Der Vorleser (Taschenbuch) / Bernhard Schlink Testbericht

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Erfahrungsbericht von TimoSchwinn

Der Vorleser

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Buchkritik
Bernhard Schlink „Der Vorleser“

Ein Junge erbricht sich plötzlich auf offener Straße und kollabiert. Eine Frau, die seine Mutter sein könnte, hilft ihm auf und tröstet ihn. Als es dem Jungen, der mit einer Gelbsucht zu kämpfen hatte, nach einiger Zeit wieder besser geht, besucht er jene Frau, um sich für die Hilfe zu bedanken.
Dies ist der Anfang einer wirklich ungewöhnlichen und eigenartigen Liebesbeziehung zwischen dem gerade einmal 15-jährigen Michael Berg und der 36-jährigen Hanna Schmitz, die sein Leben völlig auf den Kopf stellen sollte, wie sich später herausstellt.
Die Geschichte spielt sich in einer nicht näher beschriebenen deutschen Stadt Ende der 50er Jahre ab. Der junge Michael und die unauffällige Hanna haben eine heftige Affäre. Diese eigenartige Beziehung hat Höhen und Tiefen, wie der Leser auch mitbekommt. Hanna verdient ihr Geld als Straßenbahnschaffnerin.
Ihre Beziehung besteht weitestgehend aus Treffen in Hannas Wohnung, bei denen sich das Ritual herausbildet, erst gemeinsam zu duschen, danach lässt sich Hanna von Michael diverse Bücher vorlesen und erst danach kommt es zum Liebesakt.
Eines Tages verschwindet sie, die Michael bis dahin mehr als ein Rätsel aufgab, spurlos. Für Michael bricht eine Welt zusammen. Sein Leben ist geprägt von Schuldgefühlen, Komplexen und Sinn- und Inhaltslosigkeit.
Jahre später trifft Michael Hanna im Gerichtssaal wieder. Sie wird beschuldigt, zur NS-Zeit als Aufseherin in einem Konzentrationslager für den Tod Tausender verantwortlich gewesen zu sein.
Michael wird von diesen Verhandlungen, von denen er keine verpasst, sehr mitgenommen.

„Der Spiegel“ bezeichnet den Roman 1995 als „literarisches Ereignis“. Dieser Kritik kann ich nur zustimmen, denn dieses Buch fesselt wirklich und erschreckt zugleich. Es gibt massig Fragen, die man sich beim Lesen stellt und die teilweise sehr schwer zu beantworten sind und wenn, dann sind die Antworten äußerst unbequem. Zum Beispiel die Frage, was man selbst in der Situation Hannas getan hätte.
Man stellt sich beim Lesen die Frage, ob dieser Roman nicht eine Aufarbeitung von Erlebnissen sind, welche dem Autor Bernhard Schlink selbst widerfahren sind. Denn kein Autor schreibt über Dinge, die ihm Fern sind. Fest steht, dass Schlinks Methode eigene Geschriebene Dinge auf ihre Verständlichkeit zu prüfen, mit dem Vorlesen von Michael im Roman deckt. Schlink spricht auf Band und liest sich alles selber laut vor wie Michael später auf Band spricht um Hanna Kassetten zu schicken. Eine Parallele zwischen Roman und Autor.
Gekennzeichnet ist der Roman durch eine strenge 3-Teilung des Geschehens.
Der erste, anfangs noch leicht verwirrend, aber trotzdem jede Menge wichtige Details enthaltend, die sich erst im Verlauf der Handlung zusammensetzen, lässt den Leser vorerst noch denken, er hat einen, mal deutlich gesprochen, Groschen- Roman vor sich, der die ersten sexuellen Abenteuer eines Pubertären beschreibt. Die bizarre Liebesbeziehung zwischen den beiden wird ausführlich geschildert.

Dieser Eindruck verschwindet jedoch im 2. Teil. Hier denkt man, es Ginge noch um einen „normalen“ Krimi. Doch auch dass dies nicht stimmt, wird schnell klar. Als Zeuge der Gerichtsverhandlungen, mit gewaltigen Höhen und Tiefen nimmt das Buck philosophische Ausmaße an.
Den dritten Teil könnte man als Aufarbeitung des Geschehens in den ersten beiden Teilen bezeichnen, was aber nicht bedeutet, dass nur rückblickend erzählt und verarbeitet wird. Schlink schafft es im 3. Teil, die Geschehnisse so schlimm darzustellen wie sie wirklich sind. Es stellt sich hier am deutlichsten heraus, dass Michael sein Leben nicht frei leben kann. Erst der dritte Teil macht diesen Roman zu einem erleuchtenden Werk.

Es ist wirklich sehr bedrückend, wie Michael beginnt zu begreifen, wie sehr diese Liebesbeziehung und noch viel mehr die Erinnerungen an sie, sein komplettes folgendes Leben bestimmt hat und noch immer bestimmt. Sie diente als Muster für spätere Beziehungen, sowohl auch als Maßstab für zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt.
Seine Ehe scheitert kläglich, weil sich Michael nicht öffnet und an seiner Frau vorbei lebt. Ein gemeinsames Kind kann auch nichts mehr retten. Michaels Komplexe werden zudem von dem quälenden Gedanken begleitet, eine Frau geliebt zu haben, die unglaubliche Verbrechen begangen haben soll. Seine Unterwürfigkeit, die schon fast Masochismus war, ist sehr erschreckend. So wirkt es später auf ihn, genau wie auf die Leser.

