Erfahrungsbericht von mima007
Clive Barker: *Spiel des Verderbens*: Subtiles Grauen
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Subtiler Horror reicht sich in Clive Barkers Geschichten stets die Hand mit dem grotesken Grauen der Geisterbahn. Das ist auch in \"Spiel des Verderbens\" nicht anders. Nach den sechs \"Büchern des Blutes\", mit denen Barker für Aufsehen gesorgt hatte, bietet er mit \"Spiel des Verderbens\" klassische Horrorkost, aber natürlich mit dem besonderen Barker-Touch.
Handlung
Nach einem schiefgelaufenen Raubüberfall sitzt Marty Strauss nun schon seit zehn Jahren im Bau. Seine Frau Charmaine hat er schon eine Weile nicht mehr gesehen. Darum kann er sein Glück kaum fassen, als ihm eines Tages die Chance geboten wird, vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden und in Freiheit zu arbeiten.
Ein gewisser Mister Toy fragt ihn, ob er bereit sei, als Leibwächter bei einem der reichsten und mächtigsten Männer der Welt zu arbeiten. Strauss bejaht ohne Zögern. Doch bereits nach wenigen Wochen auf dem weitläufigen Anwesen dieses Joseph Whitehead fallen marty ein paar merkwürdige Dinge auf. Whiteheads Besucher sind von der schleimigsten Sorte und recht zwielichtig. Whiteheads Tochter Carys ist drogensüchtig und wird wie eine Gefangene im Haus gehalten. Schon nach kurzer Zeit, nachdem Charmaine nichts mehr von ihrem Ex-Mann wissen will, sind Carys und Marty ein Paar.
Und da ist da noch ein Unbekannter, den Marty einfach den \"Magier\" nennt, scheint er doch von einem Licht umgeben zu sein, und Elektrozäune können ihm offenbar nichts anhaben. Dies ist Mister Mamoulian, der große Widersacher Whiteheads und dessen Nemesis. Das Buch erzählt von ihrer langen Auseinandersetzung, die für beide zum Tod führt.
Dies wäre kein Buch von Clive Barker, wenn es darin nicht Horror und Magie gäbe. Mamoulian sorgt für beides in überreichem Maße. Er könnte Satan persönlich sein, so wie er sich seine Sklaven schafft, Mister Breer beispielsweise. Breer ist ein Pädophiler, doch just als er sich erhängen will, holt ihn Mamoulian doch wieder zurück in ein Halbleben, in dem gewöhnliche Lebensgefahr für Breer keine Bedrohung darstellt. Und Mamoulian steuert nicht nur Breer mit telepathischem Zwang, sondern auch Carys Whitehead. Wenn er sich in Carys\' Kopf \"befindet\", kann er sich mit ihren Augen in Whiteheads Anwesen gründlich umsehen. Deshalb ist für ihn auch der Angriff auf Whitehead ein Kinderspiel.
Denn Whitehead ist mit Mamoulian offenbar einen faustischen Pakt eingegangen. Im Warschau der Nachkriegszeit spielte er gegen den \"letzten Europäer\" Karten und gewann. Im Gegenzug wurden ihm Reichtum und Macht zuteil. (Dies ist das \"Spiel des Verderbens\".) Doch nun ist Mamoulians Lebenszeit abgelaufen, und er fordert seine Preis ein. Doch Whitehead ist dazu nicht bereit. Als Mamoulian mit Breer ein zweites Mal in Whiteheads Anwesen einbricht, bereitet er allem Leben dort ein Ende.
Nur Whitehead bleibt übrig, Marty hat sich versteckt, doch seine Geliebte Carys wird entführt - das Buch scheint (nach zwei Dritteln) an einem toten Punkt angekommen zu sein. Doch nun geht\'s natürlich erst richtig los. Und Marty muss in die Rolle des sagenhaften Orpheus schlüpfen, um Carys wiederzugewinnen. Nicht zufällig heißt der Ort des Showdowns \"Hotel Orpheus\".
Mein Eindruck
Nach den sechs \"Büchern des Blutes\", mit denen Barker für Aufsehen gesorgt hatte, bot er mit \"Spiel des Verderbens\" klassische Horrorkost, aber natürlich mit dem besonderen Barker-Touch. Hier leben Körper nur eine Art Scheinleben, ganz im Gegensatz zu den Seelen und Geistern ihrer Bewohner. Daher können Seelen auch von Körper zu Körper wandern, so wie Mamoulian es mit Carys tut und sie mit ihm. Solche mächtigen Seelen können ganze Räume und Häuser beherrschen und zufällige unglückselige Besucher in ihren Bann ziehen, so wie es Marty in dem haus in der Caliban (!) Street widerfährt. Daher ist der Tod eines Körpers auch keineswegs das Ende einer Seele, sondern nur eine besondere Art von Übergang.
Alle diese Elemente erlauben das Entstehen bestimmter Situationen, die nicht nur sublimes Grauen, sondern auch derbste, makabre Komik produzieren. Fürs Grauen ist Mamoulian zuständig, für das Makabre sein Untergebener Breer. Marty und Carys bekommen beides auf ihre Weise zu spüren. Die Szenen des langwierigen Finales im Hotel Orpheus sind eine sonderbare Kombination aus beidem.
Was will uns der Dichter sagen? Nun, Mamoulian heißt nicht zufällig \"der letzte Europäer\", und Marty will am Ende des 2. Drittels nicht zufällig nach Amerika auswandern. Der Roman bildet eine Abrechnung mit dem alten Europa, wie es hier ab dem Jahr 1811 geschildert wird: die Napoleonischen Kriege, dann das Nackriegs-Warschau 1945, schließlich die 80er Jahre - eine Geschichte von Gewalt, Chaos und Machtansammlung bzw. -verteidigung, für die stellvertretend Whitehead und Mamoulian stehen. Marty will da raus. Aber nicht ohne Carys, das heißt: nicht ohne Erlösung.
Nicht jeder Leser dürfte das Buch spannend finden. Es gibt Passagen, in denen anscheinend nichts passiert, sondern nur ein Eindruck eingefangen wird, so etwa dann, wenn Marty Whiteheads Haus und Grundstück erkundet. Ungeduldige Leser seien darum erstens gewarnt und zweitens getröstet: Im letzten Drittel des Romans mit dem Titel \"Sintflut\" überschlagen sich die Ereignisse, bis sie im Finale gipfeln. Natürlich ist dieser Teil wenig zu verstehen, wenn man die Vorgeschichte und die Akteure nicht kennt.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The damnation game, 1985; Heyne 05/2002, München, 575 Seiten, EU 8,95, aus dem Englischen übertragen von Joachim Körber und Werner Bauer; ISBN 3-453-21086-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-02 20:38:17 mit dem Titel Ben Bova: *Jupiter*: Spannende Jupitermission
Gibt es intelligentes außerirdisches Leben auf dem Riesenplaneten Jupiter? Und falls ja, darf man dann darüber sprechen? Eine knifflige politisch-religöse Frage, mit der sich der Astrophysiker Grant Archer auseinandersetzen muss - denn die christlichen und islamischen Fundamentalisten der Erde betrachten intelligente Aliens als Gotteslästerung.
Der Autor
Ben Bova ist ein Veteran - auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science Fiction-Magazins \"Omni\" förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit \"Venus\" und \"Jupiter\" zog er nach - vielleicht schafft er ja auch noch \"Merkur\" und den ganzen Rest.
Während in \"Venus\" die dramatische Handlung derart überwog, dass die menschlichen Klischees das wissenschaftliche Interesse erdrückten, gelingt es Bova in \"Jupiter\", das Ruder herumzureißen und einen ordentlichen Roman über eine lebensgefährliche Forschungsexpedition ins Innere des Riesenplaneten abzuliefern.
Handlung
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Die Fundamentalisten
Am Ende des 21. Jahrhunderts ist der religiöse Fundamentalismus auf der ganzen Welt die dominante politische Strömung. In den USA gibt die sogenannte Neue Ethik (NE) den Ton an, mit dem Argument, dass der Mensch so verantwortungslos wie bisher nicht mehr mit der göttlichen Schöpfung umspringen könne - die zehn Milliarden Erdenbewohner müssten endlich die göttlichen Gebote beachten. Die NE verbreitet die Lehre des Kreationismus: Gott schuf die Welt in sechs Tagen und den Menschen nach seinem Ebenbild. Die Wissenschaft des Menschen darf nicht mehr alles erforschen, geschweige denn \"Irrlehren\" wie Darwins Evolutionstheorie verbreiten.
Doch beunruhigende Nachrichten kommen von der Jupiterstation Gold: Dort gehen ungenehmigte Dinge vor, womöglich gefährliche. Als der junge und frisch verheiratete Astrophysiker Grant Archer daher zum NE-Regionaldirektor Beech berufen wird, der ihm befiehlt, zum Jupiter zu fliegen, ist er sich sicher, dass ein Riesenfehler gemacht wird. Er kommt sich vor wie Herr K. in Kafkas \"Prozess\". Zu allem Überfluss soll er als Spion der NE zum Jupiter fliegen.
Doch alle Proteste fruchten nichts. Während seine Frau Marjorie für die Friedenstruppen auf der Erde arbeitet, muss Grant zur Jupiterstation - allein die langweilige Hinreise dauert Monate. Und das Leben auf der Station wird von einem Diktator namens Dr. Wo wie weiland Käptn Ahab (\"Moby Dick\") regiert. Besser, man legt sich nicht mit ihm an. Wie Ahab hat auch Dr. Wo ein Beinproblem: Nach einem schweren Unfall mit der bemannten Jupitersonde sind seine beiden Beine fast vollständig gelähmt. Doch mit Hilfe von Training und implantierten Biochips kann Dr. Wo durchaus stehen.
Das Geheimnis
Aha, eine geheime Tauchsonde! Das war also das unbekannte Gebilde, das Grant beim Anflug auf die Station an deren Ring gesehen hatte. Und was sucht Dr. Wo mit der Tauchsonde? Natürlich außerirdisches Leben. Solange dieses nicht intelligent ist, ist das nicht verboten. (Man merkt hier schon die Absurditäten der Neuen Ethik.) In der gigantischen Atmosphäre des Riesenplaneten hat man bislang die schwebenden Medusen entdeckt, die schon Arthur C. Clarke in seiner Novelle \"Treffen mit Medusa\" beschrieben hatte.
Doch weit unterhalb der Lebensebene der Medusen hat Dr. Wo einen flüssigen Ozean entdeckt und Aufnahmen von blinkenden Lichtern gemacht. Also muss jetzt eine zweite Expedition nachsehen, was es mit diesen Lichtern auf sich hat. Nachdem Grant sich bewährt hat und als Wissenschaftler auf der Station anerkannt ist, nimmt ihn Dr. Wo - quasi als Ritterschlag - in sein Tauchteam auf. Nachdem jedoch der zweite Tauchversuch wegen eines vergifteten Mitglieds (etwa ein Anschlag verkappter NE-Fanatiker an Bord?) abgebrochen werden musste, rekrutiert Dr. Wo den jungen Grant, der sich als Missionstechniker schon mit dem Ablauf usw. auskennt.
Die Mission
Jetzt geht also los! Endlich kann Grant eine fremde Welt selbst erforschen! Doch er hat eine Scheißangst. Denn erstens atmet man in der Sonde wegen des immensen Außendrucks nicht Luft, sondern eine kalte schleimige Flüssigkeit namens Perfluorcarbon (genau wie Ed Harris in James Camerons \"Abyss\") - bei der Umstellung von Luft auf PFCL steht man Todesängste durch. Und zweitens scheint die Kapselkommandantin, Dr. Krebs, nicht ganz in Ordnung zu sein: Dass sie eine Diktatorin ist, ist okay: kennt man schon von Dr. Wo. Dass sie einen nicht sieht, wenn sie nicht per Biochip mit dem Bordcomputer verbunden ist, ist da schon etwas beunruhigender.
Dafür fühlt man sich dann aber wie Gott! findet Grant. Denn durch die implantierten Biochips ist sein Gehiorn direkt mit den Bordsystemen verbunden. Sozusagen im Cyberspace spürt er die Power des Reaktors und der Triebwerke. So gerüstet, geht\'s ab zu Grants turbulentester Tauchfahrt seines Lebens.
Leviathan
Ich verrate hier nichts Geheimes, wenn ich euch Leviathan vorstelle, das intelligente außerirdische Lebewesen, das mit seiner Sippe den Jupiterozean durchschwimmt. Leviathan wird in mehreren kurzen Kapiteln schon am Anfang des Buches vorgestellt. Er ist ein Gestaltwesen, das aus einer Aggregation spezialisierter Einzelwesen besteht. Manche seiner Bestandteile sind also für die Fortbewegung zuständig, andere für die Nahrungsaufnahme, wieder andere für die intellektuellen Funktionen.
Da Leviathan - benannt nach dem mythischen Meereswesen aus der Bibel - ein neugieriger junger Bursche ist, hat er sich ein wenig zu weit von der Herde entfernt. Er hat schon von der ersten Sonde gehört, die im Ozean aufgetaucht ist. Das Schicksal (und der Autor) will es, dass Leviathan auf die menschliche Tauchkapsel trifft - eine Begegnung, die das Sonnensystem verändern wird und Grant Archer, den NE-Spion, vor eine schwere Entscheidung stellt.
Mein Eindruck
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\"Jupiter\" weist also durchaus eine plausible und vor allem im zweiten Teil spannende Handlung auf, die so manchem Science Fiction-Freund schmecken dürfte: Auf so spannende Missionen durfte man in letzter Zeit lange warten, zumal wenn sie mit so fundierten Erkenntnissen angereichert sind. Natürlich sind Medusen, Leviathane und Jupiterhaie erfunden - dichterische Freiheit. Sie sind ja das Salz in der Suppe, die der Mission des Grant Archer die Krone aufsetzen.
Man muss kein gläubiger Christ sein, um die christliche Einstellung Grants akzeptieren oder gar tolerieren zu können. Auch die Zitate aus den Psalmen, die jedem der fünf Buchteile als Motto vorangestellt sind, stören nicht allzu sehr - sie verleihen der Story das Flair der fünfziger Jahre, als die Welt noch halbwegs in Ordnung war (und einige der besten Science Fiction-Geschichten geschrieben wurden).
Wissenschaft zwischen Wahrheitsfindung und politischer Verantwortung - so lautet der grundlegende Konflikt, auf den Punkt gebracht, mit dem sich der Autor in diesem Roman beschäftigt. Der Konflikt wird in dem Helden der Handlung, Grant Archer, exemplarisch ausgetragen. Von den Fundamentalisten der NE als Spion entsandt, sieht sich der Wissenschaftler doch auch der Neugierde und dem Forschen nach Wahrheit verpflichtet. Und was noch wichtiger ist: In der Arbeit mit einem intelligent gemachten Gorillaweibchen entwickelt er ein Verantwortungsgefühl für nichtmenschliche Intelligenz. Grant kann dies durchaus mit seinem christlichen Glauben vereinbaren, dann er sagt sich, dass auch dies zu Gottes Werk gehört - und wer ist der Mensch, dass er über Gottes Werke zu Gericht säße?
So könnte also auch ein guter Roman des frühen Heinlein (der zwischen 1947 und 1958) aussehen, wenn er denn weiterschriebe. Die Missionsvorbereitung und die Jupitermission selbst haben mich an etliche Erkundungs-Stories erinnert, natürlich an \"Treffen mit Medusa\", aber auch an das beklemmende und furchterregende \"Projekt Luna\" (Rogue Moon) des Amerikaners Algis Budrys. Da merkt man, dass die Erkundungsfahrt in eine so fremde Welt wie Jupiter auch eine Fahrt ins Herz der Finsternis sein kann - und damit ist nicht nur die äußere Finsternis gemeint. Die Auseinandersetzung mit der blinden Kapselkommandantin erzeugt ein Gefühl der Paranoia, wie es wohl an Bord so manchen U-Boots vorkommen könnte. Es gemahnt an die Stimmung auf der \"Pequod\", dem todgeweihten Schiff des buchstäblich verdammten Käptn Ahab in \"Moby Dick\". Motive dieses Meisterwerks von Melville ziehen sich durch den ganzen Roman und wären eine nähere Untersuchung wert.
Unterm Strich
\"Jupiter\" mag zwar manchen logischen Schwachpunkt aufweisen (dichterische Freiheiten), doch bietet der Roman insgesamt hohe Spannung, die aus einer (menschlich und wissenschaftlich) plausiblen Handlung erzeugt wird, die vor einer möglichen Welt des Fundamentalismus als Hintergrund spielt. Ich jedenfalls konnte das Buch auf den letzten 100 Seiten - der Beschreibung der Mission - nicht mehr aus der Hand legen. Ich denke, dafür lohnt sich der Kauf.
Leute, denen sich beim Wort \"Gott\" die Zehennägel aufrollen, solten tunlichst die Finger davon lassen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Jupiter, 2000; Heyne 7/2002, Nr. 06/6416, München; 526 Seiten, EU 8,95, aus dem US-Englischen übertragen von Walter Brumm; ISBN 3-453-21349-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-10 11:25:17 mit dem Titel Ben Bova: *Venus*: Spannendes Liebesdrama
Der Abend- und Morgenstern Venus ist vor Ort leider so heiß wie die Hölle: über 400° Grad. Ausgerechnet dorthin führt eine Expedition, um die sterblichen Überreste eines Forschers zu bergen. Auch der Preis ist heiß: 10 Milliarden Dollar. Doch die Strapazen der Reise können es durchaus mit den Qualen der Liebe aufnehmen, mit denen sich der Held herumschlagen muss: Die Liebes-Qualen der Venus-Hölle!
Der Autor
Ben Bova ist ein Veteran des Geschäfts - auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science Fiction-Magazins \"Omni\" förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit \"Venus\" und \"Jupiter\" (siehe meinen Bericht vom 2.7.) zog er nach - vielleicht schafft er ja auch noch \"Merkur\" und den ganzen Rest.
