Drogen Testbericht

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Erfahrungsbericht von Indigo

Drogenhandel im Mathematikunterricht

Pro:

lebensnaher Unterricht

Kontra:

strafbar, wenn man drüber spricht?

Empfehlung:

Nein

Drogenhandel im Mathematikunterricht

Gestern ging die Meldung über alle Agenturticker. Im Land Brandenburg haben doch tatsächlich die ministeriellen Lehrplanschreiber für den Mathematikunterricht der 7. und 8. Klassen Aufgaben vorgesehen, die für bundesweite Aufregung gesorgt haben.

Um den lieben Schülern im Rückblick auf die Pisa-Studie nun endlich lebensnahes Lernen zu ermöglichen, soll der Mathematikunterricht die Schüler nun auch Wissen über Statistik vermitteln.

So fragt im Lehrplan für den Mathematikunterricht der 7. und 8. Klassen eine Übungsaufgabe die Schüler nach der Zusammensetzung ihrer monatlichen Geldmittel. Als Antwortvorgaben bietet die Übungsaufgabe natürlich Taschengeld, dann Zugaben von Oma und als Drittes Einkünfte aus Drogenhandel. Letzteres sorgt nun für Riesenaufregung im Land. Die CDU in Brandenburg hat schon angekündigt, gegen den Initiator Strafanzeige zu erstatten. Für die nicht so interessierten Leser sei der Hinweis erlaubt, dass SPD und CDU in Brandenburg eine große Koalition bilden.

Für mich ist einerseits verblüffend, dass der Lehrplan schon seit etwa einem Jahr öffentlich bekannt ist, alle Entwürfe in den verschiedensten Gremien erörtert und diskutiert wurden und niemand etwas gemerkt hat. Andererseits irritiert mich die Aufregung an sich, sollen doch die Schüler in der modernen Schule lebensnah und praktisch qualifiziert werden.

Ich habe schon an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass ich beruflich sehr intensiv mit Schulen beschäftigt bin. Nach meiner Erfahrung existiert in Deutschland keine einzige drogenfreie Schule. Es gibt legalisierte Drogen wie Zigaretten und Alkohol, es gibt verordnete Drogen wie Medikamente (Ritalin) und es gibt illegale Drogen wie Extasy, Marihuana, Haschisch, LSD etc. Niemand, wirklich niemand dürfte doch annehmen, dass es an irgendeiner Schule in Deutschland keine einzige dieser Drogen gäbe, selbst wenn er auf seinem Bürostuhl sitzt und noch nie eine Schule von innen gesehen hat..

Vor ein paar Jahren hat sich eine Schule in Brandenburg selbst zur gewaltfreien Schule ernannt. Die dürfte auch noch nie über den Gewaltbegriff nachgedacht haben.

Was bedeutet aber nun die Lehrplanaufgabe für unsere Schüler in den 7. und 8. Klassen? Man stelle sich vor, nur 5 % aller Schüler würden die Frage ehrlich beantworten und es käme heraus, dass sie ihr monatliches Budget durch Drogenhandel erheblich aufbessern. Ich glaube ja nicht, dass die Schüler so blöd wären, aber was wäre wenn?

Die Antwort wäre mathematisch o.k., moralisch verwerflich. Alle Pädagogen sprechen aktuell von fächerübergreifender Wissensvermittlung. Dann müsste der Mathematiklehrer die Antworten kritisch hinterfragen und eine Diskussion mit den Schülern führen, womöglich sollte er noch Drogen als Thema behandeln. Eine schreckliche Vorstellung! Ohne die Frage nach Drogeneinkünften ist alles in Ordnung. Auf das Problem Taschengeld wird der Lehrer weiterhin nicht eingehen. – Schade für die Schüler! Taschengeld und Zuwendungen von Oma sind normal, Drogeneinkünfte darf es nicht geben. Nun ist das Leben wie die meisten Schüler wissen anders gestrickt: Es gibt Drogenhandel, auch an Schulen, und es gibt Schüler, die kein Taschengeld erhalten und keine Oma haben, die die neue CD von den No Angels sponsert. Manche Lehrer werden es kaum glauben, es gibt sogar Ladendiebstähle!

Ich habe einmal als Vertretung Mathematik in der Berufsschule bei Malern und Lackierern unterrichtet. Als Textaufgabe hatte ich vorbereitet, dass zwanzig Schwäne nach Amerika fliegen und 47 Stunden brauchen. Die Frage war nun, wie lange 35 Schwäne brauchen, bis sie in Amerika ankommen. Was geschah? Alle Schüler fingen an zu rechnen. Als die ersten Schüler einen Ergebnisvorschlag formulieren wollten, habe ich sie aufgefordert, dass Gerechnete zusammenzuknüllen und wegzuwerfen. Anschließend haben wir dreißig Minuten über den Sinn und Unsinn von Aufgaben diskutiert, ihre Verwertung im Beruf und im Alltag. Die Schüler haben etwas gelernt, womöglich für `s Leben. Kritiker werden anführen, dass die Mathematik dabei zu kurz gekommen ist. Es lässt sich nicht entkräften!

Man stelle sich nur vor, dass neben Drogenhandel auch noch Prostitution als Einnahmequelle aufgeführt worden wäre. Unser moralisches Abendland würde zusammenbrechen, obwohl es sich um einen legalen Beruf handelt. Es kann doch nicht sein, dass die bloße Nennung von strafbaren Einnahmequellen, und seien es Banküberfälle oder Prominenten-Kidnappings, die Verantwortlichen für Schule und Bildung dazu zwingt, alles zu tabuisieren. Ich arbeite bekanntlich mit Studierenden an einer Berliner Hochschule. Was passiert denn wohl, wenn man im ersten Semester fragt, wodurch die Jungakademiker ihr Studium finanzieren und eine Studierende erklärt, sie arbeite in den Semesterferien als Prostituierte? Würde sie etwa in Bayern zwangsexmatrikuliert und dürfte in Berlin ihr Theologiestudium fortsetzen?

Ich habe in meiner beruflichen Karriere Jugendliche erlebt, die mir erklärt haben, dass sie im Monat 5.000 DM durch Dealen verdienen. Sie haben mich gefragt, warum sie denn eine Berufsausbildung machen sollten, wo sie drei Jahre lang im Monat 470 DM als Trockenbauer kriegen und danach wieder arbeitslos sind. Da sind dann Antworten, die bei den Jugendlichen ankommen, schwierig. Es reicht nicht zu erklären, dass Trockenbau legal und Drogenhandel illegal ist. Da muss schon genauer und differenzierter argumentiert werden.

Ob das unsere Lehrer nicht sollen, oder ob sie es vielleicht nicht wollen, oder ob sie es am Ende gar nicht können?

Es ist jedoch wenig hilfreich, die Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klassen für dumm zu verkaufen. Ich bin gespannt, wie diese Diskussion fortgesetzt wird, welches Bauernopfer sich der Bildungsminister in Brandenburg (er ist übrigens gelernter Pfarrer) ausdenkt und wie lange unsere Schüler noch keinen lebens- und realitätsnahen Unterricht verkraften können.

Ich gestehe gern ein, dass viele Eltern, Lehrer und auch Schüler zu diesem Thema ganz unterschiedliche Meinungen haben. Das ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht!

Ich persönlich nehme nun mal ganz gern eine kritische Position ein und bekomme sehr schnell Magenbeklemmungen, wenn Medien einen Skandal kolportieren, der nur dann ein Skandal ist, wenn er medial wachsen kann.

Noch einen schönen Sonntag wünscht

INDIGO

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