamen Melodie, die nur sie hören kann. Beinahe möchte ich behaupten, sie reitet auf der Musik wie ein Surfer auf einer Welle.
Unbemerkt lässt mein Tempo nach, ich höre aus der Musik eine leichte, langsamere Melodie, die mir noch nicht aufgefallen ist. Sie fängt mich an einzulullen, greift mit ihren Griff nach mir und hält mich gefangen. Ein Typ tanzt sehr bewegungsstark durch die Tanzfläche, ein kurzer Blick sagt mir, dass er völlig auf Pille ist, die Augen geweitet mit einen Grinsen im Gesicht, welches nur noch dümmlich wirkt. Plump tanzt er an mir vorbei, rempelt mich an und tanzt weiter nach vorne zu meiner Traumprinzessin hin. Diese weicht mit einer grazilen Bewegung aus, die sich fließend in ihren Tanzstil einfügt. Still und anmutig findet sie in der Musik die wahre Essenz, in der sich langsam treiben lässt. Ich muß lächeln, irgendwie treibt sie durch die Musik, während um ihr herum ein Kindergarten im Wasser planscht.
Ein Nebelstrahl auf dem Nebelwerfer umhüllt mich. Die blitzenden farbigen Lichter dringen nur noch gedämpft auf mich ein. Die Umstehenden Tanzenden sind im Nebel verschwunden. Wieder höre ich diese sanfte Melodie über den krachenden Beat und mir scheint, als forme sich ein noch leichterer und sanfterer Beat unter der tosende Maske des peitschenden Sounds heraus. Ich sehe nur noch den Nebel um mich und mir kommt es so vor, als tanze ich allein auf dieser Tanzfläche, nein, allein in einer nebligen Unendlichkeit. Die Illusion wirkt, es kommt mir wirklich so vor, doch langsam löst sich der Nebel auf und ich merke die zuckenden Konturen der anderen tanzenden Nachtmenschen. Anmutig schmiegt sich die Musik um mich und ich muß dabei lächeln. Mit diesen stillen Lächeln tanze ich weiter und bemerke dabei, dass die Prinzessin verschwunden ist. Flüchtig schiebt sich der Gedanke in mir ein, die Tanzfläche zu verlassen und sie zu suchen, aber der Beat lässt mich nicht los, zwingt mich, auf der Tanzfläche zu verweilen und immer weiter in die Musik einzudringen.
Selten, sehr selten passiert mir es, dass ich die Musik so fühlen kann, beinahe genauso stark wie die verschwundene, unnahbare Traumfrau. Oft prallt die Musik an mir ab, als hätte ich eine eiserne Rüstung an. Nur manchmal, wenn die Musik wirklich gut ist, kann ich mich in ihr völlig eintauchen. Ob es dem Geschick des DJ’s zuzuschreiben ist oder meiner momentanen Verfassung, weiß ich nicht, ich habe das Geheimnis bis heute nicht ergründen können. Doch mir ist schon öfters aufgefallen, dass viele Mitmenschen dieses Gespür der Musik nicht kennen. Wie blinde Menschen tappen sie auf der Tanzfläche, ohne zu ahnen, dass ihnen etwas elementares fehlt. Selten erkennt man Menschen, die dieses Gefühl in sich haben, ja bei denen es noch stärker ausgeprägt ist. Verschwimmt deshalb das Mädchen von eben zu einer Traumfrau in meinen Kopf? Ich kann es nur ahnen, nicht wissen, trotzdem bedauere ich, sie nicht mehr auf der Tanzfläche zu sehen.
Der Sound bewegt sich nun in einen ruhigen Gebiet, die Bassdrum ist völlig verklungen und nur eine Melodie schwebt sachte über die Tanzfläche. Die Tanzenden bewegen sich nun alle langsam, haben ihr Tempo reduziert um das Einsetzen des Beats zu erwarten. Plump hebt ein Typ die Hände in die Luft, einer Karikatur gleich zu der Geste meiner Traumfrau von eben, die dieselbe Gestik mit einer sanften Bewegung aus Elan und Kraft zustande gebracht hat.
Langsam steigt das Tempo des Sounds wieder an und auch ich werde wieder aktiver. Das Mädchen neben mir, völlig auf Extasy schreit nun laut auf, und mit ihr die restlichen Leute auf Pille. Das Geschrei geht unter den wummernden Beat der einsetzenden Bassdrum völlig unter. Auch werde von dem Einsetzen der Musik erfasst, allerdings nicht in der Art der ganzen verstrahlten Leute um mir, bei mir beginnt wieder die Entdeckungsreise in die Tiefen der Musik. Mein Körper bewegt sich nun schneller im Takt der Musik, wie von selber, als hätte ich die Kontrolle über ihn an die Musik abgegeben.