Handlung
Der Industriemagnat Humphries hat zwei Söhne, in seinen Augen einen \"guten\" und einen \"schlechten\". Alex, der \"gute\", sollte die Firma erben, kam aber bei dem Versuch, den heißen Planeten Venus zu erkunden, um: Er stürzte tödlich ab. Humphries ist entsprechend entsetzt und verbittert. Nun hat er nur noch Van, den \"Kümmerling\", einen kranken Schöngeist, der von Papis Geldzuwendungen ebenso abhängig ist wie von den Medikamenten, mit denen er seine Blutarmut bekämpfen muss. Diese Krankheit hat ihm seine Mutter vererbt, die drogenabhängig gewesen war und bei seiner Geburt starb. Eine unbekannte Stimme verrät Van am Telefon, sein Vater habe Alex auf dem Gewissen. Noch pikanter: Alex war ein Mitglied der Internationalen Grünen Partei (IGP), die die Reichen enteignen will. Da der Alte das wusste, hat er vielleicht Alex wirklich abserviert...
Alles in allem also eine hochgradig explosive Situation, als Papa Humphries ankündigt, er setze 10 Milliarden Dollar für denjenigen aus, der ihm die Überreste seines Sohnes von der Venus zurückbringe. Ein weiterer Affront gegen Van, der noch gekrönt wird von Papis Ankündigung, er werde ihm demnächst den Geldhahn zudrehen. Was bleibt Van übrig, als sich zur Venus aufzumachen?
Aufi, Buam: Pack ma\'s!
Was zunächst als strikt private Mission geplant war, erhält die Segen der Wissenschaft und einer Raumfahrtbehörde. Eine Astrophysikerin, die zusammen mit ihrem alten Professor eine Theorie über venusische Plattentektonik aufgestellt hat, will ihre Theorie nun durch Messdaten untermauert oder widerlegt sehen.
Obendrein setzt \"der Alte\" in letzter Sekunde seinem Kümmerling eine kompetente Kommandantin vor die Nase: die resolute Desiree Dupont, die auch gleich ihre hübsche Tochter Marguerite mitbringt. Da hilft es nichts, dass Marguerite logisch denkende Wissenschaftlerin der Biologie ist (Biologie auf der Venus, fragt sich Van): Vans Hormone spielen trotzdem verrückt bei ihrem Anblick. Natürlich lässt sie ihn abblitzen.
Nichts geht so reibungslos vonstatten, wie es sich Van vorgestellt hat. Der Alte informiert ihn per Funk ihn, dass auch ein Asteroidenmineur namens Lars Fuchs an dem Rennen um die 10 Milliarden teilnehmen werde. Die Situation gemahnt zunehmend an das \"Rennen um die Welt\", wie es Hollywood mal in Cinemascope verfilmt: eitle und feinselige Männer in ihren knatternden Kisten, die dem Preis nachjagen. Denn, wie Van erst sehr spät erfährt, ist Fuchs der alte Erzfeind des Alten: Humphries spannte Fuchs die Frau aus, die sechs Jahre später Vans Mutter werden sollte...
Ein Planet wie die Hölle
Erst als diese zusammengewürfelte Mannschaft mit ihrem Leichtraumschiff \"Hesperos\" (Abendstern) in den stürmischen Luftraum der Venus eintritt, wird es richtig interessant. Nachdem die fragile \"Hesperos\" die Stürme der äußersten Atmosphäre überstanden hat, entdeckt Marguerite in der ruhigeren Zone darunter Kleinstlebewesen. Ja, und was machen diese possierlichen Tierchen? Sie haben nichts Besseres zu tun, als die Metallegierungen der Raumanzüge und der Luftschleuse aufzufressen - von wegen \"toter Planet\"!
Nun bekommt der unter Anämie dahertorkelnde Held alle Hände voll zu tun. Schon bald heißt es: Bitte aussteigen; diese Fahrt endet hier. Während sich die \"Hesperos\" allmählich in ihre Bestandteile auflöst, taucht Käptn Lars Fuchs in seinem wesentlich robusteren Rraumschiff \"Lucifer\" (Morgenstern) zur Rettung des Sprösslings seines Erzfeindes auf - widerwillig natürlich.
Nachdem eine Besatzungsmitglieder der \"Hesperos\" den Sprung auf die \"Lucifer\" nicht geschafft haben, findet sich Van in einer bizarren Art von Patsche wieder: An Bord von Fuchs\' Schiff rackert er als Gefangener und sieht ohne seine Medikamente dem Tod entgegen. Währenddessen scheint sich die geliebte Marguerite außergewöhnlich gut mit Kapitän \"Lucifer\" Fuchs zu verstehen. Doch die Höllenqualen der eifersüchtigen Liebe sind nichts gegen das, was Van auf dem kochendheißen Planeten erwartet.
Mein Eindruck
\"Hormonspektakel\" wäre das passendste Wort, das mir als erstes in den Sinn kommt, um die Handlung zu summieren. Bova hat mit \"Venus\" eine erstklassige Herz-Schmerz-Schmonzette um Liebe, Lust und Leidenschaft geschrieben, die in jedem Julia-Roman die Leser zufriedenstellen stellen würde. Dumm nur, dass er sich ausgerechnet die Science Fiction für diese Art Romanze ausgesucht hat. Die Mischung ist nicht nur unbefriedigend gelungen, sondern wirkt auf wissenschaftlich etwas kühler denkende Leser geradezu unappetitlich und abstoßend, wenn nicht sogar schlichtweg lächerlich.
Absurdes Drama
Das Problem besteht ja darin, dass nicht nur die Bedingungen einer fremden Welt wie etwa metallfressende Mikroben die Handlung vorantreiben - das wäre der Standard in der Science Fiction. Diesmal kommt als tragender Faktor das Familien- und Liebesdrama hinzu. Man könnte es durchaus ertragen, wenn es sich nicht selbst so todernst nehmen würde. So hat man in den 40er und 50er Jahren billige Science Fiction geschrieben, doch spätestens seit der New Wave der 60er ist dieser Stil ad absurdum geführt - das hat sich in den USA wohl noch nicht herumgesprochen.
Daher dürften die einzigen Leser, die voll auf solches Zeug abfahren, Minderjährige sein, die selbst unter den Auswirkungen diverser Hormonschübe zu leiden haben. (Wie man am Erfolg von Military SF und etlichen blutrünstigen Serien ablesen kann, gibt es hier immer einen Absatzmarkt: Kampf, Blut und Sex sind einfach \"geil\".)
Das Erzählverfahren
Auch Bovas Erzählverfahren bereitete mir Bauchschmerzen. Alles wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers geschildert, also aus der subjektivsten Sichtweise, die zur Verfügung steht. Da aber der Held schwach und krank ist, fällt es dem Leser schwer, sich mit ihm zu identifizieren. Zweitens ist dieser Held schrecklich ahnungslos und naiv (wieder junge Leser?), was Raumschiffe, fremde Planeten und nicht zuletzt Frauen angeht.
Zwar macht er sich keine Illusionen über seine Schmarotzerfreunde auf Erden, doch an Bord der \"Lucifer\" fällt er von einer Überraschung in die nächste. Dass er dabei keine sonderlich gute Figur abgibt, ist wohl klar. Und das geht so weiter, bis er auf der Venus landet. Auch dort gilt Dr. Murphys Gesetz: Es wird alles schiefgehen, was nur schiefgehen kann.
Angesichts des Schlusses hätte Bova genau so gut Military-Science Fiction schreiben können: Der im Höllenfeuer des fremden Planeten gestählte Jüngling ist erwachsen geworden: Er hat das Mädchen gekriegt und tritt seinem \"altem Knacker\"-Papi verbal in den Hintern. Kann er ja auch: mit 10 Milliarden in der Hand.
Unterm Strich
Wer als pubertierende Leseratte mal so richtig tief in die Science Fiction der vierziger und fünfziger Jahre (Heinlein und Co. lassen grüßen) eintauchen, kann sich diese dramatische Romanze gerne reinziehen.
Wer allerdings auf wissenschaftlich fundierte Science Fiction steht, sollte eher zu Bovas Roman \"Jupiter\" oder gleich zu anderen Autoren wie Stephen Baxter greifen. Die machen dabei einen guten Job, auch wenn das nicht immer hundertprozentig hinhaut.
Und dann gibt es da noch ganz andere Science Fiction wie etwa die von Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin und Ian McDonald, die sowohl moderne gesellschaftliche (etwa die Geschlechterproblematik und Asylanten) als auch geisteswissenschaftliche (Kann ich erkennen, ob etwas echt ist, wenn alles künstlich ist? Kann ich mit dem geist die Welt verändern?) Themen relevant finden und überzeugend aufgegriffen haben.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Venus, 2000; Heyne 4/2002, Nr. 06/6388, München; 494 Seiten, EU 8,95, aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert; ISBN 3-453-19677-5
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-08 11:44:29 mit dem Titel Stephen Baxter: *Das Multiversum 1: Zeit*: Visionär
Botschaften aus der Zukunft, Reisen in eine Milliarden Jahre entfernte Zukunft: \"Manifold: Time\" ist ein Science Fiction-Roman voller effektvoller Ideen, die sich der Autor jedoch nicht aus den Fingern gesogen hat. Sein Nachwort belegt seine fundierten wissenschaftlichen Quellen. Das muss nicht bedeuten, dass diese Ideen innerhalb der Science Fiction neu sind, vielmehr beutet baxter sie auf neue Weise aus.
Baxter hat sich in den letzten paar Jahren zu einem würdigen Nachfolger von Arthur C. Clarke (einem Ko-Autor) und Isaac Asimov emporgeschrieben. Mit Romanen wie \"Ring\" (aus dem Xeelee-Zyklus) und \"Titan\" öffnete er dem Science Fiction-Publikum die riesigen Dimensionen, die das Universum charakterisieren.
In \"Multiversum 1: Zeit\" erschließt er die zeitlichen Dimensionen, in die sich zuerst sein Landsmann Olaf Stapledon in den 1930er Jahren wagte (\"Der Sternenschöpfer\", \"Die letzten und ersten Menschen\"): Billiarden von Jahren in der Zukunft, am Ende des Universums. In \"Manifold: Space\", seinem neuesten Roman, versucht er das Gleiche für die Dimension des Raums.
Handlung
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Im Jahr 2010 sind die Aussichten für die Erde und das Überleben des Menschen als Spezies noch düsterer als sie heute bereits sind. Da die Erforschung und Nutzung des Weltraums jenseits des Mondes seit 40 Jahren von der NASA blockiert wird und so die Weltwirtschaft ineinem geschlossenen Kreislauf auf die Ausbeutung der Erde hinarbeitet, sehen der Ex-NASA-Mitarbeiter und Unternehmer Reid Malenfant und sein geistiger Mentor Cornelius Taine nur einen Ausweg, nämlich den Ausbruch aus der Umklammerung der NASA durch ein waghalsiges Unternehmen: den Start eines privaten Raumschiffs.
Kurz bevor die von der Regierungsbehörde NASA in Marsch gesetzten Bürokraten den Start verhindern können, gelingt Malenfant der Start des \"Big Dumb Boosters\", eines Billig-Shuttles. Die \'Nautilus\' hat keine Besatzung außer einem genetisch zu einem intelligenten Bewusstsein gebrachten Tintenfisch. Dieser Kalmar namens Sheena 5 ist sozusagen der Pilot der Nautilus und wie sich später herausstellt, hat sie ein kleines Geheimnis mitgenommen: Sie ist schwanger...
Das Ziel des Raumfahrtprogramms, für das Malenfant eine Reihe von Investoren gewinnen konnte, war ursprünglich das Einfangen eines Asteroiden, dessen Erzvorkommen ausgebeutet werden sollten. Doch in letzter Minute ließen Malenfant und Taine das Ziel ändern. Die Gründe dafür sind sehr überraschend. Die beiden haben nämlich eine per Neutrino übertragene Botschaft erhalten: \"1986 - 3753\". Wie sich zeigt, sind dies die astronomischen Daten für einen einzigen möglichen Kandidaten: Nur der exzentrische Asteroid Cruithne (sprich: kruuth\'ni) kommt in Frage, und seine Umlaufbahn weist ihn als zweiten Mond der Erde aus.
Doch wer schickte die Botschaft aus der Zukunft? Taine Nennt sie die \"Downstreamer\", nach ihrer Position im abwärts gerichteten Fluss der Zeit, in der Zukunft. Als die Nautilus auf Cruithne eintrifft, veranlasst Sheena 5 alle richtigen Vorgänge, um die Materialvorkommen Cruithnes auszubeuten. Sie nutzt sie außerdem insgeheim, um ihrer Nachkommenschaft das Überleben zu sichern, zumindest den vier Kalmaren, die sich als ebenso intelligent wie sie selbst herausstellen. Die Kinder von Sheena 6-9 teilen diese Intelligenz, doch sehen auch sie ihr Überleben bedroht, da die Ressourcen nicht reichen. Und so erkunden sie Cruithnes andere Seite. Hier stoßen sie auf ein Artefakt: einen blauen Ring, ein Tor in eine andere Zeit, die Zeit der Downstreamer.
Malenfant, seine Ex-Frau und Managerin Emma und Taine sind von den Socken. Sie können durch unabhängige Miniroboter die Vorgänge auf dem Asteroiden verfolgen. Der blaue Ring ist das Symbol, das die überdurchschnittlich intelligenten Kinder tragen, die in letzter Zeit überall auf der Erde aufgetaucht sind. Eines dieser Kinder, Michael, hat Emma selbst in Sambia besucht: Er hat schwierigste physikalische und mathematische Probleme intuitiv gelöst. Offensicht besteht ein Zusammenhang zwischen Downstreamern (die Cruithne-Botschaft), dem Cruithne-Artefakt und den Blauen, wie die jungen Genies genannt werden. Wollen uns die Downstreamer retten, bevor wir uns selbst ausrotten, wie ein gewisser Carter ausgerechnet hat. Er prophezeit den Zusammenbruch der Weltwirtschaft für die nächsten 150 bis 240 Jahre.
Selbstverständlich haben alle diese Enthüllungen, die der eifrige Malenfant an die Medien weitergibt eine brisante Wirkung auf die vernetzte Weltbevölkerung: Selbstmorde, selbsternannte Rächer und Weltuntergangssekten, Kirchendementis und die obligate NASA-Blockierung sind an der Tagesordnung. So hat Emma alle Hände voll zu tun, das Überleben von Malenfants Firma zu sichern.
Doch beim nächsten Start zum Asteroiden nimmt Malenfant nicht nur Taine mit, sondern auch das junge Genie Michael und - Emma. Verfolgt von Kongressanordnungen, Racheanschlägen und natürlich NASA-Schergen kann Malenfant gerade noch abheben, bevor man seine Firma und die von Taine dichtmacht. Und was er der völlig überraschten Emma nicht gesagt hat, ist das Geheimnis, warum er aus der NASA geflogen war...
Mein Eindruck
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Mit Hilfe heute noch exotisch erscheinender Ideen aus der Quantenphysik versucht Baxter, im Leser eine Art \'sense of wonder\' zu erzeugen. Das gelingt ihm auch stellenweise ausgezeichnet. Voraussetzung ist natürlich, dass der Leser geistig mithalten kann. Dies ist also eher ein Buch für Luft- und Raumfahrttechniker...
Bevor der Leser jedoch völlig abzuheben droht, schiebt Baxter immer wieder Textschnipsel aus der realen Welt des Jahres 2010 ein, beispielsweise aus Internet-Artikeln (mit simulierten Hyperlinks) oder aus Interviews. Dies filmische Technik hat er sich von John Brunners großartigem Roman \"Morgenwelt\" (\"Stand On Zanzibar\", 1969) abgeschaut. Zum Glück traut er sich nicht, die chronologische Abfolge der erzählten Ereignisse durcheinander zu bringen, wie dies gerne Mainstream-Autoren wie Douglas Coupland praktizieren. So hat der Leser stilistisch festen Boden unter den Füßen.
Was die Wahrscheinlichkeit des geschilderten Szenarios anbelangt, so besteht zwar eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Zusammenbruch der Imperiums des Menschen in den nächsten 200 Jahren stattfindet, doch die Methoden, wie dies verhindert werden könnte, sind natürlich Baxters Erfindung: privatunternehmerische Erforschung und Ausbeutung der Asteroiden beispielsweise, hilfreiche bzw. warnende Botschaften aus der Zukunft, \'Uplifting\' von intelligenten Spezies usw.
Die einzigen \'Downstreamer\', die es geben wird, sind wir selbst. Und der Stream, in dem wir abwärts schwimmen, ist sowohl die Zeit als auch der sich verschlimmernde Zustand unseres blauen Planeten. Baxters Figur Taine behauptet, die Erde sei der einzige Ort im Universum, wo sich nach dem Big Bang intelligentes Leben entwickelt habe. Nun haben wir keine Ausrede mehr: Wenn wir unser Mutterschiff Erde gegen die Wand gefahren haben, wird es keine Aliens geben, denen wir die Schuld in die Schuhe schieben können. Die Aliens sind wir selbst.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Manifold: Time, 1999; Heyne 8/2002, Nr. 06/6423, München; 684 Seiten, EU 9,95, aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert; ISBN 3-453-21356-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-12 14:36:00 mit dem Titel David Brin: *Sternenflut*: Zwiespältige Sternenoper
Dies ist der zweite Roman der promovierten Physikers David Brins und zugleich der zweite Band in den zwei Trilogien seines sogenannten Uplift-Zyklus. (Der erste Uplift-Roman heißt \"Sonnentaucher\".)
Diese Space Opera in Brins Uplift-Universum gehört zu den wichtigsten SF-Romanen der 80er und 90er Jahre. \"Sternenflut\" wurde mit den drei wichtigsten Preisen der Science Fiction ausgezeichnet.
Hintergrund
Im Universum der Fünf Galaxien, so der Hintergrund von Brins Roman, haben vor Urzeiten die sogenannten \"Progenitoren\" dafür gesorgt, daß sich mehrere Rassen - je eine pro Galaxie - zu Bewußtsein entwickeln konnten, um die Herrschaft über die jeweilige Galaxis anzutreten. Dies war das allererste Uplifting des Bewußtseins.
