Erfahrungsbericht von Anachronistin
Veränderungen
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Nein
Die nachfolgend verzeichnete Kurzgeschichte fand ich durch Zufall, als ich in alten Schulheftern blätterte.
Da mich im Deutsch-Unterricht des öfteren die Langeweile plagte, weil ich, im Gegensatz zum Mathematik-Unterricht, schon alles wusste (...), war ich stets bemüht, mich eigenständig sinnvoll zu beschäftigen, weil ich einerseits für mich eine gewisse Produktivität verzeichnen, und andererseits die Lernprozesse meiner lieben Mitschüler nicht unterbrechen bzw. stören wollte.
Mal im Ernst, wenn ich mich recht entsinne, habe ich diese Geschichte für eine Freundin geschrieben, welche zu eben dieser Zeit in argen Schwierigkeiten steckte.
So schrieb ich also im Januar 1996, damals 17 jährig, folgende Geschichte.
Veränderungen
Er steht in einem kleinen, abgedunkelten Raum und schaut aus der Dunkelheit in die Dunkelheit, denn er sieht aus dem Fenster und betrachtet die schwach durch den Mond beleuchteten Bäume, die auf einer Anhöhe stehen. Interessiert betrachtet er die Schatten, welche die Bäume werfen; wie sich Hell und Dunkel abwechseln.
Plötzlich spürt er, wie sein Kopf immer schwerer wird. Er hat das Gefühl, dass sein Körper zu schwach ist, den Kopf weiter aufrecht tragen zu können.
Er öffnet nun weit das Fenster. Nun lässt er den Kopf herunter hängen. Der Hals dehnt sich und scheint einem Gummiband gleich zu werden, er wird immer länger und immer länger. Auf einmal werden Hals und Kopf zu einer Art Pendel, welches sich hin und her bewegt.
Er möchte den Kopf wieder anheben, möchte geradeaus sehen. Nur mit großen Anstrengungen gelingt es ihm, seinen Hals wieder zu verkürzen. Er spürt ein Knacken und Reißen in der Nackengegend, dann ein gedehntes ziehen, durch welches sein Hals wie durch eine Kurbel wieder auf normale Länge gebracht wird. Mit einem unbeschreiblich merkwürdigen Geräusch sitzt sein Kopf wieder oberhalb seiner Schultern. Er ist froh darüber.
Er sieht auf und entdeckt am Horizont ein unwahrscheinlich schönes, rundes, rötliches Gebilde – die Sonne.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 19:18:59 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt – Teil 1: Der Hund
Geschichten, die der Irrsinn schreibt – Teil 1: Der Hund
Mir war, als sei noch jemand da außer mir, dem Hund und dem Ehepaar, das etwas 100 meter vor mir lief. Der Hund lief einträchtig neben mir her, für mein Dafürhalten viel langsamer, braver als sonst.
Es war auch noch etwas da, nichts Lebendiges, oder doch? Es ist hinter mir, wohin ich mich auch wende, es bleibt hinter meinem Rücken. Es ist ganz still, sitzt in meinem Nacken. Jetzt weiß ich, was es ist. Es ist Angst; nackte, kalte, stille Angst. Warum sucht sie sich nicht einen anderen dafür aus?
Die Welt ist einfarbig geworden. Die Farbnuancen der Umwelt, der Natur, sind fast gleich. Das Feld ist grau, braun ragen die Stümpfe des abgeernteten Getreides aus der dunklen Erde. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen wirr und verschwommen da oben, wie an eine Pinnwand geheftet.
Das wenige Grün, was vom restlichen Gras herrührt, kann die leblose Stimmung auch nicht heben. Ein Farbton passt nicht, dieses stechende Rot der Hunde-Roll-Leine. Sie ist fünf Meter lang. Sie ist rot! Aggressiv sticht sie hervor. Warum hat der Hund eine derartig rote Leine?
Es ist neblig.
Der Hund stinkt, denn er hat sich in einem Hunde-Haufen gewälzt. Ich habe sein Fell berührt. Ich werde diesen furchtbaren Gestank nicht mehr los, ich halte die Hände in eine Pfütze, wische sie im Gras ab, nehme das stark riechende Hunde-Leckerlie in die Hände. – Nichts hilft, der Gestank bleibt; sitzt fest, so fest wie die Angst in meinem Nacken. Ich versuche, nicht mit den Händen in die Nähe meines Gesichts zu kommen, aber es stinkt trotzdem. Mir wird schlecht; ich fühle mich nicht in der Lage, tief durchzuatmen.
Ich bin traurig, einsam und winzig klein; und in dieser Kleinheit so schrecklich unwichtig.
Aus dem Nichts taucht plötzlich ein Radfahrer hinter mir auf. Bei dessen Näherkommen erkenne ich einen alten Mann mit schlohweißem Haar, der niemanden (an-)sieht, sondern nur geradeaus starrt und mühsam in die Pedale tritt. Angenommen, er fährt jeden Tag hier entlang, dann sieht es schlecht aus für ihn. So langsam, behäbig, angestrengt. Wie oft er diesen Weg wohl noch fahren wird? Vielleicht ein Jahr.
Das Ehepaar und der alte Mann sind meinen Augen entschwunden. Der Hund läuft stocksteif, die Kopf-Hals-Partie zeigt eine Linie mit dem Rücken des Tieres. Die Rute steht nach oben, wedelt nicht. Unruhig sieht sich das Tier um.
Der Hund wedelt plötzlich wieder mit dem Schwanz als wäre nichts gewesen. – Verbreite ich Unruhe?
Oktober 1994
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 19:39:19 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 2: Wald, Wind, Menschen
Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 2: Wald, Wind, Menschen
Bei den folgenden Aufzeichnungen handelt es sich um wirre Gedanken, sie waren plötzlich da, liefen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Man könnte es auch Eingebungen nennen, aber das widerstrebt mir irgendwie.
1. Ich stehe auf einem großen Feld. In einiger Entfernung ist ein Wald. Ich sehe mich aus der Vogelperspektive. Das Feld ist grau-braun, der Wald in ähnlichem Farbton, mit nur wenig grün. Es weht ein starker Wind. Ich glaube, es ist nicht sehr kalt. Der Wind heult und pfeift wie in einer Wohnung, wo es unter den Türen hindurch zeiht. Niemand außer mir ist zu sehen, weder Mensch noch Tier. Ich bin ganz allein.
2. Die Menschen wollen bunte Blumen, in hellen, frohen Farben. Eine Blume unter vielen bleibt unbeachtet, denn sie ist schwarz. Blüte, Stiel, Blätter – alles schwarz. Sie hat Ähnlichkeit mit einer Rose. Die Blume steht am Rande eines Waldes. Keiner kennt die Blume und weiß von ihrem Vorhandensein. Anscheinend weiß nur ich von ihr. Vielleicht soll es so sein.
Es brennt, der Wald ist kaum betroffen. Das Feuer brennt nur so lange, bis die
schwarze Blume völlig zu Asche zerfallen ist, dann erlischt es. Der Wald liegt wieder
genauso ruhig da wie zuvor. Aber ein kleiner Haufen Asche bleibt zurück. Ein feiner,
kleiner, säuberlich geschichteter Haufen. Vielleicht ist es eine Mahnung an die
Menschheit.
Niemand vermisst die Blume.
Ich bin traurig.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-18 20:09:56 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 3: Schneeflocken
Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 3: Schneeflocken
Die nachfolgenden Aufzeichnungen beinhalten sowohl Realität als auch Phantasie. Im Original habe ich eine farbliche Differenzierung vorgenommen, was mir hier bei YOPI nicht gelingen mag. Wahrscheinlich bin ich entweder zu faul oder zu blöd, als das ich die Hinweise zum Schreiben der Meinungen begreifen würde. Vielleicht kann mir ja mal jemand diesbezüglich auf die Sprünge helfen.
