Das Jugendgericht Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Unterhaltungswert:  durchschnittlich
  • Informationsgehalt:  durchschnittlich
  • Präsentation:  durchschnittlich
  • Spaß:  durchschnittlich
  • Spannung:  durchschnittlich
  • Romantik:  wenig

Erfahrungsbericht von scenic24

Theater, Show und Zufälle

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

I. Vorwort
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Nachdem wir mit Talk Shows, Reality Show und Sonstigen mehr oder minder Mist richtig bombardiert wurden, hat der Fernsehalltag nun etwas neues entdeckt: Gericht Shows. Sat1 hatte mit Barbara Salesch wohl einen super Start hingelegt, dass es wohl wirklich nur noch eine Frage der Zeit war, bis RTL auch so etwas herausbringt: Das Jugendgericht. Die Sendung läuft Mo-Fr um 16-17 Uhr, also gleich im Anschluß der Konkurrenz Sendung.


II. Worum geht es denn da? (mit kleinem rechtlichen Hintergrund)
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Jugendliche (14-18) und Heranwachsende (18-21) stellen allerlei Unfug und Verbrechen an und müssen sich dafür vor der Richterin verantworten. Das deutsche Recht ist zweigeteilt in das Zivilrecht (Schmerzensgeld zb) und das Strafrecht. Das Jugendgericht findet im Bereich Strafrecht statt, in dem ein Staatsanwalt dem Angeklagten seine Fehltaten vorwirft, versucht die Schuld zu beweisen und der Richterin ein Strafmaß vorschlägt, an dem sich zwar orientieren kann, aber nicht muß. Der Angeklagte kann sich von einem oder mehreren Anwälten vertreten lassen wenn er will. Im Laufe der Verhandlung werden dann einige Zeugen aufgerufen, um die These des Staatsanwaltes zu unterlegen oder die des Verteidigers. Bei einigen Gerichtsfällen sitzen der Richterin noch Schöffen mit bei, die eine ehrenamtliche Tätigkeit erfüllen ohne rechtliche Ausbildung und zusammen mit der Richterin ein Urteil bilden. Das Urteil ist in der Wirklichkeit dann rechtsgültig und der Angeklagte kann dieses akzeptieren oder ablehnen in dem er Berufung oder Revision einlegt.

Beim Strafmaß ist die geistige Entwicklung des Anklägers wichtig, daher beschäftigt sich oftmals eine Dame des Jugendamts mit dem sozialen und familiären Umfeld des Angeklagten: Wie schaut es in der Familie aus, in der Schule, Freunde. Dies ist wichtig, um zu entscheiden, ob zb bei einem 21jährigen noch das Jugendgesetz angewandt werden kann. So wird zB einem Gymnasiasten in der Regel eine höhere Reife hinterlegt als einem Hauptschüler, aber das sind im wesentlichen alles nur Anhaltspunkte.

Nach der strafrechtlichen Verhandlung kommt also auf den Angeklagten bei Schuldzuweisung immer noch die zivilrechtliche Verhandlung zu, in dem dann die Geschädigten direkt ihre Ansprüche gelten machen können. Dies wird aber nicht in der Sendung gezeigt (ist ja auch zu langweilig).


III. Wer spielt da mit?
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1. Die Richterin. Dr. Ruth Herz
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Dr. Herz ist seit 1974 bereits Richterin und seit 1976 Richterin am Jugendschöffengericht. Sie ist Lehrbeauftragte an verschiedenen Unis im Bereich Jugendstrafrecht und Kriminologie und hat in diesen Gebieten auch mehrere Bücher und Lehrmittel veröffentlicht. 1988 bekam sie das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihr Projekt \" Die Waage\".

Fachlich, so beweist diese Ausbildung ist Frau Dr. Herz sicherlich eine der kompetentesten Richter in diesem Gebiet. In ihrer Rolle als TV Richterin finde ich sie aber ehrlich gesagt nicht so gut. Sie verspricht sie öfters einmal oder lächelt fast ständig nur - egal was gerade passiert. Manchmal fetzen sich Angeklagte und Staatsanwalt und die Richterin setzt sich nur schwach durch. Bei der Konkurrenz merkt man direkt, dass Frau Salesch der Boss ist. Interessant ist wohl auch ihre immer wechselnde Brillenkollektion von rot, grün, rosa, hellblau in immer anderen Extravaganten Formen.

2. Der Staatsanwalt
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Der Staatsanwalt gespielt von Dirk Küchmeister ist meiner Meinung nach die wahre Hauptperson. Er versucht fast regelrecht den Angeklagten zu zerfetzen, fetzt sich mal etwas mit dem Verteidigern wirft deplazierte Bemerkungen in den Raum, durchleuchtet die Zeugen und nimmt sie auseinander. Ich finde, er bringt eigentlich den Spaß und die Spannung erst in die Sendung. Manchmal übertreibt er es auch, wenn er sich besonders cool darstellen will, was oft nach hinten los geht, indem er seine Forderungen versucht an den Sprachgebrauch des Angeklagten anzulehnen.