Die Debatte dreht sich nun darum, ob auch die Menschen davon betroffen waren oder ob sie sich selbst zur \"Sapienz\" entwickelten. Wie auch immer: Die Progenitoren verschwanden, die Menschen uplifteten die Delphine und Schimpansen zur Sapienz. Sie kamen den Progenitoren in \"Sonnentaucher\" auf die Spur und entdecken in dem Thriller \"Sternenflut\" noch weitere Artefakte sowie die Leiche eines uralten Wesens - möglicherweise einer der Progenitoren.
Handlung
Vor den Kriegsflotten verschiedener Alienrassen, die alle hinter der Leiche an Bord des Forschungsschiffs \"Streaker\" her sind, hat sich die Besatzung samt Schiff auf einem Wasserplaneten in Sicherheit gebracht. Das Schiff liegt auf dem Meeresboden, und die aus Menschen, Delphinen und Schimpansen gemischte Besatzung (letztere ebenfalls intelligent) müssen sich zusammenraufen, insbesondere angesichts der Gefahren, die auf dem Planeten Kithrup ebenso warten wie draußen im All.
Hier bietet sich dem Autor Gelegenheit zu ausgiebigen Verhaltensstudien und ironischen Seitenhieben auf die jeweils andere Spezies an Bord. Brin hat sich sogar eine neue Sprache für die Delphine ausgedacht: Trinär, das wie ein Haiku formuliert wird.
Währenddessen haben die Alienrassen, die Kithrup und die \"Streaker\" belagern, nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu verkloppen. Die Erdlinge auf der \"Streaker\" schlagen ihnen ein Schnippchen nach dem anderen. Allerdings regt sich Verrat in den eigenen Reihen, und nur mit knappster Not entkommen sie den feindlichen Aliens.
Das dramatische Ende soll hier nicht verraten werden. Die Abenteuer der \"Streaker\" gehen jedenfalls noch weiter.
Fazit
Diese Space Opera war zwar zu ihrer Zeit ein Hit in den USA und wurde mit Preisen überhäuft, dennoch bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Ein Szene- und Kultbuch eben. Besonders der dramtische Höhepunkt am Schluss, das Finale, hat mir gut gefallen. Ansonsten ist die Handlung weitverzweigt und es fällt schwer, ihr Spannung abzugewinnen.
Michael Matzer © 2000ff
Info: Startide Rising, 1983; München, Heyne, 2000; Heyne TB Nr. 06/8208; 653 Seiten, DM 16,00, aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Schmidt, ISBN 3-453-16416-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-12 22:47:48 mit dem Titel Tauchfahrt in die Sonne - geniale SF
\"Sonnentaucher\" mag zwar David Brins erster SF-Roman gewesen sein, aber es ist zweifellos ein Meisterwerk. Und so kommt es einem vor, als habe hier einer der alten Profis à la Heinlein ein ausgereiftes Produkt abgeliefert.
Hintergrund
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Dies ist der erste Roman der promovierten Physikers David Brins und zugleich der erste Band in den zwei Trilogien des sogenannten Uplift-Zyklus. Diese Space Opera in Brins Uplift-Universum gehört zu den wichtigsten Science Fiction-Werken der 80er und 90er Jahre.
Im Universum der Fünf Galaxien, so der Hintergrund von Brins Roman, haben vor Urzeiten die sogenannten \"Progenitoren\" dafür gesorgt, daß sich mehrere Rassen - je eine pro Galaxie - sich zu Bewußtsein entwickeln konnten, um die Herrschaft über die jeweilige Galaxis anzutreten. Dies war das allererste Uplifting des Bewusstseins.
Die Debatte dreht sich nunmehr darum, ob
auch die Menschen davon betroffen waren oder ob sie sich selbst zur \"Sapienz\" entwickelten. Wie auch immer: Die Progenitoren verschwanden, die Menschen uplifteten die Delphine und Schimpansen zur Sapienz. Das war ihr Glück, denn sonst wären sie nach dem Erstkontakt mit den Aliens selbst upgeliftet worden - falls man sie dessen für würdig befunden hätte. Die Aliens hätten sie zum dienstverpflichteten \"Klienten\" eines \"Patrons\" gemacht - wer weiß, für welche fremdartigen Zwecke.
Handlung
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Beim Beginn der Handlung arbeitet der junge Jacob als Trainer für upgeliftete Delphine vor der südkalifornischen Küste. Eines Tages erhält er die Einladung zu einer Besprechung mit Aliens
südlich von San Diego. Dort befindet sich eine Reservation für Aliens, vor der Tausende demonstrieren. Es gibt nämlich auf der Erde den hitzigen Streit um die Stellung des Menschen in
der Evolutionstheorie: Erreichte der Mensch selbst die Sapienz à la Darwin, oder wurde er von Aliens upgeliftet - à la Däniken?
Mit mehreren Aliens sowie einem Wissenschaftler und einem aufdringlichen dogmatischen Reporter darf Jacob mit einem Raumschiff zur Sonne fliegen: Die Wissenschaftler meinen, dort auf Gespenster gestoßen zu sein! Aufgrund der Lügen und Tricks eines der Patron-Aliens glauben die Beobachter zunächst, wirklich die Solarier-Gespenster gefunden zu haben.
Doch Jacob gelingt es, den Alien zu entlarven dieser wollte lediglich die verachtete Wissenschaft der Erde der Lächerlichkeit preisgeben. Wäre es ihm gelungen, wären die Aussichten der Terraner, Forschungsresultate von der galaktischen Gemeinschaft zu erhalten, sehr schlecht gestanden. Doch die Chancen hätten sich erhöht, zu Klienten dieser Alien-Rasse adoptiert zu werden!
Mit einem deduktiven Bravourstück hat Jacob den einen Alien ausgeschaltet, als schon der nächste Ärger macht. Ihm, Culla, hatte Jacob wesentlich mehr vertraut. Culla bringt jedoch das Sonnentauchschiff zum Absturz. Mit knapper Not gelingt es der Mannschaft und ganz besonders Jacobs neuer Geliebter, der Pilotin Helene, das Raumschiff zu retten und Culla auszuschalten. Ihr Absturz wird auch von einigen wirklichen Solariern gebremst.
Schließlich jedoch versagt der Gravitationsausgleich und alle (außer dem dritten, widerstandsfähigen Alien) werden Opfer der gigantischen Schwerkraft der Sonne. Wenigstens ist es nicht aus mit ihnen: Durch die durch Helene veranlaßte Tiefkühlung an Bord wurden ihre klinisch toten Körper tiefgefroren, so daß man sie später wieder auftauen konnte. Und ihre Aufzeichnungen geben ihnen sehr gute Karten in die Hand, die sie beim galaktischen Poker um Macht und Einfluß einsetzen können...
Mein Eindruck
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Brin zeichnet zunächst ein geschlossenes, einheitliches Universum, wie man es in der Science Fiction noch nicht \"gesehen\" hat. Dann führt er glaubwürdige Charaktere ein und verwickelt sie in eine dramatisch sich steigernde Handlung.
Beim kühnen Unternehmen des Sonnentauchens entspinnt sich ein veritabler Krimi mit gleich zwei Finalen. Und Brin überrascht den Leser mit immer neuen Haken, die die Handlung schlägt, so daß man nicht aufhören könnte, selbst wenn man wollte: Jacob stellt sich als gespaltene Persönlichkeit heraus, der scheinbare Bösewicht LaRoque als verleumdeter Unschuldiger,
und der brave Alien Culla entpuppt sich schließlich als intriganter Oberbösewicht.
Brin verwendet in \"Sonnentaucher\" sein solides Wissen in der modernsten Physik, um dem Leser Szenarien und Bilder vor Augen zu führen, die zum klassischen \"sense of wonder\" beitragen: So wird zum Beispiel die Raumkapsel \"Sundiver\" zum sprichwörtlichen Schneeball in der Hölle - innen tiefgekühlt durch abgestrahlte Laserenergie, außen gebraten durch das Innere der Sonne.
Diese Genialität ist gepaart mit einem frechen, stellenweise gar unverschämten Humor, der die Lektüre zu einem reinen Vergnügen macht. Klasse!
Michael Matzer (c) 1999/2002ff
Info: Sundiver, 1980; Nr. 06/5278; 445 Seiten, aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Schmidt, Heyne, München, ISBN 3-453-?
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-13 12:18:05 mit dem Titel Gregory Benford: *Im Meer der Nacht* (Contact-Zyklus #1): Erster Kontakt
Mit diesem minutiös recherchierten Roman startete der 1941 geborene Physikprofessor 1977 seinen CONTACT-Zyklus. Den Zyklus hat er fortgesetzt mit den übersetzten Bänden \"Durchs Meer der Sonnen\" (1984/87), \"Himmelsfluss\" (1987, dt. 1994) und \"Lichtgezeiten\" (1989, dt. 1994).
Handlung
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1949 wurde durch Walter Baade auf dem Mount-Palomar-Observatorium der Kleinplanet Ikarus entdeckt, der seine exzentrische Bahn zwischen Mars und Merkur zieht und sich der Erde bis auf 6,4 Mio. Kilometer nähern kann.
1997 registrieren die Astronomen einen rätselhaften Gasausbruch auf dem Himmelskörper, der seine Bahn verändert und ihn auf Kollisionskurs mit der Erde bringt. Ein Astronautenteam wird hinausgeschickt, um ihn mit Wasserstoffbomben zu sprengen. Es macht die sensationalle Entdeckung, daß es sich um ein getarntes, automatisches Raumschiff handelt. Das erinnert schwer an Clarkes \"Rendezvous mit Rama\".
Im Augenblick seiner Sprengung setzt das fremde Raumschiff einen Hilferuf ab, der gehört wird. Denn 15 jahre später taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf: der Schnark. (Der Snark ist eine fiktive Figur bei Lewis Carroll.) Die Militärs sehen in ihm eine Bedrohung und beschließen, ihn zu vernichten. Doch er entkommt in die Tiefen des Alls.
Die Menschheit hat sich mit diesen beiden Aktionen selbst als aggressive Lebensform eingestuft, die eine Gefahr für alle höheren Zivilisationen des Galaxis werden kann. Bedeutet es ihr Todesurteil? Der zentrale Charakter des Romans, Astronaut Nigel Walmsley, soll es herausfinden. Er tritt auch in der Fortsetzung \"Durchs Meer der Sonnen\" wieder auf.
Fazit
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\"Im Meer der Nacht\" ist das Vorspiel zur Kontaktaufnahme mit einem Universum, in dem ein beständiges Ringen zwischen organischem und anorganischem Leben bzw. den entsprechenden Lebensformen stattfindet. Und es sieht so aus, als behielten selbstreproduzierende Maschinenwesen die Oberhand. Dies ist kein leeres oder gar freundliches Universum, das auf die Eroberung durch den Menschen wartet. Vielmehr sieht sich die Erdexpedition schon bald in höchster Lebensgefahr...
Da Benford Physiker ist, liegt es nahe, daß er wissenschaftliche Kenntnisse bei der Leserschaft voraussetzt, um dieses Wissen in seiner Erzählung anbringen zu können. So liegt der Schwerpunkt weniger auf Romanze und Abenteuer als vielmehr auf den technischen Abläufen und dem kognitiven Neuland, das sich den Menschen durch den (vorerst vermasselten) Erstkontakt erschließt.
In der Ausgabe von 1980 liefert das Interview mit dem Autor wertvollen Aufschluß darüber, wie er die Rolle und Bedeutung der Science Fiction und seines Schaffens sieht und einordnet.
Michael Matzer © 2000ff
Info: In the ocean of night, 1977; Nr. 06/7027, aus dem US-Englischen übertragen von Gerd Hallenberger, München, Heyne, 2000, ISBN 3-453-17088-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-13 18:40:26 mit dem Titel Andreas Eschbach: *Das Jesus Video*: Katz und Maus im hl. Land
Gibt es Zeitreisende - und wenn ja, wo sind sie geblieben? Haben sie was mitgebracht?
Nach \"Solarstation\" und \"Die Haarteppichknüpfer\" legte Eschbach 1998 einen weiteren preisgekrönten Roman vor. Als der Roman im Taschenbuch erschien, war die Hardcover-Ausgabe bereits vergriffen.
Handlung
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Stephen Foxx, Mitglied der New Yorker Explorer\'s Society, findet bei archäaologischen Ausgrabungen in Israel in einem 2000 Jahre alten Grab die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommen soll. Es gibt nur eine Erklärung (oder?): jemand muß versucht haben, Videos von Jesus Christus zu machen. Der Tote im Grab wäre demnach ein Mann aus der Zukunft, dem es gelungen war, in die Vergangenheit zu reisen. Und irgendwo in Israel wartet eine Kamera samt Videoaufnahmen in einem sicheren Versteck darauf, gefunden zu werden.
Aber möglicherweise ist ja alles nur ein großangelegter Schwindel. Schließlich hat ein Medienzar, John Kaun, seine Finger im Spiel. Er finanziert die Ausgrabung, und ein dubioser britischer \"Wissenschaftler\" leitet die Grabungen. Als John Kaun dem Vatikan die noch nicht einmal gefundenen Videobänder gegen eine astronomische Summe verkaufen will, beginnt ein lebensbedrohliches Katz-und-Maus-Spiel für Stephen Foxx, das ihn zuletzt an den Rand des Verdurstens in der Wüste Negev führt.
Mein Eindruck
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Eschbachs große erzählerischen Vorbilder sind Konsalik und Alistair McLean. Der Leser stößt dementsprechend allenthalben auf Kniffe und effektvolle Strukturen in Eschbachs extrem spannenden Thriller. Leider sind notgedrungen seine Figuren entsprechend flach, geradezu stromlinienförmig. Immerhin rettet seine stellenweise auftretende Selbstironie (\"Mein Gott, was für eine Phantasie!\") den Erzählton vor dem Abrutschen ins pathetische Drama. Am markantesten gelungen ist wohl der eremitische Vater eines der Ausgrabungshelfer - er gibt den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib der Videokamera, doch schließt er sich selbst vom Geschehen, ja vom Rest der Welt aus.
Ganz nebenbei vermittelt der Erzähler eine ganze Menge an Bildungswissen und wertvollen Einsichten - nicht nur über das politische Pulverfaß Israel, sondern auch über seine vieltausendjährige Geschichte, auf die sich u.a. auch unsere abendländische Kultur gründet. Hier agiert der Erzähler mit Tonnen von Material auf leichtfüßige Weise, glänzt stellenweise mit ironischem Witz und originellen Einsichten. Dies macht diesen Roman nicht nur zu spannender Lektüre, sondern zu einem Vergnügen, das nicht so schnell zu wiederholen ist.
Michael Matzer ©2002ff
Info: Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2000, 651 Seiten, Nr. 14294, ISBN 3-7951-1625-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-21 13:02:40 mit dem Titel G. Benford: *Das Rennen zum Mars*: Mission to Mars 2. Klasse
Im Mai 2018 soll die erste bemannte Marsmission nach aktuellen NASA-Plänen starten. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Benford ist recht skeptisch geworden gegenüber den Chancen für diese Mission. In seinem Roman zeigt er, dass trotz bescheidenster Mitel ein Lohn errungen werden kann, der alle Opfer und Mühsal wert ist.
Der Autor
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Gregory Benford, Jahrgang 1941, gehört zu den profiliertesten Autoren von naturwissenschaftlich orientierter Science Fiction überhaupt. Nicht nur sein CONTACT-Zyklus hat ihm Lorbeeren eingebracht, sondern auch Thriller, die auf fundierten Kenntnissen über die Theorie von Schwarzen Löchern und Quantenphysik beruhen, so etwa \"Artefakt\" und \"Cosm\" (\"Eater\" erscheint demnächst bei Heyne).
Sein bester Roman ist jedoch für mich \"Zeitschaft\", eine Porträt wissenschaftlicher Arbeit in einem kalifornischen Labor, das eine Warnung aus der Zukunft erhälkt, sie aber kaum zu entziffern weiß (siehe dazu meinen Bericht). Nach diesem Buch wurde das amrikanische Imprint \"Timescape\" benannt.
Handlung
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Als die Regierung der Vereinigten Staaten die Ergebnisse einer Studie der NASA hinsichtlich der Kosten einer bemannten Mission zum Mars erfährt, stoppt sie alle Vorbereitungen für ein solches Projekt. Man greift vielmehr den Vorschlag \"Mars Direkt\" des Raumfahrtingenieurs Robert Zubrin auf: Man setzt ein Preisgeld für denjenigen aus, dem es gelingt, die Oberfläche des Roten Planeten zu erreichen und Bodenproben zur Erde mitzubringen. Das Preisgeld ist beachtlich: immerhin 30 Milliarden Dollar.
Damit ist jedoch, wie leicht abzusehen war, die Stunde der Abenteurer und Hasardeure gekommen. Sie kaufen gebrauchte Hardware auf, sichern sich Vorschüsse bei den Medien für exklusive Übertragungsrechte und nehmen arbeitslose Astronauten unter Vertrag.
So macht es auch der schwerreiche Unternehmer John Axelrod. Er lässt seine vielfältigen Beziehungen spielen, um beim nächsten Startfenster eine vierköpfige Mannschaft auf den Marstrip zu schicken. Obwohl die Missionsteilnehmer mit einer spartanisch eingerichteten Blechbüchse zurechtkommen müssen, gelingt ihnen die erfolgreiche Ankunft und Landung. Für die Rückkehr steht ein von der NASA zurückgelassenes Vehikel bereit, das ERV, das seinen Treibstof aus der dünnen Marsatmosphäre gewinnt.
Doch rund ein jahr später startet ein europäisch-chinesisches Konsortium ebenfalls ein Schiff. Das ist aber wesentlich besser ausgerüstet und mit einem Atomantrieb versehen, der es in weitaus kürzerer Zeit zum Roten Planeten bringt. Nun beginnt ein regelrechtes Wettrennen um den begehrten Preis.
Als die Erzählung beginnt, sind Axelrods Mannen bereits etliche Monate auf dem Mars zugange: der Russe Viktor ist der Kapitän, seine Gefährtin ist die Biologin und Psychologin Julia. Raoul repariert alles, und Marc, den Axelrod von den Chinesen abgeworben hatte, ist Geologe.