Um doch noch eine gewisse Struktur zu erreichen, werde ich Realität und Vorstellung durch Absätze voneinander trennen.
Heute Nachmittag war ich mit meinem Pflegehund spazieren. Es schneite, und ich sah in die Richtung, aus der die Schneeflocken schnell auf mich zugeflogen kamen.
Doch nicht die Schneeflocken waren es, die flogen, sondern ich. Ganz schnell flog ich immer höher und immer weiter, weiter weg. Die Schneeflocken beneideten mich darum, dass ich dorthin fliegen konnte, denn auch sie wollten weg.
Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich bekam nur schwer Luft, fühlte mich egoistisch und mächtig, irgendwie selbstsüchtig, weil ich die armen Flocken so außer Acht ließ.
Nun sah ich die Situation aus einer anderen Perspektive. Ich sah zu Boden. Da die Temperatur zu hoch war, schmolzen die Schneeflocken, sobald sie den Boden erlangten.
Ich liege im Sarg und bin schon beerdigt worden. Langsam und vorsichtig fallen die Flocken auf die frische Erde und decken mich zu.
Wieder sehe ich zu den auf mich zurasenden Flocken.
Bald bin ich zugeschneit, bin ganz weiß und verschmelze in dieser „Weißheit“ mit der verschneiten Umgebung. Niemand kann mich sehen, aber ich kann die Menschen wie durch ein kleines Fenster genau beobachten.
Ich sehe erneut zu Boden, im ersten Moment habe ich Mitleid mit den Flocken, weil sie auf dem warmen Boden schmelzen. Dann lache ich innerlich, lache sie aus, die dummen kleinen Biester. Erst wollen sie so schnell wie möglich auf die erde kommen, und dann sind sie enttäuscht, unten angekommen zu sein, denn sie bezahlen mit dem Tod. Ich fühle mich erhaben, ihnen gegenüber.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 21:10:12 mit dem Titel Geschichten, die der Wahnsinn schreibt. Teil 4: Indianer
Geschichten, die der Wahnsinn schreibt. Teil 4:Indianer
Falls die geneigten Leser bemüht sein sollten, mir bzw. zumindest dieser Geschichte Verständnis entgegen zu bringen, so möchte ich vorab sagen: Plagt Euch nicht zu lange! Solche Geschichten entstehen zuhauf in mir. Ich kann nicht immer erklären, warum. Ich könnte auch nur wenig zur Aufklärung beitragen.
Liebe Grüße von der Anachronistin!
Ich habe Hunger. Mir ist kalt. Ich werde beobachtet.
Ich werde erschossen. Spüre gerade, wie sich die Kugel in mich bohrt, doch ich kann nicht sterben. Plötzlich sind da wilde Tiere mit Hufen, eine ganze Herde. Sie stürmen auf mich zu, ich liege doch am Boden. Sie beachten mich nicht und trampeln auf mir herum, überrennen mich einfach. Habe ich Schmerzen dabei? – Ich glaube nicht. – Es sind ja bloß Messer. Ach nein, gerade waren es Hufe. Ich mag Hufe, na ja, eher die Tiere, die daran hängen. Schweiß rinnt über mein Gesicht, weil die Sonne so brennt. Ich bin ja in der Wüste und liege da so rum. Die Indianer kommen und nehmen mich mit in ihr Lager, weil sie mich gesund pflegen wollen. Sie haben Ziegenleder. Ich soll mich verkleiden. Was soll diese Maskerade? – Immer das Gleiche. Sie malen mein Gesicht an. Ich komme mir vor wie einer dieser lachenden Clowns, die eigentlich todtraurig sind. Aber die Indianer müssen nun ein Zebra erschießen gehen, weil sie so hungrig sind. – Kein Wunder, mussten sie mich doch vorhin die ganze Strecke bis zu ihrem Lager schleppen.
Ich bin grün. Komisch. Es sprudelt. Ich bin in einer Quelle. Die Leute füllen das Mineralwasser in Flaschen. Sie merken gar nicht, dass ich in dem Riesentopf schwimme und zu ertrinken drohe.
Die Leute sprechen eine andere Sprache als ich.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-07 11:53:51 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 5: Welt
Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 5: Welt
Auch diese Geschichte zeigt wieder mich, zeigt die Welt, in der ich lebte, die eine andere zu sein schien, als die heutige. Oder war es doch dieselbe? Habe ich sie nur anders wahrgenommen? Warum? Was geschah mit mir? Und wer war ich in der Geschichte?
Was meint ihr?
Ich sitze in der blauen Sonne von Afrika, in der Hand halte ich einen trockenen Schwamm. Aggressiv drücke ich darauf herum, Schnee rieselt heraus. Der Wind verdunkelt sich, und plötzlich geht die Zigarette aus. Die Sterne beginnen ihre Wanderung zum Südpol, und es wird immer wärmer.
Ein Schwan sitzt auf einem großen Baum und lässt seine vier Beinchen herunterbaumeln. Passend dazu singt eine Katze ihr Lied vom Mai, träumt von einem fetten Kater in einer lauen Herbstnacht. Auf einmal ertönt ein lautes Dröhnen. Es geht aus von der lieben Fliege mit dem hübschen grün-blau glänzenden Körper. Sie verliert im Flug Federn. Kein Wunder, denn die Zeit des Fellwechsels ist vorbei. Alle weinen bitterlich in Anbetracht der nahenden Wiedergeburt des Weihnachtsmannes.
Erfreut Euch am Duft der Geschichte. Es riecht nach Strom.
Mein Hirn macht seltsame Ausflüge ins Land der Möglichkeiten.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 22:16:05 mit dem Titel Verlust ... Leben ... Schmerz ...
Verlust ... Leben ... Schmerz ...
Die Deutung der nachfolgend erzählten Geschichte dürfte nicht schwer fallen. Ich mochte sie lieber so erzählen als im herkömmlichen „Erfahrungsbericht-Stil“.
Also denkt beim Lesen, was ihr meint, denken zu müssen. Es wird vermutlich wahr sein, was Euch einfällt.
Teil 1:
Mitten auf einem Feld türmt sich ein riesiger Watteberg auf. Ich liege oben auf diesem unnatürlichen Hügel, die empfindlichste, angreifbarste Stelle – mein bauch – zeigt gen Himmel. In Watte gepackt und doch in größter Gefahr. Ein Greifvogel stürzt auf mich herab, bedrohlich starren mich die gelben Augen an. Die scharfen Klauen bohren sich in meinen Körper. Der gebogene Schnabel reißt mir den Bauch auf. Der große Vogel scheint etwas zu suchen. Mein Mund ist weit geöffnet, doch viel zu geschockt bin ich, schreien ist mir unmöglich.
Er nahm mir Unwiederbringliches, und flog mit fast lautlosem Flügelschlag davon.
Teil 2:
Mit seiner Beute fliegt er weiter. Sein Gesicht verzieht sich zu einem fast freundlichen Grinsen. Er fliegt zu dem Fenster eines gemütlichen Häuschens hinein, zum Bett einer Frau. Dort setzt er sich, öffnet den Bauch dieser Frau und stopft vorsichtig seine Beute hinein.
Sie wacht im Morgengrauen auf und ist glücklich. Er auch.
Grinsend stehen sie am Fenster und zeigen in die Richtung, aus welcher der große Vogel des Nachts kam.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-08 20:07:29 mit dem Titel Die Parkbank - Perspektivenwechsel
Die Parkbank - Perspektivenwechsel
Ich kannte diese Parkbank nicht. Sie stand an dem See, den ich während eines Spazierganges umrundet hatte.
Ich hörte den Gesang der Vögel, beobachtete ein Eichhörnchen, wie es kunstvoll einen Baumstamm zu erklimmen versuchte.
Ich war müde vom Laufen. Die Hoffnung auf eine Parkbank hatte ich fast schon aufgegeben. Doch nun stand sie da am Rande des Sees. Das Schilf wiegte sich mit den Bewegungen des Windes.
