Kurzgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von Bonny&Clyde

Momente

Pro:

einfach supi

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

Ich schaue vor mich. Auf meinem Schreibtisch liegt ein weißes Blatt. Wenig blaue Tintenstriche, mehr Rot. In mir verkrampft sich alles, als ich die Zahl sehe, die in der rechten Ecke thront. Wie ein fetter König. Schnell drehe ich das Blatt um. Ich will mich jetzt nicht mehr damit beschäftigen. Will lieber der Sonne zusehen, die sich über die Kante des Horizontes schiebt, um uns im Dunkeln zu lassen.
Meine Mutter ruft. Das Essen ist fertig. Eigentlich fühle ich mich zu müde und deprimiert, um überhaupt noch gehen zu können. Meine Beine sind schwer. Ich will nicht nach unten, aber ich gehe doch. Als würde mich jemand bewegen, wie eine Marionette.
Als ich die Tür zum Wohnzimmer öffne, schlägt mir ein würziger Duft entgegen. Doch heute habe ich keinen Appetit. Sagen tue ich lieber nichts. Das gibt nur Streß.
Sauber und ordentlich ist der Tisch gedeckt. Die Platzdeckchen liegen parallel zueinender. Das Besteck ist poliert. Vier Kerzen brennen in sauberen Haltern. Alle sind exakt gleich hoch!
Mein Vater sitzt am Kopfende des Tisches. Er trägt einen Anzug. Sein Hemd ist so weiß, das es mich blendet. Meine Augen schmerzen. Bestimmt geht er nach dem Essen noch einmal ins Büro. Mein Bruder lächelt mich an. Sagt freundlich hallo und fragt, wie es mir geht. Ganz automatisch antworte ich: \"Gut!\" Seine Frisur ist gerade gescheitelt, nirgendwo steht ein Haar ab. Gleich schäme ich mich für meine Haare und binde sie hastig zusammen. Fettig sind sie, ich habe sie schon lange nicht mehr gewaschen. Das bemerkt auch meine Mutter, als sie aus der Küche kommt. Sie wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Das \"Eigentlich könntst du doch mal was aus dir machen\", das ihr auf den Lippen brennt, verkneift sie sich.
Dafür strahl sie meinen Vater mit ihren perfekt geschminkten Augen an. Streicht elegant, vornehm und zugleich sexy ihr Haar zurück. In mir erwacht der Wunsch, diese Haare wieder einmal zu berühren, wie ich es als Kind immer so gerne gemacht habe. Doch sie will das nicht. Meint, ich hätte immer so ungewaschene Hände. Als ich mir noch einen Löffel Suppe nehmen will, zieht meine Mutter schnell den Topf weg. \"Denk an deine Figur\", zischt síe.
Ich beiße mir auf die Lippen. Nur nicht heulen! Schnell konzentriere ich mich auf den Baum im Garten. Im Wind fallen Blätter ab und bedecken den Boden. Es ist Herbst.
Mein Name fällt. Laut und hart. Keine Spur von Sanftheit. Ich wende mich wieder dem Gespräch am Tisch zu. erwartungsvoll blicken sie mich an. Was ich in meiner Englischarbeit hätte, wollen sie wissen. Jetzt gibt es keinen Ausweg mehr. Ich muss es ihnen sagen. Plötzlich tickt die Uhr in der Küche ganz laut. Es rauscht in meinen Ohren, ich beginne zu zittern. Schon während ich das Ergebnis verkünde, laufen mir die Tränen über die Wange hinunter.
Vor meinen Eltern habe ich schon seit Jahren nicht mehr geheult. Ich spüre, was ihnen auf der Zunge liegt. ich wäre eine Schande für die Familie: Hier hätte noch keiner versagt, und ich solle mich gefälligst anstrengen. Wie ich ihnen das bloß antun könnte!
Als ich die ertsen schmerzhaften Stiche der zerlaufenden Wimpertusche in meinen Augen spüre, gehe ich nach oben in mein Zimmer. Lange sitze ich im Dunkeln auf meinen Fensterbrett und betrachte den Mond. Die Sterne. Aber Antworten finde ich nicht. Es müssen Stunden gewesen sein, in denen ich nur dasaß und nachdachte. Im Grunde hatten meine Eltern ja Recht. Erfolg war vorprogrammiert in unserer Familie. Warum also fiel ausgerechnet ich aus der Reihe?
Gerade als die Kälte des Fensterbretts langsam meinen Rücken hinaufzukriechen begann, klopfte es. Meine Stimme klang heiser, als ich hereinbat.
Es war meine Mutter! Auf den ersten Blick hätte ich sie beinah nicht erkannt, denn sie hatte sich abgeschminkt. So hatte ich sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Seit ich fünf war. Sie kam langsam auf mich zu. Als sie mich in den Arm nahm, spürte ich eine wohltuende Wärme, die meinen Körper durchfloss. Ich genoss es, ihr seit langem wieder so nahe zu sein, und atmete tief den eigentümlichen Geruch ein, den nur Mütter besitzen.
Es war fast wie eine Offenbarung, und es kam völlig unerwartet, als meine Mutter mir sagte, dass sie mich liebe.

16 Bewertungen, 4 Kommentare

  • Ingwer

    02.06.2002, 03:01 Uhr von Ingwer
    Bewertung: sehr hilfreich

    schön- aber stiche von zerlaufener wimperntusche??? da hab ich wohl was verpasst bisher ;-)

  • hidaka

    30.05.2002, 16:54 Uhr von hidaka
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr einfühlsam.

  • butterkeks

    27.05.2002, 20:57 Uhr von butterkeks
    Bewertung: sehr hilfreich

    Deine Kurzgeschichte gefällt mir sehr gut...Du hast die Gefühle und Gedanken gut rübergebracht. Was mich persönlich ein wenig beim Lesen gestört hat, sind die etwas abgehackt wirkenden Sätze. Aber das ist wie gesagt nur meine

  • eponnin

    27.05.2002, 20:38 Uhr von eponnin
    Bewertung: sehr hilfreich

    Regt zum Nachdenken an ...