Axelrods Team erreicht das Ziel und macht sich auf die Suche nach Lebensformen. Julia vermutet tief unter der Oberfläche Mikroben in noch nicht vollends erkalteten vulkanischen Schloten. Diese Suche verläuft für sie höchst positiv, denn es handelt sich um Kolonien anaerober Mikroben, die nicht auf Sauerstoff angewiesen sind. Die Entdeckung dieser \"Aliens\" ist für die Sensationspresse der Erde, an die Axelrod jedes Fitzelchen an Infos verscherbelt, ein gefundenes Fressen. Als Julia durch die Expansion der \"Aliens\" in ihrer Versuchskammer einen Unfall erleidet und bei ihrer Flucht ins Freie im Vakuum ohnmächtig wird, heulen die Medien auf: \"Erdenfrau auf dem Mars von Aliens angegriffen!\" Paranoia feiert fröhliche Urständ.
Allerdings folgt schon nach kurzer Zeit ein weiterer Rückschlag. Bei einer Probezündung der Triebwerke des ERV-Rückkehrfahrzeugs wird dieses so schwer beschädigt, dass ein Rückflug zur Erde unmöglich geworden ist. Ein Ersatzfahrzeug von der Erde muss auf den Weg gebracht werden, um die Astronauten zu bergen.
Aber John Axelrod hat inzwischen seinen Bankrott erklärt und kann somit die erforderliche Rettungsmission nicht finanzieren. Müssen also seine Leute auf dem Mars jämmerlich verrecken? Aber dann landet endlich das zweite Team von der Erde. Allerdings hat es nur Platz für ein weiteres Besatzungsmitglied. Dessen Kapitän Chen ist so fies, Julia den Vorschlag zu machen sie mitzunehmen, wenn sie ihm Proben der \"Aliens\" überlässt. Als Julia sich weigert, herrscht dicke Luft. Und dann gibt es die ersten Toten...
Mein Eindruck
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Ein Top-Autor wie Benford erbringt Höchstleistungen, was die Recherche seiner Romane anbelangt. \"Rennen zum Mars\" ist keine Ausnahme. Die Bahnberechnungen für die verschiedenen Raumfahrzeuge sind ebenso professionell wie die Berge von Fakten, die Benford über den Mars vermittelt. Für den Leser bedeutet dies, dass er sich mit der Fülle wissenschaftlicher Informationen auseinandersetzen muss --er kommt nicht daran vorbei.
Ich habe dies nach beschwerlichen zwei Monaten Lesezeit endlich eingesehen. Da war ich ungefähr aud Seite 240 steckengeblieben. Denn schließlich passiert ja kaum etwas, außer dass Julia ein paar interessante Proben außerirdischen Lebens einsammelt und untersucht. Ansonsten beschreibt Benford im ersten 170 Seiten langen Teil, wie die Axelrod-Astronauten ausgewählt, trainiert und ausgetauscht wurden.
Außerdem erfahren wir, wie sie mit der äußerst lebensfeindlichen Umwelt des Roten Planeten zurechtkommen: Raumstrahlung, giftiger Peroxid-Staub und -Sand usw. Außerdem sind da noch recht menschliche Probleme psychologischer Art. Dies dient dazu, die besatzung besser kennenzulernen.
In Schwung kommen die Dinge erst in der zweiten Hälfte, als Julia ihren Alien-Unfall hat, das ERV abstürzt und zu allem Überfluss auch noch das gegnerische Team landet. Nun hat auch die Sensationspresse gut zu schreiben. Julia und ihr Gefährte Viktor, der Käptn, laufen zur Höchstform auf, um die diversen Krisen zu bewältigen. Das wird zunehmend spannender, bis man das Buch gegen Schluss überhaupt nicht mehr aus der Hand legen kann. (Genauso war auch \"Zeitschaft\" aufgebaut.)
Wie man sieht, bringt der Autor neben beeindruckenden Diagrammen und Planetenbeschreibungen auch eine spannende handlung mit Action zusammen. Ganz am Schluss kommt so etwas wie \'sense of wonder\' auf.
Die Titel der Buchabschnitte
...lauten (1) \"Die Mars-Unternehmer\", (2) \"Eine Mars-Odyssee\", (3) \"Vorposten Mars\", (4) \"Der Mars braucht Frauen\" und (5) \"Mars City\". Titel Nr. 2 ist ein Zitat. So hieß eine der frühesten und besten Mars-Stories. Sie stammt von Stanley G. Weinbaum.- Titel Nr 4 zitiert einen Filmtitel, der sogar im Buch vorkommt. Es handelt sich um einen jener billig gemachten B-Movies, die auf anderen Welten nur Monster vermuten. Natürlich stürzt ein solches Monster auf der Erde und ist hinter den Frauen her (als ob es keine appetitlichere oder ergiebigere Nahrung gäbe, etwa einen Wal).
Die Art, wie Benford diese und andere Machwerke zitiert, ironisiert die Sensationsgier und naivität der Menschen. Gleichzeitig nimmt dies der Kritik an seinem eigenen Versuch, der geschilderten Marsexpedition zu einer gewissen Sensation zu verhelfen, die Spitze. No monsters here, thank you! Nur dumme, unvorsichtige Menschlein.
Die Übersetzung
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Martin Gilbert macht seine Sache als Übersetzer erstaunlich gut. Inzwischen scheint man bei Heyne eingesehen zu haben, dass leute, die im Original Umgangssprache benutzen, dies auch in der Übersetzung tun sollten. Das hat Gilbert umgesetzt; es verlangt natürlich ein erfahrenes Sprachgefühl, denn wer kennt schon jede Redewendung im US-amerikanischen Englisch? Gleichzeitig muss man sich auch in der Sprache der deutschen Jugend von heute zuhause fühlen, sonst kommt das nicht an.
Süddeutsche Leser müssen sich mit Gilberts norddeutschem Idiom abfinden, in dem schon mal Wörter wie \"bräsig\" vorkommen.
Bugs gibt es im Text dennoch genug: Die Ausdrücke \"tar baby\", \"SEM\" und \"ASAP\" (\'as soon as possible\') wurden unterstrichen, aber nicht übersetzt. Auf Seite 414 wurde vergessen, das Datum richtig anzugeben. Alle Kapitel geben das jeweilige Tagesdatum an; bei Kapitel 32 ist aber das des Vortages angegeben.
Der Originaltitel
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...The Martian Race ist ein englisches Wortspiel. Das englische Wort \"race\" bedeutet sowohl \'Rennen\' als auch \'Rasse\'. Und so kann sich Julia am Ende des Buches als Angehörige der marsianischen Rasse als auch Teilnehmerin des \'Rennens zum Mars\' mit den gleichen Worten von ihren zur Erde fliegenden Kameraden verabschieden. Merke: Benford verfügt über eine gehörige Portion Sprachgefühl. Er hat es wahrscheinlich in zahllosen Vorträgen ausbilden können.
Fazit
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Ein sauber geschriebener Wissenschafts- und Expeditionsthriller, der anfangs viel Geduld verlangt, aber der in 2. Hälfte aber immer besser wird.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The Martian Race, 1999; Heyne 2002, Nr. 06/8308, München; 493 Seiten, EU 12,00, aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert; ISBN 3-453-19667-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-11 11:32:29 mit dem Titel Geraldine Brooks: *Das Pesttuch*: Liebe in Zeiten der Pest
Der Ausbruch der Pest verändert in einem kleinen englischen Dorf alle Aspekte des täglichen Lebens. Die Bäuerin Anna Frith schildert die Umwälzungen, die sie auch am eigenen Leib erfährt, lebendig und authentisch - so realitätsnah, dass sich dem Leser das Grauen ebenso eindrücklich vermittelt wie das Wunder, dass manche Menschen die Seuche überleben. Der Vergleich mit Bildern von Peter Breughel liegt nahe.
Die Autorin
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Die amerikanische Journalistin und Autorin Geraldine Brooks besuchte eines Tages in England ein sogenanntes \"Pestdorf\". Dort hatten sich Menschen bei Ausbruch der Pest im 17. Jahrhundert selbst in Quarantäne begeben, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Konkretes Vorbild für brooks war der Ort Eyam. An den Mut und die Verzweiflung solcher Dörfler erinnert bis heute ein kleines Museum im Peak District von Yorkshire, Nordengland. (Das ist ist die Region um Sheffield herum; ich war 1984 dort: Der Peak District ist gebirgig und wildromantisch, aber in weiten Teilen abgelegen und einsam.)
Handlung
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Man schreibt das Jahr des Herrn 1665 in einem kleinen Dorf im stürmischen Yorkshire, Nordengland. Hier leben nur wenige hundert Menschen, hauptsächlich von den Bleiminen und der Landwirtschaft. Der Bürgerkrieg ist gerade vorbei, und man versucht zur Normalität zurückzufinden.
Im Pfarrhaus wohnt der junge Mr. Mompellion mit seiner Frau Elinor. Er hat den puritanischen Pfarrer Stanley abgelöst und wird noch nicht von allen Bürgern akzeptiert. Und wie sich zeigen soll, wird auch der chistliche Glaube nicht von allen akzeptiert.
Anna Frith arbeitet bei den Mompellions als Dienstmagd im Haushalt, hat aber auch eine Schafzucht zu führen und eine Familie zu ernähren. Ihr Mann Sam starb vor kurzem in den Bleigruben, nur ihre zwei kleinen Jungen Jamie und Tom sind ihr geblieben. Die einsame Frau freut sich über den neuen Untermieter, einen Schneidergesellen namens George Viccars, der sich auch in die junge Witwe verguckt und ihr Stoff für ein schönes Kleid schenkt. Wie sich jedoch bald zeigt, befinden sich in diesem Tuchballen jene Flöhe, die den Pesterreger, die \"Pestsaat\", übertragen. Die Flöhe gedeihen auf Ratten, die die Flöhe natürlich verbreiten.
Als Anna eines Morgens von ihrer Arbeit im Pfarrhaus zurückkehrt, findet sie George in einem furchterregenden Zustand vor: Eine riesige lila-gelbe Beule verunstaltet das schmerzverzerrte gesicht des Mannes. Anna ist verzweifelt: Sie hat von Heilkunde keinen blassen Schimmer. Als der Schneider Stunden später stirbt, schreit er: \"Um Gottes willen, brennt alles!\" Das hätte Anna tun sollen. Schon wenige Tage danach sterben die ersten Kinder im Dorf, darunter ihre eigenen.
Die Seuche greift um sich wie ein Lauffeuer. Verzweiflung, namenlose Angst und Hilflosigkeit bringen die Leute schier um den Verstand. Andere wiederum, wie Annas Vater, saufen sich um ihren Verstand. In einer dramatischen Predigt trotzt Pfarrer Mompellion den Kirchenbesuchern (es sind wenig genug) ein Gelöbnis ab: Niemand soll das Dorf verlassen, bis diese \"Prüfung Gottes\" überstanden ist. Natürlich halten sich die Großgrundbesitzer derer von Bradford nicht an diesen Appell, sondern flüchten nach Oxford, weit weg. Immerhin unterstützt der Graf von Chatsworth die Dörfler mit regelmäßigen Lebensmittellieferungen.
Nunmehr gleicht das quasi unter Quarantäne stehende Dorf einem Kochtopf, in dem sich ein ungeheurer (psychischer) Druck aufbaut. Die einzigen heilkundigen Frauen des Dorfes werden der Hexerei bezichtigt und brutal ermordet. Diese Szenen lassen nichts an Deutlichkeit und Schrecken zu wünschen übrig. Nun müssen sich Anna Frith und ihre Freundin Elinor Mompellion selbst die nötigen Kenntnisse aneignen. Aberglaube greift um sich, Elinor erkrankt und es bahnt sich eine verhängnisvolle Familientragödie an.
Nach einem Jahr des Grauens und der Wunder scheint alles vorbei zu sein, die Seuche überstanden. Doch dann kommt es anders als erhofft. Und die inzwischen heilkundige Anna Frith muss fliehen - weit, weit weg.
Mein Eindruck
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Die Hauptfigur
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Die Einschätzung des Romans steht und fällt mit der persönlichen Beurteilung der Figur der Anna Frith, durch deren Augen wir das Geschehen mitverfolgen. Sie hängt nicht mehr wie die einfachsten Bürger dem Aberglauben an, sondern der Lehre Christi. Darin ist sie aber keineswegs strenggläubig, sondern sozusagen aufgeklärt. Sie hat Ideen und Methoden der modernen Wissenschaft aufgeschnappt und sich angeeignet, die es ihr gestatten, ein Problem und vor allem die vielgestaltig auftretende Furcht zu bewältigen. Von Hygiene kennt sie lediglich die Grundbegriffe, und auch der Zusammenhang zwischen Ratten, Flöhen und Pest ist ihr unbekannt.
Dennoch mutet ihre Figur bereits modern an: Sie kann Arzneien herstellen und dazu verschiedene Rezepte, die sie aus alten lateinischen Heilkundebüchern (z.B. des Arabers Avicenna) hat, umsetzen. Somit wächst sie allmählich zu einem weiblichen \"Medicus\" heran. Sie tritt gegen die Ermordung der \"Hexen\" auf. Doch gegen die \"Hinrichtugn\" ihres verbrecherischen Vaters schreitet sie nicht ein: Er kommt elendig an einer prangerartigen Vorrichtung um, den Gewalten der Stürme und des Schnees ausgeliefert. Sie ist also keine Heilige.
Spannungsmomente
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Durch den Prolog weiß der Leser von vornherein, dass Anna die Seuche überleben wird. Sie könnte ja sonst nicht davon berichten. Meines Erachtens macht dies ihren Bericht um einen Spannungsbogen ärmer. Und man muss eine ganze Weile warten, bis der nächste auftaucht. Dies passiert erst mit dem Auftauchen des \"Pesttuchs\" im Arm des Schneiders George Viccars.
Eine psychologische Spannung entsteht dadurch, dass Anna eine enge Freundschaft mit der Pfarrersfrau Elinor Mompellion schließt. Diese enthüllt ihr in einem intimen Moment das Geheimnis ihrer Unfruchtbarkeit. Das wiederum wirft die Frage nach dem Seelenzustand eines Mannes wie Mompellion auf, der quasi auf Umwegen zum heroischen Heiligen stilisiert wird. (Anna ist entsprechend enttäuscht, als dieses Bild sich als Illusion entpuppt.)
Nun erscheint der Pfarrer als Kämpfer gegen die Mächte der Finsternis, verkörpert durch Seuche, Aberglauben, Fanatismus und zunehmend auftretende Verbrechen. Das ist zunächst durchaus befriedigend zu verfolgen, führt aber letztlich den Leser ebenso in die Irre wie Anna, die den Pfarrer anhimmelt und zugleich eifersüchtig um seine Liebe zu Elinor beneidet.
Für starke Nerven
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Als Gegenstück zum \"Medicus\" ist Anna auch Geburtshelferin. Zwei höchst dramatische und blutige Geburtsszenen lassen dem Leser die Haare zu Berge stehen: Ein größerer Unterschied zur heutigen sterilen Kreißsaaltechnik lässt sich wohl kaum vorstellen.
Auch eine Reihe anderer Szenen bezeugen einen unverklemmten Blick auf die Realitäten des Lebens, sei es nun in Sachen Sex oder Gewalt. Auch Pieter Breughel hat solche Szenen mit geradezu objektivem Blick dargestellt. Hat so wirklich die Neuzeit begonnen, fragt man sich. Nun, wenigstens war das hundert Jahre vor der sogenannten \"Aufklärung\".
Unterm Strich
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In höchst lebendig gezeichneten Szenen lässt die Journalistin Geraldine Brooks eine dunkle Zeit wieder auferstehen: die \"Jahre des schwarzen Todes\" (so der Titel eines Romans von Connie Willis). Das Buch ist nicht nur bewegend, sondern auch recht informativ.
Allerdings musste ich mich darauf beschränken, nur ein oder zwei Kapitel auf einmal zu lesen, denn die Schilderungen schlagen doch etwas aufs Gemüt - und mitunter auf den Magen. Auch die Spannung hätte (besonders zu Beginn) etwas höher sein können. Alles in allem bleibt \"Das Pesttuch\" für mich ein bemerkenswertes Leseerlebnis. Aber ich denke, vor allem Frauen werden die Handlung noch stärker mit-erleben als ein Mann das jemals könnte.
P.S.: Die Presseabteilung von Bertelsmann schickte mir einen Brief mit einem Rosmarinzweig. Nanu, dachte ich, wozu das denn? Es stellte sich heraus (und das war als kleiner Lexikonauszug abgedruckt), dass Rosmarin gegen die Pest eingesetzt wurde. Man stopfte Zweige davon in die schnabelförmige Erweiterung einer Maske, die man zum Schutz vor Ansteckung durch die Pest trug.
Als Titelillustration des Buches ist ein Mensch mit einer solchen Maske abgebildet: ein höchst bizarrer und rätselhafter Anblick, der an ein Ganzkörperkondom erinnert. Wenn ihr also nächstes Mal Rosmarin auf eure Pizza oder sonstwas streut, denkt daran, wozu das Gewürz alles gut sein kann.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Year of wonders. A novel of the Plague, 2001; C. Bertelsmann 2001, Nr. 24820, München; 352 Seiten, EU 21,90, aus dem US-Englischen übertragen von W.M. Riegel; ISBN 3-442-24820-5
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-15 10:45:27 mit dem Titel Anne-Sophie Brasme: *Dich schlafen sehen*: Fesselnde Mörderbeichte
Eine Mörderin beichtet - nichts Besonderes, denkt man. Doch Charlène war erst 16, als sie ihre Freundin Sarah umbrachte - beide sind gebildete, wohlerzogene Französinnen. Interessant ist also die psychologische Entwicklung, die zu diesem Verbrechen führte. Und die weiß die junge Autorin, die das Buch mit 16 schrieb, einfühlsam und nachvollziehbar zu schildern.
Die Autorin
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... wurde 1984 geboren und schrieb diesen frz. Bestseller bereits im zarten Alter von 16 Jahren. Laut Verlag stand das Buch im Herbst 2001 wochenlang auf der Bestsellerliste. Anne-Sophie Brasme, die seitdem als großes Erzähltalent gilt, lebt in der Nähe von Metz, Lothringen.