Ein Freund taucht neben mir auf, tanzt schweigend eine Weile, lächelt dann und bietet mir eine Zigarette an. Ich nehme sie an, lächel zurück und hebe dankend die Hand, welche ich dann wieder in den Tanzbewegungen einbaue. Langsam erfasst mich die ganze Fülle der Musik. Ich verliere mich in sie und nehme kaum mehr war, dass sich einige Freunde von mir verabschieden. Auch sie blicken mich sonderbar lächelnd an. Ich selber merke es jedoch nicht, ich bin viel zu tief in der Musik vergraben. Irgendwie fühle ich mich mit der Musik vereint. Langsam drehe ich mich um meine eigene Achse, den Takt der Musik gehorchend. Dabei entdecke ich meine Traumfrau wieder. Sie hat die ganze Zeit in ihrer eigenen anmutigen Weise hinter mir getanzt. Ich freue mich darüber und blicke sie verstohlen an. Nein, sie ist in der Musik versunken. Anlabbern bringt da nichts, außerdem ist das heute nicht die Nacht dazu. Ich drehe mich wieder um 180 Grad und wende meinen Blick den Rest der tanzenden Menge zu.
Müde stehe ich an der S-Bahnstation. 9 Uhr verrät mir ein kurzer Blick auf die Bahnhofsuhr. Resigniert zucke ich die Achseln, mein Zug ist gerade abgefahren, dass heißt, 20 Minuten warten. Meine beiden Freunde, Thomas und Ani haben die naheliegende U-Bahn benutzt und hatten sich müde von mir verabschiedet. Müde gähne ich und beschließe mich, auf eine Bank zu setzen. Der gesamte Bahnhof ist besetzt mit den letzten Nachtschwärmern, die auf ihren Zug nach Hause, heim ins warme Bett, warten. Auf der nächsten Bank sitzen 2 ziemlich besoffene Nachtschwärmer. Sie stimmen gerade ein Lied mit obszönen Inhaltes an, ich beschließe, die weiter vorne auf dem Bahnsteig eine ruhigere Bank zum setzen zu suchen. Ich habe Glück, eine Bank, umgeben mit Windschutz ist leer. Müde lasse ich mich auf die Bank fallen. Langsam krame ich mir eine Zigarette aus der Tasche. Die letzte für den heutigen Clubnachtgang.
Still sitze ich da und genieße diese letzte Zigarette. Ein „Hallo“ schreckt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke auf und entdecke die Traumprinzessin vor mir stehend. Schweigend setzt sie sich neben mir. Mein Herz fängt auf einmal an zu klopfen. Soll ich sie ansprechen oder nicht? Langsam baue ich mir einen passenden Eröffnungssatz in meinen Kopf zusammen. Doch sie ist schneller: „Hey, Dich kenne ich doch, Du warst heute im Natraj-Tempel. Du hast die ganze Zeit vor mir getanzt.“ Munter schaut sie in meinen Augen.
Ich lächele, als ich antworte, dass auch ich sie bemerkt habe.
Es war heute nicht nur eine Nacht mir guter Musik, sondern allgemein eine richtig gute Nacht, denke ich mir, als ich erfahre, dass mein Gegenüber Julia heißt.
Ach, Laura wollte sich verstecken vor der Welt, der Zukunft, den anderen Menschen, denen sie nicht mehr traute. Auch sich selbst traute sie nicht. Vor allem traute sie sich nichts mehr zu. In der Schule war sie die notorische Versagerin, nichts leistete sie, und das Wenige, das sie zustande brachte, schien in ihren Augen ein Nichts. Zumindest würde es hinten und vorne nicht reichen, um irgendwo eine vernünftige Ausbildungsstelle zu erhalten. Wo sollte sie nur landen? Mit Dreien und Vieren in den Hauptfächern? Eigentlich wollte sie nur leben und dabei ein ganz klein wenig glücklich sein. Sie liebte so sehr die freie Natur, den Wald, die Wiesen, den Bach und den kühlen Wind, wenn er ihr begütigend um die Nase strich. Wäre da nur nicht immer dieses ständige Würgen im Hals, die Angst vor der Welt, den Menschen und der künftigen Zeit. Ihr war, als sei diese Zeit ein giftiges Gas, das sich tödlich um sie herum ausbreite.
Wie Laura hinter dem Sofa lag, die Beine anzog, die Arme vor ihrem Gesicht verschränkte, da spürte sie ein kitzelndes Krabbeln an ihrem Oberschenkel. Sie konnte nur reflexartig dagegen schlagen. Und schon spürte sie einen brennenden Schmerz. Etwas Bösartiges hatte sie gestochen. Wie in Panik schnellte sie nach rückwärts, wollte empor springen, aber überall war das sperrige Möbelstück im Weg. Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihr, sich hinter dem Sofa aufzurichten. Staubige Spinnfäden hingen zottig an ihrem Gesicht. Mit ihren Händen schlug sie sich das klebrige Zeug von Stirn und Wangen und sah auf die vor Schmerz brennende Stelle ihres Beins. So groß wie ein Fünfmarkstück hatte sich um den Stich eine Hautrötung gebildet. Vermutlich ein Wespenstich. Er schmerzte widerwärtig und schien überhaupt nicht harmlos. Laura schrie, schrie so laut, dass es durch Mark und Bein ging. Da sprang die Tür auf, der Vater stürzte herein und auf sie zu. Sein Gesicht war vom Alkohol gerötet.
