Erfahrungsbericht von Indigo
Wahlwerbung zur Bundestagswahl - eigene Dummheit oder Volksverdummung
Pro:
es kann die Wahlbeteiligung erhöhen
Kontra:
es kostet sehr viel Geld und ist wenig effektiv
Empfehlung:
Nein
Wahlwerbung: eigene Dummheit oder Volksverdummung
Es ist Feierabend, ich fahre auf der Bundesstraße 1 Richtung Berlin-Mitte. Ich höre Radio. Mit Beginn der Wahlwerbung stelle ich meine Anlage auf CD`s um. Habe ich das Kanzlerduell Nr. 1 heil überstanden, so werde ich nun täglich mit den Wahlplakaten der verschiedenen Parteien konfrontiert.
Ich schicke voraus, dass ich Wahlwerbung sinnvoll finde, dass ich glaube, dass dadurch die Wahlbeteiligung steigen kann und ich glaube nicht, dass Wahlwerbung das Wahlergebnis wesentlich beeinflusst. Zugleich muss ich eingestehen, dass mich Werbung an sich sehr interessiert. Mich interessiert die Reaktion der Menschen und die psychologische Dimension von Werbemachern. Gern schaue ich mir im Fernsehen die besten Werbespots der Welt an und lasse mich durch die sogenannte Cannes-Rolle faszinieren.
Werbung kann mich jedoch auch wütend machen. Jeden Tag fahre ich an den NPD-Plakaten vorbei und lese „Deutschland den Deutschen“, „DM statt Euro“ und sogar am Infostand der NPD den Rosa Luxenburg Spruch „Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.“
Rosa Luxenburg würde sich im Landwehrkanal vor Wut in den Boden schrauben, wenn sie lesen müsste, wer sie da missbraucht. Am 22.08.2002 habe ich dann Angela Merkel live in Lichtenberg erlebt, eine Hochburg der PDS. Zur Begrüßung gab es ein gellendes Pfeifkonzert. Was tat Frau Merkel? Sie zitierte Rosa Luxenburg, ca. 300 Meter vom Standort der NPD entfernt. Mir war schon komisch zumute.
Von der letzten Bundestagswahl sind mir die PDS Plakate noch in guter Erinnerung. Allerorts wurde konstatiert, dass die PDS wohl eine der besten Werbeagenturen hatte. Die Plakate waren ansprechend, sie waren pfiffig und kreativ und haben den Betrachter erreicht. Aus meiner Sicht eine zielgruppenorientierte, gelungene Kampagne.
Doch jetzt erreicht die PDS mit viel Glück das Niveau der NPD. Nicht, dass mich die PDS-Plakate wütend gemacht hätten, das schafft die PDS regelmäßig besser mit ihren verbalakrobatischen, politischen Aussagen als Opposition und ihrer wässrigen Politik in der Regierungsverantwortung. Nein, die Plakate rufen bei mir teilweise Unverständnis hervor, teilweise hilfloses Kopfschütteln.
Ich stelle im Folgenden drei Wahlplakate der PDS vor. Unter jedem dieser Plakate steht der Spruch: DIE LINKE KRAFT - PDS. Die Plakate mit den Sprüchen "Macht den Osten stark" und "Arbeit soll das Land regieren" lasse ich hier mal weg, die verstehe ich.
Teilweise steht auf den folgenden Plakaten darüber hinaus nur ein Slogan, teilweise durch ein Fotomotiv unterstützt.
Plakat 1:
„SOZIALE GERECHTIGKEIT AUF DER GANZEN WELT !“
Ich frage mich, ob die PDS das ernst meint. Erstens lässt die Partei ja grundsätzlich immer offen, was soziale Gerechtigkeit ist – womöglich aus gutem Grund, aber sie nennt sich selbst die Partei der sozialen Gerechtigkeit. (Ich habe zu diesem Thema schon einen Beitrag veröffentlicht, der auf Rawl`s Gerechtigkeitstheorie basiert) Soziale Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne ist jedenfalls in keinem Parteiprogramm der PDS zu finden. Gerecht ist bei der PDS, wenn alle gleich sind. Menschen sind aber nicht gleich und wollen auch nicht gleich sein. Die Geschichte belegt nachhaltig, wie verzweifelt sich Menschen immer wieder dagegen gewehrt haben.
