Kurzgeschichten Testbericht

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Erfahrungsbericht von Mystik_Journeyman

2050

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Nein

In meiner Wohnung ist alles wie immer. Ich gucke aus dem Fenster, aber alles was ich sehe sind die Wände des gegenüberliegenden Wohnkomplexes. Dort steht in dicken Lettern "Allways Coca Cola", dass steht ja eigentlich überall. Da ich hier also nicht wirklich viel zu sehen bekomme, gehe ich den üblichen Tätigkeiten des Tages nach, ich lese wie jeden Morgen die Zeitung, allerdings nur die Sportseiten, denn der Rest scheint mir nicht wichtig zu sein. Das Zeitunglesen würde allgemein sowieso mehr Spaß machen, wenn ich den Fernseher ausmachen könnte, aber das kann ich mir nicht leisten. Die monatlichen Einkommen aus dem Werbungsfonds bilden praktisch die Grundlage meiner gesamten Geldeinkünfte. Ich kann mich noch erinnern, damals als ich Arbeit hatte, war so etwas nicht nötig. Und seit dem Tag an dem sie die Rente abgeschafft hatten, konnte ich gar nicht mehr anders. Nein, ich kann den Fernseher nicht ausschalten. Ich hasse die Politiker, ich werde nie wieder einen Politikteil einer Zeitung lesen. Warum auch? Auf dem Bildschirm flackert gerade die neueste Adidas-Werbung in meine 4 Wände, ich glaube, die habe ich schon mindestens 20 mal gesehen. Das Schlimme ist ja, dass man seine Gedanken nie ganz von dem Bildschirm freimachen kann, zumindest nicht von dem Ton. Wenigstens bekomme ich für das Sehen des Spots 20 Cent aus dem Werbefonds, insgesamt komme ich diesen Monat auf bestimmt 1000 Euro, gerade mal genug um davon zu überleben.

Früher nannten sie Personen wie mich "Rentner", ich kenne das System von damals ja noch. Viel schlimmer ist, dass jetzt praktisch alle Menschen Rentner sind, halt nur ohne Rente. Diejenigen die arbeiten sitzen in irgendwelchen Vorständen und müssen sich ihr Einkommen nicht durch den blöden Bildschirm sichern. Den Rest erledigen die Maschinen. Warum sollte man auch die Effizienz durch menschliche Arbeiter senken? Bei uns gibt es nur noch Techniker, Werbefachmännerund Vorstände, der Rest sitzt zu Hause und dreht Däumchen, versucht irgendwie zu überleben. Das Problem ist ja nicht mal, dass es keine Ware gäbe, nein, man ann sich sogar einiges leisten, aber seit der großen industriellen Revolution, in der fast alle Betriebe sämtliche normalen Arbeiter entlassen haben, fragt sich fast 80 % der bevölkerung nach dem Sinn des Lebens, und ist stark suizidgefährdet.

Nun gut, da ich nichts zu tun habe, werde ich mir den Luxus eines Spazierganges gönnen. Der Bewegungsmelder in meiner Wohnung wird zwar nach einiger Zeit bemerken, dass ich nicht mehr daheim bin, aber ich kann auf die 5 Euro aus der Werbung ja verzichten. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ausserdem habe ich aus der letzten Kundenaktion von Nestlé noch Gutscheine, und ich muss eh einkaufen. Also werde ich zum Nestlé-Einkaufszentrum gehen, die Entscheidung fällt ja heute nicht schwer, dank der Gutscheine.

Das einzige was mir auf meinem Weg auffällt sind die Kinder auf den Bolzplätzen. Der Nutella-Fussball-Platz hat schon einige Talente hervorgebracht, in der globalen Fussballiga steht Nestlé direkt vor Mercedes an der Spitze der Tabelle. Bei Nestlé, in der Führungsetage ist man mächtig stolz darauf. Ich besorge also meine Einkäufe, und gehe dannach gleich zur Marktforschung. Ich bin an diesem Projekt schon lange beteiligt, ich muss jede Woche die Fragen der Mitarbeiter beantworten und die erstellen dann sowas wie einen Effizienzbericht für die Werbefirmen. Das kümmert mich eigentlich gar nicht, ich kann nur schlecht auf den Extralohn verzichten, also lasse ich die Prozedur wöchentlich über mich ergehen.

Meine Wochen sehen sowieso immer gleich aus, jeder tag ähnelt praktisch dem anderen. Ich weiß nicht mal welches Datum wir heute haben. Ist eigentlich Sonntag oder Mittwoch? Ich weiß es nicht, wirklich.

Es ist schon komisch, wie sich alles entwickelt hat. Die Technik hat dem Menschen zu großen Dingen verholfen, wir sind medizinisch soweit gekommen, dass wir eine Lebenserwartung von über 100 Jahren haben, nur wusste dann keiner mehr so recht, wie man die Alten finanzieren soll. Man hat dann einfach die Rente abgeschafft, die Entledigung von allen Sorgen praktisch. Inzwischen haben viele alte Menschen ihren Körper verkauft, wenn man nicht das Glück hat an solche Nebenjobs zu kommen wie ich, dann bleibt einem auch gar nichts anderes übrig. Man kann einzelne Körperteile verkaufen, Organe, oder seinen ganzen Körper. Die Preise sinken inzwischen drastisch, weil einfach zuviele Leute verkaufen und zuwenige kaufen, wer ausser Werkstätige kann sich das denn leisten? Und das bei einer Arbeitslosenqoute von 76%. Das Geschäft läuft folgendermassen ab, man verkauft z.B. ein Organ zu einem bestimmten Datum, je näher dies liegt, desto mehr Geld bekommt man. Ein Herz in 2 Jahren bringt ca. 2000 Euro. Dann kann man sich allerdings auch ganz verkaufen. Die Medizin machts möglich, und alle ethischen und moralischen Fragen wurden von den Politikern geklärt. Natürlich unter Einfluss der großen Firmen. Die Politik ist inzwischen so verworren und undurchsichtig, aber man weiß genau wer dahintersteckt. Man kann nur nichts dagegen machen. Ich würde unser System mal "Lobbyismus" nennen. Die Jüngeren sehen das gar nicht mehr, sie sind schon so verklärt, durch die ganze Firmenpropaganda, dass sie das was sie haben lieben. So ist es halt. Und ich werde das nicht mehr lange mitmachen müssen. Der 22.Juni 2054. Für 7645 Euro...

21 Bewertungen, 5 Kommentare

  • Wurzelchen2

    24.06.2002, 16:16 Uhr von Wurzelchen2
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ehrlich eine schauderhafte Vorstellung, aber wer weiß, vielleicht ist das wirklich in 48 Jahren so weit.

  • clauds22

    20.03.2002, 13:13 Uhr von clauds22
    Bewertung: sehr hilfreich

    na siehste, hier gibt's wenigstens keine abweichenden Bewertungen, die nicht gerechtfertigt sind ;) Grüssle, Claudi

  • Metacortex

    05.03.2002, 13:01 Uhr von Metacortex
    Bewertung: sehr hilfreich

    Cooler Bericht, ideal zum Ausdrucken...

  • Netti1982

    21.02.2002, 18:49 Uhr von Netti1982
    Bewertung: sehr hilfreich

    sehr gut geschrieben, MfG Netti

  • Killer07

    21.02.2002, 17:44 Uhr von Killer07
    Bewertung: sehr hilfreich

    Ein wahres Horror snenario wie es in naher Zukunft sein könnte und vielleicht auch ist.