\"Na, meine Kleine, nicht so verzweifelt... beherrsch dich, wie sich’s gehört.\", lallte er und verbreitete beim Sprechen eine Alkoholfahne.
\"Na, wollen sehen... Ach so, eine Wespe, na dann, schau mal, was Papi alles kann, dein versoffener Papi.\"
Vaters Augen schienen aus den Höhlen zu quellen, mit torkelnden Bewegungen kämpfte er sich zum Wohnzimmerschrank, riss das Türchen zur Hausbar auf und fischte zielsicher eine Flasche heraus, Schnaps, aus Brennnesseln gebrannter Schnaps, Hausmarke, für alle Fälle.
\"Nu komm mal her, kleines Sensibelchen, reich mir dein Bein, damit ich’s befühle.\" Er entkorkte die Flasche - das brachte er noch in höchster Trunkenheit perfekt zuwege - nahm sein Taschentuch und durchtränkte es mit Brennnesselschnaps. Danach legte er das Tuch auf die schmerzende Stelle des Wespenstichs. Sofort fühlte Laura eine spürbare Erleichterung.
\"Tut das gut! Danke Papa.\" Glücklich und dankbar schaute sie ihrem Vater in die vom Alkohol geröteten Augen.
In diesem Augenblick sprang die Tür abermals auf. Mutter stürzte herein.
\"Lass du mein Kind in Ruhe! Fehlt gerade noch, dass du dich an Laura vergreifst.\" Mutters Stimme war schrill, sie fuchtelte mit den Armen, als wollte sie einen unsichtbaren Teufel fassen, ruderte hilflos durch die Luft, drehte sich, wie in einem Anfall, mehrmals um die eigene Achse und sank dann zu Boden, in offensichtlicher Ohnmacht.
\"Hysterisches Weib... immer dasselbe.\"
Halb scherzhaft schien der Vater zu sprechen. \"Was glaubst du, warum ich mich ständig betrinke.\" Dann nahm er, wie benommen von der tragischen Wucht seiner eigenen Worte, einen kräftigen Schluck aus der Flasche, der ihn, obwohl er nach Brennnesseln roch, dennoch in seinem Innern aufrichtete, sodass er, wie ein germanischer Recke, ein finsterer Hagen sozusagen, in dumpfem Trotz gegen sein Schicksal, mit schweren und dröhnenden Schritten das Wohnzimmer verließ.
Laura rieb sich die schmerzende Stelle des Wespenstichs, streifte sich den Rock glatt, er war viel zu kurz, um den roten Stich zu bedecken. Dann wandte sie sich der Mutter zu, die vor ihr auf dem Teppich lag. Inzwischen hatte diese wieder die Augen geöffnet. Laura war sich keineswegs sicher, ob die ganze Ohnmacht nicht vorgetäuscht war.
\"Mutter, Vater hat es gut gemeint. Eine Wespe hat mich gestochen. Da, riech den Brennnesselschnaps.\"
\"Ja, nach Schnaps wohl, danach mag\'s wohl riechen, wenn er dich mit seinen geilen Lippen in die Schenkel beißt.\"
\"Mutter, sag doch so was nicht. Du weißt doch, dass es nicht stimmt.\"
Doch nun überschlug sich Mutters Stimme, sie verfiel in ein lautes, plärrendes Kreischen, aus dem keine Worte mehr vernehmbar waren. Laura wusste, dass mit dieser Frau nicht mehr zu reden war. Zumindest nicht, solange sie sich in diesem Zustand befand. Sie steckte wieder einmal im schwarzen Loch. Es war, als sei sie in einer langen Röhre gefangen, die zu eng war, als dass man sich an eine Öffnung hätte vorrobben können. Nur zu gut kannte Laura dieses Gefühl. Auch als kleines Mädchen war sie beim Versteckspiel einmal in eine solche Röhre gekrochen. Nur mit Hilfe der Feuerwehr konnte man sie nach einigen Stunden verzweifelten Wartens befreien.