In meinem beruflichen Umfeld wurden in den achtziger Jahren die Pinkelbecken auf den Herrentoiletten bepflanzt, weil dass Pinkeln im Stehen ungerecht sei. Wenn sich zwei gleich alte und gleich qualifizierte Frauen auf eine Stelle bewerben und wenn die eine aufgrund ihrer äußerlichen Attraktivität die Stelle bekommt und die andere nicht, weil sie eben nicht so attraktiv ist, ist das dann sozial ungerecht oder nicht? Ist Attraktivität an sich vielleicht ungerecht?
Diese Frage muss man aber klären, wenn man soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt propagiert. Mit Verlaub, ich kenne so einige PDS-Wähler, keiner von denen will das auf der ganzen Welt. Die meisten finden soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt ungerecht.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass der Einfluss einer Partei auf diese Zielsetzung nur sehr marginal ist und mit der Wahl zum deutschen Bundestag nicht gerade viel zu tun hat.
Plakat 2:
FRIEDEN ERFORDERT MUT, KRIEG KOSTET LEBEN
Ich selbst wurde durch die Friedensbewegung maßgeblich sozialisiert. Wenn jetzt Joschka Fischer auf einem Wahlplakat stände mit diesem Slogan, dann könnte ich den Spruch als einen Appell an die Basis der Grünen verstehen. Aber dieser Spruch bei der PDS ist genauso gelungen wie der Zusammenhang von Rosa Luxenburg und der NPD. Wieso erfordert Frieden Mut? Warum soll auch nur ein einziger Wähler annehmen, die PDS sei mutig? Hat sie denn jemals Mut bewiesen? Mehr fällt mir dazu nicht ein, wirklich nicht. Ich glaube, ich werde jetzt doch langsam auch über PDS-Plakate wütend.
Plakat 3:
VON ARBEIT MUSS MAN LEBEN KÖNNEN
Dieses Wahlplakat stellt eine Filiale der Bundesanstalt für Arbeit dar, vor der eine Menschenmenge wartet. Und dann steht da dieser Spruch. Ich stelle voraus, dass mich dieses Plakat wiederum gar nicht wütend macht, ich verstehe es überhaupt nicht. Ich bin heute dreimal an dieser Werbung vorbeigefahren und mir ist immer noch nicht klar, was die PDS dem Wähler damit sagen will.
Entweder liegt die Betonung auf ARBEIT, oder sie liegt auf dem Wort LEBEN. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Betonung auf dem Wort MAN(N) liegen könnte.
Liegt die Betonung auf dem Wort Arbeit, so würde das doch tatsächlich heißen, dass diejenigen, die keine Arbeit haben, auch nicht zu leben brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die PDS das öffentlich formuliert. Das würde ja heißen, dass die PDS die Arbeitslosengelder, die Sozialhilfe und das Wohngeld kürzen würde, damit man endlich von Arbeit leben kann und nicht anders. Die PDS kann doch auch nicht glauben, dass irgendeine Koalition oder gar eine hundertprozentige Sitzverteilung an die PDS zur Vollbeschäftigung in der Bundesrepublik Deutschland führen würde.
Im zweiten Fall – die Betonung liegt nun auf dem Wort LEBEN - bedeutet dies, dass man gegenwärtig von Arbeit nicht leben kann, weil die Einkommen der Arbeitnehmer zu gering sind. Ich glaube nicht, dass die PDS dies öffentlich sagen würde, wobei ich ihr das ideologisch durchaus zutraue. Wahlforscher belegen ja eindrucksvoll, dass eigentlich die PDS die Partei der Besserverdienenden ist. Aber der Spruch, so ganz öffentlich, passt in diesem Sinne wohl doch eher zur F.D.P.
„Von Arbeit muss man LEBEN können“,
hieße doch, dass dem nicht so ist, oder? Der Spruch soll doch ein Wahlziel, eine Wahlaussage oder etwas Programmatisches formulieren, denke ich. Für mich scheidet diese Interpretation ebenso aus – im Interesse der PDS.
Die Lösung meinerseits liegt auf der hand: es handelt sich um einen Druckfehler. Eigentlich soll auf dem Plakat stehen:
MIT WAHRHEIT SOLL MAN LEBEN KÖNNEN
Diese Fassung ist jedoch durch den Schriftsetzer manipuliert worden. Wessen Geistes Kind der gute Mann wohl ist?
Indigo wünscht weiterhin einen fröhlichen Wahlkampf.
P.S.:
Angela Merkel wurde übrigens auch deswegen ausgepfiffen, weil die Mitglieder der Jungen UNION mit Spendendosen für die Hochwasseropfer durchs Publikum liefen. Die meisten Menschen empfanden es als eine bodenlose Frechheit und Dreistigkeit, dass sich die CDU schon wieder traut, öffentlich Spenden zu sammeln. Doch Zeit heilt alle Wunden und auch Wähler vergessen irgendwann.