Die Bank war nicht mehr neu, das konnte ich aus der Entfernung schon sehen. Der Kunststoff war über die Jahre durch die Sonneneinstrahlung ausgeblichen. Wie lange sie wohl dort schon stehen mochte? – Jedenfalls erschien es mir beim Näherkommen so, als stünde sie am schönsten, malerischsten Fleckchen, welches ich auf meinem Spaziergang erreicht hatte.
Die Parkbank hatte bereits einen Gast angezogen, sie war also nicht frei.
Ich überlegte, ob dieser Mensch, der dort saß, sich daran stören würde, wenn ich mich zu ihm setzte. Ja, störte es mich denn eigentlich?
Ich war erschöpft und ein wenig müde, wollte im Grunde genommen nur sitzen und die Ruhe genießen. Mir stand der Sinn nicht nach einer Unterhaltung, schon gar nicht nach einem oberflächlichen Smalltalk. Wie würde das denn klingen, wenn ich, weil ich nicht unhöflich sein wollte, fragen würde, ob denn der Platz neben dem einzelnen Menschen noch frei wäre. Natürlich war er frei. Obwohl, so genau konnte ich das ja gar nicht wissen. Vielleicht war der Mann, der dort saß – ich war jetzt so nahe gekommen, dass ich erkennen konnte, dass es sich um einen Mann handelte – in Begleitung. Ja, vielleicht war er ja mit seiner Frau unterwegs, oder einer Freundin. Eventuell wollte diese sich nur eben die Beine vertreten, um dann zu ihm zurück zu kehren. – Nun, ich wollte jetzt auch kein Liebespaar stören. Und schon gar nicht ihre Küsse beobachten. Was sollten die denn denken?
Meine Gedanken drehten sich im Kreis.
Weit und breit war, außer dem Mann, kein anderer Mensch zu sehen. Ich zerschlug also meine Befürchtungen, dass sich – gleichzeitig mit mir – noch ein weiterer Mensch der Parkbank nähern würde.
Mit gleichbleibender Geschwindigkeit ging ich auf die Bank und den dort sitzenden Mann zu. Ich glaubte zu erkennen, dass er etwas verunsichert wirkte. Zumindest war er unentschlossen. Er hatte eine Zeitung bei sich – die ZEIT – und schien sich nicht recht entscheiden zu können, ob er nun darin lesen sollte oder nicht. Eventuell machte er sich gerade ähnliche Gedanken wie ich.
Ich bemerkte, dass ich noch immer den Zweig bei mir trug, den ich vorhin gepflückt hatte, um zu Hause in meinem Pflanzenbuch nachzuschauen, um welche Art es sich handelte. Nun war ich richtig froh, diesen Zweig bei mir zu haben, denn ich hatte das Gefühl, dass er mir ein wenig Unterstützung auf meinem Weg zur Bank gab. Sollte ich nun wegen des freien Platzes neben dem Mann fragen?
Seine Augen waren schön, wie ich feststellte, als ich ihn fragte. Sie erschienen mir so blau und glitzernd, wie die Wasseroberfläche des Sees, der in der Sonne glänzte.
Der Mann antwortete nicht, sondern wies mit seiner Zeitung neben sich. Ich konnte mich also setzen. Jetzt musste ich lächeln, weil wir beide mit einem Gegenstand „bewaffnet“ waren, er mit seiner Zeitung, und ich mit diesem Zweig.
Ich spürte eine seltsame Aufregung, und gleichzeitig tiefes Wohlbefinden. Ich genoss es, neben diesem Mann sitzen zu können.
Heimlich beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel. Er war etwas älter und größer als ich, und er gefiel mir auf Anhieb. Ich fand ihn attraktiv.
Meine Atmung wurde ruhiger, als ich eine Weile gesessen hatte. Nun konnte ich ihn atmen hören. Kam es mir nur so vor, oder hatte unsere Atmung den gleichen Rhythmus? Selbst wenn, war das wichtig?
Ich überlegte, dass ich es, unerklärlicher Weise, schade fände, wenn er aufstehen und gehen würde. Es war schön, hier neben ihm auf der Bank am See zu sitzen und zu schweigen.
Wer von uns beiden wohl zuerst aufstehen würde? Ich oder er? Zeit hatte ich genug, also würde ich warten.
Irgendwann stand er auf. Es war ungewöhnlich, weil es fast wie in Zeitlupe geschah. Der Mann sah aus, als würde er seine letzten Kräfte zusammenraffen, um aufstehen zu können.
Ich war mir nicht sicher, glaube aber, dass er sich verabschiedet hat. Mehr als ein Murmeln habe ich allerdings nicht verstanden.
Der Mann hatte seine Zeitung vergessen. Also rief ich ihm nach, als er sich bereits einige Schritte entfernt hatte. Er dreht sich um, und kam zurück zu mir und der Parkbank.
Irgendwann hat er mir dann erzählt, dass es mal „seine“ Parkbank gewesen wäre. Nun ist es unsere. Die „ZEIT“ hat sich gelohnt, für uns beide.
Wir sind zusammen weiter gegangen, bis heute.
Anmerkung der Anachronistin: Ähnlichkeiten mit zwei anderen Kurzgeschichten, ebenfalls bei YOPI von zwei anderen Autoren veröffentlicht, sind nicht zufällig, sondern gewollt.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-07 21:16:46 mit dem Titel Als die Milch sauer wurde
Als die Milch sauer wurde
Ich hatte mir am Nachmittag Kaffee gekocht, um mich gemütlich mit selbigem den neuesten YOPI-Beiträgen zu widmen. Viele der Berichte erweckten mein Interesse, manche hinterließen ein seltsames Bauchgefühl, einige ließen mich schmunzeln.
Kaum einmal sah ich in meine Tasse, füllte sie zwar stets wieder auf, doch war ich dabei so in Gedanken versunken, dass ich erst beim Blick in die dritte Tasse feststellte, dass die Milch flockte. Ich war etwas irritiert, überlegte, ob die beigefügte Milch bereits bei der ersten Tasse sauer gewesen war. Hätte ich das nicht bemerken müssen? – Ich stellte mir die, wohl etwas absurde, Frage, wie das denn so plötzlich hatte passieren können.
Nun war die saure Milch nichts, was mich aus der Bahn werfen würde. Es war nichts passiert, was mich nachhaltig beschäftigen würde. Dachte ich.
Wie ist das eigentlich, wenn etwas so „plötzlich“ geschieht? Wie oft wird man im Alltag aufgerüttelt von scheinbar plötzlichen Ereignissen, die einen so überraschen (oftmals dann auch unangenehm)? – Da wird aus dem größten Realisten auf einmal (plötzlich!) ein fatalistischer Mensch. Das Schicksal spielt uns böse mit, es spielt uns einen Streich, die Welt meint es böse mit uns.
Der Mensch ist so überrascht, weil er zuerst einmal den Schaden feststellt, seine Benachteiligung erlebt, den augenblicklichen Zustand mit dem vorherigen vergleicht, und sich selbst mit anderen Menschen, denen es natürlich viel besser geht.
Milch wird immer irgendwann sauer. Das weiß auch jeder. Trotzdem ist man immer wieder erstaunt.
Doch die Milch war ja nur der Ausgangspunkt.
Nichts bleibt, wie es ist, nichts, wie es war.
Kein Tatsache ist ohne Bedingung.
Keine Bedingung ist ohne Tatsache.
Kein Schaden ist ohne Verursacher.
Kein Verursacher ist ohne Schaden.
Keine Liebe lebt ohne Wunder.
Kein Wunder lebt ohne Liebe.
Kein Schmerz ist ohne Wunde.
Keine Wunde ist ohne Schmerz.
Weiße Westen bleiben nicht ewig weiß.
Keine Wüste ist ohne Sand.
Aber es gibt Sand außerhalb von Wüsten.