Handlung
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Charlène ist schon als Kind ein schwieriges kleines Mädchen, das die Einsamkeit sucht und sich ganz
Handlung
Nach einem schiefgelaufenen Raubüberfall sitzt Marty Strauss nun schon seit zehn Jahren im Bau. Seine Frau Charmaine hat er schon eine Weile nicht mehr gesehen. Darum kann er sein Glück kaum fassen, als ihm eines Tages die Chance geboten wird, vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden und in Freiheit zu arbeiten.
Ein gewisser Mister Toy fragt ihn, ob er bereit sei, als Leibwächter bei einem der reichsten und mächtigsten Männer der Welt zu arbeiten. Strauss bejaht ohne Zögern. Doch bereits nach wenigen Wochen auf dem weitläufigen Anwesen dieses Joseph Whitehead fallen marty ein paar merkwürdige Dinge auf. Whiteheads Besucher sind von der schleimigsten Sorte und recht zwielichtig. Whiteheads Tochter Carys ist drogensüchtig und wird wie eine Gefangene im Haus gehalten. Schon nach kurzer Zeit, nachdem Charmaine nichts mehr von ihrem Ex-Mann wissen will, sind Carys und Marty ein Paar.
Und da ist da noch ein Unbekannter, den Marty einfach den \"Magier\" nennt, scheint er doch von einem Licht umgeben zu sein, und Elektrozäune können ihm offenbar nichts anhaben. Dies ist Mister Mamoulian, der große Widersacher Whiteheads und dessen Nemesis. Das Buch erzählt von ihrer langen Auseinandersetzung, die für beide zum Tod führt.
Dies wäre kein Buch von Clive Barker, wenn es darin nicht Horror und Magie gäbe. Mamoulian sorgt für beides in überreichem Maße. Er könnte Satan persönlich sein, so wie er sich seine Sklaven schafft, Mister Breer beispielsweise. Breer ist ein Pädophiler, doch just als er sich erhängen will, holt ihn Mamoulian doch wieder zurück in ein Halbleben, in dem gewöhnliche Lebensgefahr für Breer keine Bedrohung darstellt. Und Mamoulian steuert nicht nur Breer mit telepathischem Zwang, sondern auch Carys Whitehead. Wenn er sich in Carys\' Kopf \"befindet\", kann er sich mit ihren Augen in Whiteheads Anwesen gründlich umsehen. Deshalb ist für ihn auch der Angriff auf Whitehead ein Kinderspiel.
Denn Whitehead ist mit Mamoulian offenbar einen faustischen Pakt eingegangen. Im Warschau der Nachkriegszeit spielte er gegen den \"letzten Europäer\" Karten und gewann. Im Gegenzug wurden ihm Reichtum und Macht zuteil. (Dies ist das \"Spiel des Verderbens\".) Doch nun ist Mamoulians Lebenszeit abgelaufen, und er fordert seine Preis ein. Doch Whitehead ist dazu nicht bereit. Als Mamoulian mit Breer ein zweites Mal in Whiteheads Anwesen einbricht, bereitet er allem Leben dort ein Ende.
Nur Whitehead bleibt übrig, Marty hat sich versteckt, doch seine Geliebte Carys wird entführt - das Buch scheint (nach zwei Dritteln) an einem toten Punkt angekommen zu sein. Doch nun geht\'s natürlich erst richtig los. Und Marty muss in die Rolle des sagenhaften Orpheus schlüpfen, um Carys wiederzugewinnen. Nicht zufällig heißt der Ort des Showdowns \"Hotel Orpheus\".
Mein Eindruck
Nach den sechs \"Büchern des Blutes\", mit denen Barker für Aufsehen gesorgt hatte, bot er mit \"Spiel des Verderbens\" klassische Horrorkost, aber natürlich mit dem besonderen Barker-Touch. Hier leben Körper nur eine Art Scheinleben, ganz im Gegensatz zu den Seelen und Geistern ihrer Bewohner. Daher können Seelen auch von Körper zu Körper wandern, so wie Mamoulian es mit Carys tut und sie mit ihm. Solche mächtigen Seelen können ganze Räume und Häuser beherrschen und zufällige unglückselige Besucher in ihren Bann ziehen, so wie es Marty in dem haus in der Caliban (!) Street widerfährt. Daher ist der Tod eines Körpers auch keineswegs das Ende einer Seele, sondern nur eine besondere Art von Übergang.
Alle diese Elemente erlauben das Entstehen bestimmter Situationen, die nicht nur sublimes Grauen, sondern auch derbste, makabre Komik produzieren. Fürs Grauen ist Mamoulian zuständig, für das Makabre sein Untergebener Breer. Marty und Carys bekommen beides auf ihre Weise zu spüren. Die Szenen des langwierigen Finales im Hotel Orpheus sind eine sonderbare Kombination aus beidem.
Was will uns der Dichter sagen? Nun, Mamoulian heißt nicht zufällig \"der letzte Europäer\", und Marty will am Ende des 2. Drittels nicht zufällig nach Amerika auswandern. Der Roman bildet eine Abrechnung mit dem alten Europa, wie es hier ab dem Jahr 1811 geschildert wird: die Napoleonischen Kriege, dann das Nackriegs-Warschau 1945, schließlich die 80er Jahre - eine Geschichte von Gewalt, Chaos und Machtansammlung bzw. -verteidigung, für die stellvertretend Whitehead und Mamoulian stehen. Marty will da raus. Aber nicht ohne Carys, das heißt: nicht ohne Erlösung.
Nicht jeder Leser dürfte das Buch spannend finden. Es gibt Passagen, in denen anscheinend nichts passiert, sondern nur ein Eindruck eingefangen wird, so etwa dann, wenn Marty Whiteheads Haus und Grundstück erkundet. Ungeduldige Leser seien darum erstens gewarnt und zweitens getröstet: Im letzten Drittel des Romans mit dem Titel \"Sintflut\" überschlagen sich die Ereignisse, bis sie im Finale gipfeln. Natürlich ist dieser Teil wenig zu verstehen, wenn man die Vorgeschichte und die Akteure nicht kennt.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The damnation game, 1985; Heyne 05/2002, München, 575 Seiten, EU 8,95, aus dem Englischen übertragen von Joachim Körber und Werner Bauer; ISBN 3-453-21086-7
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-02 20:38:17 mit dem Titel Ben Bova: *Jupiter*: Spannende Jupitermission
Gibt es intelligentes außerirdisches Leben auf dem Riesenplaneten Jupiter? Und falls ja, darf man dann darüber sprechen? Eine knifflige politisch-religöse Frage, mit der sich der Astrophysiker Grant Archer auseinandersetzen muss - denn die christlichen und islamischen Fundamentalisten der Erde betrachten intelligente Aliens als Gotteslästerung.
Der Autor
Ben Bova ist ein Veteran - auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science Fiction-Magazins \"Omni\" förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit \"Venus\" und \"Jupiter\" zog er nach - vielleicht schafft er ja auch noch \"Merkur\" und den ganzen Rest.
Während in \"Venus\" die dramatische Handlung derart überwog, dass die menschlichen Klischees das wissenschaftliche Interesse erdrückten, gelingt es Bova in \"Jupiter\", das Ruder herumzureißen und einen ordentlichen Roman über eine lebensgefährliche Forschungsexpedition ins Innere des Riesenplaneten abzuliefern.
Handlung
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Die Fundamentalisten
Am Ende des 21. Jahrhunderts ist der religiöse Fundamentalismus auf der ganzen Welt die dominante politische Strömung. In den USA gibt die sogenannte Neue Ethik (NE) den Ton an, mit dem Argument, dass der Mensch so verantwortungslos wie bisher nicht mehr mit der göttlichen Schöpfung umspringen könne - die zehn Milliarden Erdenbewohner müssten endlich die göttlichen Gebote beachten. Die NE verbreitet die Lehre des Kreationismus: Gott schuf die Welt in sechs Tagen und den Menschen nach seinem Ebenbild. Die Wissenschaft des Menschen darf nicht mehr alles erforschen, geschweige denn \"Irrlehren\" wie Darwins Evolutionstheorie verbreiten.
Doch beunruhigende Nachrichten kommen von der Jupiterstation Gold: Dort gehen ungenehmigte Dinge vor, womöglich gefährliche. Als der junge und frisch verheiratete Astrophysiker Grant Archer daher zum NE-Regionaldirektor Beech berufen wird, der ihm befiehlt, zum Jupiter zu fliegen, ist er sich sicher, dass ein Riesenfehler gemacht wird. Er kommt sich vor wie Herr K. in Kafkas \"Prozess\". Zu allem Überfluss soll er als Spion der NE zum Jupiter fliegen.
Doch alle Proteste fruchten nichts. Während seine Frau Marjorie für die Friedenstruppen auf der Erde arbeitet, muss Grant zur Jupiterstation - allein die langweilige Hinreise dauert Monate. Und das Leben auf der Station wird von einem Diktator namens Dr. Wo wie weiland Käptn Ahab (\"Moby Dick\") regiert. Besser, man legt sich nicht mit ihm an. Wie Ahab hat auch Dr. Wo ein Beinproblem: Nach einem schweren Unfall mit der bemannten Jupitersonde sind seine beiden Beine fast vollständig gelähmt. Doch mit Hilfe von Training und implantierten Biochips kann Dr. Wo durchaus stehen.
Das Geheimnis
Aha, eine geheime Tauchsonde! Das war also das unbekannte Gebilde, das Grant beim Anflug auf die Station an deren Ring gesehen hatte. Und was sucht Dr. Wo mit der Tauchsonde? Natürlich außerirdisches Leben. Solange dieses nicht intelligent ist, ist das nicht verboten. (Man merkt hier schon die Absurditäten der Neuen Ethik.) In der gigantischen Atmosphäre des Riesenplaneten hat man bislang die schwebenden Medusen entdeckt, die schon Arthur C. Clarke in seiner Novelle \"Treffen mit Medusa\" beschrieben hatte.
Doch weit unterhalb der Lebensebene der Medusen hat Dr. Wo einen flüssigen Ozean entdeckt und Aufnahmen von blinkenden Lichtern gemacht. Also muss jetzt eine zweite Expedition nachsehen, was es mit diesen Lichtern auf sich hat. Nachdem Grant sich bewährt hat und als Wissenschaftler auf der Station anerkannt ist, nimmt ihn Dr. Wo - quasi als Ritterschlag - in sein Tauchteam auf. Nachdem jedoch der zweite Tauchversuch wegen eines vergifteten Mitglieds (etwa ein Anschlag verkappter NE-Fanatiker an Bord?) abgebrochen werden musste, rekrutiert Dr. Wo den jungen Grant, der sich als Missionstechniker schon mit dem Ablauf usw. auskennt.
Die Mission
Jetzt geht also los! Endlich kann Grant eine fremde Welt selbst erforschen! Doch er hat eine Scheißangst. Denn erstens atmet man in der Sonde wegen des immensen Außendrucks nicht Luft, sondern eine kalte schleimige Flüssigkeit namens Perfluorcarbon (genau wie Ed Harris in James Camerons \"Abyss\") - bei der Umstellung von Luft auf PFCL steht man Todesängste durch. Und zweitens scheint die Kapselkommandantin, Dr. Krebs, nicht ganz in Ordnung zu sein: Dass sie eine Diktatorin ist, ist okay: kennt man schon von Dr. Wo. Dass sie einen nicht sieht, wenn sie nicht per Biochip mit dem Bordcomputer verbunden ist, ist da schon etwas beunruhigender.
Dafür fühlt man sich dann aber wie Gott! findet Grant. Denn durch die implantierten Biochips ist sein Gehiorn direkt mit den Bordsystemen verbunden. Sozusagen im Cyberspace spürt er die Power des Reaktors und der Triebwerke. So gerüstet, geht\'s ab zu Grants turbulentester Tauchfahrt seines Lebens.
Leviathan
Ich verrate hier nichts Geheimes, wenn ich euch Leviathan vorstelle, das intelligente außerirdische Lebewesen, das mit seiner Sippe den Jupiterozean durchschwimmt. Leviathan wird in mehreren kurzen Kapiteln schon am Anfang des Buches vorgestellt. Er ist ein Gestaltwesen, das aus einer Aggregation spezialisierter Einzelwesen besteht. Manche seiner Bestandteile sind also für die Fortbewegung zuständig, andere für die Nahrungsaufnahme, wieder andere für die intellektuellen Funktionen.
Da Leviathan - benannt nach dem mythischen Meereswesen aus der Bibel - ein neugieriger junger Bursche ist, hat er sich ein wenig zu weit von der Herde entfernt. Er hat schon von der ersten Sonde gehört, die im Ozean aufgetaucht ist. Das Schicksal (und der Autor) will es, dass Leviathan auf die menschliche Tauchkapsel trifft - eine Begegnung, die das Sonnensystem verändern wird und Grant Archer, den NE-Spion, vor eine schwere Entscheidung stellt.
Mein Eindruck
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\"Jupiter\" weist also durchaus eine plausible und vor allem im zweiten Teil spannende Handlung auf, die so manchem Science Fiction-Freund schmecken dürfte: Auf so spannende Missionen durfte man in letzter Zeit lange warten, zumal wenn sie mit so fundierten Erkenntnissen angereichert sind. Natürlich sind Medusen, Leviathane und Jupiterhaie erfunden - dichterische Freiheit. Sie sind ja das Salz in der Suppe, die der Mission des Grant Archer die Krone aufsetzen.
Man muss kein gläubiger Christ sein, um die christliche Einstellung Grants akzeptieren oder gar tolerieren zu können. Auch die Zitate aus den Psalmen, die jedem der fünf Buchteile als Motto vorangestellt sind, stören nicht allzu sehr - sie verleihen der Story das Flair der fünfziger Jahre, als die Welt noch halbwegs in Ordnung war (und einige der besten Science Fiction-Geschichten geschrieben wurden).
Wissenschaft zwischen Wahrheitsfindung und politischer Verantwortung - so lautet der grundlegende Konflikt, auf den Punkt gebracht, mit dem sich der Autor in diesem Roman beschäftigt. Der Konflikt wird in dem Helden der Handlung, Grant Archer, exemplarisch ausgetragen. Von den Fundamentalisten der NE als Spion entsandt, sieht sich der Wissenschaftler doch auch der Neugierde und dem Forschen nach Wahrheit verpflichtet. Und was noch wichtiger ist: In der Arbeit mit einem intelligent gemachten Gorillaweibchen entwickelt er ein Verantwortungsgefühl für nichtmenschliche Intelligenz. Grant kann dies durchaus mit seinem christlichen Glauben vereinbaren, dann er sagt sich, dass auch dies zu Gottes Werk gehört - und wer ist der Mensch, dass er über Gottes Werke zu Gericht säße?
So könnte also auch ein guter Roman des frühen Heinlein (der zwischen 1947 und 1958) aussehen, wenn er denn weiterschriebe. Die Missionsvorbereitung und die Jupitermission selbst haben mich an etliche Erkundungs-Stories erinnert, natürlich an \"Treffen mit Medusa\", aber auch an das beklemmende und furchterregende \"Projekt Luna\" (Rogue Moon) des Amerikaners Algis Budrys. Da merkt man, dass die Erkundungsfahrt in eine so fremde Welt wie Jupiter auch eine Fahrt ins Herz der Finsternis sein kann - und damit ist nicht nur die äußere Finsternis gemeint. Die Auseinandersetzung mit der blinden Kapselkommandantin erzeugt ein Gefühl der Paranoia, wie es wohl an Bord so manchen U-Boots vorkommen könnte. Es gemahnt an die Stimmung auf der \"Pequod\", dem todgeweihten Schiff des buchstäblich verdammten Käptn Ahab in \"Moby Dick\". Motive dieses Meisterwerks von Melville ziehen sich durch den ganzen Roman und wären eine nähere Untersuchung wert.
Unterm Strich
\"Jupiter\" mag zwar manchen logischen Schwachpunkt aufweisen (dichterische Freiheiten), doch bietet der Roman insgesamt hohe Spannung, die aus einer (menschlich und wissenschaftlich) plausiblen Handlung erzeugt wird, die vor einer möglichen Welt des Fundamentalismus als Hintergrund spielt. Ich jedenfalls konnte das Buch auf den letzten 100 Seiten - der Beschreibung der Mission - nicht mehr aus der Hand legen. Ich denke, dafür lohnt sich der Kauf.
Leute, denen sich beim Wort \"Gott\" die Zehennägel aufrollen, solten tunlichst die Finger davon lassen.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Jupiter, 2000; Heyne 7/2002, Nr. 06/6416, München; 526 Seiten, EU 8,95, aus dem US-Englischen übertragen von Walter Brumm; ISBN 3-453-21349-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-07-10 11:25:17 mit dem Titel Ben Bova: *Venus*: Spannendes Liebesdrama
Der Abend- und Morgenstern Venus ist vor Ort leider so heiß wie die Hölle: über 400° Grad. Ausgerechnet dorthin führt eine Expedition, um die sterblichen Überreste eines Forschers zu bergen. Auch der Preis ist heiß: 10 Milliarden Dollar. Doch die Strapazen der Reise können es durchaus mit den Qualen der Liebe aufnehmen, mit denen sich der Held herumschlagen muss: Die Liebes-Qualen der Venus-Hölle!
Der Autor
Ben Bova ist ein Veteran des Geschäfts - auf beiden Seiten des Schreibtischs: Als Herausgeber des Science Fiction-Magazins \"Omni\" förderte er gute AutorInnen und veröffentlichte darin auch fundierte wissenschaftliche Artikel; als Autor schrieb er einige erfolgreiche Romanzyklen, zuletzt hat er sich das Sonnensystem vorgenommen. Seine beiden Mars-Romane wurden Bestseller. Mit \"Venus\" und \"Jupiter\" (siehe meinen Bericht vom 2.7.) zog er nach - vielleicht schafft er ja auch noch \"Merkur\" und den ganzen Rest.
