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![]() Kabul, für 0 Euro all inclusive!ein Testbericht von JoergTh2004-02-01 20:10:04 vom 01.02.2004 Empfehlung: ja Vorteile: Gastfreundlichkeit, herrliche Landschaft, Einblick in eine interessante Kultur...Nachteile/Kritik: Extremisten, einige Gefahren, heruntergekommene Infrastruktur_/ _/ _/ _/ _/ HIN- UND RÜCKFLUG _/ _/ _/ _/ _/ Das Gute an den Reisen mit der Bundeswehr ist, dass man sich um den Hin- und Rückflug keine Sorgen machen braucht. Startort war Köln-Wahn. Bis Termez in Usbekistan fliegt man mit einem Airbus der Bundeswehr ca. 6,5 Stunden. Der Flug und der Service waren prima. Ja, es gab einen Bordservice und wir haben sogar 2 mal in den 6,5 Stunden zu Essen bekommen. Ein Lob an die Crew. In Termez steigt man dann in die wesentlich unkomfortablere Transall um, schwingt sich nochmal für ca. 1 Stunde in die Luft und landet dann in recht steilem Anflug in Kabul am „Kabul International Airport“. Dort wird man dann schon sehnsüchtig von den Kameraden, die man ablöst, erwartet. Und ehe man es sich versieht steht man selbst wieder am Flughafen und wartet sehnsüchtig auf seine Nachfolger. Für den Rückflug hat die Bundeswehr für uns „Thomas Cook“ gebucht. Der Service war wieder in Ordnung. Überhaupt, wenn es nach so langer Zeit nach Hause geht.... _/ _/ _/ _/ _/ DER AUFTRAG _/ _/ _/ _/ _/ Wie kann man sich einen solchen Bundeswehreinsatz in Afghanistan vorstellen? Action, Schießereien, Rambo spielen? Nein, ganz und gar nicht. Die Bundeswehr hilft im Rahmen der ISAF-Kräfte (International Security Assistance Force) in Afghanistan bei der Absicherung des noch immer unsicheren Friedens. Die lokalen Sicherheitskräfte sind dazu bislang immer noch nicht in der Lage. So sind gemeinsame Patrouillen mit dem örtlichen Militär und der örtlichen Polizei eine Hauptaufgabe unserer Soldaten. Außerdem hilft die Bundeswehr mit, afghanisches Militär und die Polizei auszubilden. Der Wiederaufbau von Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen wird unterstützt. Kurz und knapp: Die Bundeswehr versucht, immer in Zusammenarbeit mit Soldaten vieler anderer Länder, dem in 23 Jahren Krieg geschundenen Land zu helfen, wo es nur geht. Eine schöne und dankbare Aufgabe. _/ _/ _/ _/ _/ DIE UNTERBRINGUNG _/ _/ _/ _/ _/ Die ersten 8 Wochen waren wir recht unbequem untergebracht. Wir wurden mit 10 Mann auf ein Zelt gesteckt. Jeder bekam ein Feldbett und wer Glück hatte, ein kleines Regal. Es war in den Anfangstagen noch recht kalt in Afghanistan und so haben wir die ersten Nächte ein wenig gefroren, da die Heizung nicht sehr zuverlässig arbeitete. Aber die Pioniere waren recht fleißig und so konnten wir schließlich samt unseren Feldbetten in Wohncontainer einziehen, die etwas mehr Komfort bieten. Die Container werden je nach Dienstgrad von 1 – 3 Personen bewohnt. Sie sind mit einer Klimaanlage ausgerüstet. Schon Ende April war man oft versucht, diese einzuschalten. Im Sommer wird es sehr sehr heiß werden und dann kommt man ohne die Klimaanlage wohl nicht mehr aus. _/ _/ _/ _/ _/ DIE FREIZEIT _/ _/ _/ _/ _/ Wie die Freizeitmöglichkeiten in Kabul außerhalb des Lagers sind, kann ich nicht so richtig beurteilen. Das Lieblingsspiel der afghanischen Kinder ist „Drachen steigen lassen“. Dabei sind sie sehr einfallsreich, fast alles