Es ist Feierabend, ich fahre auf der Bundesstraße 1 Richtung Berlin-Mitte. Ich höre Radio. Mit Beginn der Wahlwerbung stelle ich meine Anlage auf CD`s um. Habe ich das Kanzlerduell Nr. 1 heil überstanden, so werde ich nun täglich mit den Wahlplakaten der verschiedenen Parteien konfrontiert.
Ich schicke voraus, dass ich Wahlwerbung sinnvoll finde, dass ich glaube, dass dadurch die Wahlbeteiligung steigen kann und ich glaube nicht, dass Wahlwerbung das Wahlergebnis wesentlich beeinflusst. Zugleich muss ich eingestehen, dass mich Werbung an sich sehr interessiert. Mich interessiert die Reaktion der Menschen und die psychologische Dimension von Werbemachern. Gern schaue ich mir im Fernsehen die besten Werbespots der Welt an und lasse mich durch die sogenannte Cannes-Rolle faszinieren.
Werbung kann mich jedoch auch wütend machen. Jeden Tag fahre ich an den NPD-Plakaten vorbei und lese „Deutschland den Deutschen“, „DM statt Euro“ und sogar am Infostand der NPD den Rosa Luxenburg Spruch „Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden.“
Rosa Luxenburg würde sich im Landwehrkanal vor Wut in den Boden schrauben, wenn sie lesen müsste, wer sie da missbraucht. Am 22.08.2002 habe ich dann Angela Merkel live in Lichtenberg erlebt, eine Hochburg der PDS. Zur Begrüßung gab es ein gellendes Pfeifkonzert. Was tat Frau Merkel? Sie zitierte Rosa Luxenburg, ca. 300 Meter vom Standort der NPD entfernt. Mir war schon komisch zumute.
Von der letzten Bundestagswahl sind mir die PDS Plakate noch in guter Erinnerung. Allerorts wurde konstatiert, dass die PDS wohl eine der besten Werbeagenturen hatte. Die Plakate waren ansprechend, sie waren pfiffig und kreativ und haben den Betrachter erreicht. Aus meiner Sicht eine zielgruppenorientierte, gelungene Kampagne.
Doch jetzt erreicht die PDS mit viel Glück das Niveau der NPD. Nicht, dass mich die PDS-Plakate wütend gemacht hätten, das schafft die PDS regelmäßig besser mit ihren verbalakrobatischen, politischen Aussagen als Opposition und ihrer wässrigen Politik in der Regierungsverantwortung. Nein, die Plakate rufen bei mir teilweise Unverständnis hervor, teilweise hilfloses Kopfschütteln.
Ich stelle im Folgenden drei Wahlplakate der PDS vor. Unter jedem dieser Plakate steht der Spruch: DIE LINKE KRAFT - PDS. Die Plakate mit den Sprüchen "Macht den Osten stark" und "Arbeit soll das Land regieren" lasse ich hier mal weg, die verstehe ich.
Teilweise steht auf den folgenden Plakaten darüber hinaus nur ein Slogan, teilweise durch ein Fotomotiv unterstützt.
Plakat 1:
„SOZIALE GERECHTIGKEIT AUF DER GANZEN WELT !“
Ich frage mich, ob die PDS das ernst meint. Erstens lässt die Partei ja grundsätzlich immer offen, was soziale Gerechtigkeit ist – womöglich aus gutem Grund, aber sie nennt sich selbst die Partei der sozialen Gerechtigkeit. (Ich habe zu diesem Thema schon einen Beitrag veröffentlicht, der auf Rawl`s Gerechtigkeitstheorie basiert) Soziale Gerechtigkeit im eigentlichen Sinne ist jedenfalls in keinem Parteiprogramm der PDS zu finden. Gerecht ist bei der PDS, wenn alle gleich sind. Menschen sind aber nicht gleich und wollen auch nicht gleich sein. Die Geschichte belegt nachhaltig, wie verzweifelt sich Menschen immer wieder dagegen gewehrt haben.
In meinem beruflichen Umfeld wurden in den achtziger Jahren die Pinkelbecken auf den Herrentoiletten bepflanzt, weil dass Pinkeln im Stehen ungerecht sei. Wenn sich zwei gleich alte und gleich qualifizierte Frauen auf eine Stelle bewerben und wenn die eine aufgrund ihrer äußerlichen Attraktivität die Stelle bekommt und die andere nicht, weil sie eben nicht so attraktiv ist, ist das dann sozial ungerecht oder nicht? Ist Attraktivität an sich vielleicht ungerecht?