3. Die Verteidiger
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Es gibt glaub ich 2-3 verschiedene Verteidiger momentan. Sie spielen ebenfalls eine etwas unwesentlichere Rolle als der Staatsanwalt und treten eigentlich nur in ihrem Plädoyer richtig auf. Manchmal zoffen sie etwas mit dem Staatsanwalt mit, unterliegen aber meist.

4. Der Angeklagte
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Der Angeklagte ist manchmal eine total skurrile Person. Entweder sitzt da mal ein Teufelsanbeter, oder extrem Links oder Rechts orientierte Extremen. Meist ist der Angeklagte auch so gewählt, dass er unsympathisch - (ein rüpelnder Skin oder so) wirkt. Er ist natürlich immer unschuldig.

5. Jugendamt/ Jugendgerichtshilfe
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Die Jugendamtbeauftrage ist oftmals eine nette, sympathische Blondine oder ein selten ein Herr. Sie durchleuchtet den Hintergrund des Angeklagten, seine Einstellung, Familie, Freunde und Schule.

6. Die Zeugen
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Die Zeugen sind gesellschaftlich quer Beet Vom Schüler über die (meist) Mutter. Die Zeugen zoffen sich auch mal gerne mit dem Staatsanwalt. Oftmals kommt der wahre Zeuge aus den Zuschauerreihen.


IV. Sind die Fälle real?
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Die Fälle sind natürlich nachgestellt und nicht real. Jugendverhandlungen finden normaler Weise bei Ausschluß der Öffentlichkeit statt.
RTL gibt folgendes Kommentar dazu: \"Unsere Fälle sind absolut realistisch. Sie hätten so passieren können. Aus
datenschutzrechtlichen Gründen haben wir aber darauf, reale Fälle zu nehmen.\"...

Ja was nun? Realistisch aber keine realen Fälle? Sehr schwammig.

Das kann aber wohl eher ein Witz sein. Denn die Fälle sind oftmals so stark übertrieben, dass ich mich entweder vor lachen auf dem Boden kugele oder kopfschüttelnd umschalten muß.

Hier eine Auswahl:

· Der Angeklagte Amon betreibt einen Satansanbetersekte. Er hat angeblich die junge XY dazu gezwungen Tierblut zu trinken, um Feuerstellen herum zu tanzen und schließlich wurde ihre ein Brandmal gesetzt als Beweis ihrer Zugehörigkeit zum Teufelskreis. Die Wunde eiterte und die Mutter entdeckte dies, erstattete Anzeige. Nachdem Amon überführt wurde hat er das letzte Wort und schließt mit: \"Dieses Gericht eine Farce, nur Luzifer alleine wird über mich richten können!\" ??????

· Der böse Ex-Schüler XY soll angeblich aus Wut wegen dem Schulrauswurf eine Wasserspritzpistole (einer der ganz Großen) mit Säure genommen haben und die kleine unschuldige ZW damit das Auge angespritzt haben, welches sie somit verlor. Plötzlich knallt die Türe auf und die Mutter des Angeklagten kommt zufällig mit riesen Wasserspritzpistole rein, die sie zufällig unter dem Bett gefunden hat, gefüllt mit Säure. Wahre Dramatik im Saal

· Der Schüler XV kommt uneingeladen zu einer Feier. Er vergnügt sich auf dieser Feier im elterlichen Schlafzimmer des Gastgebers mit einem Mädel und soll dabei Schmuck im Werte von mehreren Tausend DM entwendet haben. Natürlich läßt sich das wieder nicht nachweisen, bis ihm raus rutscht, dass das Mädel sau schlecht im Bett war, diese aus dem Publikum wütend aufspringt und sich zu erkennen gibt und den Angeklagten belastet.

· Der 17jährige Raper XV ist der Beste aller Zeiten, verdient 8000 DM netto und hat angeblich einen anderen Sänger mit einer Flasche übel zu gerichtet. Natürlich will er nur mit DJ Bla bla angeredet werden trägt an jedem Finger 3 Ringe, 25 Ketten um den Hals und und und.