Laura blickte auf ihre Mutter, die auf dem Teppich saß und vor sich hin weinte. Der Wespenstich fing wieder an, höllisch zu schmerzen. Plötzlich - und niemand hätte sagen können, woher ihr die Kraft zu diesem Entschluss gekommen war - wandte sie sich von der Mutter ab, schnellte mit einem kräftigen Satz zur Türklinke und stürzte hinaus zum Badezimmer. Dort wusch sie sich schnell und gründlich, brachte ihre Haare in ordentliche Fasson, eilte in ihr Zimmer, holte den neuen Anorak aus dem Schrank, stopfte einige Sachen in ihren Rucksack, Unterwäsche, frische Bluse, den warmen Pullover und ihre knallengen Jeans. Aus der Speisekammer nahm sie sich ein Stück Edamer Käse, einen halben Brotlaib, etwas Salami und drei Äpfel. Dann sprang sie durch den Flur die Treppen hinunter und verschwand im nachmittäglichen Berufsverkehr.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-13 13:56:03 mit dem Titel Fremdes Zuhause
\"Das ist nicht real!\", versuchte Jon, ihm ein weiteres Mal klarzumachen, als sie entlang der mannshohen Hecke am Rande des Parks liefen, doch Steffen ignorierte seine Worte.
\"Aber wenn ich es gesehen habe\", widersprach er. \"Wenn ich es tatsächlich mit meinen eigenen Augen gesehen habe!\"
Jon schüttelte beharrlich den Kopf. Er akzeptierte Steffens \"Hirngespinste\", wie er sie nannte, nicht. Wären sie wahr, würde das bedeuten, dass jemand sie hinters Licht führen und ihre Pläne sabotieren würde. Und das war absurd. Einfach unmöglich.
Dennoch hielt Steffen an seiner Aussage fest und Jon hatte keinen Grund, seinem Schüler nicht zu glauben.
\"Da war wieder dieses Tor\", erklärte dieser erneut. \"Ich sah es nur kurz, aber es existierte wirklich. Da bin ich mir sicher.\"
\"Und auf einmal war es verschwunden?\", hakte Jon stirnrunzelnd nach. \"Wie vom Erdboden verschluckt?\" Seine Stimme klang wieder etwas ruhiger, doch es fiel ihm noch immer schwer, den Worten des Jungen Glauben zu schenken. Denn das würde bedeuten, dass sie ein ernst zu nehmendes Problem hatten.
Steffen nickte nur und blickte seinem Mentor nachdenklich entgegen. \"Ja\", meinte er dann. Er sah das hochragende Tor noch immer ganz deutlich vor seinem geistigen Auge. Er sah, wie es inmitten der Landschaft wie eine Art Fremdkörper stand. Doch bisher war er der einzige gewesen, der es gesehen hatte und das machte es nicht gerade einfach, die anderen von der Erscheinung zu überzeugen.
Er fragte sich, ob sie etwas mit seinen Träumen zu tun hatte. Träume, in denen er sich in einer anderen Welt wiederfand. Seiner \"imaginären Traumwelt\", wie Jon ihm nach seiner Berichterstattung erklärt hatte, doch Steffen glaubte ihm nicht. Irgendetwas verheimlichte ihm sein Mentor.
Wortlos verließen sie den prachtvollen Schlosspark, der mit verschiedenen Rosenarten aller nur erdenklichen Farben bepflanzt war und stiegen die marmorgelben Steinstufen des Palais hinauf.
Zwei Monate war es nun her, seit Steffen zum ersten Mal von der fremden Welt geträumt hatte. Er war in einer Großstadt gewesen. Deutlich erinnerte er sich an die lärmenden Verkehrsgeräusche der metallenen Karosserien, die riesigen bizarren Gebäude, die bis in den Himmel ragten und die zahlreichen Menschen, die so hektisch auf den Gehwegen umhereilten als wären sie auf der Flucht. Und alles kam ihm auf merkwürdige Weise vertraut vor.
Er wendete seinen Kopf und blickte zurück auf den sorgfältig gepflegten Rosengarten. Hier herrschte eine idyllische Ruhe, ganz anders als in dieser fremdländischen Stadt. Hier konnte er gemütlich im Wald spazieren gehen, die Tiere bei ihrer alltäglichen Futterjagd beobachten und mit seinen Freunden zusammen sein. Hier in Dourland fühlte er sich geborgen.
Sie durchschritten das mächtige Portal und gelangten so in eine dunkle und kühle Eingangshalle. Nur wenige Menschen waren hier und es herrschte eine beinahe majestätische Stille. Jon näherte sich dem rechten der drei Korridore und Steffen folgte ihm missmutig. Wie gerne wäre er wieder nach draußen gegangen, um die angenehm warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut zu spüren und um zurück hinunter ins Dorf zu gehen. Zu Tobi und Aria, um den beiden beim Spiel zuzusehen.
