Wir fuhren mit dem Dampfer „Tilly Russ“ von Rotterdam an die Goldküste (heute Ghana) und sollten eine Schiffsladung Bauxit nach Schottland bringen. Es war auf diesem Schiff meine erste Reise als Assi. Unter „Seefahrt 11“ ist das Schiff ein wenig beschrieben. Dem Bericht liegen alte Tagebuchaufzeichnungen zugrunde.
INHALT
1. In Takoradi
2. Bunkern in Las Palmas
3. Durch den Golf von Biscaya
1. IN TAKORADI
Am 7. März 1956 abends gegen 21:00 gingen wir auf Reede von Takoradi vor Anker und blieben dort bis zum nächsten Morgen mit klarer Maschine liegen. Kurz nach dem Hellwerden kam ein Lotse und brachte uns an die Erzpier. Um 07:00 Uhr waren wir dort fest. Kurz nach 09:00 Uhr wurde mit dem Laden begonnen, und kurz vor 18:00 war das Schiff voll. Die Ladeanlage für Bauxit arbeitet zu meinem Leidwesen wirklich schnell.
Um 15:00 Uhr hatte ich Ausscheiden. Ich wusch mich schnell und fragte beim Alten, wann wir auslaufen und zu welchem Zeitpunkt ich wieder an Bord sein müsste. Den Fotoapparat umgehängt und mit 1 englischen Pfund in der Tasche zog ich los. Ich war kaum 200 m gelaufen, da hielt neben mir ein Taxi und ein älterer schwarzer Herr fragte, wo ich hinwollte. Für 3 Schillinge wollte er mich in die Stadt fahren. Das war ein ganz schönes Ende. Vor einem Laden, in dem man handgearbeitete Sachen kaufen konnte, z.B. Schnitzereien, Flechtarbeiten, Waffen und vieles andere, stieg ich aus. Da waren wirklich wunderbare Dinge ausgestellt. Ich kaufte mir einen kleinen Elefanten aus Ebenholz. Der kostete 11 Schilling und 3 Pence (etwa 6.63 DM.) Dann fuhr ich zum Stadtzentrum und stieg dort aus, um zu Fuß weiterzuwandern. Vor allem war ich überrascht, hier massenweise Volkswagen zu sehen. Sie wurden ausschließlich von Einheimischen gefahren und schienen denen auch zu gehören. Sogar eine VW-Werkstatt war dort, wo schwarze Monteure mit einem großen VW auf dem Arbeitsanzug arbeiteten. An den Straßen waren überall Verkaufsstände, wo man alles kaufen konnte, was die Menschen hier brauchen. Ich sah fast nur Schwarze und fiel als Weißer auf. Der Stadtverkehr war sehr lebhaft.
Da ich um 17:00 Uhr wieder an Bord sein musste, hatte ich nicht viel Zeit und ging nur einige Straßenzüge ent-lang, um dann mit dem nächstbesten Taxi, das sich anbot, wieder an Bord zurückzufahren.
Kurz nach 18:00 Uhr legten wir von der Pier ab und gingen zum Seeklarmachen weiter draußen vor Anker. Um 20:20 Uhr hieß es Anker auf, und ab ging es zurück nach Europa, kühleren Gefilden entgegen.
Das war nur ein kurzer Spaß, den wir gar nicht richtig auskosten konnten. Wäre gerne noch länger geblieben, um die Stadt besser kennen zu lernen.
Die englische Kolonie Goldküste wurde 1 Jahr später als Ghana der erste selbständige Staat in Afrika.
Ich konnte damals nicht wissen, dass ich genau 30 Jahre später Ghana wieder besuchen und mehrfach bereisen und dort viele Freunde finden würde.
2. BUNKERN IN LAS PALMAS
Die folgenden Tage waren wieder fix warm. Allerdings stieg das Thermometer nicht über 48°C. Wir bekamen ziemlich starken Gegenwind und kamen nur langsam voran. Das Schiff rollte nach Strich und Faden.
Am Sonntag, dem 18. März
1956 waren wir morgens um kurz vor 08:00 Uhr an der Bunkerpier von Las Palmas fest. Es war keine Post für mich da. Ich machte ein langes Gesicht.
Die Spanier hatten auf Sonntagsbetrieb umgeschaltet. Wir warteten bis nach 14:00 Uhr, ehe mit dem Bunkern begonnen wurde. Ich saß in der Zwischenzeit oben auf dem Peildeck und ließ meine Blicke über die Insel Gran Canaria schweifen. Es ist eine eigenartige baumlose Welt. Die hohen Berge haben runde wohlgefällige Formen und fallen nur direkt an der Küste etwas zerklüftet zum Meere ab. Die Stadt Las Palmas liegt am Hang. Sie lockte im Sonnenschein. Es durfte aber keiner an Land. Damit sollte gewährleistet werden, dass bei der Abfahrt, deren Zeitpunkt völlig unbestimmt war, nicht womöglich jemand fehlte. Kurz nach 16:00 Uhr war dann schließlich alles erledigt. Die Leinen wurden gelöst. Ich stand an Deck und ließ die Insel langsam am Horizont verschwinden.
3. DURCH DEN GOLF VON BISCAYA
Es wurde nun von Tag zu Tag windiger. Zuerst schaukelte eine hohe seitliche Dünung nur das Schiff durch. Dann briste es auf, und „Tilly“ rollte wie verrückt. Am Mittwoch, dem 21. März fuhren wir schon Halbe Kraft. Alle Augenblicke fegte eine See über die Reling. Es war eine dolle Schaukelei. Je näher wir der Biskaya kamen, desto günstiger wehte der Wind. Zuletzt kam er von hinten und half unserer unermüdlichen Dampfmaschine nach. Am Sonnabend, dem 24. lag gegen Mitternacht das Feuer von Quessant querab an Steuerbord, und der Englische Kanal nahm uns auf. Die See wurde jetzt ganz ruhig. Am Sonntag schien die Sonne, und das Wasser schimmerte grünlich. In der Maschine hatten wir nur noch 29°C. Wir bekamen einige Buchfinken als Passagiere an Bord. Ein Star in schillernder Tracht kam schon am Eingang des Kanals zu uns. Alle zusammen schienen die gute Futterstelle zu schätzen.
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