V. Wie läuft die Sendung ab und Bewertung
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Hat man die Sendung ein paar Mal gesehen, kommt man schnell darauf, dass fast immer das gleiche Schema verfolgt wird:

A) Der Angeklagte beteuert immer seine Unschuld
B) Die Zeugen sind halbwegs nutzlos, entlasten eher den Angeklagten
C) Jemand aus dem Publikum springt auf oder stürmt herein, kann dieses Unrechtstreiben nicht weiter sehen und belastet enorm den Zeugen
D) Der Angeklagte ist überführt

Natürlich wird innerhalb der einzelnen Punkte gerne variiert:

· So ist die Hauptzeugin oft von der Mutter angestiftet worden Anzeige zu erstatten. Ihre Aussage bei der Polizei nimmt sie zurück und die Mutter hätte sie nur gezwungen. Dann plötzlich dreht sich das Blatt wieder und die Zeugin gibt doch zu, dass es wahr sei. Sie hätte Angst, oder sei in den Angeklagten verliebt und und und

· Der Angeklagte beteuert laufend seine Unschuld, plötzlich ist er wie vom Blitz getroffen und gibt seine Schuld zu.

· Die Zeugen stacheln sich gegenseitig an, lügen oftmals grundlegend, treiben sich gegenseitig zur Wahrheit

Die Fälle sind viel zu spektakulär. Schon die Angeklagten alleine sind oft so gestaltet, dass gleich im voraus ersichtlich ist, der ist schuldig: Entweder er lümmelt in der Anklagebank herum, beschimpft die Zeugen mit vulgären Ausdrücken und meint immer er sei unschuldig. Je cooler der Angeklagter desto extremer natürlich. Einer kam gleich mit 2 Verteidigern, von denen der 2te gar nichts fast sagte. Böse Angeklagte sind auch fast immer vorbestraft

Die Jugendlichen sind eh immer super cool. Da werden riesige Partys geschmissen, gibt es locker 300 DM Taschengeld, checken Locations ab und haben nur Mädchen in Sinn (bei den Jungs ;-)).

Die Jugendgerichtshilfe weiß natürlich immer das Richtige. Ist der Angeklagte mal nicht schuldig, ist er beliebt, freundlich nett - der wahre Täter muß aus dem Publikum also kommen. Ist der Angeklagte böse, dann hat er gebrochene Familientragödien, ist schlecht in der Schule - es ist klar, er muß es sein!

Die Zeugen lügen fast immer, obwohl sie belehrt werden, die Wahrheit zu sagen. Sie verdrehen immer die Tatsachen und werden plötzlich von anderen doch zur Wahrheit gezwungen oder bewegt.

Irgendwie zwingt sich ja schon die Meinung auf, die Jugendlichen hätten immer Angst und müssen von den Erziehungsberechtigten zur Wahrheit gezwungen werden (Mütter). Auch scheint immer die Wahrheit raus zu kommen, niemand kommt vor Gericht davon, Unrecht lohnt sich nicht.

Ich war zwar schon oft in Verhandlungen dabei, aber das Staatsanwalt und Verteidiger sich gegenseitig dumm anpöbeln, blöde Witze ziehen habe ich noch nie bemerkt. Meist haben die Verteidiger auch immer den gleichen Spruch drauf: \"Die Zeugen sind unglaubwürdig, weil wechseln laufend die Meinung und scheiden somit aus. Mein Klient ist unschuldig\".

Der Verteidiger tut viel zu wenig für seine Klienten. Eher nimmt der Staatsanwalt die Zeugen richtig auseinander. Da könnte ich mich ja selber besser verteidigen. Die Richterin lächelt immer in den Saal, sie ist ja so lieb aber gerecht, manchmal kommt sie mir wie eine Mutter irgendwie vor, die die armen verirrten Schäfchen den richtige Weg weisen will.

Das Ganze kommt mir wie ein riesiges Theater. Die Sendung geht zu sehr in die Richtung, dass alles raus kommt, lügen keinen Sinn macht. Wie vom Himmel fallen da Zufallszeugen in den Gerichtsfallen und verhindern ein Unrecht und wenn das doch nicht geht, dann ist der Angeklagte so stark von den Indizien erdrückt, dass er es doch zu gibt.


VI. Fazit
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Die Idee ist an sich gut. Unrecht lohnt sich nicht und kommt immer raus - doch sind Jugendliche wirklich so blöd, da nicht durchzublicken? Das Ende ist oftmals gerade noch so hingebogen, dass die Wahrheit immer raus kommt und eindeutig ist. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Sendung abschreckende Wirkung hat. Zudem sind die Fälle teilweise so stark überzogen, wie sie vielleicht einmal in tausend Fällen vorkommen, dass der Infogehalt im Unrechtsgeschehen der Welt wohl eher gegen Null tendiert. Ist halt ein nette Belustigung für den langweiligen TV Nachmittag meiner Meinung.

22 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Janxx

    03.04.2002, 17:56 Uhr von Janxx
    Bewertung: sehr hilfreich

    ausführlich und sehr gut geschrieben

  • Stoewi

    28.02.2002, 14:05 Uhr von Stoewi
    Bewertung: sehr hilfreich

    Einfach toll!