Wo ist man selbst in diesem Kreislauf? Ist „Plötzliches“ wirklich immer so plötzlich?
Was bringt uns dazu, etwas als dergestalt anzunehmen? Sich selbst ausklammernd, mag dies funktionieren, doch nur für den Augenblick.
Wann eigentlich sucht man die eigene Verantwortung?
Und sei es nur die Milch, die den ganzen Tag bei 26 Grad in der Küche gestanden hatte, weil man sie dort vergaß. Sie wollte eigentlich nur ein bisschen gekühlt werden.
07.08.2002
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-20 18:01:39 mit dem Titel Meine erste eigene Wohnung - wie war das eigentlich?
Meine erste eigene Wohnung – wie war das eigentlich?
Es war in einer kühlen Frühlingsnacht, als ich in den Morgenstunden – es muss so gegen vier Uhr gewesen sein – aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich hörte ein Gewirr aus menschlichen Stimmen im Treppenhaus, dröhnende Musik vom über mir wohnenden Nachbarn und dazwischen Hundegebell. Es war Arthur, der Deutsche Schäferhund, der die nun beginnende Party seines Herrchens miterleben „durfte“. Neben den Bässen war immer nur ein gesungenes Wort herauszuhören „Fliegeralarm...“. – Ich stand gewissermaßen im Bett und hatte ein unheimliches Gefühl im Bauch.
Meinen Nachbarn hatte ich schon persönlich kennen gelernt, als ich mit meinem damaligen Freund im Innenhof auf der Wiese gesessen hatte. Ich gewährte meinem Kaninchen etwas Auslauf und den Genuss frischen Grüns, als der Nachbar mit seinem Schäferhund näher kam. Neben ihm lief sein Kumpel, der den Nachbarn fragte, was wir wohl für „Zecken“ seien. Zur Antwort bekam er einen Stoß in die Rippen und hielt dann – dankbarer Weise – seine Klappe. Wir begannen eine Art Smalltalk, und ich erfuhr, dass mein Nachbar Micha hieß. Recht ungehemmt erzählte er von sich, meinte, er wäre gar nicht so schlimm, wie er vielleicht aussehen würde. Immerhin würde er mittlerweile auf seine Springerstiefel verzichten, da er diese nicht mehr bräuchte. „Solche Sachen“ würde er ja schon längere Zeit nicht mehr machen. Sein Kumpel grinste dümmlich dazu und prahlte stolz, er hätte vor wenigen Tagen einen tollen Baseballschläger erworben... Wieder setzte es von Micha einen Stoß in die Rippen. Der andere schwieg wieder.
Einige Tage später traf ich Micha im Treppenhaus. Er fragte mich, ob ich nicht am nächsten Freitag zu seiner Geburtstagsparty kommen wolle. – Gleichermaßen überrascht und erschrocken wich ich aus, meinte, ich würde ihm Bescheid geben.
Ich habe den ganzen Tag hin und her überlegt. Ich hatte wirklich keine Lust auf ein Saufgelage unter Skins, wusste aber auch nicht einzuschätzen, wie sich eine Absage auswirken würde.
Der Freitag kam. Ich ging zu Micha. Als er seine Wohnungstür öffnete, sprang mich zuerst sein Schäferhund an, wobei ich fast das Gleichgewicht verlor.
In der ganzen Wohnung roch es nach Hund, Bier und Zigarettenrauch.
Im Wohnzimmer saßen drei weitere junge Männer, die mich düster musterten. Ihre Mimik sagte rein gar nichts aus. Was sie wohl über mich dachten?
Ich setzte mich. Alle schwiegen. Wir tranken Bier. Ich sah mich in der Wohnung um. An der Decke des Wohnzimmer hing ein Tarnnetz der Bundeswehr, überall verteilt lagen Stahlhelme. Der Hund legte seinen riesigen Kopf auf meinen Schoß.
Micha wies mit der Hand auf seinen Videorecorder und blickte in die Runde. Seine drei Kumpel brummten zustimmend. Dann sahen wir gemeinsam – immer noch schweigend – einen Teil von „Freitag der 13.“. Ich schüttelte innerlich den Kopf und fragte mich fortwährend, wie ich diesen Abend überstehen sollte.
Irgendwann hatte ich ein dringendes Bedürfnis, das Bier machte sich in meiner Blase bemerkbar. Das wurde auch nicht besser durch den schweren Hundekopf auf meinem Schoß.
Beim Betreten der Wohnung hatte ich festgestellt, dass Michas Bad keine Tür hatte, und dass diesem Raum ein recht scharfer Geruch entströmte. – Das störte aber keinen der Anwesenden. Alle nutzten das Bad ohne Kommentar.
Unter einem Vorwand verließ ich dies triste Beisammensein, um in meine Wohnung zu flüchten. Micha bedankte sich überschwänglich für meinen Besuch. Ich verstand gar nichts mehr.
Tage später wurde ich in der Nähe des Bahnhofs von einer Truppe Skins angepöbelt. Plötzlich erschien Micha wie aus dem Nichts und erklärte den anderen, ich wäre schon in Ordnung, und sie sollten mich in Ruhe lassen. – Solche Situationen erlebte ich des öfteren. Ich hatte nie ernsthaften Ärger, weil ich Micha kannte, der scheinbar in der Szene anerkannt war.
Zurück zum Anfang. „Fliegeralarm“ schallte durch das Haus, ich war müde. Hatte vor kurzem meine Ausbildung geschmissen, die ich nach dem Sozialen Jahr und dem Abi begonnen hatte. Krankenschwester hatte ich werden wollen. Nach drei Monaten kündigte ich. Meine Eltern gerieten etwas in Panik.
Ich hatte mich um einen Studienplatz beworben und eine Absage erhalten. Wie ungerecht die Welt doch war...
Ich jobbte ein wenig und löste meinen Bausparvertrag auf. Da meine Miete gering war (zwei Zimmer, Küche, Wannenbad, Ofenheizung – nur ein Allesbrenner für die gesamte Wohnung, im Winter schweinekalt), hatte ich ein ganz ordentliches Auskommen. Mein Leben bestand nunmehr aus langem Schlafen, mindestens drei Kneipen- bzw. Clubabenden pro Woche, Langeweile, flüchtigen Bekanntschaften und dem Freund, der sich in einer ähnlichen Situation befand, wie ich. – Ich gab mir alle Mühe, mich absolut frei und unabhängig zu fühlen und diese Zeit zu genießen. Es gelang nicht immer. Oft habe ich heulend in meiner Wohnung gesessen – ziellos, planlos. Ich habe alles so gehasst. So ein Party-Dasein war nie etwas, was mich gereizt hätte. Diese ständige nach außen gekehrte gute Laune. Dieses, „Na klar gehen wir nachher noch da und dort hin“. Alles Unsinn.
Meine Wohnung war für mich Halt und Hoffnungslosigkeit in einem. So viele Erinnerungen hatten sich dort angesammelt, die ich gar nicht mehr richtig einordnen konnte. Manchmal war es in den vier Wänden wie in einem Alptraum. Ich überlegte, wer diese Wohnung schon alles betreten hatte, wer dort gelacht, geweint, geschimpft und geschwiegen hatte.
Etwas musste sich ändern. Ich brauchte wieder Pläne und Ziele. Ich verabschiedete mich vom Party-Alltag, begann, wieder mehr zu schreiben, schrieb wieder Bewerbungen und kam mit mir ins Reine. Nach einiger Zeit konnte ich auch meine Wohnung wieder mögen. Ich hatte beim Betreten wieder ein „Zuhause-Gefühl“.
Ich träume oft von dieser Wohnung. Und trotz ihrer Einfachheit, trotz der Kälte im Winter, den seltsamen Nachbarn und trotz meines komischen Lebensstils zu dieser Zeit – ich möchte nichts von all dem missen. Ich habe viel über mich gelernt in dieser Zeit. Insbesondere habe ich damals gelernt, wie man wieder aufsteht.