Vor einer dunklen Holztür machte Jon Halt, klopfte kurz und trat fast augenblicklich ein. Steffen folgte ihm zögernd. Unsicher blickte er den drei älteren Herren des Rates entgegen, die ihnen gegenüber am Tisch saßen und die Steffen kritisch musterten. Einer von ihnen kam dem Jungen bekannt vor, aber er konnte beim besten Willen nicht sagen, wo er ihn gedanklich einordnen sollte. Der in der Mitte sitzende Mann deutete mit einer einladenden Geste auf die beiden Stühle, die vor ihnen standen. \"Nehmt Platz\", begann er die Unterhaltung ohne sich lange mit einer Begrüßung aufzuhalten. \"Bitte.\"
Jon und Steffen setzten sich wortlos.
\"Steffen\", sagte er daraufhin und blickte in die Richtung des Jungen. \"Ich nehme an, du weißt, weshalb du hier bist?\"
\"Es geht um ... meine Visionen\", antwortete Steffen stockend.
\"Ganz recht\", stimmte sein Gesprächspartner zu. Er trug ein edles Gewand, ganz anders als die beiden Männer neben ihm, die gewöhnliche und ein wenig altmodisch wirkende Kleidung trugen und Steffen schloss daraus, dass der feine und adelige Herr in der Mitte das Oberhaupt des Rates sein musste.
Steffen kam sich vor wie ein Angeklagter, der in den Gerichtsaal geführt worden war. Und so ganz falsch war der Vergleich ja auch nicht.
\"Du musst versuchen, sie zu vergessen, hörst du? Es sind nichts als Phantasiegebilde, die du siehst. Einbildungen. Nichts davon ist wahr!\" Die Autorität, die in seiner Stimme mitklang, war nicht zu überhören. Misstrauen breitete sich in Steffen aus.
\"Wir wollen dir damit sagen\", ergänzte Jon die Belehrung, \"dass du aufhören musst, dir ständig Luftschlösser zu bauen. So gerne du auch der Realität entfliehen möchtest; hier ist dein Zuhause und hier gehörst du hin. Das weißt du doch, oder?\"
\"Ich ... bin mir nicht sicher\", gestand Steffen ehrlich und erntete besorgte Blicke als Antwort.
Der Mann, der Steffen auf seltsame Weise bekannt vorkam, tuschelte dem mittleren etwas ins Ohr, das Oberhaupt nickte und ergriff schließlich erneut das Wort: \"Warum wartest du nicht kurz draußen?\" Er versuchte, freundlich zu klingen, doch es hörte sich eher nach einem Befehl als nach einer Bitte an.
Steffen gehorchte dennoch, verließ das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Was um alles in der Welt ging hier vor? Ihm war keineswegs entgangen, wie wichtig den drei Herren und auch Jon war, dass er die Träume und die unerklärliche Erscheinung des Tores aus seinem Bewusstsein verdrängte und dieses Verhalten des Rates beunruhigte ihn. Was wurde hier nur gespielt?
Gedankenversunken blickte er sich um. Und erstarrte.
Er war allein, im Moment war keine Menschenseele in der Nähe. Doch das war es nicht, was ihn so schockierte. Mit pochendem Herzen blickte er in die Richtung zurück, aus der er und Jon vorhin gekommen waren. Die Eingangshalle war verschwunden. Stattdessen erkannte er wieder dieses mysteriöse zweigeteilte Tor vor sich, dessen Erscheinung er sich nicht erklären konnte und zum hundertsten Mal fragte er sich, wohin es wohl führen mochte. Bisher hatte er nie ernsthaft in Erwägung gezogen, es zu durchschreiten, doch diesmal war er unschlüssig. Verwirrt blinzelte er mehrmals, um sicherzugehen, dass er sich nicht alles nur einbildete, doch die surreale Erscheinung blieb beständig an Ort und Stelle. Die beiden Torhälften waren geschlossen, sodass Steffen nicht hindurchblicken konnte, aber irgendwie wusste er, dass dies kein Hindernis sein würde. Nur, weil sie geschlossen waren, mussten sie nicht auch zwangsläufig verschlossen sein.
E zögerte. War es vielleicht doch nur ein Trugbild?
Schritte hallten wider.
Steffen zuckte erschrocken zusammen und drehte sich hastig um. Eine Gestalt kam aus dem anderen Ende des Ganges auf ihn zu.
\"Tobi!\" Die Überraschung stand Steffen förmlich ins Gesicht geschrieben und er war im ersten Moment so perplex, dass er nicht wusste, was er zu seinem Freund sagen sollte. \"Was tust du hier?\", fragte er schließlich. \"Verdammt, du dürftest gar nicht hier sein ...\"
\"Ich weiß\", sagte Tobi ernst. \"Ich bin gekommen, um dir zu helfen.\"
Steffen verstand nicht. Was ging hier vor? Und was hatte Tobi überhaupt mit der ganzen Sache zu tun?
