Kurzgeschichten Testbericht

No-product-image
ab 10,41
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 10/2003

Erfahrungsbericht von ulmidiem

Die Jagd

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Es sollte endlich mal wieder ein richtig schöner Abend werden. Die Pizza war unterwegs, die Videos lagen bereit und das Bier lag nun schon seit zwei Stunden in dem Kühlschrank, den ich auf exakt 7 Grad Celsius eingestellt hatte. Als es dann ein wenig später klingelte und ich die Oliven-Sardellenpizza entgegennahm, konnte es schließlich losgehen.
Die Mahlzeit auf dem Schoß, das Bier in der einen, die Fernbedienung in der anderen Hand, versuchte ich eine möglichst gemütliche Position für die nächsten 102 Minuten einzunehmen. Doch als ich beinahe schon die perfekte Lage gefunden hatte, bemerkte ich ein Geräusch im Raum, welches mich entfernt an das Summen des kaputten Handstaubsaugers meiner Großmutter erinnerte. Verdammt! Es war schon wieder sie.
Sie war so unglaublich fett, dass jeder Mensch ihr die Fähigkeit fliegen zu Können, absagen würde. Da ich schon auf so einen Moment gefaßt war, packte ich die Riesenfliegenklatsche, die auf dem Bierkasten positioniert war und versuchte mich möglichst aerodynamisch dem Fernseher zu nähern. Das Biest wird mich heute Abend zum letzten Mal genervt haben, womit ich später auch Recht behielt, dachte ich mir und schlug mit voller Wucht auf die Mattscheibe ein. Ich wollte schon ein Taschentuch aus meiner Hosentasche kramen, doch irgendwie konnte ich die Überreste der Monsterfliege nicht entdecken.
Sie war mir entwischt und hatte, wie es passender nicht sein könnte, auf dem Flaschenhals meines Rothaus-Pils Platz genommen.
Grinsend schaute sie mich an und schien schon meinen nächsten Schlag zu erwarten. Doch damit hatte sie weit gefehlt. Ich wußte, sie wollte nur, dass sich mein goldgelbes Bier auf dem neuen Teppich verteilte. Ich Griff nach der Flasche und stellte sie in den Kasten zurück. Daraufhin fing die Fliege an, das gesamte Mobiliar meines Wohnzimmers, welches annähernd zerbrechlich aussah anzufliegen. Nach und nach began ich dass gesamte Wohnzimmer zu entrümpeln und stellte alle Gegenstände, die mir wertvoll erschienen oder die mich auf meiner späteren Jagd behindern sollten auszuräumen.
Als die Arbeit vollbracht war, bewaffnete ich mich abermals mit der Klatsche und machte mich auf die Suche nach meinem Opfer. Ich entdeckte es, als es sich die Hinterpfoten an meiner Pizza abrubbelte und mit Sicherheit tausende von Bakterien auf ihr verteilte. Ich überlegte kurz, machte einen Schritt auf den Karton zu, und schloß ihn mit einer Handbewegung. Doch die Fliege war abermals schneller als ich und floh auf den Fenstersims. Jetzt hatte ich genug. Wenn die List nicht mehr half, mußte rohe Gewalt her. Mit einem riesigen Satz sprang ich auf die Fliege zu, übersah dabei, dass ich den Schemel ein Stück von der Wand gerückt hatte um den Stecker meiner Keramiklampe zu ziehen und flog Kopf voraus gegen die sündhaft teure Holzschnitzerei eines afrikanischen Fruchtbarkeitsgottes. Wie nicht anders zu erwarten, brach ausgerechnet das Symbol der Manneskraft ab. Verdammt!!
Gleich darauf landete das Ungetüm auf meinem linken Ohr und begann daran zu knabbern. Da ich völlig außer Kräften war verjagte ich es, aber nach einigen fröhlich durchsummten Runden kehrte sie zurück. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrere Male. Ich wurde ein wenig nervös, rappelte mich auf und beäugte die Fliege, die sich ausnahmsweise auf dem Fernseher breitgemacht hatte. Ob sie männlichen oder weiblichen Geschlechts war, konnte ich nicht feststellen, dazu kam ich nicht nahe genug heran. Auch blieb mir verborgen, warum diese Fliege gerade an meinem Ohr so großen Geschmack fand.
Es war ein Ohr wie jedes andere auch. Dennoch schien seine Anziehungskraft schlechthin unwiderstehlich zu sein. Als ich es mit der Hand schützte, setzte sie sich auf meine Hand, und als ich sie von meiner Hand verjagen wollte, setzte sie sich auf mein linkes Ohr. Da diese Fliege anscheinend wirklich unfähig war zu kooperieren, gab es dann keine andere Lösung mehr, als sie notgedrungen zu töten.
In meiner Verzweiflung erinnerte ich mich, dass Fliegen auf geheimnisvolle Weise vom Licht angezogen werden und in der Dunkelheit völlig verloren sind. Also verdunkelte ich mein Wohnzimmer und öffnete beide Fensterflügel, in der sicheren Zuversicht, dass das Sonnenlicht den ungebetenen Plagegeist ins Freie locken würde. Obendrein zog ich ein dunkles Tuch über den Kopf, um der Fliege das Verlassen meines linken Ohres zu erleichtern. Nach einer kleinen Weile sprang ich zum Fenster, schloß es mit einem Ruck und wandte mich um.
Das Zimmer war voller Fliegen. Sie alle zu zählen war unmöglich. Meine eigene erkannte ich mühelos daran, dass sie sich immer wieder mit höhnischem Summen auf meinem linken Ohr niederließ. Auch das Summen erkannte ich, obwohl jetzt schon der ganze Raum summte. Verzweifelt griff ich auf die letzte aller Möglichkeiten zurück: Chemische Waffen.
Da alles auf dem Spiel stand las ich zuvor die Gebrauchsanweisung des Fliegensprays:
\"... säubert ihr Haus von Insekten. Für Menschen und Haustiere ist es ungefährlich. Um das bestmögliche Ergebnis bei der Bekämpfung von Fliegen zu erzielen, empfiehlt es sich, alle Türen zu schließen und alle Räume in ihrer ganzen Breite auszusprühen. Nach ungefähr zehn Minuten sind die Fenster wieder zu öffnen und die toten Fliegen hinauszukehren.\"
Ich schloß also Fenster und Türen und besprühte das Hausinnere bis ich meine Hände nicht mehr bewegen konnte. Dann setzte ich mich für zehn Minuten hin. Die fette Monsterfliege saß immer noch auf meinem linken Ohr .Nach ungefähr fünf Minuten wurde mir in dem engen, muffigen, übelriechenden Raum schwindelig. Nach weiteren zwei Minuten bekam ich keine Luft mehr. Ich fiel zu Boden. Mit letzter Anstrengung kroch ich zur Tür.
Aber da waren die zehn Minuten schon vorbei. Die Fliegen öffneten dass Fenster und kehrten mich heraus.

Fin
°Diem°

In Anlehnung an Ephraim Kishon

8 Bewertungen