Bowling for Columbine (VHS) Testbericht

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Erfahrungsbericht von gnoi_

Shame on you, Mr. Bush!

Pro:

Gesellschaftskritik

Kontra:

etwas einseitig

Empfehlung:

Ja

Gestern war es soweit, ich hielt es bis jetzt immer für beinahe unmöglich, dass auch ich mir mal diesen Film hier anschauen würde. Ich spreche von Michael Moores 2002 erschienenem Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“.

Man hört es ja jeden Tag immer wieder aufs neue, gerade in den letzten Wochen und Monaten, in denen die Stimmung weltweit auf Grund des Irakkrieges angeheizt wurde. Beinahe die ganze Welt meckert über den vermeintlichen „Weltenherrscher“ George W. Bush, der sich wohl selbst als das Non Plus Ultra der heutigen Zeit sieht. Soll ich euch was sagen? Mir geht dieses ganze Getue allmählich auf den Fränkel, ums mal harmlos auszudrücken. Bush hier, Bush da, scheiß Krieg, scheiß Amerika blablabla. Entschuldigt meine Worte, aber so denke ich nun mal über diese Angelegenheit. Ständig heißt es, oh diese bösen Amis mit ihrer ach so kriminellen Gesellschaft. Alles irre Waffenheinis, total ungebildet und mediengesteuert. Ja ja, alle meckern rum, wenn’s mal wieder durch einen Krieg hochkommt und Mr. Bush meint er müsse mal wieder den Weltenretter spielen. Und was hört man, wenn die USA mal nicht international kriegstechnisch unterwegs sind? Nicht viel, oder hab ich da was falsch mitbekommen?


Na ja, auf jeden Fall hat sich dann letztes Jahr ein scheinbarer Durchschnittsami namens Michael Moore gedacht, dass es doch mal eine feine Sache wäre, wenn man über das Leben der Amerikaner mal einen kleinen Film drehen würde. Moore selbst tritt dabei selbst in diesem Film auf. Er, der wie gesagt praktisch den Ami schlechthin darstellt. Stabil gebaut, ums mal euphemistisch auszudrücken, Schlabberklamotten, Dreitagebart, ungepflegt wirkend, irgendwie halt der ganz normale Durchschnittstyp. Aber ich sag’s euch, der Kerl hat’s drauf. Wer in den letzten Wochen die Medienlandschaft auch nur ein bisschen verfolgt hat, der wird sicherlich auch Moores Auftritt bei der letzten Oscar Prämierung mitverfolgt haben. „Shame on you, Mr. Bush!“ Die Worte wird wohl so schnell keiner mehr vergessen.


Aber zurück zum Film. „Bowling for Columbine“ stellt wie eingangs erwähnt keinen Film im klassischen Sinne dar, vielmehr handelt es sich um eine Dokumentation bestehend aus zusammengeschnittenen Interviews zwischen Moore und diversen Gesprächspartnern, wie z.B. Marylin Mason oder NRA Vorsitzendem Henston, weiteren öffentlichen Ansprachen und Interviews, TV Berichten, einem zwischenzeitlichem Comicfilmchen, Meinungen von Passanten usw. und so fort. Und das ganze zieht sich über satte zwei Stunden hinweg. Dabei muss ich sagen, dass diese Zeit mehr als unterhaltsam, mehr noch informativ für mich rüberkam. Auch wenn ich mir die ein oder andere Szene etwas kürzer gewünscht hätte.