\"Das Tor, das du immer wieder siehst\", begann sein Freund, \"es ist kein gewöhnliches Eingangstor, durch das man hindurchgeht, um von einem Raum in einen anderen zu gelangen. Es ist ein Teleporter.\"
Steffens Miene wurde immer verwirrter und Tobi fuhr eilig fort: \"Deine Träume, Steffen. Sie spiegeln dein wahres Leben wider. Dein ursprüngliches früheres Leben. Du bist weder in Dourland geboren noch hier aufgewachsen.\"
Die Worte hätten Steffen schockieren müssen, doch sie taten es nicht. Nicht wirklich. Tief in seinem Inneren hatte er immer gespürt, dass etwas an seinem Leben nicht stimmte und mehr als einmal war ihm die Gegend hier fremd vorgekommen. Aber bisher hatte er solche Gedanken immer verdrängt, sie als Unsinn abgetan, da er sie nicht wahrhaben wollte.
Damit würde jetzt Schluss sein.
\"Das heißt, nicht meine Träume sind Einbildung, sondern ... Dourland!?\"
\"Nein\", entgegnete Tobi bestimmt. \"Beide Welten sind real. Sowohl deine Welt als auch unsere. Jede auf ihre eigene individuelle Weise.\"
\"Nur wie bin ich überhaupt hierher gekommen?\" Seine Situation kam ihm immer konfuser vor.
Tobi blickte zum Teleporter. \"Hiermit\", sagte er. \"Und hiermit wirst du auch wieder zurück in deine Welt gelangen.\" Er sah wieder zu Steffen. \"Du wurdest nach Dourland entführt. Jon hat dich entführt, um genau zu sein. Es ist ein Experiment, bei dem es um Verhaltensforschung geht. Deshalb wollen Jon und der Rat dich auch nicht zurückgehen lassen und versuchen dir einzureden, dass du dir die Träume nur einbildest. Deine Erinnerungen konnten sie manipulieren; bei den Träumen jedoch ist ihnen das nicht gelungen. Der Rat setzt alles darauf, dich in Dourland festzuhalten. Nur eines seiner Mitglieder versucht, die anderen daran zu hindern.\"
Steffen musste augenblicklich an den Herren denken, der ihm vermeintlich bekannt vorgekommen war und er erzählte Tobi davon.
\"Mein Vater\", bestätigte sein Freund und Steffen ging ein Licht auf. Das Puzzle ergab langsam ein deutlich zu erkennendes Bild. \"Er ist es, der versucht, das Experiment zu sabotieren. Er hat mich in das Gebäude gelotst und er war es auch, der dich nach draußen vor die Tür geschickt hat. Er will den Rat in eine lange Diskussion verwickeln. Damit ich dir währenddessen alles erklären kann und du die Möglichkeit hast, zu fliehen. Was im Grunde genommen schon viel früher hätte geschehen müssen, doch bisher hast du keine Anstalten gemacht, dich der Torschwelle zu nähern und sie hinter dir zu lassen. Das ist womöglich deine letzte Chance und du solltest dich beeilen ehe der Verrat auffällt. Geh, solange du noch kannst.\"
\"Das heißt, wir werden uns nie wieder sehen?\", mutmaßte Steffen und ein mulmiges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus.
\"Das ist richtig. Und du wirst dich auch nie mehr an Dourland erinnern können.\" Tobi trat einen Schritt näher und gab ihm die Hand. \"Leb wohl, Steffen. Ich wünsche dir eine gute Reise. In unserem Herzen wirst du immer bei uns sein.\"
Der Abschied schmerzte, doch so schwer Steffen die Rückkehr auch fiel, er musste zurück. Zurück in seine Welt. Er kämpfte noch einige Zeit mit seinem Inneren, bis er mit sich selbst im Reinen war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
\"Leb wohl\", erwiderte er wehmütig. \"Und richte Aria und den anderen viele Grüße von mir aus.\"
\"Das werde ich\", versprach Tobi und ein Lächeln glitt über seine Lippen.
Steffen näherte sich langsam dem Teleporter.
Hinter Tobi wurde die Klinke hinuntergedrückt, die Tür des Gesprächszimmers öffnete sich und das Oberhaupt des Rates kam zum Vorschein. Seine Überraschung war nicht zu übersehen. \"Was zum Teufel –\"
\"Geh!\", schrie Tobi Steffen panisch zu.
\"Wage es nicht!\", forderte ihn der alte Herr erzürnt auf, doch Steffens Entscheidung war getroffen.
\"Danke\", sagte er an seinen Freund gewandt, der ein schwaches Kopfnicken andeutete. Dann sprintete Steffen los ohne noch einmal zurückzublicken.