eignet sich zum Drachen bauen. Jugendliche und Erwachsene geben sich sehr gerne dem Volleyballspiel hin. Außerdem geht man gerne zum Buzkashi, einem Reiterspiel, bei dem sich zwei Mannschaften um ein totes Kalb oder eine tote Ziege streiten. Buzkashi ist ein sehr hartes Spiel und Knochenbrüche sind an der Tagesordnung. Für uns Soldaten kamen allerdings nur Freizeitaktivitäten innerhalb des Feldlagers in Frage. Es gab ein großes Fitnesszelt mit Laufbändern, Kraftmaschinen, Rudermaschinen und Fitnessfahrrädern. Dieses Zelt wurde sehr stark frequentiert. Andere gingen einfach Joggen oder Volleyball spielen. Die Aktivitäten im Freien hatten aber immer den Nachteil, dass man viel viel Staub schlucken musste. Für die Verbindung zur Heimat und für den Zeitvertreib stand uns ein Internetcafé mit sage und schreibe 4 oder 5 Rechnern zur Verfügung. Dort bildeten sich ständig lange Schlangen. Zu guter letzt gab es noch ein paar „Betreuungseinrichtungen“, in denen man sich abends sein „DAB“ (Dienstabschlussbier) gönnen konnte. Allerdings wurde auf die Einhaltung der „Two-can-roule“ (Zwei Dosen Bier pro Person und Abend) aus verständlichen Gründen strengstens geachtet. _/ _/ _/ _/ _/ KABUL ALS STADT _/ _/ _/ _/ _/ Kabul ist eine riesige Stadt mit geschätzen 3 Millionen Einwohnern. Sie ist umgeben von hohen Bergen, von denen das Hindukush-Gebirge im Nordwesten der Stadt besonders hervorzuheben ist. Die höchsten Gipfel dieses berühmt-berüchtigten Gebirges sind bis zu ca. 7000 Meter hoch und bilden eine prächtige, schneebedeckte Kulisse für die Millionenstadt Kabul. In der Stadt selbst gibt es zwei Berge, die den West- vom Ostteil trennen. Durch Kabul fließt der Kabul-Fluß, der in diesem Jahr auch wieder etwas Wasser führt, ansonsten die meiste Zeit nur ein kleines Rinnsal darstellt. Kabul macht auf den ersten Blick einen geschäftigen, teilweise gar hektischen Eindruck. Überall kleine Läden, in denen Händler Fleisch, Früchte, Gemüse, Brot, Papier, Autobatterien, Reifen, Medikamente und allerlei Krimskrams anbieten. Dabei haben sich die Händler die Straßen Kabuls untereinander aufgeteilt. In der einen Straße bekommt man nur Autozubehör, in der nächsten Fahrräder, in der wiederum nächsten Medikamente, etc. etc.. Ein Einheimischer sagte uns, das wäre sehr praktisch. Wenn man weiß, was man kaufen will, fährt man in die entsprechende Straße und kann die Händler dann noch gegeneinander im Preis runterhandeln. Das Straßenbild wird hauptsächlich von gelb-weißen Toyota-Taxis und grünen, chinesischen Fahrrädern geprägt. Der Verkehr kann einem richtig Angst machen. Wer zuerst fährt und am lautesten hupt hat Vorfahrt. Man ist bemüht, die zahlreichen Schäden des langen Krieges mit einfachen Mitteln zu beseitigen. Strassen werden neu geteert, Häuser wieder aufgebaut. Überhaupt die Häuser! Viele Menschen sind gezwungen, in Häusern ohne Strom, ohne Wasser, ohne Fenster und manchmal sogar ohne Dach zu leben. Eine Kanalisation, wie wir sie uns hier in Deutschland vorstellen, gibt es nicht. Die Abwasser und die Exkremente werden einfach durch Löcher in den Hauswänden in die Straßengräben geleitet. Dies ist auch der Grund für den je nach Witterung manchmal üblen Gestank in der Stadt. Kabul war vor dem Krieg eine wunderschöne, blühende Stadt. Es gab viele Sehenswürdigkeiten, die heute total