Worum es geht? Nun, zweifelsohne setzt sich Moore mit diesem Film kritisch mit dem amerikanischen Gesellschaftssystem auseinander. Seinen Aufhänger findet „Bowling...“ in dem 1999 verübten Massaker an der Highschool in Littleton, als zwei amoklaufende Teenager zunächst einige ihrer Mitschüler und anschließend sich selbst hingerichtet hatten. Die meisten von euch haben den tragischen Vorfall mit Sicherheit vor einigen Jahren mitverfolgen können.
Dort setzt auch die erste Kritik Moores an. Waffen. Praktisch jeder Ami ist heutzutage im Besitz einer eigenen Feuerwaffe. Da fängt das Problem an. Egal, wo man hinschaut, überall bekommt der willige Käufer ein breites Sortiment an Waffen übelster Art unter die Nase gerieben. Und das lassen die sich ja nicht zweimal sagen. Die lächerlichen Auflagen sind schnell erfüllt und schon kann man mit seinem neuen Schatz herumfuchteln. Und Peng peng, knallen wir doch ein paar Leute ab, ist ja nur zur eigenen Verteidigung, wie es immer wieder heißt. Auch der Status spielt eine Rolle. Passend fand ich da ein Zitat eines Kerls anfangs des Film: „Es ist das Recht eines jeden Amerikaners eine Waffe zu besitzen. Hat er keine, so ist dies ein Anzeichen dafür, dass er nicht verantwortungsbewusst ist...“ So oder so ähnlich die Aussage. Und dann wundert es keinen mehr, wenn die Zahl der Morde durch Waffen in den USA die 10000er Marke übersteigt wohingegen in Ländern wie Deutschland oder auch wie im benachbarten Kanada die Rate verschwindend gering im Vergleich dazu ist.


Noch viel schlimmer, selbst Kinder und Jugendliche können auf einfachste Weise in den Besitz von Waffen geraten. Beispiel hierfür das erwähnte Littleton Massaker, das in für mich beieindruckenden Bildern noch einmal aufgerollt wird. Szenen wie die wo ein Vater eines dort ermordeten Jungen auf einer Demonstration seinen Gefühlen freien Lauf lässt und dafür predigt, dass sich etwas in der amerikanischen Gesellschaft tun müsse, dann die schrecklichen Tonband- und Kameraaufnahmen während des Massakers u.ä.. Ich muss zugeben, dass ich persönlich solche Bilder noch verkraften kann, aber wer gefühlsmäßig doch eher sanft besaitet ist, dem werden diese Bilder mit Sicherheit schwer aufs Gemüt schlagen, zweifelsohne.
Durch das Littleton Massaker hat der Film übrigens seinen Namen, die Schule heißt nämlich Columbine und die beiden Täter waren vor ihrem Amoklauf tatsächlich bowlen. Nennt man das grotesk? Keine Ahnung, aber das zeigt wohl wie kaltschnäuzig den Kerlen das alles war...


Dann aber wird nach den Gründen für solche Greueltaten wie die in Littleton gesucht. Wer ist Schuld? Die Politiker? Nein, wo kämen wir denn da hin?! Ist doch klar, wer an allem Schuld ist: Marylin Mason, klaromat, wer sonst. Und all diese bösen Computerspiele. Komisch nur, dass die Jugend in anderen Ländern mit genau denselben Themen und Personen konfrontiert werden. Aber egal, Manson ist der böse Bube der Nation. Und dann eines der Highlights des Film, das Interview zwischen Moore und dem Antichristen himself. Und dabei sieht man mal wieder, was ein vermeintlicher Volksverhetzer wie Manson doch auf dem Kasten hat. Seine genauen Worte hab ich jetzt nicht mehr im Kopf, aber im wesentlichen bringt er doch zum Ausdruck, dass eine Gesellschaft ihre Sündenböcke sucht, egal wer, am besten natürlich satansanbetende „Rockstars“, die sowieso keinerlei Achtung in der Gesellschaft haben. Aber schaut euch\'s mal selbst an, was Herr Mason zu sagen hat. Mehr als interessant.
Anyway, nur mal so am Rande, wenn wirklich alle nach dem zu beurteilen wären, was sie so konsumieren, dann kämen hier so einige bei ciao ganz übel davon, mich eingeschlossen...