20.08.2002
Da mich im Deutsch-Unterricht des öfteren die Langeweile plagte, weil ich, im Gegensatz zum Mathematik-Unterricht, schon alles wusste (...), war ich stets bemüht, mich eigenständig sinnvoll zu beschäftigen, weil ich einerseits für mich eine gewisse Produktivität verzeichnen, und andererseits die Lernprozesse meiner lieben Mitschüler nicht unterbrechen bzw. stören wollte.
Mal im Ernst, wenn ich mich recht entsinne, habe ich diese Geschichte für eine Freundin geschrieben, welche zu eben dieser Zeit in argen Schwierigkeiten steckte.
So schrieb ich also im Januar 1996, damals 17 jährig, folgende Geschichte.
Veränderungen
Er steht in einem kleinen, abgedunkelten Raum und schaut aus der Dunkelheit in die Dunkelheit, denn er sieht aus dem Fenster und betrachtet die schwach durch den Mond beleuchteten Bäume, die auf einer Anhöhe stehen. Interessiert betrachtet er die Schatten, welche die Bäume werfen; wie sich Hell und Dunkel abwechseln.
Plötzlich spürt er, wie sein Kopf immer schwerer wird. Er hat das Gefühl, dass sein Körper zu schwach ist, den Kopf weiter aufrecht tragen zu können.
Er öffnet nun weit das Fenster. Nun lässt er den Kopf herunter hängen. Der Hals dehnt sich und scheint einem Gummiband gleich zu werden, er wird immer länger und immer länger. Auf einmal werden Hals und Kopf zu einer Art Pendel, welches sich hin und her bewegt.
Er möchte den Kopf wieder anheben, möchte geradeaus sehen. Nur mit großen Anstrengungen gelingt es ihm, seinen Hals wieder zu verkürzen. Er spürt ein Knacken und Reißen in der Nackengegend, dann ein gedehntes ziehen, durch welches sein Hals wie durch eine Kurbel wieder auf normale Länge gebracht wird. Mit einem unbeschreiblich merkwürdigen Geräusch sitzt sein Kopf wieder oberhalb seiner Schultern. Er ist froh darüber.
Er sieht auf und entdeckt am Horizont ein unwahrscheinlich schönes, rundes, rötliches Gebilde – die Sonne.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 19:18:59 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt – Teil 1: Der Hund
Geschichten, die der Irrsinn schreibt – Teil 1: Der Hund
Mir war, als sei noch jemand da außer mir, dem Hund und dem Ehepaar, das etwas 100 meter vor mir lief. Der Hund lief einträchtig neben mir her, für mein Dafürhalten viel langsamer, braver als sonst.
Es war auch noch etwas da, nichts Lebendiges, oder doch? Es ist hinter mir, wohin ich mich auch wende, es bleibt hinter meinem Rücken. Es ist ganz still, sitzt in meinem Nacken. Jetzt weiß ich, was es ist. Es ist Angst; nackte, kalte, stille Angst. Warum sucht sie sich nicht einen anderen dafür aus?
Die Welt ist einfarbig geworden. Die Farbnuancen der Umwelt, der Natur, sind fast gleich. Das Feld ist grau, braun ragen die Stümpfe des abgeernteten Getreides aus der dunklen Erde. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen wirr und verschwommen da oben, wie an eine Pinnwand geheftet.
Das wenige Grün, was vom restlichen Gras herrührt, kann die leblose Stimmung auch nicht heben. Ein Farbton passt nicht, dieses stechende Rot der Hunde-Roll-Leine. Sie ist fünf Meter lang. Sie ist rot! Aggressiv sticht sie hervor. Warum hat der Hund eine derartig rote Leine?
Es ist neblig.
Der Hund stinkt, denn er hat sich in einem Hunde-Haufen gewälzt. Ich habe sein Fell berührt. Ich werde diesen furchtbaren Gestank nicht mehr los, ich halte die Hände in eine Pfütze, wische sie im Gras ab, nehme das stark riechende Hunde-Leckerlie in die Hände. – Nichts hilft, der Gestank bleibt; sitzt fest, so fest wie die Angst in meinem Nacken. Ich versuche, nicht mit den Händen in die Nähe meines Gesichts zu kommen, aber es stinkt trotzdem. Mir wird schlecht; ich fühle mich nicht in der Lage, tief durchzuatmen.
Ich bin traurig, einsam und winzig klein; und in dieser Kleinheit so schrecklich unwichtig.
Aus dem Nichts taucht plötzlich ein Radfahrer hinter mir auf. Bei dessen Näherkommen erkenne ich einen alten Mann mit schlohweißem Haar, der niemanden (an-)sieht, sondern nur geradeaus starrt und mühsam in die Pedale tritt. Angenommen, er fährt jeden Tag hier entlang, dann sieht es schlecht aus für ihn. So langsam, behäbig, angestrengt. Wie oft er diesen Weg wohl noch fahren wird? Vielleicht ein Jahr.
Das Ehepaar und der alte Mann sind meinen Augen entschwunden. Der Hund läuft stocksteif, die Kopf-Hals-Partie zeigt eine Linie mit dem Rücken des Tieres. Die Rute steht nach oben, wedelt nicht. Unruhig sieht sich das Tier um.
Der Hund wedelt plötzlich wieder mit dem Schwanz als wäre nichts gewesen. – Verbreite ich Unruhe?
Oktober 1994
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 19:39:19 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 2: Wald, Wind, Menschen
Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 2: Wald, Wind, Menschen
Bei den folgenden Aufzeichnungen handelt es sich um wirre Gedanken, sie waren plötzlich da, liefen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Man könnte es auch Eingebungen nennen, aber das widerstrebt mir irgendwie.
1. Ich stehe auf einem großen Feld. In einiger Entfernung ist ein Wald. Ich sehe mich aus der Vogelperspektive. Das Feld ist grau-braun, der Wald in ähnlichem Farbton, mit nur wenig grün. Es weht ein starker Wind. Ich glaube, es ist nicht sehr kalt. Der Wind heult und pfeift wie in einer Wohnung, wo es unter den Türen hindurch zeiht. Niemand außer mir ist zu sehen, weder Mensch noch Tier. Ich bin ganz allein.
2. Die Menschen wollen bunte Blumen, in hellen, frohen Farben. Eine Blume unter vielen bleibt unbeachtet, denn sie ist schwarz. Blüte, Stiel, Blätter – alles schwarz. Sie hat Ähnlichkeit mit einer Rose. Die Blume steht am Rande eines Waldes. Keiner kennt die Blume und weiß von ihrem Vorhandensein. Anscheinend weiß nur ich von ihr. Vielleicht soll es so sein.
Es brennt, der Wald ist kaum betroffen. Das Feuer brennt nur so lange, bis die
schwarze Blume völlig zu Asche zerfallen ist, dann erlischt es. Der Wald liegt wieder
genauso ruhig da wie zuvor. Aber ein kleiner Haufen Asche bleibt zurück. Ein feiner,
kleiner, säuberlich geschichteter Haufen. Vielleicht ist es eine Mahnung an die
Menschheit.
Niemand vermisst die Blume.
Ich bin traurig.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-18 20:09:56 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 3: Schneeflocken
Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 3: Schneeflocken
Die nachfolgenden Aufzeichnungen beinhalten sowohl Realität als auch Phantasie. Im Original habe ich eine farbliche Differenzierung vorgenommen, was mir hier bei YOPI nicht gelingen mag. Wahrscheinlich bin ich entweder zu faul oder zu blöd, als das ich die Hinweise zum Schreiben der Meinungen begreifen würde. Vielleicht kann mir ja mal jemand diesbezüglich auf die Sprünge helfen.
Um doch noch eine gewisse Struktur zu erreichen, werde ich Realität und Vorstellung durch Absätze voneinander trennen.