Diese Frage muss man aber klären, wenn man soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt propagiert. Mit Verlaub, ich kenne so einige PDS-Wähler, keiner von denen will das auf der ganzen Welt. Die meisten finden soziale Gerechtigkeit auf der ganzen Welt ungerecht.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass der Einfluss einer Partei auf diese Zielsetzung nur sehr marginal ist und mit der Wahl zum deutschen Bundestag nicht gerade viel zu tun hat.
Plakat 2:
FRIEDEN ERFORDERT MUT, KRIEG KOSTET LEBEN
Ich selbst wurde durch die Friedensbewegung maßgeblich sozialisiert. Wenn jetzt Joschka Fischer auf einem Wahlplakat stände mit diesem Slogan, dann könnte ich den Spruch als einen Appell an die Basis der Grünen verstehen. Aber dieser Spruch bei der PDS ist genauso gelungen wie der Zusammenhang von Rosa Luxenburg und der NPD. Wieso erfordert Frieden Mut? Warum soll auch nur ein einziger Wähler annehmen, die PDS sei mutig? Hat sie denn jemals Mut bewiesen? Mehr fällt mir dazu nicht ein, wirklich nicht. Ich glaube, ich werde jetzt doch langsam auch über PDS-Plakate wütend.
Plakat 3:
VON ARBEIT MUSS MAN LEBEN KÖNNEN
Dieses Wahlplakat stellt eine Filiale der Bundesanstalt für Arbeit dar, vor der eine Menschenmenge wartet. Und dann steht da dieser Spruch. Ich stelle voraus, dass mich dieses Plakat wiederum gar nicht wütend macht, ich verstehe es überhaupt nicht. Ich bin heute dreimal an dieser Werbung vorbeigefahren und mir ist immer noch nicht klar, was die PDS dem Wähler damit sagen will.
Entweder liegt die Betonung auf ARBEIT, oder sie liegt auf dem Wort LEBEN. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Betonung auf dem Wort MAN(N) liegen könnte.
Liegt die Betonung auf dem Wort Arbeit, so würde das doch tatsächlich heißen, dass diejenigen, die keine Arbeit haben, auch nicht zu leben brauchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die PDS das öffentlich formuliert. Das würde ja heißen, dass die PDS die Arbeitslosengelder, die Sozialhilfe und das Wohngeld kürzen würde, damit man endlich von Arbeit leben kann und nicht anders. Die PDS kann doch auch nicht glauben, dass irgendeine Koalition oder gar eine hundertprozentige Sitzverteilung an die PDS zur Vollbeschäftigung in der Bundesrepublik Deutschland führen würde.
Im zweiten Fall – die Betonung liegt nun auf dem Wort LEBEN - bedeutet dies, dass man gegenwärtig von Arbeit nicht leben kann, weil die Einkommen der Arbeitnehmer zu gering sind. Ich glaube nicht, dass die PDS dies öffentlich sagen würde, wobei ich ihr das ideologisch durchaus zutraue. Wahlforscher belegen ja eindrucksvoll, dass eigentlich die PDS die Partei der Besserverdienenden ist. Aber der Spruch, so ganz öffentlich, passt in diesem Sinne wohl doch eher zur F.D.P.
„Von Arbeit muss man LEBEN können“,
hieße doch, dass dem nicht so ist, oder? Der Spruch soll doch ein Wahlziel, eine Wahlaussage oder etwas Programmatisches formulieren, denke ich. Für mich scheidet diese Interpretation ebenso aus – im Interesse der PDS.
Die Lösung meinerseits liegt auf der hand: es handelt sich um einen Druckfehler. Eigentlich soll auf dem Plakat stehen:
MIT WAHRHEIT SOLL MAN LEBEN KÖNNEN
Diese Fassung ist jedoch durch den Schriftsetzer manipuliert worden. Wessen Geistes Kind der gute Mann wohl ist?
Indigo wünscht weiterhin einen fröhlichen Wahlkampf.
P.S.:
Angela Merkel wurde übrigens auch deswegen ausgepfiffen, weil die Mitglieder der Jungen UNION mit Spendendosen für die Hochwasseropfer durchs Publikum liefen. Die meisten Menschen empfanden es als eine bodenlose Frechheit und Dreistigkeit, dass sich die CDU schon wieder traut, öffentlich Spenden zu sammeln. Doch Zeit heilt alle Wunden und auch Wähler vergessen irgendwann.
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