Handlung
Der Industriemagnat Humphries hat zwei Söhne, in seinen Augen einen \"guten\" und einen \"schlechten\". Alex, der \"gute\", sollte die Firma erben, kam aber bei dem Versuch, den heißen Planeten Venus zu erkunden, um: Er stürzte tödlich ab. Humphries ist entsprechend entsetzt und verbittert. Nun hat er nur noch Van, den \"Kümmerling\", einen kranken Schöngeist, der von Papis Geldzuwendungen ebenso abhängig ist wie von den Medikamenten, mit denen er seine Blutarmut bekämpfen muss. Diese Krankheit hat ihm seine Mutter vererbt, die drogenabhängig gewesen war und bei seiner Geburt starb. Eine unbekannte Stimme verrät Van am Telefon, sein Vater habe Alex auf dem Gewissen. Noch pikanter: Alex war ein Mitglied der Internationalen Grünen Partei (IGP), die die Reichen enteignen will. Da der Alte das wusste, hat er vielleicht Alex wirklich abserviert...
Alles in allem also eine hochgradig explosive Situation, als Papa Humphries ankündigt, er setze 10 Milliarden Dollar für denjenigen aus, der ihm die Überreste seines Sohnes von der Venus zurückbringe. Ein weiterer Affront gegen Van, der noch gekrönt wird von Papis Ankündigung, er werde ihm demnächst den Geldhahn zudrehen. Was bleibt Van übrig, als sich zur Venus aufzumachen?
Aufi, Buam: Pack ma\'s!
Was zunächst als strikt private Mission geplant war, erhält die Segen der Wissenschaft und einer Raumfahrtbehörde. Eine Astrophysikerin, die zusammen mit ihrem alten Professor eine Theorie über venusische Plattentektonik aufgestellt hat, will ihre Theorie nun durch Messdaten untermauert oder widerlegt sehen.
Obendrein setzt \"der Alte\" in letzter Sekunde seinem Kümmerling eine kompetente Kommandantin vor die Nase: die resolute Desiree Dupont, die auch gleich ihre hübsche Tochter Marguerite mitbringt. Da hilft es nichts, dass Marguerite logisch denkende Wissenschaftlerin der Biologie ist (Biologie auf der Venus, fragt sich Van): Vans Hormone spielen trotzdem verrückt bei ihrem Anblick. Natürlich lässt sie ihn abblitzen.
Nichts geht so reibungslos vonstatten, wie es sich Van vorgestellt hat. Der Alte informiert ihn per Funk ihn, dass auch ein Asteroidenmineur namens Lars Fuchs an dem Rennen um die 10 Milliarden teilnehmen werde. Die Situation gemahnt zunehmend an das \"Rennen um die Welt\", wie es Hollywood mal in Cinemascope verfilmt: eitle und feinselige Männer in ihren knatternden Kisten, die dem Preis nachjagen. Denn, wie Van erst sehr spät erfährt, ist Fuchs der alte Erzfeind des Alten: Humphries spannte Fuchs die Frau aus, die sechs Jahre später Vans Mutter werden sollte...
Ein Planet wie die Hölle
Erst als diese zusammengewürfelte Mannschaft mit ihrem Leichtraumschiff \"Hesperos\" (Abendstern) in den stürmischen Luftraum der Venus eintritt, wird es richtig interessant. Nachdem die fragile \"Hesperos\" die Stürme der äußersten Atmosphäre überstanden hat, entdeckt Marguerite in der ruhigeren Zone darunter Kleinstlebewesen. Ja, und was machen diese possierlichen Tierchen? Sie haben nichts Besseres zu tun, als die Metallegierungen der Raumanzüge und der Luftschleuse aufzufressen - von wegen \"toter Planet\"!
Nun bekommt der unter Anämie dahertorkelnde Held alle Hände voll zu tun. Schon bald heißt es: Bitte aussteigen; diese Fahrt endet hier. Während sich die \"Hesperos\" allmählich in ihre Bestandteile auflöst, taucht Käptn Lars Fuchs in seinem wesentlich robusteren Rraumschiff \"Lucifer\" (Morgenstern) zur Rettung des Sprösslings seines Erzfeindes auf - widerwillig natürlich.
Nachdem eine Besatzungsmitglieder der \"Hesperos\" den Sprung auf die \"Lucifer\" nicht geschafft haben, findet sich Van in einer bizarren Art von Patsche wieder: An Bord von Fuchs\' Schiff rackert er als Gefangener und sieht ohne seine Medikamente dem Tod entgegen. Währenddessen scheint sich die geliebte Marguerite außergewöhnlich gut mit Kapitän \"Lucifer\" Fuchs zu verstehen. Doch die Höllenqualen der eifersüchtigen Liebe sind nichts gegen das, was Van auf dem kochendheißen Planeten erwartet.
Mein Eindruck
\"Hormonspektakel\" wäre das passendste Wort, das mir als erstes in den Sinn kommt, um die Handlung zu summieren. Bova hat mit \"Venus\" eine erstklassige Herz-Schmerz-Schmonzette um Liebe, Lust und Leidenschaft geschrieben, die in jedem Julia-Roman die Leser zufriedenstellen stellen würde. Dumm nur, dass er sich ausgerechnet die Science Fiction für diese Art Romanze ausgesucht hat. Die Mischung ist nicht nur unbefriedigend gelungen, sondern wirkt auf wissenschaftlich etwas kühler denkende Leser geradezu unappetitlich und abstoßend, wenn nicht sogar schlichtweg lächerlich.
Absurdes Drama
Das Problem besteht ja darin, dass nicht nur die Bedingungen einer fremden Welt wie etwa metallfressende Mikroben die Handlung vorantreiben - das wäre der Standard in der Science Fiction. Diesmal kommt als tragender Faktor das Familien- und Liebesdrama hinzu. Man könnte es durchaus ertragen, wenn es sich nicht selbst so todernst nehmen würde. So hat man in den 40er und 50er Jahren billige Science Fiction geschrieben, doch spätestens seit der New Wave der 60er ist dieser Stil ad absurdum geführt - das hat sich in den USA wohl noch nicht herumgesprochen.
Daher dürften die einzigen Leser, die voll auf solches Zeug abfahren, Minderjährige sein, die selbst unter den Auswirkungen diverser Hormonschübe zu leiden haben. (Wie man am Erfolg von Military SF und etlichen blutrünstigen Serien ablesen kann, gibt es hier immer einen Absatzmarkt: Kampf, Blut und Sex sind einfach \"geil\".)
Das Erzählverfahren
Auch Bovas Erzählverfahren bereitete mir Bauchschmerzen. Alles wird aus der Perspektive des Ich-Erzählers geschildert, also aus der subjektivsten Sichtweise, die zur Verfügung steht. Da aber der Held schwach und krank ist, fällt es dem Leser schwer, sich mit ihm zu identifizieren. Zweitens ist dieser Held schrecklich ahnungslos und naiv (wieder junge Leser?), was Raumschiffe, fremde Planeten und nicht zuletzt Frauen angeht.
Zwar macht er sich keine Illusionen über seine Schmarotzerfreunde auf Erden, doch an Bord der \"Lucifer\" fällt er von einer Überraschung in die nächste. Dass er dabei keine sonderlich gute Figur abgibt, ist wohl klar. Und das geht so weiter, bis er auf der Venus landet. Auch dort gilt Dr. Murphys Gesetz: Es wird alles schiefgehen, was nur schiefgehen kann.
Angesichts des Schlusses hätte Bova genau so gut Military-Science Fiction schreiben können: Der im Höllenfeuer des fremden Planeten gestählte Jüngling ist erwachsen geworden: Er hat das Mädchen gekriegt und tritt seinem \"altem Knacker\"-Papi verbal in den Hintern. Kann er ja auch: mit 10 Milliarden in der Hand.
Unterm Strich
Wer als pubertierende Leseratte mal so richtig tief in die Science Fiction der vierziger und fünfziger Jahre (Heinlein und Co. lassen grüßen) eintauchen, kann sich diese dramatische Romanze gerne reinziehen.
Wer allerdings auf wissenschaftlich fundierte Science Fiction steht, sollte eher zu Bovas Roman \"Jupiter\" oder gleich zu anderen Autoren wie Stephen Baxter greifen. Die machen dabei einen guten Job, auch wenn das nicht immer hundertprozentig hinhaut.
Und dann gibt es da noch ganz andere Science Fiction wie etwa die von Philip K. Dick, Ursula K. Le Guin und Ian McDonald, die sowohl moderne gesellschaftliche (etwa die Geschlechterproblematik und Asylanten) als auch geisteswissenschaftliche (Kann ich erkennen, ob etwas echt ist, wenn alles künstlich ist? Kann ich mit dem geist die Welt verändern?) Themen relevant finden und überzeugend aufgegriffen haben.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Venus, 2000; Heyne 4/2002, Nr. 06/6388, München; 494 Seiten, EU 8,95, aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert; ISBN 3-453-19677-5
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-08 11:44:29 mit dem Titel Stephen Baxter: *Das Multiversum 1: Zeit*: Visionär
Botschaften aus der Zukunft, Reisen in eine Milliarden Jahre entfernte Zukunft: \"Manifold: Time\" ist ein Science Fiction-Roman voller effektvoller Ideen, die sich der Autor jedoch nicht aus den Fingern gesogen hat. Sein Nachwort belegt seine fundierten wissenschaftlichen Quellen. Das muss nicht bedeuten, dass diese Ideen innerhalb der Science Fiction neu sind, vielmehr beutet baxter sie auf neue Weise aus.
Baxter hat sich in den letzten paar Jahren zu einem würdigen Nachfolger von Arthur C. Clarke (einem Ko-Autor) und Isaac Asimov emporgeschrieben. Mit Romanen wie \"Ring\" (aus dem Xeelee-Zyklus) und \"Titan\" öffnete er dem Science Fiction-Publikum die riesigen Dimensionen, die das Universum charakterisieren.
In \"Multiversum 1: Zeit\" erschließt er die zeitlichen Dimensionen, in die sich zuerst sein Landsmann Olaf Stapledon in den 1930er Jahren wagte (\"Der Sternenschöpfer\", \"Die letzten und ersten Menschen\"): Billiarden von Jahren in der Zukunft, am Ende des Universums. In \"Manifold: Space\", seinem neuesten Roman, versucht er das Gleiche für die Dimension des Raums.
Handlung
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Im Jahr 2010 sind die Aussichten für die Erde und das Überleben des Menschen als Spezies noch düsterer als sie heute bereits sind. Da die Erforschung und Nutzung des Weltraums jenseits des Mondes seit 40 Jahren von der NASA blockiert wird und so die Weltwirtschaft ineinem geschlossenen Kreislauf auf die Ausbeutung der Erde hinarbeitet, sehen der Ex-NASA-Mitarbeiter und Unternehmer Reid Malenfant und sein geistiger Mentor Cornelius Taine nur einen Ausweg, nämlich den Ausbruch aus der Umklammerung der NASA durch ein waghalsiges Unternehmen: den Start eines privaten Raumschiffs.
Kurz bevor die von der Regierungsbehörde NASA in Marsch gesetzten Bürokraten den Start verhindern können, gelingt Malenfant der Start des \"Big Dumb Boosters\", eines Billig-Shuttles. Die \'Nautilus\' hat keine Besatzung außer einem genetisch zu einem intelligenten Bewusstsein gebrachten Tintenfisch. Dieser Kalmar namens Sheena 5 ist sozusagen der Pilot der Nautilus und wie sich später herausstellt, hat sie ein kleines Geheimnis mitgenommen: Sie ist schwanger...
Das Ziel des Raumfahrtprogramms, für das Malenfant eine Reihe von Investoren gewinnen konnte, war ursprünglich das Einfangen eines Asteroiden, dessen Erzvorkommen ausgebeutet werden sollten. Doch in letzter Minute ließen Malenfant und Taine das Ziel ändern. Die Gründe dafür sind sehr überraschend. Die beiden haben nämlich eine per Neutrino übertragene Botschaft erhalten: \"1986 - 3753\". Wie sich zeigt, sind dies die astronomischen Daten für einen einzigen möglichen Kandidaten: Nur der exzentrische Asteroid Cruithne (sprich: kruuth\'ni) kommt in Frage, und seine Umlaufbahn weist ihn als zweiten Mond der Erde aus.
Doch wer schickte die Botschaft aus der Zukunft? Taine Nennt sie die \"Downstreamer\", nach ihrer Position im abwärts gerichteten Fluss der Zeit, in der Zukunft. Als die Nautilus auf Cruithne eintrifft, veranlasst Sheena 5 alle richtigen Vorgänge, um die Materialvorkommen Cruithnes auszubeuten. Sie nutzt sie außerdem insgeheim, um ihrer Nachkommenschaft das Überleben zu sichern, zumindest den vier Kalmaren, die sich als ebenso intelligent wie sie selbst herausstellen. Die Kinder von Sheena 6-9 teilen diese Intelligenz, doch sehen auch sie ihr Überleben bedroht, da die Ressourcen nicht reichen. Und so erkunden sie Cruithnes andere Seite. Hier stoßen sie auf ein Artefakt: einen blauen Ring, ein Tor in eine andere Zeit, die Zeit der Downstreamer.
Malenfant, seine Ex-Frau und Managerin Emma und Taine sind von den Socken. Sie können durch unabhängige Miniroboter die Vorgänge auf dem Asteroiden verfolgen. Der blaue Ring ist das Symbol, das die überdurchschnittlich intelligenten Kinder tragen, die in letzter Zeit überall auf der Erde aufgetaucht sind. Eines dieser Kinder, Michael, hat Emma selbst in Sambia besucht: Er hat schwierigste physikalische und mathematische Probleme intuitiv gelöst. Offensicht besteht ein Zusammenhang zwischen Downstreamern (die Cruithne-Botschaft), dem Cruithne-Artefakt und den Blauen, wie die jungen Genies genannt werden. Wollen uns die Downstreamer retten, bevor wir uns selbst ausrotten, wie ein gewisser Carter ausgerechnet hat. Er prophezeit den Zusammenbruch der Weltwirtschaft für die nächsten 150 bis 240 Jahre.
Selbstverständlich haben alle diese Enthüllungen, die der eifrige Malenfant an die Medien weitergibt eine brisante Wirkung auf die vernetzte Weltbevölkerung: Selbstmorde, selbsternannte Rächer und Weltuntergangssekten, Kirchendementis und die obligate NASA-Blockierung sind an der Tagesordnung. So hat Emma alle Hände voll zu tun, das Überleben von Malenfants Firma zu sichern.
Doch beim nächsten Start zum Asteroiden nimmt Malenfant nicht nur Taine mit, sondern auch das junge Genie Michael und - Emma. Verfolgt von Kongressanordnungen, Racheanschlägen und natürlich NASA-Schergen kann Malenfant gerade noch abheben, bevor man seine Firma und die von Taine dichtmacht. Und was er der völlig überraschten Emma nicht gesagt hat, ist das Geheimnis, warum er aus der NASA geflogen war...
Mein Eindruck
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Mit Hilfe heute noch exotisch erscheinender Ideen aus der Quantenphysik versucht Baxter, im Leser eine Art \'sense of wonder\' zu erzeugen. Das gelingt ihm auch stellenweise ausgezeichnet. Voraussetzung ist natürlich, dass der Leser geistig mithalten kann. Dies ist also eher ein Buch für Luft- und Raumfahrttechniker...
Bevor der Leser jedoch völlig abzuheben droht, schiebt Baxter immer wieder Textschnipsel aus der realen Welt des Jahres 2010 ein, beispielsweise aus Internet-Artikeln (mit simulierten Hyperlinks) oder aus Interviews. Dies filmische Technik hat er sich von John Brunners großartigem Roman \"Morgenwelt\" (\"Stand On Zanzibar\", 1969) abgeschaut. Zum Glück traut er sich nicht, die chronologische Abfolge der erzählten Ereignisse durcheinander zu bringen, wie dies gerne Mainstream-Autoren wie Douglas Coupland praktizieren. So hat der Leser stilistisch festen Boden unter den Füßen.
Was die Wahrscheinlichkeit des geschilderten Szenarios anbelangt, so besteht zwar eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Zusammenbruch der Imperiums des Menschen in den nächsten 200 Jahren stattfindet, doch die Methoden, wie dies verhindert werden könnte, sind natürlich Baxters Erfindung: privatunternehmerische Erforschung und Ausbeutung der Asteroiden beispielsweise, hilfreiche bzw. warnende Botschaften aus der Zukunft, \'Uplifting\' von intelligenten Spezies usw.
Die einzigen \'Downstreamer\', die es geben wird, sind wir selbst. Und der Stream, in dem wir abwärts schwimmen, ist sowohl die Zeit als auch der sich verschlimmernde Zustand unseres blauen Planeten. Baxters Figur Taine behauptet, die Erde sei der einzige Ort im Universum, wo sich nach dem Big Bang intelligentes Leben entwickelt habe. Nun haben wir keine Ausrede mehr: Wenn wir unser Mutterschiff Erde gegen die Wand gefahren haben, wird es keine Aliens geben, denen wir die Schuld in die Schuhe schieben können. Die Aliens sind wir selbst.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Manifold: Time, 1999; Heyne 8/2002, Nr. 06/6423, München; 684 Seiten, EU 9,95, aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert; ISBN 3-453-21356-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-12 14:36:00 mit dem Titel David Brin: *Sternenflut*: Zwiespältige Sternenoper
Dies ist der zweite Roman der promovierten Physikers David Brins und zugleich der zweite Band in den zwei Trilogien seines sogenannten Uplift-Zyklus. (Der erste Uplift-Roman heißt \"Sonnentaucher\".)
Diese Space Opera in Brins Uplift-Universum gehört zu den wichtigsten SF-Romanen der 80er und 90er Jahre. \"Sternenflut\" wurde mit den drei wichtigsten Preisen der Science Fiction ausgezeichnet.
Hintergrund
Im Universum der Fünf Galaxien, so der Hintergrund von Brins Roman, haben vor Urzeiten die sogenannten \"Progenitoren\" dafür gesorgt, daß sich mehrere Rassen - je eine pro Galaxie - zu Bewußtsein entwickeln konnten, um die Herrschaft über die jeweilige Galaxis anzutreten. Dies war das allererste Uplifting des Bewußtseins.
Die Debatte dreht sich nun darum, ob auch die Menschen davon betroffen waren oder ob sie sich selbst zur \"Sapienz\" entwickelten. Wie auch immer: Die Progenitoren verschwanden, die Menschen uplifteten die Delphine und Schimpansen zur Sapienz. Sie kamen den Progenitoren in \"Sonnentaucher\" auf die Spur und entdecken in dem Thriller \"Sternenflut\" noch weitere Artefakte sowie die Leiche eines uralten Wesens - möglicherweise einer der Progenitoren.