\"Bleib auf der Stelle stehen!\", waren die letzten Worte, die er vernahm. Vor ihm schwangen die beiden Torhälften wie von Geisterhand beiseite und gewährten dem Jungen Einlass. Er hatte eine weite Reise vor sich. Doch es war eine Reise nach Hause. Eine Reise in die Freiheit.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-10-13 13:57:52 mit dem Titel Tanzfläche
Woher kenne ich dieses Mädchen bloß? Gedankenverloren tanzt sie zur Musik, tanzt nach ihren eigenen, langsameren Rhythmus und ist in der Musik versunken. Ich weiß, irgendwo habe ich sie schon mal gesehen, aber wo? Diese Frau besitzt eine besondere Anziehung auf mich, der ich mich kaum entziehen kann. Wie sie abgeschottet von der Welt ihren eigenen Tanz hier auf der Tanzfläche schwingt, lässt sie in einer unendlichen Ferne erscheinen. Als sie sich kurz umdreht, kann ich ihr Gesicht erkennen. Es wirkt zart und ihr Mund ist leicht geöffnet, als wolle sie die Musik tief einatmen und so noch inniger spüren.
Die anderen Menschen auf der Tanzfläche wirken allein durch ihre Gegenwart entstellt und verzerrt, ihre von Drogen geröteten Gesichter wirken im Gegensatz zu ihrer versunkenen Pose nur noch albern, beinahe lächerlich. Die Musik dreht ab, der Beat wird plötzlich rasend schnell, die Menge jubelt, passt sich den Beat an, bewegt sich immer schneller, einer rotierende Masse gleich. Neben mir geht der Typ völlig ab, schreit nur noch und versucht sich mit der restlichen Menge im Hochsprung. Völlig unbeeindruckt bleibt dagegen meine Prinzessin vor mir, in einer beinahe anmutigen Bewegung hebt sie ihre Arme und bewegt sich zu einer langsamen Melodie, die nur sie hören kann. Beinahe möchte ich behaupten, sie reitet auf der Musik wie ein Surfer auf einer Welle.
Unbemerkt lässt mein Tempo nach, ich höre aus der Musik eine leichte, langsamere Melodie, die mir noch nicht aufgefallen ist. Sie fängt mich an einzulullen, greift mit ihren Griff nach mir und hält mich gefangen. Ein Typ tanzt sehr bewegungsstark durch die Tanzfläche, ein kurzer Blick sagt mir, dass er völlig auf Pille ist, die Augen geweitet mit einen Grinsen im Gesicht, welches nur noch dümmlich wirkt. Plump tanzt er an mir vorbei, rempelt mich an und tanzt weiter nach vorne zu meiner Traumprinzessin hin. Diese weicht mit einer grazilen Bewegung aus, die sich fließend in ihren Tanzstil einfügt. Still und anmutig findet sie in der Musik die wahre Essenz, in der sich langsam treiben lässt. Ich muß lächeln, irgendwie treibt sie durch die Musik, während um ihr herum ein Kindergarten im Wasser planscht.
Ein Nebelstrahl auf dem Nebelwerfer umhüllt mich. Die blitzenden farbigen Lichter dringen nur noch gedämpft auf mich ein. Die Umstehenden Tanzenden sind im Nebel verschwunden. Wieder höre ich diese sanfte Melodie über den krachenden Beat und mir scheint, als forme sich ein noch leichterer und sanfterer Beat unter der tosende Maske des peitschenden Sounds heraus. Ich sehe nur noch den Nebel um mich und mir kommt es so vor, als tanze ich allein auf dieser Tanzfläche, nein, allein in einer nebligen Unendlichkeit. Die Illusion wirkt, es kommt mir wirklich so vor, doch langsam löst sich der Nebel auf und ich merke die zuckenden Konturen der anderen tanzenden Nachtmenschen. Anmutig schmiegt sich die Musik um mich und ich muß dabei lächeln. Mit diesen stillen Lächeln tanze ich weiter und bemerke dabei, dass die Prinzessin verschwunden ist. Flüchtig schiebt sich der Gedanke in mir ein, die Tanzfläche zu verlassen und sie zu suchen, aber der Beat lässt mich nicht los, zwingt mich, auf der Tanzfläche zu verweilen und immer weiter in die Musik einzudringen.
Selten, sehr selten passiert mir es, dass ich die Musik so fühlen kann, beinahe genauso stark wie die verschwundene, unnahbare Traumfrau. Oft prallt die Musik an mir ab, als hätte ich eine eiserne Rüstung an. Nur manchmal, wenn die Musik wirklich gut ist, kann ich mich in ihr völlig eintauchen. Ob es dem Geschick des DJ’s zuzuschreiben ist oder meiner momentanen Verfassung, weiß ich nicht, ich habe das Geheimnis bis heute nicht ergründen können. Doch mir ist schon öfters aufgefallen, dass viele Mitmenschen dieses Gespür der Musik nicht kennen. Wie blinde Menschen tappen sie auf der Tanzfläche, ohne zu ahnen, dass ihnen etwas elementares fehlt. Selten erkennt man Menschen, die dieses Gefühl in sich haben, ja bei denen es noch stärker ausgeprägt ist. Verschwimmt deshalb das Mädchen von eben zu einer Traumfrau in meinen Kopf? Ich kann es nur ahnen, nicht wissen, trotzdem bedauere ich, sie nicht mehr auf der Tanzfläche zu sehen.