heruntergekommen sind. Zu nennen sind hierbei der Mittagskanonenplatz, die zentrale Moschee, der „Shah-Babur-Garten“, das Königsgrab sowie der alte Königspalast. Wer sehen will, was Kriege anrichten, soll sich diese Stellen mal anschauen. _/ _/ _/ _/ _/ DAS KLIMA _/ _/ _/ _/ _/ Anfang Februar war es nachts noch bitter kalt. Es hat oft geschneit und der Schnee blieb auch liegen. Nach einem relativ kurzem Frühling im März wurde es dann im April schon sehr warm, teilweise heiß. In diesem Jahr hat es in Kabul schon so viel geregnet, wie in den 5 vergangen Jahren davor nicht mehr. Das ist sehr gut für die Landwirtschaft, Kabul ist in diesem Jahr wieder eine grüne Stadt. Sollte es allerdings im Sommer wieder so heiß werden, wie in den Jahren davor, wird der Kabul-Fluß rasch wieder austrocknen und das Wasser schnell knapp werden. _/ _/ _/ _/ _/ DIE MENSCHEN _/ _/ _/ _/ _/ Die drei größten ethnischen Volksgruppen in Afghanistan sind die Pashtunen, die Tadjiken und die Hazara. Sie bilden den Großteil der Bevölkerung. Außerdem gibt es noch Usbeken, Beluchen und viele kleinere Volksgruppen. Vom Glauben her sind sie meist sunnitische Muslime oder wie die Hazara shiitische Muslime. Gesprochen wird Dari oder Pashtu, wobei sich Dari nun als offizielle Landessprache durchgesetzt hat. Eines ist allen Volksgruppen gemeinsam: Ihre tolle Gastfreundschaft! Egal, wo man ist und wen man trifft, man wird immer zum „Tschaj“ (Tee) und manchmal sogar zum Essen eingeladen. Immer nach dem Motto: mein Haus ist dein Haus. Uns Deutschen gegenüber sind die Afghanen sehr freundlich gesinnt. Deutschland und Afghanistan verbindet eine gemeinsame Geschichte. Schon zu DDR-Zeiten hat diese Afghanistan in vielen Dingen unterstützt. Frauen und Kinder führen in Afghanistan, auch in der Hauptstadt Kabul, immer noch ein tristes Leben. Der Großteil der Frauen trägt die Burka, einen Schleier der den ganzen Körper bedeckt. Die Frauen haben Angst, dass die Sicherheitslage sich nochmal ändern könnte und die Taleban in die Stadt zurückkehren. Frauen haben in einer Männergesellschaft nichts zu suchen. Kommt männlicher Besuch, werden sie in das Frauenzimmer verbannt, dürfen die Speisen in der Küche zubereiten aber nicht einmal selbst servieren. Viele Frauen haben sich mit dieser Rolle abgefunden, aber wenn man bedenkt, dass in den 70er Jahren der Minirock zum Stadtbild Kabuls gehörte... Heute sind es halt verschleierte Frauen und vor allen Dingen Kinder, die ihr Geld auf der Straße verdienen müssen. Sie arbeiten als Bettler, Schuhputzer, Zeitungsverkäufer, Boten, Lastenträger oder in den Geschäften ihrer Eltern. Man schätzt die Zahl der auf der Straße arbeitenden Kinder allein in Kabul auf ca. 38000. Viele Kinder können immer noch nicht in die Schule gehen, weil es entweder die Eltern nicht wollen, oder sie keine Gelegenheit haben. Die Zahl der Analphabeten in Afghanistan ist sehr hoch. Man schätzt sie auf über 80 %. Alles in allem sind die Afghanen aber wirklich sehr nette, fleißige, einfache und genügsame Leute, die man einfach schätzen und lieben muss. _/_/_/_/_/ DIE GEFAHREN _/_/_/_/_/ Kabul ist relativ sicher. Die Hauptgefahr droht von Extremisten, die sich im Umland von Kabul aufhalten und immer wieder versuchen, Anschläge auf Einrichtungen in Kabul verüben. Kabul wird auch heute noch vereinzelt mit kleineren