Handlung
Vor den Kriegsflotten verschiedener Alienrassen, die alle hinter der Leiche an Bord des Forschungsschiffs \"Streaker\" her sind, hat sich die Besatzung samt Schiff auf einem Wasserplaneten in Sicherheit gebracht. Das Schiff liegt auf dem Meeresboden, und die aus Menschen, Delphinen und Schimpansen gemischte Besatzung (letztere ebenfalls intelligent) müssen sich zusammenraufen, insbesondere angesichts der Gefahren, die auf dem Planeten Kithrup ebenso warten wie draußen im All.
Hier bietet sich dem Autor Gelegenheit zu ausgiebigen Verhaltensstudien und ironischen Seitenhieben auf die jeweils andere Spezies an Bord. Brin hat sich sogar eine neue Sprache für die Delphine ausgedacht: Trinär, das wie ein Haiku formuliert wird.
Währenddessen haben die Alienrassen, die Kithrup und die \"Streaker\" belagern, nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig zu verkloppen. Die Erdlinge auf der \"Streaker\" schlagen ihnen ein Schnippchen nach dem anderen. Allerdings regt sich Verrat in den eigenen Reihen, und nur mit knappster Not entkommen sie den feindlichen Aliens.
Das dramatische Ende soll hier nicht verraten werden. Die Abenteuer der \"Streaker\" gehen jedenfalls noch weiter.
Fazit
Diese Space Opera war zwar zu ihrer Zeit ein Hit in den USA und wurde mit Preisen überhäuft, dennoch bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Ein Szene- und Kultbuch eben. Besonders der dramtische Höhepunkt am Schluss, das Finale, hat mir gut gefallen. Ansonsten ist die Handlung weitverzweigt und es fällt schwer, ihr Spannung abzugewinnen.
Michael Matzer © 2000ff
Info: Startide Rising, 1983; München, Heyne, 2000; Heyne TB Nr. 06/8208; 653 Seiten, DM 16,00, aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Schmidt, ISBN 3-453-16416-4
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-12 22:47:48 mit dem Titel Tauchfahrt in die Sonne - geniale SF
\"Sonnentaucher\" mag zwar David Brins erster SF-Roman gewesen sein, aber es ist zweifellos ein Meisterwerk. Und so kommt es einem vor, als habe hier einer der alten Profis à la Heinlein ein ausgereiftes Produkt abgeliefert.
Hintergrund
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Dies ist der erste Roman der promovierten Physikers David Brins und zugleich der erste Band in den zwei Trilogien des sogenannten Uplift-Zyklus. Diese Space Opera in Brins Uplift-Universum gehört zu den wichtigsten Science Fiction-Werken der 80er und 90er Jahre.
Im Universum der Fünf Galaxien, so der Hintergrund von Brins Roman, haben vor Urzeiten die sogenannten \"Progenitoren\" dafür gesorgt, daß sich mehrere Rassen - je eine pro Galaxie - sich zu Bewußtsein entwickeln konnten, um die Herrschaft über die jeweilige Galaxis anzutreten. Dies war das allererste Uplifting des Bewusstseins.
Die Debatte dreht sich nunmehr darum, ob
auch die Menschen davon betroffen waren oder ob sie sich selbst zur \"Sapienz\" entwickelten. Wie auch immer: Die Progenitoren verschwanden, die Menschen uplifteten die Delphine und Schimpansen zur Sapienz. Das war ihr Glück, denn sonst wären sie nach dem Erstkontakt mit den Aliens selbst upgeliftet worden - falls man sie dessen für würdig befunden hätte. Die Aliens hätten sie zum dienstverpflichteten \"Klienten\" eines \"Patrons\" gemacht - wer weiß, für welche fremdartigen Zwecke.
Handlung
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Beim Beginn der Handlung arbeitet der junge Jacob als Trainer für upgeliftete Delphine vor der südkalifornischen Küste. Eines Tages erhält er die Einladung zu einer Besprechung mit Aliens
südlich von San Diego. Dort befindet sich eine Reservation für Aliens, vor der Tausende demonstrieren. Es gibt nämlich auf der Erde den hitzigen Streit um die Stellung des Menschen in
der Evolutionstheorie: Erreichte der Mensch selbst die Sapienz à la Darwin, oder wurde er von Aliens upgeliftet - à la Däniken?
Mit mehreren Aliens sowie einem Wissenschaftler und einem aufdringlichen dogmatischen Reporter darf Jacob mit einem Raumschiff zur Sonne fliegen: Die Wissenschaftler meinen, dort auf Gespenster gestoßen zu sein! Aufgrund der Lügen und Tricks eines der Patron-Aliens glauben die Beobachter zunächst, wirklich die Solarier-Gespenster gefunden zu haben.
Doch Jacob gelingt es, den Alien zu entlarven dieser wollte lediglich die verachtete Wissenschaft der Erde der Lächerlichkeit preisgeben. Wäre es ihm gelungen, wären die Aussichten der Terraner, Forschungsresultate von der galaktischen Gemeinschaft zu erhalten, sehr schlecht gestanden. Doch die Chancen hätten sich erhöht, zu Klienten dieser Alien-Rasse adoptiert zu werden!
Mit einem deduktiven Bravourstück hat Jacob den einen Alien ausgeschaltet, als schon der nächste Ärger macht. Ihm, Culla, hatte Jacob wesentlich mehr vertraut. Culla bringt jedoch das Sonnentauchschiff zum Absturz. Mit knapper Not gelingt es der Mannschaft und ganz besonders Jacobs neuer Geliebter, der Pilotin Helene, das Raumschiff zu retten und Culla auszuschalten. Ihr Absturz wird auch von einigen wirklichen Solariern gebremst.
Schließlich jedoch versagt der Gravitationsausgleich und alle (außer dem dritten, widerstandsfähigen Alien) werden Opfer der gigantischen Schwerkraft der Sonne. Wenigstens ist es nicht aus mit ihnen: Durch die durch Helene veranlaßte Tiefkühlung an Bord wurden ihre klinisch toten Körper tiefgefroren, so daß man sie später wieder auftauen konnte. Und ihre Aufzeichnungen geben ihnen sehr gute Karten in die Hand, die sie beim galaktischen Poker um Macht und Einfluß einsetzen können...
Mein Eindruck
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Brin zeichnet zunächst ein geschlossenes, einheitliches Universum, wie man es in der Science Fiction noch nicht \"gesehen\" hat. Dann führt er glaubwürdige Charaktere ein und verwickelt sie in eine dramatisch sich steigernde Handlung.
Beim kühnen Unternehmen des Sonnentauchens entspinnt sich ein veritabler Krimi mit gleich zwei Finalen. Und Brin überrascht den Leser mit immer neuen Haken, die die Handlung schlägt, so daß man nicht aufhören könnte, selbst wenn man wollte: Jacob stellt sich als gespaltene Persönlichkeit heraus, der scheinbare Bösewicht LaRoque als verleumdeter Unschuldiger,
und der brave Alien Culla entpuppt sich schließlich als intriganter Oberbösewicht.
Brin verwendet in \"Sonnentaucher\" sein solides Wissen in der modernsten Physik, um dem Leser Szenarien und Bilder vor Augen zu führen, die zum klassischen \"sense of wonder\" beitragen: So wird zum Beispiel die Raumkapsel \"Sundiver\" zum sprichwörtlichen Schneeball in der Hölle - innen tiefgekühlt durch abgestrahlte Laserenergie, außen gebraten durch das Innere der Sonne.
Diese Genialität ist gepaart mit einem frechen, stellenweise gar unverschämten Humor, der die Lektüre zu einem reinen Vergnügen macht. Klasse!
Michael Matzer (c) 1999/2002ff
Info: Sundiver, 1980; Nr. 06/5278; 445 Seiten, aus dem US-Englischen übertragen von Rainer Schmidt, Heyne, München, ISBN 3-453-?
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-13 12:18:05 mit dem Titel Gregory Benford: *Im Meer der Nacht* (Contact-Zyklus #1): Erster Kontakt
Mit diesem minutiös recherchierten Roman startete der 1941 geborene Physikprofessor 1977 seinen CONTACT-Zyklus. Den Zyklus hat er fortgesetzt mit den übersetzten Bänden \"Durchs Meer der Sonnen\" (1984/87), \"Himmelsfluss\" (1987, dt. 1994) und \"Lichtgezeiten\" (1989, dt. 1994).
Handlung
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1949 wurde durch Walter Baade auf dem Mount-Palomar-Observatorium der Kleinplanet Ikarus entdeckt, der seine exzentrische Bahn zwischen Mars und Merkur zieht und sich der Erde bis auf 6,4 Mio. Kilometer nähern kann.
1997 registrieren die Astronomen einen rätselhaften Gasausbruch auf dem Himmelskörper, der seine Bahn verändert und ihn auf Kollisionskurs mit der Erde bringt. Ein Astronautenteam wird hinausgeschickt, um ihn mit Wasserstoffbomben zu sprengen. Es macht die sensationalle Entdeckung, daß es sich um ein getarntes, automatisches Raumschiff handelt. Das erinnert schwer an Clarkes \"Rendezvous mit Rama\".
Im Augenblick seiner Sprengung setzt das fremde Raumschiff einen Hilferuf ab, der gehört wird. Denn 15 jahre später taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf: der Schnark. (Der Snark ist eine fiktive Figur bei Lewis Carroll.) Die Militärs sehen in ihm eine Bedrohung und beschließen, ihn zu vernichten. Doch er entkommt in die Tiefen des Alls.
Die Menschheit hat sich mit diesen beiden Aktionen selbst als aggressive Lebensform eingestuft, die eine Gefahr für alle höheren Zivilisationen des Galaxis werden kann. Bedeutet es ihr Todesurteil? Der zentrale Charakter des Romans, Astronaut Nigel Walmsley, soll es herausfinden. Er tritt auch in der Fortsetzung \"Durchs Meer der Sonnen\" wieder auf.
Fazit
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\"Im Meer der Nacht\" ist das Vorspiel zur Kontaktaufnahme mit einem Universum, in dem ein beständiges Ringen zwischen organischem und anorganischem Leben bzw. den entsprechenden Lebensformen stattfindet. Und es sieht so aus, als behielten selbstreproduzierende Maschinenwesen die Oberhand. Dies ist kein leeres oder gar freundliches Universum, das auf die Eroberung durch den Menschen wartet. Vielmehr sieht sich die Erdexpedition schon bald in höchster Lebensgefahr...
Da Benford Physiker ist, liegt es nahe, daß er wissenschaftliche Kenntnisse bei der Leserschaft voraussetzt, um dieses Wissen in seiner Erzählung anbringen zu können. So liegt der Schwerpunkt weniger auf Romanze und Abenteuer als vielmehr auf den technischen Abläufen und dem kognitiven Neuland, das sich den Menschen durch den (vorerst vermasselten) Erstkontakt erschließt.
In der Ausgabe von 1980 liefert das Interview mit dem Autor wertvollen Aufschluß darüber, wie er die Rolle und Bedeutung der Science Fiction und seines Schaffens sieht und einordnet.
Michael Matzer © 2000ff
Info: In the ocean of night, 1977; Nr. 06/7027, aus dem US-Englischen übertragen von Gerd Hallenberger, München, Heyne, 2000, ISBN 3-453-17088-1
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-13 18:40:26 mit dem Titel Andreas Eschbach: *Das Jesus Video*: Katz und Maus im hl. Land
Gibt es Zeitreisende - und wenn ja, wo sind sie geblieben? Haben sie was mitgebracht?
Nach \"Solarstation\" und \"Die Haarteppichknüpfer\" legte Eschbach 1998 einen weiteren preisgekrönten Roman vor. Als der Roman im Taschenbuch erschien, war die Hardcover-Ausgabe bereits vergriffen.
Handlung
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Stephen Foxx, Mitglied der New Yorker Explorer\'s Society, findet bei archäaologischen Ausgrabungen in Israel in einem 2000 Jahre alten Grab die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommen soll. Es gibt nur eine Erklärung (oder?): jemand muß versucht haben, Videos von Jesus Christus zu machen. Der Tote im Grab wäre demnach ein Mann aus der Zukunft, dem es gelungen war, in die Vergangenheit zu reisen. Und irgendwo in Israel wartet eine Kamera samt Videoaufnahmen in einem sicheren Versteck darauf, gefunden zu werden.
Aber möglicherweise ist ja alles nur ein großangelegter Schwindel. Schließlich hat ein Medienzar, John Kaun, seine Finger im Spiel. Er finanziert die Ausgrabung, und ein dubioser britischer \"Wissenschaftler\" leitet die Grabungen. Als John Kaun dem Vatikan die noch nicht einmal gefundenen Videobänder gegen eine astronomische Summe verkaufen will, beginnt ein lebensbedrohliches Katz-und-Maus-Spiel für Stephen Foxx, das ihn zuletzt an den Rand des Verdurstens in der Wüste Negev führt.
Mein Eindruck
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Eschbachs große erzählerischen Vorbilder sind Konsalik und Alistair McLean. Der Leser stößt dementsprechend allenthalben auf Kniffe und effektvolle Strukturen in Eschbachs extrem spannenden Thriller. Leider sind notgedrungen seine Figuren entsprechend flach, geradezu stromlinienförmig. Immerhin rettet seine stellenweise auftretende Selbstironie (\"Mein Gott, was für eine Phantasie!\") den Erzählton vor dem Abrutschen ins pathetische Drama. Am markantesten gelungen ist wohl der eremitische Vater eines der Ausgrabungshelfer - er gibt den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib der Videokamera, doch schließt er sich selbst vom Geschehen, ja vom Rest der Welt aus.
Ganz nebenbei vermittelt der Erzähler eine ganze Menge an Bildungswissen und wertvollen Einsichten - nicht nur über das politische Pulverfaß Israel, sondern auch über seine vieltausendjährige Geschichte, auf die sich u.a. auch unsere abendländische Kultur gründet. Hier agiert der Erzähler mit Tonnen von Material auf leichtfüßige Weise, glänzt stellenweise mit ironischem Witz und originellen Einsichten. Dies macht diesen Roman nicht nur zu spannender Lektüre, sondern zu einem Vergnügen, das nicht so schnell zu wiederholen ist.
Michael Matzer ©2002ff
Info: Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 2000, 651 Seiten, Nr. 14294, ISBN 3-7951-1625-2
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-21 13:02:40 mit dem Titel G. Benford: *Das Rennen zum Mars*: Mission to Mars 2. Klasse
Im Mai 2018 soll die erste bemannte Marsmission nach aktuellen NASA-Plänen starten. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Benford ist recht skeptisch geworden gegenüber den Chancen für diese Mission. In seinem Roman zeigt er, dass trotz bescheidenster Mitel ein Lohn errungen werden kann, der alle Opfer und Mühsal wert ist.
Der Autor
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Gregory Benford, Jahrgang 1941, gehört zu den profiliertesten Autoren von naturwissenschaftlich orientierter Science Fiction überhaupt. Nicht nur sein CONTACT-Zyklus hat ihm Lorbeeren eingebracht, sondern auch Thriller, die auf fundierten Kenntnissen über die Theorie von Schwarzen Löchern und Quantenphysik beruhen, so etwa \"Artefakt\" und \"Cosm\" (\"Eater\" erscheint demnächst bei Heyne).
Sein bester Roman ist jedoch für mich \"Zeitschaft\", eine Porträt wissenschaftlicher Arbeit in einem kalifornischen Labor, das eine Warnung aus der Zukunft erhälkt, sie aber kaum zu entziffern weiß (siehe dazu meinen Bericht). Nach diesem Buch wurde das amrikanische Imprint \"Timescape\" benannt.
Handlung
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Als die Regierung der Vereinigten Staaten die Ergebnisse einer Studie der NASA hinsichtlich der Kosten einer bemannten Mission zum Mars erfährt, stoppt sie alle Vorbereitungen für ein solches Projekt. Man greift vielmehr den Vorschlag \"Mars Direkt\" des Raumfahrtingenieurs Robert Zubrin auf: Man setzt ein Preisgeld für denjenigen aus, dem es gelingt, die Oberfläche des Roten Planeten zu erreichen und Bodenproben zur Erde mitzubringen. Das Preisgeld ist beachtlich: immerhin 30 Milliarden Dollar.
Damit ist jedoch, wie leicht abzusehen war, die Stunde der Abenteurer und Hasardeure gekommen. Sie kaufen gebrauchte Hardware auf, sichern sich Vorschüsse bei den Medien für exklusive Übertragungsrechte und nehmen arbeitslose Astronauten unter Vertrag.
So macht es auch der schwerreiche Unternehmer John Axelrod. Er lässt seine vielfältigen Beziehungen spielen, um beim nächsten Startfenster eine vierköpfige Mannschaft auf den Marstrip zu schicken. Obwohl die Missionsteilnehmer mit einer spartanisch eingerichteten Blechbüchse zurechtkommen müssen, gelingt ihnen die erfolgreiche Ankunft und Landung. Für die Rückkehr steht ein von der NASA zurückgelassenes Vehikel bereit, das ERV, das seinen Treibstof aus der dünnen Marsatmosphäre gewinnt.
Doch rund ein jahr später startet ein europäisch-chinesisches Konsortium ebenfalls ein Schiff. Das ist aber wesentlich besser ausgerüstet und mit einem Atomantrieb versehen, der es in weitaus kürzerer Zeit zum Roten Planeten bringt. Nun beginnt ein regelrechtes Wettrennen um den begehrten Preis.
Als die Erzählung beginnt, sind Axelrods Mannen bereits etliche Monate auf dem Mars zugange: der Russe Viktor ist der Kapitän, seine Gefährtin ist die Biologin und Psychologin Julia. Raoul repariert alles, und Marc, den Axelrod von den Chinesen abgeworben hatte, ist Geologe.