Heute Nachmittag war ich mit meinem Pflegehund spazieren. Es schneite, und ich sah in die Richtung, aus der die Schneeflocken schnell auf mich zugeflogen kamen.
Doch nicht die Schneeflocken waren es, die flogen, sondern ich. Ganz schnell flog ich immer höher und immer weiter, weiter weg. Die Schneeflocken beneideten mich darum, dass ich dorthin fliegen konnte, denn auch sie wollten weg.
Mein Herzschlag beschleunigte sich und ich bekam nur schwer Luft, fühlte mich egoistisch und mächtig, irgendwie selbstsüchtig, weil ich die armen Flocken so außer Acht ließ.
Nun sah ich die Situation aus einer anderen Perspektive. Ich sah zu Boden. Da die Temperatur zu hoch war, schmolzen die Schneeflocken, sobald sie den Boden erlangten.
Ich liege im Sarg und bin schon beerdigt worden. Langsam und vorsichtig fallen die Flocken auf die frische Erde und decken mich zu.
Wieder sehe ich zu den auf mich zurasenden Flocken.
Bald bin ich zugeschneit, bin ganz weiß und verschmelze in dieser „Weißheit“ mit der verschneiten Umgebung. Niemand kann mich sehen, aber ich kann die Menschen wie durch ein kleines Fenster genau beobachten.
Ich sehe erneut zu Boden, im ersten Moment habe ich Mitleid mit den Flocken, weil sie auf dem warmen Boden schmelzen. Dann lache ich innerlich, lache sie aus, die dummen kleinen Biester. Erst wollen sie so schnell wie möglich auf die erde kommen, und dann sind sie enttäuscht, unten angekommen zu sein, denn sie bezahlen mit dem Tod. Ich fühle mich erhaben, ihnen gegenüber.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 21:10:12 mit dem Titel Geschichten, die der Wahnsinn schreibt. Teil 4: Indianer
Geschichten, die der Wahnsinn schreibt. Teil 4:Indianer
Falls die geneigten Leser bemüht sein sollten, mir bzw. zumindest dieser Geschichte Verständnis entgegen zu bringen, so möchte ich vorab sagen: Plagt Euch nicht zu lange! Solche Geschichten entstehen zuhauf in mir. Ich kann nicht immer erklären, warum. Ich könnte auch nur wenig zur Aufklärung beitragen.
Liebe Grüße von der Anachronistin!
Ich habe Hunger. Mir ist kalt. Ich werde beobachtet.
Ich werde erschossen. Spüre gerade, wie sich die Kugel in mich bohrt, doch ich kann nicht sterben. Plötzlich sind da wilde Tiere mit Hufen, eine ganze Herde. Sie stürmen auf mich zu, ich liege doch am Boden. Sie beachten mich nicht und trampeln auf mir herum, überrennen mich einfach. Habe ich Schmerzen dabei? – Ich glaube nicht. – Es sind ja bloß Messer. Ach nein, gerade waren es Hufe. Ich mag Hufe, na ja, eher die Tiere, die daran hängen. Schweiß rinnt über mein Gesicht, weil die Sonne so brennt. Ich bin ja in der Wüste und liege da so rum. Die Indianer kommen und nehmen mich mit in ihr Lager, weil sie mich gesund pflegen wollen. Sie haben Ziegenleder. Ich soll mich verkleiden. Was soll diese Maskerade? – Immer das Gleiche. Sie malen mein Gesicht an. Ich komme mir vor wie einer dieser lachenden Clowns, die eigentlich todtraurig sind. Aber die Indianer müssen nun ein Zebra erschießen gehen, weil sie so hungrig sind. – Kein Wunder, mussten sie mich doch vorhin die ganze Strecke bis zu ihrem Lager schleppen.
Ich bin grün. Komisch. Es sprudelt. Ich bin in einer Quelle. Die Leute füllen das Mineralwasser in Flaschen. Sie merken gar nicht, dass ich in dem Riesentopf schwimme und zu ertrinken drohe.
Die Leute sprechen eine andere Sprache als ich.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-07 11:53:51 mit dem Titel Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 5: Welt
Geschichten, die der Irrsinn schreibt. Teil 5: Welt
Auch diese Geschichte zeigt wieder mich, zeigt die Welt, in der ich lebte, die eine andere zu sein schien, als die heutige. Oder war es doch dieselbe? Habe ich sie nur anders wahrgenommen? Warum? Was geschah mit mir? Und wer war ich in der Geschichte?
Was meint ihr?
Ich sitze in der blauen Sonne von Afrika, in der Hand halte ich einen trockenen Schwamm. Aggressiv drücke ich darauf herum, Schnee rieselt heraus. Der Wind verdunkelt sich, und plötzlich geht die Zigarette aus. Die Sterne beginnen ihre Wanderung zum Südpol, und es wird immer wärmer.
Ein Schwan sitzt auf einem großen Baum und lässt seine vier Beinchen herunterbaumeln. Passend dazu singt eine Katze ihr Lied vom Mai, träumt von einem fetten Kater in einer lauen Herbstnacht. Auf einmal ertönt ein lautes Dröhnen. Es geht aus von der lieben Fliege mit dem hübschen grün-blau glänzenden Körper. Sie verliert im Flug Federn. Kein Wunder, denn die Zeit des Fellwechsels ist vorbei. Alle weinen bitterlich in Anbetracht der nahenden Wiedergeburt des Weihnachtsmannes.
Erfreut Euch am Duft der Geschichte. Es riecht nach Strom.
Mein Hirn macht seltsame Ausflüge ins Land der Möglichkeiten.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-06-04 22:16:05 mit dem Titel Verlust ... Leben ... Schmerz ...
Verlust ... Leben ... Schmerz ...
Die Deutung der nachfolgend erzählten Geschichte dürfte nicht schwer fallen. Ich mochte sie lieber so erzählen als im herkömmlichen „Erfahrungsbericht-Stil“.
Also denkt beim Lesen, was ihr meint, denken zu müssen. Es wird vermutlich wahr sein, was Euch einfällt.
Teil 1:
Mitten auf einem Feld türmt sich ein riesiger Watteberg auf. Ich liege oben auf diesem unnatürlichen Hügel, die empfindlichste, angreifbarste Stelle – mein bauch – zeigt gen Himmel. In Watte gepackt und doch in größter Gefahr. Ein Greifvogel stürzt auf mich herab, bedrohlich starren mich die gelben Augen an. Die scharfen Klauen bohren sich in meinen Körper. Der gebogene Schnabel reißt mir den Bauch auf. Der große Vogel scheint etwas zu suchen. Mein Mund ist weit geöffnet, doch viel zu geschockt bin ich, schreien ist mir unmöglich.
Er nahm mir Unwiederbringliches, und flog mit fast lautlosem Flügelschlag davon.
Teil 2:
Mit seiner Beute fliegt er weiter. Sein Gesicht verzieht sich zu einem fast freundlichen Grinsen. Er fliegt zu dem Fenster eines gemütlichen Häuschens hinein, zum Bett einer Frau. Dort setzt er sich, öffnet den Bauch dieser Frau und stopft vorsichtig seine Beute hinein.
Sie wacht im Morgengrauen auf und ist glücklich. Er auch.
Grinsend stehen sie am Fenster und zeigen in die Richtung, aus welcher der große Vogel des Nachts kam.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-11-08 20:07:29 mit dem Titel Die Parkbank - Perspektivenwechsel
Die Parkbank - Perspektivenwechsel
Ich kannte diese Parkbank nicht. Sie stand an dem See, den ich während eines Spazierganges umrundet hatte.
Ich hörte den Gesang der Vögel, beobachtete ein Eichhörnchen, wie es kunstvoll einen Baumstamm zu erklimmen versuchte.
Ich war müde vom Laufen. Die Hoffnung auf eine Parkbank hatte ich fast schon aufgegeben. Doch nun stand sie da am Rande des Sees. Das Schilf wiegte sich mit den Bewegungen des Windes.