Und wer ist noch Schuld? Tja, jeder weiß es und trotzdem lässt es jeder über sich ergehen. In zahlreichen Interviews stellt Moore mit seinen Gesprächspartnern heraus, dass im Grunde alles auf Mediengeilheit ausgerichtet ist. Die Serie „Cops“ beispielsweise, die mit ihrem auf Quote ausgelegten Sensationsjournalismus die Menschen an die Mattscheibe bannt und deren Meinung stark steuert. Und da hat er schon wieder Recht! Ist ja nix anderes als in Deutschland auch, nur dass die Amis da noch ne ganze Ecke krasser drauf sind. Aber keine Sorge, wir sind ja auf dem besten Wege genauso zu enden...


Aber auch andere Gründe werden gesucht. Hauptsächlich argumentieren vermeintliche Experten damit, dass die USA ja eine ganz schwierige History hinter sich haben. Es war ja auch alles so schwer damals... Und diese Geschichte wird in einem weiteren für mich persönlichem Highlight kurz umrissen. In einem Comicfilmchen a la Southpark wird in sarkastischer Art und Weise alles von Beginn an bis heute aufgerollt, vom Einwandern der Weißen, der Verdrängung der Indianer, den Bürgerkriegen, der Sklaverei, dem Kukluksklan usw. Und mit den Filmchen trifft Moore wirklich den Kern der Sache. Und eine nette Abwechslung stellt dieser kurze Einspieler ebenfalls dar. Sonst ist der Film ja eher sehr ernst gemacht, auch wenn manche das anders sehen, für mich aber nicht nachvollziehbar, aber der Comic kommt dann wirklich humoristisch rüber und bringt einen sogar mal zum Schmunzeln.


Lange Zeit habe ich dann ein Thema schon fast vermisst. Genau, den Rassenkonflikt. Gott, was ein erbärmliches Wort. Aber leider traurige Wahrheit in den USA und auch sonst wo auf der Welt. So zur Mitte des Film wird dann erstmals auf diese Materie eingegangen. Auch spielen hier die Medien wieder eine tragende Rolle. Öffentlich werden die schwarzen Mitbürger als die Verbrecher schlechthin hingestellt und na klar, die leichtgläubige Gesellschaft schluckt das brav und beachtet dabei aber nicht die wohl nicht wegzuleugnende Diskriminierung des Afroamerikaner und der Hispanics. Traurig, traurig. Ich geb zu, dass mir das auch aufstößt, wenn ständig von kriminellen Schwarzen berichtet wird, aber ob an die ganze Sache so einseitig sehen kann steht auf einem anderen Blatt.
A propos Schwarze, in Kanada leben nahezu genauso viele Schwarze wie in den USA und auch Waffen sind dort genau so frei zugänglich wie bei den Amis, woran liegt es dann aber, dass die Kriminalitätsrate weit weit unter dem Niveau der USA liegt? Moore versucht dies aufzuklären. Eine Antwort findet er natürlich nicht, aber es ist auf jeden Fall spannend mit anzuhören, wie die Bevölkerung der beiden Länder argumentiert. Praktisch wie zwei Welten wie das in diesem Film rüberkommt. Einerseits das fröhliche, helle und friedliche Kanada und auf der anderen Seite das dunkle, kriegerische, dummfröschelnde Amivolk mit seiner Kriminalität und seinem inzwischen verrufenen weltweiten Ansehen.