Axelrods Team erreicht das Ziel und macht sich auf die Suche nach Lebensformen. Julia vermutet tief unter der Oberfläche Mikroben in noch nicht vollends erkalteten vulkanischen Schloten. Diese Suche verläuft für sie höchst positiv, denn es handelt sich um Kolonien anaerober Mikroben, die nicht auf Sauerstoff angewiesen sind. Die Entdeckung dieser \"Aliens\" ist für die Sensationspresse der Erde, an die Axelrod jedes Fitzelchen an Infos verscherbelt, ein gefundenes Fressen. Als Julia durch die Expansion der \"Aliens\" in ihrer Versuchskammer einen Unfall erleidet und bei ihrer Flucht ins Freie im Vakuum ohnmächtig wird, heulen die Medien auf: \"Erdenfrau auf dem Mars von Aliens angegriffen!\" Paranoia feiert fröhliche Urständ.
Allerdings folgt schon nach kurzer Zeit ein weiterer Rückschlag. Bei einer Probezündung der Triebwerke des ERV-Rückkehrfahrzeugs wird dieses so schwer beschädigt, dass ein Rückflug zur Erde unmöglich geworden ist. Ein Ersatzfahrzeug von der Erde muss auf den Weg gebracht werden, um die Astronauten zu bergen.
Aber John Axelrod hat inzwischen seinen Bankrott erklärt und kann somit die erforderliche Rettungsmission nicht finanzieren. Müssen also seine Leute auf dem Mars jämmerlich verrecken? Aber dann landet endlich das zweite Team von der Erde. Allerdings hat es nur Platz für ein weiteres Besatzungsmitglied. Dessen Kapitän Chen ist so fies, Julia den Vorschlag zu machen sie mitzunehmen, wenn sie ihm Proben der \"Aliens\" überlässt. Als Julia sich weigert, herrscht dicke Luft. Und dann gibt es die ersten Toten...
Mein Eindruck
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Ein Top-Autor wie Benford erbringt Höchstleistungen, was die Recherche seiner Romane anbelangt. \"Rennen zum Mars\" ist keine Ausnahme. Die Bahnberechnungen für die verschiedenen Raumfahrzeuge sind ebenso professionell wie die Berge von Fakten, die Benford über den Mars vermittelt. Für den Leser bedeutet dies, dass er sich mit der Fülle wissenschaftlicher Informationen auseinandersetzen muss --er kommt nicht daran vorbei.
Ich habe dies nach beschwerlichen zwei Monaten Lesezeit endlich eingesehen. Da war ich ungefähr aud Seite 240 steckengeblieben. Denn schließlich passiert ja kaum etwas, außer dass Julia ein paar interessante Proben außerirdischen Lebens einsammelt und untersucht. Ansonsten beschreibt Benford im ersten 170 Seiten langen Teil, wie die Axelrod-Astronauten ausgewählt, trainiert und ausgetauscht wurden.
Außerdem erfahren wir, wie sie mit der äußerst lebensfeindlichen Umwelt des Roten Planeten zurechtkommen: Raumstrahlung, giftiger Peroxid-Staub und -Sand usw. Außerdem sind da noch recht menschliche Probleme psychologischer Art. Dies dient dazu, die besatzung besser kennenzulernen.
In Schwung kommen die Dinge erst in der zweiten Hälfte, als Julia ihren Alien-Unfall hat, das ERV abstürzt und zu allem Überfluss auch noch das gegnerische Team landet. Nun hat auch die Sensationspresse gut zu schreiben. Julia und ihr Gefährte Viktor, der Käptn, laufen zur Höchstform auf, um die diversen Krisen zu bewältigen. Das wird zunehmend spannender, bis man das Buch gegen Schluss überhaupt nicht mehr aus der Hand legen kann. (Genauso war auch \"Zeitschaft\" aufgebaut.)
Wie man sieht, bringt der Autor neben beeindruckenden Diagrammen und Planetenbeschreibungen auch eine spannende handlung mit Action zusammen. Ganz am Schluss kommt so etwas wie \'sense of wonder\' auf.
Die Titel der Buchabschnitte
...lauten (1) \"Die Mars-Unternehmer\", (2) \"Eine Mars-Odyssee\", (3) \"Vorposten Mars\", (4) \"Der Mars braucht Frauen\" und (5) \"Mars City\". Titel Nr. 2 ist ein Zitat. So hieß eine der frühesten und besten Mars-Stories. Sie stammt von Stanley G. Weinbaum.- Titel Nr 4 zitiert einen Filmtitel, der sogar im Buch vorkommt. Es handelt sich um einen jener billig gemachten B-Movies, die auf anderen Welten nur Monster vermuten. Natürlich stürzt ein solches Monster auf der Erde und ist hinter den Frauen her (als ob es keine appetitlichere oder ergiebigere Nahrung gäbe, etwa einen Wal).
Die Art, wie Benford diese und andere Machwerke zitiert, ironisiert die Sensationsgier und naivität der Menschen. Gleichzeitig nimmt dies der Kritik an seinem eigenen Versuch, der geschilderten Marsexpedition zu einer gewissen Sensation zu verhelfen, die Spitze. No monsters here, thank you! Nur dumme, unvorsichtige Menschlein.
Die Übersetzung
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Martin Gilbert macht seine Sache als Übersetzer erstaunlich gut. Inzwischen scheint man bei Heyne eingesehen zu haben, dass leute, die im Original Umgangssprache benutzen, dies auch in der Übersetzung tun sollten. Das hat Gilbert umgesetzt; es verlangt natürlich ein erfahrenes Sprachgefühl, denn wer kennt schon jede Redewendung im US-amerikanischen Englisch? Gleichzeitig muss man sich auch in der Sprache der deutschen Jugend von heute zuhause fühlen, sonst kommt das nicht an.
Süddeutsche Leser müssen sich mit Gilberts norddeutschem Idiom abfinden, in dem schon mal Wörter wie \"bräsig\" vorkommen.
Bugs gibt es im Text dennoch genug: Die Ausdrücke \"tar baby\", \"SEM\" und \"ASAP\" (\'as soon as possible\') wurden unterstrichen, aber nicht übersetzt. Auf Seite 414 wurde vergessen, das Datum richtig anzugeben. Alle Kapitel geben das jeweilige Tagesdatum an; bei Kapitel 32 ist aber das des Vortages angegeben.
Der Originaltitel
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...The Martian Race ist ein englisches Wortspiel. Das englische Wort \"race\" bedeutet sowohl \'Rennen\' als auch \'Rasse\'. Und so kann sich Julia am Ende des Buches als Angehörige der marsianischen Rasse als auch Teilnehmerin des \'Rennens zum Mars\' mit den gleichen Worten von ihren zur Erde fliegenden Kameraden verabschieden. Merke: Benford verfügt über eine gehörige Portion Sprachgefühl. Er hat es wahrscheinlich in zahllosen Vorträgen ausbilden können.
Fazit
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Ein sauber geschriebener Wissenschafts- und Expeditionsthriller, der anfangs viel Geduld verlangt, aber der in 2. Hälfte aber immer besser wird.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: The Martian Race, 1999; Heyne 2002, Nr. 06/8308, München; 493 Seiten, EU 12,00, aus dem US-Englischen übertragen von Martin Gilbert; ISBN 3-453-19667-8
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-11 11:32:29 mit dem Titel Geraldine Brooks: *Das Pesttuch*: Liebe in Zeiten der Pest
Der Ausbruch der Pest verändert in einem kleinen englischen Dorf alle Aspekte des täglichen Lebens. Die Bäuerin Anna Frith schildert die Umwälzungen, die sie auch am eigenen Leib erfährt, lebendig und authentisch - so realitätsnah, dass sich dem Leser das Grauen ebenso eindrücklich vermittelt wie das Wunder, dass manche Menschen die Seuche überleben. Der Vergleich mit Bildern von Peter Breughel liegt nahe.
Die Autorin
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Die amerikanische Journalistin und Autorin Geraldine Brooks besuchte eines Tages in England ein sogenanntes \"Pestdorf\". Dort hatten sich Menschen bei Ausbruch der Pest im 17. Jahrhundert selbst in Quarantäne begeben, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Konkretes Vorbild für brooks war der Ort Eyam. An den Mut und die Verzweiflung solcher Dörfler erinnert bis heute ein kleines Museum im Peak District von Yorkshire, Nordengland. (Das ist ist die Region um Sheffield herum; ich war 1984 dort: Der Peak District ist gebirgig und wildromantisch, aber in weiten Teilen abgelegen und einsam.)
Handlung
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Man schreibt das Jahr des Herrn 1665 in einem kleinen Dorf im stürmischen Yorkshire, Nordengland. Hier leben nur wenige hundert Menschen, hauptsächlich von den Bleiminen und der Landwirtschaft. Der Bürgerkrieg ist gerade vorbei, und man versucht zur Normalität zurückzufinden.
Im Pfarrhaus wohnt der junge Mr. Mompellion mit seiner Frau Elinor. Er hat den puritanischen Pfarrer Stanley abgelöst und wird noch nicht von allen Bürgern akzeptiert. Und wie sich zeigen soll, wird auch der chistliche Glaube nicht von allen akzeptiert.
Anna Frith arbeitet bei den Mompellions als Dienstmagd im Haushalt, hat aber auch eine Schafzucht zu führen und eine Familie zu ernähren. Ihr Mann Sam starb vor kurzem in den Bleigruben, nur ihre zwei kleinen Jungen Jamie und Tom sind ihr geblieben. Die einsame Frau freut sich über den neuen Untermieter, einen Schneidergesellen namens George Viccars, der sich auch in die junge Witwe verguckt und ihr Stoff für ein schönes Kleid schenkt. Wie sich jedoch bald zeigt, befinden sich in diesem Tuchballen jene Flöhe, die den Pesterreger, die \"Pestsaat\", übertragen. Die Flöhe gedeihen auf Ratten, die die Flöhe natürlich verbreiten.
Als Anna eines Morgens von ihrer Arbeit im Pfarrhaus zurückkehrt, findet sie George in einem furchterregenden Zustand vor: Eine riesige lila-gelbe Beule verunstaltet das schmerzverzerrte gesicht des Mannes. Anna ist verzweifelt: Sie hat von Heilkunde keinen blassen Schimmer. Als der Schneider Stunden später stirbt, schreit er: \"Um Gottes willen, brennt alles!\" Das hätte Anna tun sollen. Schon wenige Tage danach sterben die ersten Kinder im Dorf, darunter ihre eigenen.
Die Seuche greift um sich wie ein Lauffeuer. Verzweiflung, namenlose Angst und Hilflosigkeit bringen die Leute schier um den Verstand. Andere wiederum, wie Annas Vater, saufen sich um ihren Verstand. In einer dramatischen Predigt trotzt Pfarrer Mompellion den Kirchenbesuchern (es sind wenig genug) ein Gelöbnis ab: Niemand soll das Dorf verlassen, bis diese \"Prüfung Gottes\" überstanden ist. Natürlich halten sich die Großgrundbesitzer derer von Bradford nicht an diesen Appell, sondern flüchten nach Oxford, weit weg. Immerhin unterstützt der Graf von Chatsworth die Dörfler mit regelmäßigen Lebensmittellieferungen.
Nunmehr gleicht das quasi unter Quarantäne stehende Dorf einem Kochtopf, in dem sich ein ungeheurer (psychischer) Druck aufbaut. Die einzigen heilkundigen Frauen des Dorfes werden der Hexerei bezichtigt und brutal ermordet. Diese Szenen lassen nichts an Deutlichkeit und Schrecken zu wünschen übrig. Nun müssen sich Anna Frith und ihre Freundin Elinor Mompellion selbst die nötigen Kenntnisse aneignen. Aberglaube greift um sich, Elinor erkrankt und es bahnt sich eine verhängnisvolle Familientragödie an.
Nach einem Jahr des Grauens und der Wunder scheint alles vorbei zu sein, die Seuche überstanden. Doch dann kommt es anders als erhofft. Und die inzwischen heilkundige Anna Frith muss fliehen - weit, weit weg.
Mein Eindruck
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Die Hauptfigur
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Die Einschätzung des Romans steht und fällt mit der persönlichen Beurteilung der Figur der Anna Frith, durch deren Augen wir das Geschehen mitverfolgen. Sie hängt nicht mehr wie die einfachsten Bürger dem Aberglauben an, sondern der Lehre Christi. Darin ist sie aber keineswegs strenggläubig, sondern sozusagen aufgeklärt. Sie hat Ideen und Methoden der modernen Wissenschaft aufgeschnappt und sich angeeignet, die es ihr gestatten, ein Problem und vor allem die vielgestaltig auftretende Furcht zu bewältigen. Von Hygiene kennt sie lediglich die Grundbegriffe, und auch der Zusammenhang zwischen Ratten, Flöhen und Pest ist ihr unbekannt.
Dennoch mutet ihre Figur bereits modern an: Sie kann Arzneien herstellen und dazu verschiedene Rezepte, die sie aus alten lateinischen Heilkundebüchern (z.B. des Arabers Avicenna) hat, umsetzen. Somit wächst sie allmählich zu einem weiblichen \"Medicus\" heran. Sie tritt gegen die Ermordung der \"Hexen\" auf. Doch gegen die \"Hinrichtugn\" ihres verbrecherischen Vaters schreitet sie nicht ein: Er kommt elendig an einer prangerartigen Vorrichtung um, den Gewalten der Stürme und des Schnees ausgeliefert. Sie ist also keine Heilige.
Spannungsmomente
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Durch den Prolog weiß der Leser von vornherein, dass Anna die Seuche überleben wird. Sie könnte ja sonst nicht davon berichten. Meines Erachtens macht dies ihren Bericht um einen Spannungsbogen ärmer. Und man muss eine ganze Weile warten, bis der nächste auftaucht. Dies passiert erst mit dem Auftauchen des \"Pesttuchs\" im Arm des Schneiders George Viccars.
Eine psychologische Spannung entsteht dadurch, dass Anna eine enge Freundschaft mit der Pfarrersfrau Elinor Mompellion schließt. Diese enthüllt ihr in einem intimen Moment das Geheimnis ihrer Unfruchtbarkeit. Das wiederum wirft die Frage nach dem Seelenzustand eines Mannes wie Mompellion auf, der quasi auf Umwegen zum heroischen Heiligen stilisiert wird. (Anna ist entsprechend enttäuscht, als dieses Bild sich als Illusion entpuppt.)
Nun erscheint der Pfarrer als Kämpfer gegen die Mächte der Finsternis, verkörpert durch Seuche, Aberglauben, Fanatismus und zunehmend auftretende Verbrechen. Das ist zunächst durchaus befriedigend zu verfolgen, führt aber letztlich den Leser ebenso in die Irre wie Anna, die den Pfarrer anhimmelt und zugleich eifersüchtig um seine Liebe zu Elinor beneidet.
Für starke Nerven
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Als Gegenstück zum \"Medicus\" ist Anna auch Geburtshelferin. Zwei höchst dramatische und blutige Geburtsszenen lassen dem Leser die Haare zu Berge stehen: Ein größerer Unterschied zur heutigen sterilen Kreißsaaltechnik lässt sich wohl kaum vorstellen.
Auch eine Reihe anderer Szenen bezeugen einen unverklemmten Blick auf die Realitäten des Lebens, sei es nun in Sachen Sex oder Gewalt. Auch Pieter Breughel hat solche Szenen mit geradezu objektivem Blick dargestellt. Hat so wirklich die Neuzeit begonnen, fragt man sich. Nun, wenigstens war das hundert Jahre vor der sogenannten \"Aufklärung\".
Unterm Strich
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In höchst lebendig gezeichneten Szenen lässt die Journalistin Geraldine Brooks eine dunkle Zeit wieder auferstehen: die \"Jahre des schwarzen Todes\" (so der Titel eines Romans von Connie Willis). Das Buch ist nicht nur bewegend, sondern auch recht informativ.
Allerdings musste ich mich darauf beschränken, nur ein oder zwei Kapitel auf einmal zu lesen, denn die Schilderungen schlagen doch etwas aufs Gemüt - und mitunter auf den Magen. Auch die Spannung hätte (besonders zu Beginn) etwas höher sein können. Alles in allem bleibt \"Das Pesttuch\" für mich ein bemerkenswertes Leseerlebnis. Aber ich denke, vor allem Frauen werden die Handlung noch stärker mit-erleben als ein Mann das jemals könnte.
P.S.: Die Presseabteilung von Bertelsmann schickte mir einen Brief mit einem Rosmarinzweig. Nanu, dachte ich, wozu das denn? Es stellte sich heraus (und das war als kleiner Lexikonauszug abgedruckt), dass Rosmarin gegen die Pest eingesetzt wurde. Man stopfte Zweige davon in die schnabelförmige Erweiterung einer Maske, die man zum Schutz vor Ansteckung durch die Pest trug.
Als Titelillustration des Buches ist ein Mensch mit einer solchen Maske abgebildet: ein höchst bizarrer und rätselhafter Anblick, der an ein Ganzkörperkondom erinnert. Wenn ihr also nächstes Mal Rosmarin auf eure Pizza oder sonstwas streut, denkt daran, wozu das Gewürz alles gut sein kann.
Michael Matzer (c) 2002ff
Info: Year of wonders. A novel of the Plague, 2001; C. Bertelsmann 2001, Nr. 24820, München; 352 Seiten, EU 21,90, aus dem US-Englischen übertragen von W.M. Riegel; ISBN 3-442-24820-5
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-15 10:45:27 mit dem Titel Anne-Sophie Brasme: *Dich schlafen sehen*: Fesselnde Mörderbeichte
Eine Mörderin beichtet - nichts Besonderes, denkt man. Doch Charlène war erst 16, als sie ihre Freundin Sarah umbrachte - beide sind gebildete, wohlerzogene Französinnen. Interessant ist also die psychologische Entwicklung, die zu diesem Verbrechen führte. Und die weiß die junge Autorin, die das Buch mit 16 schrieb, einfühlsam und nachvollziehbar zu schildern.
Die Autorin
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... wurde 1984 geboren und schrieb diesen frz. Bestseller bereits im zarten Alter von 16 Jahren. Laut Verlag stand das Buch im Herbst 2001 wochenlang auf der Bestsellerliste. Anne-Sophie Brasme, die seitdem als großes Erzähltalent gilt, lebt in der Nähe von Metz, Lothringen.
Handlung
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Charlène ist schon als Kind ein schwieriges kleines Mädchen, das die Einsamkeit sucht und sich ganz
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