Die Bank war nicht mehr neu, das konnte ich aus der Entfernung schon sehen. Der Kunststoff war über die Jahre durch die Sonneneinstrahlung ausgeblichen. Wie lange sie wohl dort schon stehen mochte? – Jedenfalls erschien es mir beim Näherkommen so, als stünde sie am schönsten, malerischsten Fleckchen, welches ich auf meinem Spaziergang erreicht hatte.
Die Parkbank hatte bereits einen Gast angezogen, sie war also nicht frei.
Ich überlegte, ob dieser Mensch, der dort saß, sich daran stören würde, wenn ich mich zu ihm setzte. Ja, störte es mich denn eigentlich?
Ich war erschöpft und ein wenig müde, wollte im Grunde genommen nur sitzen und die Ruhe genießen. Mir stand der Sinn nicht nach einer Unterhaltung, schon gar nicht nach einem oberflächlichen Smalltalk. Wie würde das denn klingen, wenn ich, weil ich nicht unhöflich sein wollte, fragen würde, ob denn der Platz neben dem einzelnen Menschen noch frei wäre. Natürlich war er frei. Obwohl, so genau konnte ich das ja gar nicht wissen. Vielleicht war der Mann, der dort saß – ich war jetzt so nahe gekommen, dass ich erkennen konnte, dass es sich um einen Mann handelte – in Begleitung. Ja, vielleicht war er ja mit seiner Frau unterwegs, oder einer Freundin. Eventuell wollte diese sich nur eben die Beine vertreten, um dann zu ihm zurück zu kehren. – Nun, ich wollte jetzt auch kein Liebespaar stören. Und schon gar nicht ihre Küsse beobachten. Was sollten die denn denken?
Meine Gedanken drehten sich im Kreis.
Weit und breit war, außer dem Mann, kein anderer Mensch zu sehen. Ich zerschlug also meine Befürchtungen, dass sich – gleichzeitig mit mir – noch ein weiterer Mensch der Parkbank nähern würde.
Mit gleichbleibender Geschwindigkeit ging ich auf die Bank und den dort sitzenden Mann zu. Ich glaubte zu erkennen, dass er etwas verunsichert wirkte. Zumindest war er unentschlossen. Er hatte eine Zeitung bei sich – die ZEIT – und schien sich nicht recht entscheiden zu können, ob er nun darin lesen sollte oder nicht. Eventuell machte er sich gerade ähnliche Gedanken wie ich.
Ich bemerkte, dass ich noch immer den Zweig bei mir trug, den ich vorhin gepflückt hatte, um zu Hause in meinem Pflanzenbuch nachzuschauen, um welche Art es sich handelte. Nun war ich richtig froh, diesen Zweig bei mir zu haben, denn ich hatte das Gefühl, dass er mir ein wenig Unterstützung auf meinem Weg zur Bank gab. Sollte ich nun wegen des freien Platzes neben dem Mann fragen?
Seine Augen waren schön, wie ich feststellte, als ich ihn fragte. Sie erschienen mir so blau und glitzernd, wie die Wasseroberfläche des Sees, der in der Sonne glänzte.
Der Mann antwortete nicht, sondern wies mit seiner Zeitung neben sich. Ich konnte mich also setzen. Jetzt musste ich lächeln, weil wir beide mit einem Gegenstand „bewaffnet“ waren, er mit seiner Zeitung, und ich mit diesem Zweig.
Ich spürte eine seltsame Aufregung, und gleichzeitig tiefes Wohlbefinden. Ich genoss es, neben diesem Mann sitzen zu können.
Heimlich beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel. Er war etwas älter und größer als ich, und er gefiel mir auf Anhieb. Ich fand ihn attraktiv.
Meine Atmung wurde ruhiger, als ich eine Weile gesessen hatte. Nun konnte ich ihn atmen hören. Kam es mir nur so vor, oder hatte unsere Atmung den gleichen Rhythmus? Selbst wenn, war das wichtig?
Ich überlegte, dass ich es, unerklärlicher Weise, schade fände, wenn er aufstehen und gehen würde. Es war schön, hier neben ihm auf der Bank am See zu sitzen und zu schweigen.
Wer von uns beiden wohl zuerst aufstehen würde? Ich oder er? Zeit hatte ich genug, also würde ich warten.
Irgendwann stand er auf. Es war ungewöhnlich, weil es fast wie in Zeitlupe geschah. Der Mann sah aus, als würde er seine letzten Kräfte zusammenraffen, um aufstehen zu können.
Ich war mir nicht sicher, glaube aber, dass er sich verabschiedet hat. Mehr als ein Murmeln habe ich allerdings nicht verstanden.
Der Mann hatte seine Zeitung vergessen. Also rief ich ihm nach, als er sich bereits einige Schritte entfernt hatte. Er dreht sich um, und kam zurück zu mir und der Parkbank.
Irgendwann hat er mir dann erzählt, dass es mal „seine“ Parkbank gewesen wäre. Nun ist es unsere. Die „ZEIT“ hat sich gelohnt, für uns beide.
Wir sind zusammen weiter gegangen, bis heute.
Anmerkung der Anachronistin: Ähnlichkeiten mit zwei anderen Kurzgeschichten, ebenfalls bei YOPI von zwei anderen Autoren veröffentlicht, sind nicht zufällig, sondern gewollt.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-07 21:16:46 mit dem Titel Als die Milch sauer wurde
Als die Milch sauer wurde
Ich hatte mir am Nachmittag Kaffee gekocht, um mich gemütlich mit selbigem den neuesten YOPI-Beiträgen zu widmen. Viele der Berichte erweckten mein Interesse, manche hinterließen ein seltsames Bauchgefühl, einige ließen mich schmunzeln.
Kaum einmal sah ich in meine Tasse, füllte sie zwar stets wieder auf, doch war ich dabei so in Gedanken versunken, dass ich erst beim Blick in die dritte Tasse feststellte, dass die Milch flockte. Ich war etwas irritiert, überlegte, ob die beigefügte Milch bereits bei der ersten Tasse sauer gewesen war. Hätte ich das nicht bemerken müssen? – Ich stellte mir die, wohl etwas absurde, Frage, wie das denn so plötzlich hatte passieren können.
Nun war die saure Milch nichts, was mich aus der Bahn werfen würde. Es war nichts passiert, was mich nachhaltig beschäftigen würde. Dachte ich.
Wie ist das eigentlich, wenn etwas so „plötzlich“ geschieht? Wie oft wird man im Alltag aufgerüttelt von scheinbar plötzlichen Ereignissen, die einen so überraschen (oftmals dann auch unangenehm)? – Da wird aus dem größten Realisten auf einmal (plötzlich!) ein fatalistischer Mensch. Das Schicksal spielt uns böse mit, es spielt uns einen Streich, die Welt meint es böse mit uns.
Der Mensch ist so überrascht, weil er zuerst einmal den Schaden feststellt, seine Benachteiligung erlebt, den augenblicklichen Zustand mit dem vorherigen vergleicht, und sich selbst mit anderen Menschen, denen es natürlich viel besser geht.
Milch wird immer irgendwann sauer. Das weiß auch jeder. Trotzdem ist man immer wieder erstaunt.
Doch die Milch war ja nur der Ausgangspunkt.
Nichts bleibt, wie es ist, nichts, wie es war.
Kein Tatsache ist ohne Bedingung.
Keine Bedingung ist ohne Tatsache.
Kein Schaden ist ohne Verursacher.
Kein Verursacher ist ohne Schaden.
Keine Liebe lebt ohne Wunder.
Kein Wunder lebt ohne Liebe.
Kein Schmerz ist ohne Wunde.
Keine Wunde ist ohne Schmerz.
Weiße Westen bleiben nicht ewig weiß.
Keine Wüste ist ohne Sand.
Aber es gibt Sand außerhalb von Wüsten.
Wo ist man selbst in diesem Kreislauf? Ist „Plötzliches“ wirklich immer so plötzlich?