Prägnant ist dabei ein Streit zwischen den beiden. Michael, der freundlicherweise Frühstück besorgt, während er Hanna schlafen lässt und ihr einen erklärenden Zettel hinterlässt, wird von der wütenden Hanna mit Schlägen begrüßt. Der verwirrte, nicht wütende, Michael versteht zu diesem Zeitpunkt absolut nichts an ihrem Ausbruch und akzeptiert als Erklärung, dass sie den Zettel nicht gefunden hat. Nachdem sich Hanna ausgeweint und entschuldigt hat, ist das Thema vom Tisch. Michael sieht allein übertriebene Verlustängste. Sogar die Schuldzuweisungen Hannas akzeptiert er, aus Liebe und Nachgiebigkeit. Er will sie einfach nicht verlieren. Alles andere kann er schlucken.

Seit Hanna Michael verlassen hat, gibt sich Michael die Schuld an allem. Er wirft sich vor, sie verraten, vertrieben und verleugnet zu haben.
Er lässt folglich nichts mehr richtig an sich heran, aus Angst vor erneuter Demütigung, wiederholter Schuld und neuem Schmerz. Er gewöhnt sich übertriebenes, überlegenes Gehabe an, gibt vor, sich durch nichts erschüttern, berühren oder verwirren zu lassen und wird arrogant.
Später, in der Aufarbeitungsphase, fühlt er sich erneut schuldig weil er eine Verbrecherin geliebt hat. Und danach erneut weil, er ein kleines Detail vor dem Gericht verschweigt, was Hanna hätte retten können.

Er fragt seinen Vater, der Philosoph ist, um Rat obwohl er kein wirklich gutes Verhältnis zu ihm hat, ob er jenes Detail vor Gericht verraten soll. Die rechtliche Schuld, dieses Detail zu verschweigen, quält ihn nun auch noch.
Er findet schließlich den Gedanken, als Prozess-Unbeteiligter vielleicht gar nichts sagen zu dürfen, fast angenehm. Somit macht er sich aber dann schließlich schuldig an dem harten Urteil gegen Hanna.

Eine Art Vergnügen, sich in Hannas Leben einzumischen, treibt ihn schließlich doch zum zuständigen Richter.
Michael will für Gerechtigkeit sorgen, für ihn und gegen Hanna. Der Richter lässt ihn aber in Bezug auf sein Anliegen nicht zu Wort kommen und so verlässt Michael ohne etwas erreicht zu haben und ohne es zu bedauern das Gericht. Plötzlich ist er nicht mehr gekränkt, von Hanna getäuscht, verlassen oder benutzt worden zu sein. Auch empfindet er nicht mehr das Bedürfnis, an Hannas Schicksal „rummachen“ zu müssen. Die Betäubung, unter der er den Entsetzlichkeiten der Verhandlung gefolgt war, verschwindet. Er kehrt in seinen Alltag zurück. Somit bleibt zwar die Schuld des Nichtstuns, aber der Versuch beruhigt das Gewissen.
Doch er kann das eigentlich Geschehene nicht einfach Vergessen. Das Verhältnis zu Hanna bleibt ein Leben lang seine Last.
Dass Michael ihr Tonbänder schickt, passt nicht dazu, dass er ihr keine persönlichen Briefe schreibt oder sie gar besucht. Er kümmert sich äußerlich um sie. Mehr will er sie nicht wieder in sein Leben lassen.

Handelt es sich um sexuelle Misshandlung von Seiten Hanna? Dies so zu sehen wäre sicher einfach, aber es gibt entscheidende, wichtige Fakten, die das aus dem weg räumen.
Hanna hat durchaus mütterliche Seiten, denn sie sorgt sich um Michaels schulische Leistungen (nicht ohne Grund). Sie „riskiert“ gar einen Ausflug mit Michael. Was Hanna genau denkt bleibt ein Rätsel. Aber was sie tut, stellt sich immer mehr heraus und man kann am Ende sich ihr ziemlich nah fühlen. Sie ist jedoch keine Sympathiefigur.

Die verwendete Sprache ist sehr einfach. Schlink verwendet kurze Sätze. Ebenso ist der Umfang ziemlich gering. Aber Schlink hat es verstanden eine gute Priese Poesie in diesen Roman zu streuen und arbeitet auch mit hervorragenden Sinnbildern (z.B.: Gleitflug).

Um dieses Werk zu verstehen, muss man schon einiges über den Hintergrund der 68er Generation wissen. Diese hielten die Schuld ihrer Väter hoch. Immer und immer wieder. Diese verurteilt der Autor in seinem Werk.

Dieses Buch ist sehr bedrückend und stellt gründliche Fragen, die nicht wirklich zu beantworten sind, aber über die man trotzdem nachdenken muss. Nach dem Lesen verspürt man eine Leere im Kopf, die jedoch bald von vielerlei Gedanken ersetzt wird. Die Frage von Hanna: „Was hätten sie getan?“ schallt einem immer und immer wieder im Ohr.
Ungeachtet der Fragen, die Schlink im Gewissen des Lesers hervorrufen will, frage ich mich aber auch: „Kann das wirklich passieren? Kann ein Junge wie Michael sein ganzes Leben einer Verbrecherin, die aus rätselhaften Gründen eine Beziehung mit ihm eingeht, gewissermaßen „opfern“?“ Gemischte Gefühle begleiten mich, wenn ich darüber nachdenke.
Aber die größte und schwierigste Frage von allen ist: „Wer hat Schuld?“
An den Taten von Hanna, an der Liebe von Michael zu Hanna, an der Haft von Hanna..
Darüber nachzudenken bedrückt sehr.
Der Autor Bernhard Schlink erreicht sein Ziel.

Ein super Buch, dass einen sehr präzise in die Lage eines Analphabeten hineinversetzt.

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