Kritik übt Moore auch für mich berechtigterweise an der Politik der USA. In einer Bildersequenz, untermalt von Louis Armstrongs „Wonderful World“ wird noch einmal in beeindruckender Weise verdeutlicht wie grausam und auch widersprüchlich jene ist. Um in der jüngsten Vergangenheit zu bleiben, sei gesagt, dass die USA Länder mit Waffen beliefert haben, damit jene sich gegen Widersacher zur Wehr setzen zu können, dann aber wurden jene Waffen plötzlich gegen die USA selbst gerichtet (siehe Iran-Irak und Afghanistan/Thaliban). Zudem zeigen diese Bilder auf erschreckende Art und Weise welchen Schaden die ach so gut gemeinten Kriege der USA weltweit anrichten, alles voller ermordeter Zivilisten, alles voller Blut, Kamera voll drauf. Oh Mann... Und da fragt man sich nach dem Sinn eines Krieges. Ich selbst sag’s mal so, die USA werden sicher ihre teilweise auch meinetwegen berechtigten Gründe haben, was nicht heißen soll, dass ich jegliche Form von Krieg gutheißen würde.


Einen krönenden Abschluss bildet dann sicherlich das Interview mit Charlton Henston, dem Vorsitzenden der NRA (National Rifl Association), also eine Art Vereinigung von Waffenfreunden, denen sogar Moore selbst angehört, was mich schon etwas verwirrt hat, ist er doch wohl starker Kritiker an dieser ganzen Waffenproblematik. Nun, zum Ende hin stattet Moore jenem Henston einen kleinen Besuch in dessen Villa ab und quetscht ihn ein wenig aus. Was der Kerl das für einen Bullshit von sch lässt! Unglaublich! Und das die Leute so einem auch noch zujubeln. Und als die Fragen von Moore zu direkt werden weiß der feine Herr sich nicht anders zu helfen als davonzuschleichen ohne der Wahrheit ins Gesicht zu blicken.



@@@ Fazit @@@

So, ich glaub ich mach mal so langsam Schluss, viele werden sowieso nicht alles lesen. Ein paar Szenen hab ich mal unerwähnt gelassen, was nicht bedeuten soll, dass jener weniger zum Gelingen des Films beitragen würden. Das nicht, aber auch so hoffe ich, dass ich meine Meinung bezüglich dieses feinen Dokufilmes einigermaßen passend rüberbringen konnte. Wenn nicht, auch egal...

Abschließend kann ich eigentlich nur sagen, dass sich jeder mal diesen Film ansehen sollte, sofern er gewillt ist sich kritisch mit einem ernsthaften Problem unserer heutigen Zeit auseinanderzusetzen. Und glaubt mir, das Problem der Amis ist nicht nur deren Problem, sondern berührt uns alle, manches stärker, manches schwächer, aber wir sollten aufpassen, dass wir nicht selbst bald mit ähnlichen Problemen in Konflikt geraten wie die USA.
Einziger Kritikpunkt, den ich anbringen möchte ist der, dass der Film wohl ein wenig zu einseitig rüberkommt. Wir hören eigentlich nur schlechtes über die USA. Und nur schlechtes hat dieses Land ja nun wahrlich nicht zustande gebracht, seien wir doch mal ehrlich. Ob dies einen Punktabzug rechtfertigt? Meiner Meinung nach nur bedingt, denn das, was wir geboten bekommen ist jederzeit ansprechend, wenn auch wie gesagt einseitig und manchmal etwas zu sehr übertrieben.



Shake Heads

Euer gnoi



PS: Ich habs noch gar nicht erwähnt, den Film gibt’s so wie ich das verstanden hab nur im englischen Original. Ein Glück, so werden wir nämlich vor einer evtl. verhunzten Synchro verschont, die einige Dialoge wohl unglücklich und verzerrt rübergebracht hätte. Ich hab die komplett englische Fassung gesehen, die man eigentlich zu jedem Zeitpunkt gut verstehen kann. Es gibt aber auch eine Version mit deutschem Untertitel...


PPS: Ich bin mir durchaus bewusst, dass man ein solch komplexes Thema wie dieses eigentlich nur schwerlich in solch einem Bericht abhandeln, dazu bedarf es wohl eines anderen Forums. Sollte euch dennoch etwas wichtiges fehlen oder nehmt ihr Anstoß an irgendetwas in meinem Bericht, so lasst es mich bitte wissen. Danke...

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