Was bringt uns dazu, etwas als dergestalt anzunehmen? Sich selbst ausklammernd, mag dies funktionieren, doch nur für den Augenblick.
Wann eigentlich sucht man die eigene Verantwortung?
Und sei es nur die Milch, die den ganzen Tag bei 26 Grad in der Küche gestanden hatte, weil man sie dort vergaß. Sie wollte eigentlich nur ein bisschen gekühlt werden.
07.08.2002
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-20 18:01:39 mit dem Titel Meine erste eigene Wohnung - wie war das eigentlich?
Meine erste eigene Wohnung – wie war das eigentlich?
Es war in einer kühlen Frühlingsnacht, als ich in den Morgenstunden – es muss so gegen vier Uhr gewesen sein – aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich hörte ein Gewirr aus menschlichen Stimmen im Treppenhaus, dröhnende Musik vom über mir wohnenden Nachbarn und dazwischen Hundegebell. Es war Arthur, der Deutsche Schäferhund, der die nun beginnende Party seines Herrchens miterleben „durfte“. Neben den Bässen war immer nur ein gesungenes Wort herauszuhören „Fliegeralarm...“. – Ich stand gewissermaßen im Bett und hatte ein unheimliches Gefühl im Bauch.
Meinen Nachbarn hatte ich schon persönlich kennen gelernt, als ich mit meinem damaligen Freund im Innenhof auf der Wiese gesessen hatte. Ich gewährte meinem Kaninchen etwas Auslauf und den Genuss frischen Grüns, als der Nachbar mit seinem Schäferhund näher kam. Neben ihm lief sein Kumpel, der den Nachbarn fragte, was wir wohl für „Zecken“ seien. Zur Antwort bekam er einen Stoß in die Rippen und hielt dann – dankbarer Weise – seine Klappe. Wir begannen eine Art Smalltalk, und ich erfuhr, dass mein Nachbar Micha hieß. Recht ungehemmt erzählte er von sich, meinte, er wäre gar nicht so schlimm, wie er vielleicht aussehen würde. Immerhin würde er mittlerweile auf seine Springerstiefel verzichten, da er diese nicht mehr bräuchte. „Solche Sachen“ würde er ja schon längere Zeit nicht mehr machen. Sein Kumpel grinste dümmlich dazu und prahlte stolz, er hätte vor wenigen Tagen einen tollen Baseballschläger erworben... Wieder setzte es von Micha einen Stoß in die Rippen. Der andere schwieg wieder.
Einige Tage später traf ich Micha im Treppenhaus. Er fragte mich, ob ich nicht am nächsten Freitag zu seiner Geburtstagsparty kommen wolle. – Gleichermaßen überrascht und erschrocken wich ich aus, meinte, ich würde ihm Bescheid geben.
Ich habe den ganzen Tag hin und her überlegt. Ich hatte wirklich keine Lust auf ein Saufgelage unter Skins, wusste aber auch nicht einzuschätzen, wie sich eine Absage auswirken würde.
Der Freitag kam. Ich ging zu Micha. Als er seine Wohnungstür öffnete, sprang mich zuerst sein Schäferhund an, wobei ich fast das Gleichgewicht verlor.
In der ganzen Wohnung roch es nach Hund, Bier und Zigarettenrauch.
Im Wohnzimmer saßen drei weitere junge Männer, die mich düster musterten. Ihre Mimik sagte rein gar nichts aus. Was sie wohl über mich dachten?
Ich setzte mich. Alle schwiegen. Wir tranken Bier. Ich sah mich in der Wohnung um. An der Decke des Wohnzimmer hing ein Tarnnetz der Bundeswehr, überall verteilt lagen Stahlhelme. Der Hund legte seinen riesigen Kopf auf meinen Schoß.
Micha wies mit der Hand auf seinen Videorecorder und blickte in die Runde. Seine drei Kumpel brummten zustimmend. Dann sahen wir gemeinsam – immer noch schweigend – einen Teil von „Freitag der 13.“. Ich schüttelte innerlich den Kopf und fragte mich fortwährend, wie ich diesen Abend überstehen sollte.
Irgendwann hatte ich ein dringendes Bedürfnis, das Bier machte sich in meiner Blase bemerkbar. Das wurde auch nicht besser durch den schweren Hundekopf auf meinem Schoß.
Beim Betreten der Wohnung hatte ich festgestellt, dass Michas Bad keine Tür hatte, und dass diesem Raum ein recht scharfer Geruch entströmte. – Das störte aber keinen der Anwesenden. Alle nutzten das Bad ohne Kommentar.
Unter einem Vorwand verließ ich dies triste Beisammensein, um in meine Wohnung zu flüchten. Micha bedankte sich überschwänglich für meinen Besuch. Ich verstand gar nichts mehr.
Tage später wurde ich in der Nähe des Bahnhofs von einer Truppe Skins angepöbelt. Plötzlich erschien Micha wie aus dem Nichts und erklärte den anderen, ich wäre schon in Ordnung, und sie sollten mich in Ruhe lassen. – Solche Situationen erlebte ich des öfteren. Ich hatte nie ernsthaften Ärger, weil ich Micha kannte, der scheinbar in der Szene anerkannt war.
Zurück zum Anfang. „Fliegeralarm“ schallte durch das Haus, ich war müde. Hatte vor kurzem meine Ausbildung geschmissen, die ich nach dem Sozialen Jahr und dem Abi begonnen hatte. Krankenschwester hatte ich werden wollen. Nach drei Monaten kündigte ich. Meine Eltern gerieten etwas in Panik.
Ich hatte mich um einen Studienplatz beworben und eine Absage erhalten. Wie ungerecht die Welt doch war...
Ich jobbte ein wenig und löste meinen Bausparvertrag auf. Da meine Miete gering war (zwei Zimmer, Küche, Wannenbad, Ofenheizung – nur ein Allesbrenner für die gesamte Wohnung, im Winter schweinekalt), hatte ich ein ganz ordentliches Auskommen. Mein Leben bestand nunmehr aus langem Schlafen, mindestens drei Kneipen- bzw. Clubabenden pro Woche, Langeweile, flüchtigen Bekanntschaften und dem Freund, der sich in einer ähnlichen Situation befand, wie ich. – Ich gab mir alle Mühe, mich absolut frei und unabhängig zu fühlen und diese Zeit zu genießen. Es gelang nicht immer. Oft habe ich heulend in meiner Wohnung gesessen – ziellos, planlos. Ich habe alles so gehasst. So ein Party-Dasein war nie etwas, was mich gereizt hätte. Diese ständige nach außen gekehrte gute Laune. Dieses, „Na klar gehen wir nachher noch da und dort hin“. Alles Unsinn.
Meine Wohnung war für mich Halt und Hoffnungslosigkeit in einem. So viele Erinnerungen hatten sich dort angesammelt, die ich gar nicht mehr richtig einordnen konnte. Manchmal war es in den vier Wänden wie in einem Alptraum. Ich überlegte, wer diese Wohnung schon alles betreten hatte, wer dort gelacht, geweint, geschimpft und geschwiegen hatte.
Etwas musste sich ändern. Ich brauchte wieder Pläne und Ziele. Ich verabschiedete mich vom Party-Alltag, begann, wieder mehr zu schreiben, schrieb wieder Bewerbungen und kam mit mir ins Reine. Nach einiger Zeit konnte ich auch meine Wohnung wieder mögen. Ich hatte beim Betreten wieder ein „Zuhause-Gefühl“.
Ich träume oft von dieser Wohnung. Und trotz ihrer Einfachheit, trotz der Kälte im Winter, den seltsamen Nachbarn und trotz meines komischen Lebensstils zu dieser Zeit – ich möchte nichts von all dem missen. Ich habe viel über mich gelernt in dieser Zeit. Insbesondere habe ich damals gelernt, wie man wieder aufsteht.
20.08.2002
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