Der Sound bewegt sich nun in einen ruhigen Gebiet, die Bassdrum ist völlig verklungen und nur eine Melodie schwebt sachte über die Tanzfläche. Die Tanzenden bewegen sich nun alle langsam, haben ihr Tempo reduziert um das Einsetzen des Beats zu erwarten. Plump hebt ein Typ die Hände in die Luft, einer Karikatur gleich zu der Geste meiner Traumfrau von eben, die dieselbe Gestik mit einer sanften Bewegung aus Elan und Kraft zustande gebracht hat.
Langsam steigt das Tempo des Sounds wieder an und auch ich werde wieder aktiver. Das Mädchen neben mir, völlig auf Extasy schreit nun laut auf, und mit ihr die restlichen Leute auf Pille. Das Geschrei geht unter den wummernden Beat der einsetzenden Bassdrum völlig unter. Auch werde von dem Einsetzen der Musik erfasst, allerdings nicht in der Art der ganzen verstrahlten Leute um mir, bei mir beginnt wieder die Entdeckungsreise in die Tiefen der Musik. Mein Körper bewegt sich nun schneller im Takt der Musik, wie von selber, als hätte ich die Kontrolle über ihn an die Musik abgegeben.
Ein Freund taucht neben mir auf, tanzt schweigend eine Weile, lächelt dann und bietet mir eine Zigarette an. Ich nehme sie an, lächel zurück und hebe dankend die Hand, welche ich dann wieder in den Tanzbewegungen einbaue. Langsam erfasst mich die ganze Fülle der Musik. Ich verliere mich in sie und nehme kaum mehr war, dass sich einige Freunde von mir verabschieden. Auch sie blicken mich sonderbar lächelnd an. Ich selber merke es jedoch nicht, ich bin viel zu tief in der Musik vergraben. Irgendwie fühle ich mich mit der Musik vereint. Langsam drehe ich mich um meine eigene Achse, den Takt der Musik gehorchend. Dabei entdecke ich meine Traumfrau wieder. Sie hat die ganze Zeit in ihrer eigenen anmutigen Weise hinter mir getanzt. Ich freue mich darüber und blicke sie verstohlen an. Nein, sie ist in der Musik versunken. Anlabbern bringt da nichts, außerdem ist das heute nicht die Nacht dazu. Ich drehe mich wieder um 180 Grad und wende meinen Blick den Rest der tanzenden Menge zu.
Müde stehe ich an der S-Bahnstation. 9 Uhr verrät mir ein kurzer Blick auf die Bahnhofsuhr. Resigniert zucke ich die Achseln, mein Zug ist gerade abgefahren, dass heißt, 20 Minuten warten. Meine beiden Freunde, Thomas und Ani haben die naheliegende U-Bahn benutzt und hatten sich müde von mir verabschiedet. Müde gähne ich und beschließe mich, auf eine Bank zu setzen. Der gesamte Bahnhof ist besetzt mit den letzten Nachtschwärmern, die auf ihren Zug nach Hause, heim ins warme Bett, warten. Auf der nächsten Bank sitzen 2 ziemlich besoffene Nachtschwärmer. Sie stimmen gerade ein Lied mit obszönen Inhaltes an, ich beschließe, die weiter vorne auf dem Bahnsteig eine ruhigere Bank zum setzen zu suchen. Ich habe Glück, eine Bank, umgeben mit Windschutz ist leer. Müde lasse ich mich auf die Bank fallen. Langsam krame ich mir eine Zigarette aus der Tasche. Die letzte für den heutigen Clubnachtgang.
Still sitze ich da und genieße diese letzte Zigarette. Ein „Hallo“ schreckt mich aus meinen Gedanken. Ich blicke auf und entdecke die Traumprinzessin vor mir stehend. Schweigend setzt sie sich neben mir. Mein Herz fängt auf einmal an zu klopfen. Soll ich sie ansprechen oder nicht? Langsam baue ich mir einen passenden Eröffnungssatz in meinen Kopf zusammen. Doch sie ist schneller: „Hey, Dich kenne ich doch, Du warst heute im Natraj-Tempel. Du hast die ganze Zeit vor mir getanzt.“ Munter schaut sie in meinen Augen.
Ich lächele, als ich antworte, dass auch ich sie bemerkt habe.
Es war heute nicht nur eine Nacht mir guter Musik, sondern allgemein eine richtig gute Nacht, denke ich mir, als ich erfahre, dass mein Gegenüber Julia heißt.
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