Raketen beschossen oder es werden Bombenattentate verübt. Diese Anschläge verliefen jedoch meist ungezielt und zogen keine Personenschäden nach sich. Die größere Gefahr geht wahrscheinlich von den schlechten hygienischen Bedingungen und dem Straßenverkehr aus. Über den Staub in der Luft verbreiten sich Infektionen rasend schnell. Es gibt Fälle von Lepra und Malaria. Viele Menschen tragen einen Wurm in sich, der zu großen gesundheitlichen Problemen führen kann. Die in Afghanistan vorkommenden Skorpione bringen keine große Gefährdung mit sich, da ihr Biß zwar schmerzhaft aber nicht tödlich ist. Schlangen gibt es auch. Bei Unfällen im unübersichtlichen Straßenverkehr kommt es schnell zu Handgreiflichkeiten. Im islamischen Gesetz gibt es ja immer noch das Prinzip der Blutrache. Überfährt man beispielsweise ein Kind, könnte es sein, dass die Familie Selbstjustiz übt. Es wurde schon von Steinigungen aufgrund von Verkehrsunfällen berichtet. Afghanistan ist ein traditionelles Drogenanbauland. Dementsprechend oft bekommt man offen Drogen angeboten. Für schwache Charaktere droht also auch von dieser Seite aus Gefahr. Für westliche Ausländer ist es aus meiner Sicht nicht ratsam, sich in den Provinzen außerhalb Kabuls aufzuhalten. Dort werden Ausländer weiterhin bedroht und beraubt. Überhaupt kommt Afghanistan als Urlaubsland für mich vorerst nicht in Frage. Es wird noch einige Zeit brauchen. Die Landschaft und die vielen Sehenswürdigkeiten wären auf jeden Fall eine Reise wert und hätten den Tourismus verdient. _/ _/ _/ _/ _/ MEIN FAZIT _/ _/ _/ _/ _/ Kabul und Afghanistan waren eine Reise wert. Ich habe sehr viel neue Eindrücke gewonnen, sehr viel interessantes gesehen und erlebt. Unserer Dienst dort hat den Menschen wirklich geholfen und wurde von ihnen auch dankbar aufgenommen. Das gibt mir Zufriedenheit. Als Tourist würde ich Afghanistan in den nächsten 5 bis 10 Jahren allerdings nicht besuchen. Während meines Aufenthaltes traf ich vereinzelt auf Leute, die dort ihren Urlaub verbrachten. Da gehört schon eine Portion Abenteuerlust zu. Sollte es Afghanistan gelingen, die Sicherheitlsage zu stabilisieren, und da hängt auch viel von der Wahl im nächsten Jahr ab, wird es wieder ein sehr schönes Urlaubsland werden. Der Fleiß und der Ehrgeiz der Afghanen sprechen dafür. Zwei Wochen, nachdem ich wieder in Deutschland war, passierte das Unfaßbare. Bei dem Gedanken an das grauenvolle Selbstmordattentat auf einen Bus der deutschen ISAF-Truppe läuft es mir jetzt noch eiskalt den Rücken herunter. Mein Beileid gehört den Familien und Freunden der getöteten Kameraden. Warum nur? Dies ist mein allererster Reisebericht. Auf Ciao ist er sehr gut angekommen. Der Bericht ist sehr lang geworden, trotzdem habe ich immer noch das Gefühl, viel mehr schreiben zu können. Ich hoffe, er gefällt euch und ist hilfreich, falls mal jemand aus beruflichen oder privaten Gründen nach Afghanistan geht. © by JoergTh für Yopi und Ciao ... |
eisengelchen, 13.03.2007
Liebe Grüße o
Fernsteuerung, 14.02.2006
sh
giga-friend, 14.03.2007
Sehr interessanter Bericht. Mich würde das da nicht hinziehen, bin dann doch lieber in Gebieten wo ich nicht mit solchen Gefahren rechnen muss.
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Allgemeine Informationen Kabul
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